Jünger und Mohler

pdf der Druckfassung aus Sezession 22/Februar 2008

sez_nr_222von Karlheinz Weißmann

Die Beziehung zwischen Ernst Jünger und Armin Mohler hat sich über mehr als fünf Jahrzehnte erstreckt. Sie wird - wenn in der Literatur erwähnt - als Teil der Biographie Jüngers behandelt. Man hebt auf Mohlers Arbeit als Jüngers Sekretär ab und gelegentlich auf das Zerwürfnis zwischen beiden. Mit den Wilflinger Jahren hatte dieser Streit nichts zu tun. Seine Ursache waren Meinungsverschiedenheiten über die erste Ausgabe der Werke Jüngers. Der Konflikt beendete für lange das Gespräch der beiden, das mit einer Korrespondenz begonnen hatte, im direkten Austausch und dann wieder im - manchmal täglichen - Briefwechsel zwischen der Oberförsterei und dem neuen französischen Domizil Mohlers in Bourg-la-Reine fortgesetzt wurde. Von 1949, als Mohler seinen Posten in Ravensburg antrat, bis 1955, als Jünger seinen 60. Geburtstag feierte, war ihre Verbindung am intensivsten, aber es gab auch eine Vor- und eine Nachgeschichte von Bedeutung.

 Gastbeitrag

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Die Vor­ge­schich­te hängt zusam­men mit Moh­lers aben­teu­er­li­chem Grenz­über­tritt vom Febru­ar 1942. Er selbst hat für den Ent­schluß, aus der Schwei­zer Hei­mat ins Reich zu gehen und sich frei­wil­lig zur Waf­fen-SS zu mel­den, zwei Moti­ve ange­ge­ben: die Nach­rich­ten von der Ost­front, damit ver­knüpft das Emp­fin­den, hier gehe es um das Schick­sal Deutsch­lands, und die Lek­tü­re von Jün­gers Arbei­ter. Die Ver­knüp­fung mag heu­te irri­tie­ren, der Ein­druck wür­de sich aber bei genaue­rer Unter­su­chung der Wir­kungs­ge­schich­te Jün­gers ver­lie­ren. Denn, was er im Schluß­ka­pi­tel des Arbei­ters über den „Ein­tritt in den impe­ria­len Raum” gesagt hat­te, war mit einem Impe­ra­tiv ver­knüpft gewe­sen: „Nicht anders als mit Ergrif­fen­heit kann man den Men­schen betrach­ten, wie er inmit­ten chao­ti­scher Zonen an der Stäh­lung der Waf­fen und Her­zen beschäf­tigt ist, und wie er auf den Aus­weg des Glü­ckes zu ver­zich­ten weiß. Hier Anteil und Dienst zu neh­men: das ist die Auf­ga­be, die von uns erwar­tet wird.”
Moh­lers Absicht war eben: „Anteil und Dienst zu neh­men”. Es ging ihm nicht um „deut­sche Spie­le”, nicht um eine Wie­der­ho­lung von Jün­gers Aben­teu­er in der Frem­den­le­gi­on, son­dern dar­um, in einer für ihn bezeich­nen­den Wei­se, Ernst zu machen. Daß dar­aus nichts wur­de, hat­te dann – auch in einer für ihn bezeich­nen­den Wei­se – mit roman­ti­schen Impul­sen zu tun: der Sehn­sucht nach inten­si­ver Erfah­rung, nach gro­ßen Gefüh­len, dem „Bedürf­nis nach Monu­men­ta­li­tät”, ein Dik­tum des Archi­tek­tur­theo­re­ti­kers Sig­fried Gie­di­on, das Moh­ler häu­fig zitier­te. Daß der natio­nal­so­zia­lis­ti­sche „Kom­mis­sar­staat” kein Inter­es­se hat­te, sol­ches Bedürf­nis abzu­sät­ti­gen, muß­te Moh­ler rasch erken­nen. Er zog sein Gesuch zurück und ging bis Dezem­ber 1942 zum Stu­di­um nach Ber­lin. Dort saß er im Semi­nar von Wil­helm Pin­der und hör­te Kunst­ge­schich­te. Vor allem aber ver­brach­te er Stun­de um Stun­de in der Staats­bi­blio­thek, wo er sel­te­ne Schrif­ten der „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on” exzer­pier­te oder abschrieb, dar­un­ter die von ihm als „Mani­fes­te” bezeich­ne­ten Auf­sät­ze Jün­gers aus den natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Blät­tern. Die­ser Text­kor­pus bil­de­te neben dem Arbei­ter, der ers­ten Fas­sung des Aben­teu­er­li­chen Her­zens sowie Blät­ter und Stei­ne die Grund­la­ge für Moh­lers Fas­zi­na­ti­on an Jünger.

Zehn Jah­re spä­ter schrieb er über die Wir­kung des Autors Jün­ger auf den Leser Moh­ler: „Sein Stil könn­te mit sei­ner Ober­flä­che auf mathe­ma­ti­sche Genau­ig­keit schlie­ßen las­sen. Aber die­se Gestanzt­heit ist Not­wehr. Durch sie hin­durch spie­gelt sich im Inein­an­der von Begriff und Bild eine Viel­deu­tig­keit, wel­che den ver­wirrt, der nur die Ein­glei­sig­keit einer uni­ver­sa­lis­tisch ver­an­ker­ten Welt kennt. In Jün­gers Werk … ist die Welt nomi­na­lis­tisch wie­der zum Wun­der gewor­den.” Wer das Den­ken Moh­lers etwas genau­er kennt, weiß, wel­che Bedeu­tung das Stich­wort „Nomi­na­lis­mus” für ihn hat­te, wie er sich bis zum Schluß auf immer neu­en Wegen eine eigen­ar­ti­ge, den Phä­no­me­nen zuge­wand­te Welt­sicht, zu erschlie­ßen such­te. Er hat­te dafür als „Augen­mensch” bei dem „Augen­men­schen” Jün­ger eine Anre­gung gefun­den, wie sonst nur in der Kunst.
Es wäre des­halb ein Miß­ver­ständ­nis, anzu­neh­men, daß Moh­ler Jün­ger auf Grund der beson­de­ren Bedeu­tung, die er den Arbei­ten zwi­schen den Kriegs­bü­chern und der zwei­ten Fas­sung des Aben­teu­er­li­chen Her­zens bei­maß, kei­ne Wei­ter­ent­wick­lung zuge­stan­den hät­te. Ihm war durch­aus bewußt, daß Gär­ten und Stra­ßen das Alters­werk ein­lei­te­te und zu einer deut­li­chen – und aus sei­ner Sicht legi­ti­men – Ver­än­de­rung des Stils geführt hat­te. Es ging ihm auch nicht dar­um, Jün­ger auf die Welt­an­schau­ung der zwan­zi­ger Jah­re fest­zu­le­gen, wenn­gleich das Poli­ti­sche für sei­ne Zuwen­dung eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt und zum Bruch mit der Lin­ken geführ­te hat­te. Sein Freund Wer­ner Schma­len­bach schil­der­te die Ver­blüf­fung des Bas­ler Milieus aus Intel­lek­tu­el­len und Emi­gran­ten, in dem sich Moh­ler bis dahin beweg­te, als des­sen Begeis­te­rung für Deutsch­land und für Jün­ger kla­rer erkenn­bar wur­de. Nach sei­ner Rück­kehr in die Schweiz und dem Bekannt­wer­den sei­nes Aben­teu­ers wur­de er in die­sen Krei­sen selbst­ver­ständ­lich als „Nazi” gemie­den. Beirrt hat Moh­ler das aber nicht, weder in sei­nem Inter­es­se an der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, noch in sei­ner Ver­eh­rung für Jünger.
Die per­sön­li­che Begeg­nung zwi­schen bei­den wur­de dadurch ange­bahnt, daß Moh­ler 1946 in der Zei­tung Welt­wo­che einen Auf­satz über Jün­ger ver­öf­fent­lich­te, der weit von den übli­chen Ver­ur­tei­lun­gen ent­fernt war. Es folg­te ein Brief­wech­sel und dann die Auf­for­de­rung Jün­gers, Moh­ler sol­le nach Abschluß sei­ner Dis­ser­ta­ti­on eine Stel­le als Sekre­tär bei ihm antre­ten. Als Moh­ler dann nach Ravens­burg kam, wo Jün­ger vor­läu­fig Quar­tier genom­men hat­te, war die Atmo­sphä­re noch ganz vom Nach­krieg geprägt. Man beweg­te sich wie in der Waf­fen­still­stands­zeit von 1918/19 in einer Art Traum­land – zwi­schen Zusam­men­bruch und Wäh­rungs­re­form -, und alle mög­li­chen poli­ti­schen Kom­bi­na­tio­nen schie­nen denk­bar. Der Kor­re­spon­denz zwi­schen Moh­ler und sei­nem engs­ten Freund Hans Fleig kann man ent­neh­men, daß damals bei­de die Wie­der­be­le­bung der „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on” erwar­te­ten: die „anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Sehn­sucht” des deut­schen Vol­kes, von der Gre­gor Stras­ser 1932 gespro­chen hat­te, war in der neu­en Not unge­stillt, ein „heroi­scher Rea­lis­mus” konn­te ange­sichts der ver­zwei­fel­ten Lage als For­de­rung des Tages erschei­nen, auch die intel­lek­tu­el­le Lin­ke glaub­te, daß die „Front­ge­nera­ti­on” ein beson­de­res Recht auf Mit­spra­che besit­ze, und das Aus­rei­zen der geo­po­li­ti­schen Situa­ti­on moch­te als Chan­ce gel­ten, die Tei­lung Deutsch­lands zwi­schen den Blö­cken zu ver­hin­dern. Wie man Moh­lers Ravens­bur­ger Tage­buch, aber auch ande­ren Doku­men­ten ent­neh­men kann, waren Jün­ger sol­che Gedan­ken nicht fremd, wenn­gleich die Erwä­gun­gen – bis hin zu natio­nal­bol­sche­wis­ti­schen Pro­jek­ten – eher spie­le­ri­schen Cha­rak­ter hatten.

Dif­fe­ren­zen zwi­schen bei­den erga­ben sich auf lite­ra­ri­schem Feld. Moh­ler hat­te Schwie­rig­kei­ten mit den letz­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen Jün­gers. Ihn irri­tier­ten die Frie­dens­schrift (1945) und der gro­ße Essay Über die Linie (1951), und den Roman Helio­po­lis (1949) hielt er für miß­lun­gen. Die Sor­ge, daß Jün­ger sich untreu wer­den könn­te, schwand erst nach dem Erschei­nen von Der Wald­gang (1951). Moh­ler begrüß­te das Buch enthu­si­as­tisch und als Bestä­ti­gung sei­ner Auf­fas­sung, daß man ange­sichts der Lage den Ein­zel­gän­ger stär­ken müs­se. Was sonst zu sagen sei, soll­te getarnt wer­den, wegen der „aus­ge­spro­che­nen Bür­ger­kriegs­si­tua­ti­on”, in der man schrei­be. Er erwar­te­te zwar, daß der „Anti­fa-Kom­plex” bald erle­digt sei, aber noch wirk­te die Gefähr­dung erheb­lich und der „Wald­gän­ger” war eine geeig­ne­te­re Leit­fi­gur als „Sol­dat” oder „Arbei­ter”.
Moh­ler betrach­te­te den Wald­gang vor allem als ers­te poli­ti­sche Stel­lung­nah­me Jün­gers nach dem Zusam­men­bruch, eine not­wen­di­ge Stel­lung­nah­me auch des­halb, weil die Strah­lun­gen und die dar­in ent­hal­te­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ver­bre­chen der NS-Zeit vie­le Leser Jün­gers befrem­det hat­te. In der auf­ge­heiz­ten Atmo­sphä­re der Schuld­de­bat­ten fürch­te­ten sie, Jün­ger habe die Sei­ten gewech­selt und wol­le sich den Sie­gern andie­nen; Moh­ler ver­merk­te, daß in Wilf­lin­gen kar­ton­wei­se Brie­fe stan­den, deren Absen­der Unver­ständ­nis und Ableh­nung zum Aus­druck brachten.
Moh­ler schloß sich die­ser Kri­tik aus­drück­lich nicht an und hielt ihr ent­ge­gen, daß sie am Kern der Sache vor­bei­ge­he. „Der deut­sche ‚Natio­na­lis­mus’ oder das ‚natio­na­le Lager’ oder die ‚Rech­te’ … wirkt heu­te oft erschre­ckend ver­staubt und anti­quiert – und dies gera­de in einem Augen­blick, wo [ein] bes­tes natio­na­les Lager nöti­ger denn je wäre. Die Ver­staubtheit scheint mir daher zu kom­men, daß man glaubt, man kön­ne ein­fach wie­der da anknüp­fen, wo 1933 oder 1945 der Faden abge­ris­sen war.” Eini­ge arbei­te­ten an einer neu­en „Dolch­stoß-Legen­de”, ande­re such­ten die Schlach­ten des Krie­ges noch ein­mal zu füh­ren und nun zu gewin­nen, wie­der ande­re setz­ten auf einen „posi­ti­ven Natio­nal­so­zia­lis­mus” oder auf eine Wie­der­be­le­bung sons­ti­ger For­men, die längst über­holt und abge­stor­ben waren. In der Über­zeu­gung, daß eine Restau­ra­ti­on nicht mög­lich und auch nicht wün­schens­wert sei, tra­fen sich Moh­ler und Jünger.
Die Stel­lung Moh­lers als „Zer­be­rus” des „Chefs” war nie auf Dau­er gedacht. Moh­ler plan­te eine aka­de­mi­sche Kar­rie­re und betrach­te­te sei­ne Tätig­keit als Zei­tungs­kor­re­spon­dent, die er 1953 auf­nahm, auch nur als Vor­be­rei­tung. Der Kon­takt zu Jün­ger riß trotz der Ent­fer­nung nie ab. inter­es­san­ter­wei­se bemüh­ten sich in die­ser Pha­se bei­de um eine Neu­fas­sung des Begriffs „kon­ser­va­tiv”, die aus­drück­lich dem Ziel die­nen soll­te, einen welt­an­schau­li­chen Bezugs­punkt zu schaffen.
Wie opti­mis­tisch Jün­ger dies­be­züg­lich war, ist einer Bemer­kung in einem Brief an Carl Schmitt zu ent­neh­men, dem er am 8. Janu­ar 1954 schrieb, er beob­ach­te „an der gesam­ten Eli­te” eine „ent­schie­de­ne Wen­dung zu kon­ser­va­ti­ven Gedan­ken”, und im Vor­wort zu sei­nem Riva­rol – ein Text, der in der neue­ren Jün­ger-Lite­ra­tur regel­mä­ßig über­gan­gen wird – geht es an zen­tra­ler Stel­le um die „Schwie­rig­keit, ein neu­es, glaub­wür­di­ges Wort für ‚kon­ser­va­tiv’ zu fin­den”. Jün­ger hat­te ursprüng­lich vor, gegen älte­re Ver­su­che eines Ersat­zes zu pole­mi­sie­ren, ver­zich­te­te aber dar­auf, weil er dann auch den Ter­mi­nus „Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on” hät­te ein­be­zie­hen müs­sen, was er aus Rück­sicht auf Moh­ler nicht tat. Daß ihn sei­ne inten­si­ve Beschäf­ti­gung mit den Maxi­men des fran­zö­si­schen Gegen­re­vo­lu­tio­närs „stark in die poli­ti­sche Mate­rie” führ­te, war Jün­ger klar. Wenn dage­gen so wenig Vor­be­hal­te zu erken­nen sind, dann hing das auch mit dem Erfolg und der wach­sen­den Aner­ken­nung zusam­men, die er in der ers­ten Hälf­te der fünf­zi­ger Jah­re erfuhr. Zeit­ge­nös­si­sche Beob­ach­ter glaub­ten, daß er zum wich­tigs­ten Autor der deut­schen Nach­kriegs­zeit werde.

Die­ser „Boom” erreich­te einen Höhe­punkt mit Jün­gers sech­zigs­tem Geburts­tag. Es gab zwar auch hef­ti­ge Kri­tik am „Mili­ta­ris­ten” und „Anti­de­mo­kra­ten”, aber die posi­ti­ven Stim­men über­wo­gen. Moh­ler hat­te für die­sen Anlaß nicht nur eine Fest­schrift vor­be­rei­tet, son­dern auch eine Antho­lo­gie zusam­men­ge­stellt, die unter dem Titel Die Schlei­fe erschien. Der not­wen­di­ge Auf­wand an Zeit und Ener­gie war sehr groß gewe­sen, die pro­mi­nen­tes­ten Bei­trä­ger für die Fest­schrift, Mar­tin Hei­deg­ger, Gott­fried Benn, Carl Schmitt, bei Lau­ne zu hal­ten, ein schwie­ri­ges Unter­fan­gen – Hei­deg­ger zog sei­nen Bei­trag aus nich­ti­gen Grün­den zwei­mal zurück. Ganz zufrie­den war der Jubi­lar aber nicht; Jün­ger miß­fiel die gerin­ge Zahl aus­län­di­scher Autoren, und bei der Schlei­fe hat­te er den Ver­dacht, daß hier sug­ge­riert wer­de, es han­de­le sich um ein Buch aus sei­ner Feder. Die Ursa­che die­ser Ver­stim­mung war eine klei­ne Mani­pu­la­ti­on des schwei­ze­ri­schen Arche-Ver­lags, in dem Die Schlei­fe erschie­nen war, und der auf den Umschlag eine Titelei gesetzt hat­te, die einen sol­chen Irr­tum mög­lich machte.
Im Hin­ter­grund spiel­te außer­dem der Wett­be­werb ver­schie­de­ner Häu­ser um das Werk Jün­gers mit, des­sen Bücher in der Nach­kriegs­zeit zuerst im Furche‑, den man ihm zu Ehren in Helio­po­lis-Ver­lag umbe­nannt hat­te, dann bei Nes­ke und bei Klos­ter­mann erschie­nen waren. Außer­dem ver­such­te ihn Ernst Klett für sich zu gewin­nen. Wenn Klos­ter­mann die Fest­schrift her­aus­brach­te, obwohl er davon kaum finan­zi­el­len Gewinn erwar­ten durf­te, hat­te das mit der Absicht zu tun, die Bin­dung Jün­gers zu fes­ti­gen. Des­halb kor­re­spon­dier­te der Ver­le­ger mit Moh­ler nicht nur wegen der Ehren­ga­be, son­dern gleich­zei­tig auch wegen einer Edi­ti­on des Gesamt­werks, die Jün­ger drin­gend wünschte.
Klos­ter­mann und Moh­ler waren einig, daß eine sol­che Samm­lung nach „Wachs­tums­rin­gen” geord­net wer­den müs­se, jeden­falls der Chro­no­lo­gie zu fol­gen und die ursprüng­li­chen Fas­sun­gen zu brin­gen bezie­hungs­wei­se Ände­run­gen kennt­lich zu machen habe. Bekann­ter­ma­ßen ist die­ser Plan nicht in die Tat umge­setzt wor­den. Riva­rol war das letz­te Buch, das Jün­ger bei Klos­ter­mann ver­öf­fent­lich­te, danach wech­sel­te er zu Klett, dem er gleich­zei­tig die Ver­ant­wor­tung für die „Wer­ke” über­trug. In einem Brief vom 15. Dezem­ber 1960 schrieb Klos­ter­mann vol­ler Bit­ter­keit an Moh­ler, daß er die Aus­ga­be im Grun­de für unbe­nutz­bar hal­te und mit Bedau­ern fest­stel­le, daß Jün­ger gegen Kri­tik immer unduld­sa­mer wer­de. Zwei Wochen spä­ter ver­öf­fent­lich­te Moh­ler einen Arti­kel über die Werk­aus­ga­be in der Züri­cher Tat. Jün­gers „Über­gang in das Lager der ‚Uni­ver­sa­lis­ten’ ” wur­de nur kon­sta­tiert, aber die Ein­grif­fe in die frü­he­ren Tex­te scharf getadelt.
Noch grund­sätz­li­cher faß­te Moh­ler sei­ne Kri­tik für einen gro­ßen Auf­satz zusam­men, der im Dezem­ber 1961 in der kon­ser­va­ti­ven Wochen­zei­tung Christ und Welt erschien und von vie­len als Absa­ge an Jün­ger gele­sen wur­de. Moh­ler ver­ur­teil­te hier nicht nur die Ände­rung der Tex­te, er mut­maß­te auch, sie folg­ten dem Prin­zip der Anbie­de­rung, man habe „ad usum demo­cra­torum fri­siert”, es gebe außer­dem ein immer deut­li­cher wer­den­des „Gefäl­le” im Hin­blick auf die Qua­li­tät der Dia­gnos­tik, was bei den letz­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen Jün­gers wie An der Zeit­mau­er (1959) und Der Welt­staat (1960) zu einer Belie­big­keit geführt habe, die wie­der zusam­men­pas­se mit ande­ren Kon­zes­sio­nen Jün­gers, um „sich mit der bis dahin gemie­de­nen Öffent­lich­keit aus­zu­glei­chen”. Moh­ler deu­te­te die­se Ten­denz nicht ein­fach als Schwä­che oder Ver­rat, son­dern als nega­ti­ven Aspekt jener„osmotischen” Ver­fas­sung, die Jün­ger frü­her so sen­si­bel für kom­men­de Ver­än­de­run­gen gemacht habe.

Jün­ger brach nach Erschei­nen des Tex­tes den Kon­takt ab. Daß Moh­ler das beab­sich­tig­te, ist unwahr­schein­lich. Noch im Juni 1960 hat­te Jün­ger ihn in Paris besucht, kurz bevor Moh­ler nach Deutsch­land zurück­kehr­te, und im Gäs­te­buch stand der Ein­trag: „Weni­ge sind wert, daß man ihnen wider­spricht. Bei Armin Moh­ler mache ich eine Aus­nah­me. Ihm wider­spre­che ich ger­ne.” Jetzt warf Jün­ger Moh­ler vor, ihn ideo­lo­gisch miß­zu­ver­ste­hen und äußer­te in einem Brief an Curt Hohoff: „Das Poli­ti­sche hat mich nur an den Säu­men beschäf­tigt und mir nicht gera­de die bes­te Kli­en­tel zuge­führt. Wür­den Moh­lers Bemü­hun­gen dazu bei­tra­gen, daß ich die­se Gesell­schaft gründ­lich los­wür­de, so wäre immer­hin ein Gutes dabei. Aber sol­che Geis­ter haben ein star­kes Behar­rungs­ver­mö­gen; sie ver­wan­deln sich von läs­ti­gen Anhän­gern in unver­schäm­te Gläubiger.”
Soll­te Jün­ger Moh­lers Text tat­säch­lich nicht gele­sen haben, wie er hier behaup­te­te, wäre ihm auch der Schluß­pas­sus ent­gan­gen, in dem Moh­ler zwar nicht zurück­nahm, was er gesagt hat­te, aber fest­hielt, daß ein ein­zi­ges der gro­ßen Bücher Jün­gers genügt hät­te, um die­sen „für immer in den Him­mel der Schrift­stel­ler” ein­ge­hen zu las­sen: „An des­sen Schei­ben wir Kri­ti­ker uns die Nase platt­drü­cken.” Die Ursa­che für Moh­lers Schär­fe war Ent­täu­schung, eine Ent­täu­schung trotz blei­ben­der Bewun­de­rung. Moh­ler warf Jün­ger mit gutem Grund vor, daß die­ser in der zwei­ten Hälf­te der fünf­zi­ger Jah­re ohne Erklä­rung den Kurs geän­dert hat­te und sich in einer Wei­se sti­li­sier­te, die ihn nicht mehr als „gro­ßen Beun­ru­hi­ger” erken­nen ließ. Man konn­te das wahl­wei­se auf Jün­gers „Pla­to­nis­mus” oder sein Bemü­hen um Klas­si­zi­tät zurück­füh­ren. Ten­den­zen, mit denen Moh­ler schon aus Tem­pe­ra­ments­grün­den wenig anzu­fan­gen wußte.
Die Wie­der­an­nä­he­rung kam des­halb erst nach lan­ger Zeit und ange­sichts der Wahr­neh­mung zustan­de, daß Jün­ger eine wei­te­re Keh­re voll­zog. Das Inter­view, das der Schrift­stel­ler am 22. Febru­ar 1973 Le Mon­de gab, wirk­te auf Moh­ler elek­tri­sie­rend, was vor allem mit jenen Schlüs­sel­zi­ta­ten zusam­men­hing, die von der deut­schen Pres­se regel­mä­ßig unter­schla­gen wur­den: Zwar hat­te man mit einer gewis­sen Irri­ta­ti­on Jün­gers Äuße­rung gemel­det, er kön­ne weder Wil­helm II. noch Hit­ler ver­zei­hen, „ein so wun­der­vol­les Instru­ment wie unse­re Armee ver­geu­det zu haben”, aber nie­mand wag­te sein Dik­tum hin­zu­zu­fü­gen: „Wie hat der deut­sche Sol­dat zwei­mal hin­ter­ein­an­der unter einer unfä­hi­gen poli­ti­schen Füh­rung gegen die gan­ze wider ihn ver­bün­de­te Welt sich hal­ten kön­nen? Das ist die ein­zi­ge Fra­ge, die man mei­ner Ansicht nach in 100 Jah­ren stel­len wird.” Und nir­gends zu fin­den war die Pro­phe­tie über das Schick­sal, das den Deut­schen im Geis­ti­gen bevor­stand: „Alles, was sie heu­te von sich wei­sen, wird eines schö­nen Tages zur Hin­ter­tü­re wie­der hereinkommen.”
Moh­ler stell­te die Rück­kehr zum Kon­kret-Poli­ti­schen mit der Wir­kung von Jün­gers Roman Die Zwil­le zusam­men, ein „erz­re­ak­tio­nä­res Buch”, so sein Urteil, das in sei­nen bes­ten Pas­sa­gen jene Fähig­keit zum „ste­reo­sko­pi­schen” Blick zeig­te, die von Moh­ler bewun­der­te Fähig­keit, das Beson­de­re und das Typi­sche – nicht das All­ge­mei­ne! – gleich­zei­tig zu erken­nen. Obwohl Moh­ler an sei­ner Auf­fas­sung vom „Bruch” im Werk fest­hielt, hat der Auf­satz Ernst Jün­gers Wie­der­kehr wesent­lich dazu bei­getra­gen, den alten Streit zu been­den. Die Ver­bin­dung gewann all­mäh­lich ihre alte Herz­lich­keit zurück, und sei­nen Bei­trag in der Fest­schrift zu Moh­lers 75. Geburts­tag ver­sah Jün­ger mit der Zei­le „Für Armin Moh­ler in alter Freund­schaft”; bei­de tele­fo­nier­ten häu­fig und aus­führ­lich mit­ein­an­der, und weni­ge Mona­te vor dem Tod Jün­gers, im Herbst 1997, kam es zu einer letz­ten per­sön­li­chen Begeg­nung in Wilflingen.
Nach­dem Jün­ger gestor­ben war, gab ihm Moh­ler, obwohl selbst betagt und krank, das letz­te Geleit. Er emp­fand das mit beson­de­rer Genug­tu­ung, weil es ihm nicht mög­lich gewe­sen war, Carl Schmitt die­se letz­te Ehre zu erwei­sen. Jün­ger und Schmitt hat­ten nach Moh­lers Mei­nung den größ­ten Ein­fluß auf sein Den­ken, mit bei­den war er enge Ver­bin­dun­gen ein­ge­gan­gen, die von Schwan­kun­gen, Miß­ver­ständ­nis­sen und intel­lek­tu­el­len Eitel­kei­ten nicht frei waren, zuletzt aber Bestand hat­ten. Den Unter­schied zwi­schen ihnen hat Moh­ler auf die Begrif­fe „Idol” und „Leh­rer” gebracht: Schmitt war der „Leh­rer”, Jün­ger das „Idol”. Wenn man „Idol” zum Nenn­wert nimmt, dann war Moh­lers Ver­eh­rung eine beson­de­re – von man­chen Hei­den sagt man, daß sie ihre Göt­ter züch­ti­gen, wenn sie nicht tun, was erwar­tet wird.

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