Sarrazin verschärfen – eine Präzisierung

pdf der Druckfassung aus dem Sezession-Sonderheft Sarrazin lesen / Oktober 2010

von Markus Abt

Thilo Sarrazins Bestandsaufnahme der Nation beinhaltet eine Reihe von Themen, die seit Jahrzehnten vor allem von konservativen Autoren vorgetragen werden – ohne große Resonanz.

 Gastbeitrag

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Dazu zählt nicht nur der demo­gra­phi­sche Nie­der­gang Deutsch­lands auf­grund des Gebur­ten­schwunds und die Pro­ble­ma­tik der quan­ti­ta­tiv und qua­li­ta­tiv fal­schen Zuwan­de­rung, son­dern auch das Aus­maß der nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen bil­dungs- und sozi­al­po­li­ti­scher Wert­vor­stel­lun­gen, wie sie vor allem die 68er-Genera­ti­on durch­ge­setzt hat.

Indes: Sar­ra­zin beschreibt die Fol­gen der benann­ten Fehl­ent­wick­lun­gen nur zum Teil. Denn der Weg in den »Volks­tod« mag zwar schlei­chend sein, ist aber kei­nes­wegs ein fried­li­ches »Ein­schla­fen«. Und so ist es gebo­ten, auf die noch unbe­schrie­be­nen Aspek­te der Lage der deut­schen Nati­on ein- und über Sar­ra­zin hin­aus­zu­ge­hen. Wel­che Haupt­the­men spricht er an?Der sach­li­che, nach­ge­ra­de stör­ri­sche Vor­trags­stil Sar­ra­zins und der reflex­ar­ti­ge Auf­schrei des Estab­lish­ments haben dazu geführt, daß immer­hin das wah­re Aus­maß der demo­gra­phi­schen Ent­wick­lung in die öffent­li­che Dis­kus­si­on Ein­gang gefun­den hat. Sar­ra­zin spricht die demo­gra­phi­sche Kata­stro­phe – die zuvor ledig­lich Teil der Ren­ten­dis­kus­si­on war – als Fra­ge nach dem Sein oder Nicht­sein des deut­schen Vol­kes an. Er wischt den Euphe­mis­mus »altern­de Bevöl­ke­rung« vom Tisch und zeigt, daß Deutsch­land sich »abschafft«. Dadurch bekommt die Demo­gra­phie ihren tat­säch­li­chen Stel­len­wert zurück, da alle ande­ren gesell­schaft­li­chen Fra­gen grund­sätz­lich der demo­gra­phi­schen unter­ge­ord­net sind. »Nach Sar­ra­zin« soll­te man eine Zukunfts­dis­kus­si­on unter Aus­spa­rung der demo­gra­phi­schen Fra­ge nicht mehr füh­ren können.
Eng mit dem feh­len­den Nach­wuchs ist der Mythos von der Wirt­schaft­lich­keit der Zuwan­de­rung ver­knüpft. Sar­ra­zin ent­larvt die­se Behaup­tung sta­tis­tisch. Wäh­rend sei­ne lin­ken Kri­ti­ker ihm vor­wer­fen, damit den Men­schen auf sei­nen öko­no­mi­schen Nut­zen zu »redu­zie­ren«, müs­sen die­se sich wie­der­um vor­wer­fen las­sen, eine sol­che Sicht selbst ein­ge­lei­tet zu haben. Die Ergän­zung der deut­schen gebur­ten­schwa­chen Jahr­gän­ge durch Zuzug war und ist schließ­lich Kern der The­se von der soge­nann­ten »Ersatz­mi­gra­ti­on«. Sie war lan­ge Zeit das Haupt­ar­gu­ment der Migra­ti­ons­be­für­wor­ter und wird auch heu­te noch von wirt­schafts­na­hen Mei­nungs­for­mern wie dem ehe­ma­li­gen Chef-Volks­wirt der Deut­schen Bank, Nor­bert Wal­ter, angeführt.
Einen gra­vie­ren­den Tabu­bruch hat Sar­ra­zin mit der Beleuch­tung der Intel­li­genz­fra­ge voll­zo­gen: Er stellt damit rund­her­aus das Dog­ma der Gleich­heits­ideo­lo­gie in Fra­ge. Der Hin­weis auf den Anteil der Intel­li­genz, der durch Erb­an­la­gen bestimmt wird, wur­de ihm von sei­nen Kri­ti­kern als »Bio­lo­gis­mus« aus­ge­legt. Sar­ra­zin dif­fe­ren­ziert jedoch sehr genau und argu­men­tiert kei­nes­wegs mono­kau­sal oder deter­mi­nis­tisch. Er betont sogar wie­der­holt, daß die Intel­li­genz und ihre Ent­wick­lung ein Zusam­men­spiel von Anla­ge und Umfeld sei­en. Die Ver­er­bung der Intel­li­genz sei aber bis­her in der öffent­li­chen Debat­te und Poli­tik aus ideo­lo­gi­schen Grün­den unter­be­wer­tet wor­den. Die Klü­ge­ren unter sei­nen Kri­ti­kern erkann­ten früh, daß hier nicht die Fak­ten strit­tig sei­en, son­dern der Kampf um die Schluß­fol­ge­run­gen gehe, die gezo­gen wer­den könn­ten. So zeig­te sich auch Bernd Ulrich (Die Zeit) in der Gesprächs­run­de bei May­brit Ill­ner weni­ger dar­um besorgt, ob Sar­ra­zins Aus­sa­gen stim­men könn­ten. Viel wich­ti­ger erschien ihm, daß sol­ches Den­ken zwangs­läu­fig den Weg zur »Euge­nik« ebnen wür­de. Sol­che reflex­ar­tig abge­spul­ten Argu­men­ta­ti­ons­ket­ten machen den Groß­teil der Kri­tik an Sar­ra­zin aus – und es sind die­sel­ben Refle­xe, mit denen schon in der Ver­gan­gen­heit jene bekämpft wur­den, die von weni­ger pro­mi­nen­ter Stel­le aus die glei­chen The­men ange­spro­chen hat­ten wie Sar­ra­zin. Ent­schei­dend ist also nicht, ob sol­che Aus­sa­gen zutref­fend, son­dern ob sie nach ideo­lo­gi­schen Befind­lich­kei­ten zuläs­sig sind.

Sar­ra­zin spricht vor allem The­men an, die bis­her im tabui­sier­ten Bereich lagen. Sei­ne Geg­ner bege­hen mit ihren Atta­cken den Feh­ler, daß sie bereits die­se Ana­ly­sen und Schil­de­run­gen des Ist-Zustan­des empö­ren. Viel­leicht wären sie zurück­hal­tend, wenn sie sich Sar­ra­zins grund­le­gen­de Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge ein­mal genau anschau­ten: Die­se Vor­schlä­ge kön­nen näm­lich leicht in die Kate­go­rie »Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten« ein­ge­ord­net wer­den. Der ver­krampf­te Umgang der »Auf­nah­me­ge­sell­schaft« mit reni­ten­ten Zuwan­de­rungs­grup­pen ist nicht auf Deutsch­land beschränkt, son­dern beruht auf einer Über­kom­pen­sa­ti­on aller Euro­pä­er für die his­to­ri­schen »big five« der Schuld­ideo­lo­gie: »Ras­sis­mus«, »Natio­na­lis­mus«, »Faschis­mus«, »Impe­ria­lis­mus« und »Kolo­nia­lis­mus«. Für Deutsch­land gel­ten mit Blick auf die Ver­gan­gen­heit natür­lich beson­de­re Befind­lich­kei­ten, die auch dazu füh­ren, daß poli­ti­sche Waf­fen wie die »Faschis­mus­keu­le« beson­ders wirk­sam ein­ge­setzt wer­den kön­nen: Der Ver­weis auf ähn­li­che Argu­men­ta­tio­nen oder poli­ti­sche Ansät­ze im Drit­ten Reich been­det zuver­läs­sig jede Sachdiskussion.
Aufs gan­ze gese­hen ist aber selbst dies neben­säch­lich: Auch dann, wenn die mit der Annah­me des mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schafts­mo­dells ver­bun­de­nen »part­ner­schaft­li­chen« und kul­tur­re­la­ti­vis­ti­schen Sozi­al­ex­pe­ri­men­te aus­ge­blie­ben wären, hät­te es allen­falls eine Ver­bes­se­rung der Inte­gra­ti­ons­in­di­ka­to­ren (Bil­dung, Ein­kom­men) gege­ben; die inhä­ren­te Zen­tri­fu­gal­kraft jedes mul­ti­kul­tu­rel­len Kon­strukts wäre aber kei­nes­wegs ent­schärft wor­den. Die klas­si­schen, in ihren Aus­wahl­kri­te­ri­en knall­har­ten Ein­wan­de­rungs­län­der Kana­da, USA oder Aus­tra­li­en sind dafür schla­gen­de Bei­spie­le: Sie müs­sen heu­te fest­stel­len, daß eine Zuwan­de­rer­aus­wahl nach Leis­tungs­kri­te­ri­en zwar die sozia­le und wirt­schaft­li­che Belas­tung redu­ziert, aber kei­nen Schutz vor den poli­ti­schen Fol­gen zusam­men­pral­len­der Kul­tu­ren garan­tiert: Inkom­pa­ti­ble Wer­te­sys­te­me wer­den durch wirt­schaft­li­che Inte­gra­ti­on nur teil­wei­se anein­an­der ange­nä­hert. Es bleibt ein gro­ßer, nicht­kom­pa­ti­bler Rest, und so ist es kon­se­quent, daß sich die Poli­tik mitt­ler­wei­le mit der For­de­rung nach einer »Par­ti­zi­pa­ti­on« der Zuwan­de­rer am Gemein­we­sen begnügt, obwohl sie stän­dig von »Inte­gra­ti­on« spricht und den eigent­li­chen Königs­weg, die »Assi­mi­la­ti­on«, bereits wie­der für eine Form der Kolo­nia­li­sie­rung hält. Dabei lie­fe selbst die Assi­mi­la­ti­on nicht ohne erheb­li­che Kon­flik­te ab, und Sar­ra­zin hat erkannt, daß ohne »ein gewis­ses Maß an Assi­mi­la­ti­on« kei­ne Inte­gra­ti­on statt­fin­den kann.
Dem muß man hin­zu­fü­gen: Geschei­ter­te Inte­gra­ti­ons­pro­jek­te und mul­ti­eth­ni­sche Staa­ten zei­gen, daß ver­meint­li­che Inte­gra­ti­ons­fort­schrit­te sich in Kri­sen­zei­ten in Luft auf­lö­sen. »Wir« und »Nicht-Wir« sind in Kon­flikt­si­tua­tio­nen sofort und wir­kungs­voll aus­ein­an­der­sor­tiert. Selbst gebil­de­te Men­schen mit gere­gel­tem Ein­kom­men sind dann durch­aus in der Lage, trotz ihres äußer­lich inte­grier­ten Lebens­stils zu »mul­ti­kul­tu­rel­len Pro­blem­kin­dern« (Ralph Peters) zu wer­den. Eth­ni­sche Mobi­li­sie­rung kennt – das bewei­sen vie­le ver­gan­ge­ne oder bestehen­de Kri­sen­her­de der Welt – kei­ne Bil­dungs- oder Schicht­gren­zen. His­to­risch betrach­tet waren die größ­ten Her­aus­for­de­rer von Mehr­heits­ge­sell­schaf­ten jene, die zuvor zu den anschei­nend assi­mi­lier­ten Eli­ten gehör­ten: Nur sie waren und sind in der Lage, ein Gegen­pro­gramm, einen Gegen­ent­wurf zu for­mu­lie­ren. Es ist auf­fäl­lig, daß sich nur weni­ge als »gut inte­griert« gel­ten­de Migran­ten für Sar­ra­zin ein­set­zen. Man­che Kom­men­ta­to­ren ver­tra­ten dies­be­züg­lich sogar die Ansicht, daß es gera­de die­se Ziel­grup­pe ist, die durch Sar­ra­zins Hin­wei­se auf Miß­stän­de »belei­digt« und »ver­prellt« werde.

Für die Sta­bi­li­tät viel wich­ti­ger als die klas­si­schen sozio­öko­no­mi­schen Indi­ka­to­ren oder die Schicht­zu­ge­hö­rig­keit ist die kul­tu­rel­le Kom­pa­ti­bi­li­tät. Je gerin­ger die Wer­te­kluft zwi­schen Zuwan­de­rern und Ein­hei­mi­schen, des­to höher ist die Wahr­schein­lich­keit, daß mehr oder weni­ger har­mo­ni­sche Bezie­hun­gen die All­tags­wirk­lich­keit bestim­men. Die weit­ver­brei­te­te Annah­me der kul­tu­rel­len Berei­che­rung gera­de durch exo­ti­sche Ein­flüs­se beruht auf einem pazi­fi­zier­ten Geschichts­bild. Kul­tu­ren sind kei­nes­wegs sta­tisch und ändern sich unter dem Ein­fluß guter oder schlech­ter Ein­trä­ge von außen. Sie haben sich eben nie nur berei­chert. Und dort wo die Anzahl der diver­gie­ren­den Wert­vor­stel­lun­gen zwi­schen Kul­tu­ren höher war als die Anzahl der ergän­zen­den, leben Kul­tu­ren eher kon­flikt­träch­tig neben­ein­an­der. Kul­tu­rel­le Bruch­li­ni­en, ob auf dem Bal­kan, im Kau­ka­sus oder in einem der ande­ren Kon­flikt­ge­bie­te der Welt, zei­gen ein hohes Maß an Dau­er­haf­tig­keit. So sind eth­nisch-kul­tu­rell hete­ro­ge­ne Staa­ten eher mit Fra­gen ihrer poli­ti­schen Sta­bi­li­tät beschäf­tigt als homo­ge­ne. »Viel­falt« ist kei­nes­wegs zwin­gend ein »Gewinn«, son­dern im Fal­le kul­tu­rell inkom­pa­ti­bler Grup­pen viel eher ein Kon­flikt­ver­ur­sa­cher und ‑beschleu­ni­ger. Die Rea­li­tät zeigt: Kul­tu­ren kön­nen sich gegen­sei­tig berei­chern, aber auch zerstören.
Inso­fern ist der Wan­del der euro­päi­schen Natio­nal­staa­ten in »mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaf­ten« der Weg aus der »Kon­sens­ge­sell­schaft« des »homo­ge­nen Staats­volks« in die »Kon­flikt­ge­sell­schaft« mul­ti­eth­ni­scher Gebil­de. Wäh­rend sich die Kon­sens­ge­sell­schaft auf ein hohes Maß an Über­ein­stim­mung von Wer­ten stützt, ist die Kon­flikt­ge­sell­schaft von einem mehr oder weni­ger brei­ten Spek­trum an Rang­ord­nungs- und Regel­strei­tig­kei­ten gekenn­zeich­net. Inso­fern wäre es selbst unter äußerst güns­ti­gen sozio-öko­no­mi­schen Bedin­gun­gen kei­nes­wegs gesi­chert, daß aus dem deut­schen ein neu­deut­sches Staats­volk ent­ste­hen wür­de, das alle zuge­wan­der­ten Grup­pen an einem Kom­pro­miß betei­li­gen könn­te. Viel wahr­schein­li­cher ist, daß eine Mino­ri­tä­ten­ge­sell­schaft mit einer kos­mo­po­li­ti­schen Eli­te und einem zuneh­mend in Tei­len dys­funk­tio­na­len oder gar bal­ka­ni­sier­ten Staat ent­steht. Ein sol­cher Staat hät­te das Pro­blem, daß die auf Anwei­sung der Poli­tik gezielt ange­wor­be­nen Aus­län­der bei der Umset­zung von Geset­zen häu­fig vor Loya­li­täts­fra­gen stün­den. Die Erfah­run­gen aller eth­ni­schen Kon­flik­te zei­gen, daß eth­ni­sche Loya­li­tä­ten ten­den­zi­ell alle staat­li­chen Insti­tu­tio­nen durch­drin­gen. In Tei­len Eng­lands zei­gen sich die Aus­wir­kun­gen zum Bei­spiel dar­an, daß sich vie­le mus­li­mi­sche Frau­en kaum mus­li­mi­schen Poli­zis­ten anver­trau­en kön­nen, weil die Erfah­rung zeigt, daß die­se sie an die Väter und Ehe­män­ner der Hil­fe­su­chen­den ver­ra­ten. Die grund­sätz­li­chen und kul­tur­spe­zi­fi­schen Wert­vor­stel­lun­gen zu The­men wie »Frau«, »Ehre« oder »Zwangs­hei­rat« der Poli­zei­be­am­ten ändern sich nicht zwangs­läu­fig durch das Anzie­hen einer bri­ti­schen Poli­zei­uni­form und die Über­nah­me eines Amtes.
Es lie­ße sich hier eine lan­ge Rei­he von ver­gleich­ba­ren und gra­vie­ren­den Bei­spie­len aus einer Viel­zahl von Staa­ten anfüh­ren, die ihren eth­ni­schen Span­nun­gen erle­gen sind und meh­re­re infor­mel­le »Rechts­sys­te­me« neben dem eigent­lich ver­bind­li­chen dul­den müs­sen. Die Her­aus­for­de­run­gen an staat­li­che Ein­rich­tun­gen in mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaf­ten schlie­ßen somit auch die Ver­trau­ens­fra­ge mit ein. Unter­su­chun­gen zei­gen, daß nicht nur eine Kor­re­la­ti­on, son­dern auch eine Kau­sa­li­tät zwi­schen dem Aus­maß der »Viel­falt« und dem Ver­lust an Ver­trau­en in staat­li­che Insti­tu­tio­nen besteht. Dazu schreibt der Har­vard-Sozio­lo­ge Robert Put­nam: »Die Aus­wir­kun­gen der Viel­falt sind schlim­mer, als man sich das je vor­ge­stellt hat­te. Und es ist nicht nur so, daß wir den Men­schen miß­trau­en, die uns nicht ähneln. In hete­ro­ge­nen Gesell­schaf­ten ver­trau­en wir nicht mal mehr denen, die aus­se­hen wie wir.« Dabei sei erwähnt, daß Put­nam die Ergeb­nis­se sei­ner Unter­su­chun­gen sie­ben Jah­re lang nicht ver­öf­fent­lich­te, weil er die Impli­ka­tio­nen sei­ner Ergeb­nis­se für bri­sant hielt und hoff­te, falschzuliegen.

Mit Blick auf die damit ver­bun­de­nen Fol­gen für die Bezie­hung zwi­schen Bür­ger und Staat, Recht und Gesetz, also der staat­li­chen Kohä­si­on ins­ge­samt, kann man sagen: Die Fol­gen der Zuwan­de­rung sind trotz der Weck­ruf­wir­kung von Sar­ra­zin noch nicht in ihrer gan­zen Trag­wei­te benannt wor­den sind. Die Erfah­rung zeigt, daß inkom­pa­ti­ble Kul­tu­ren sich über lan­ge Zeit­räu­me bekämp­fen kön­nen und das Ziel der »Inte­gra­ti­on« an der Umsetz­bar­keit schei­tert. Trotz­dem wird in der öffent­li­chen Debat­te auch nach Sar­ra­zin kaum über die migra­ti­ons­be­ding­te Sta­bi­li­täts­fra­ge dis­ku­tiert, obwohl sich in allen Tei­len Euro­pas die Sicher­heits­la­ge zuspitzt. Wäh­rend Jared Dia­monds Buch Kol­laps zu den öko­lo­gi­schen Grün­den für den Unter­gang gro­ßer Zivi­li­sa­tio­nen vor eini­gen Jah­ren auf gro­ße Reso­nanz stieß, wird der min­des­tens eben­so gro­ße Fak­tor »Wan­de­rungs­be­we­gun­gen« als Bedro­hung weit­ge­hend igno­riert. Dabei sind die Sym­pto­me dies­be­züg­lich nicht neu und recht gut erforscht. So sind frü­he Indi­ka­to­ren für eine eth­nisch oder kul­tu­rell frag­men­tier­te Gesell­schaft meist die­sel­ben: Ghet­to­bil­dung, Nie­der­gang des Bil­dungs­we­sens, Ver­lust des öffent­li­chen Raums, poli­ti­sche For­de­run­gen nach garan­tier­ter »Betei­li­gung« im Sin­ne von Quo­ten oder ande­re For­men »kom­pen­sa­to­ri­scher Maß­nah­men« für ver­meint­lich oder tat­säch­lich benach­tei­lig­te Grup­pen. Es ent­ste­hen nicht nur rechts­freie Räu­me, Gebie­te also, deren Ein­woh­ner die­se nicht mehr als Teil etwa des deut­schen Hoheits­ge­bie­tes betrach­ten, son­dern auch Unsi­cher­hei­ten auf allen Ebe­nen des Staats­ap­pa­rats, der sich mit »Ver­bots­irr­tü­mern« oder kul­tu­rel­len Beson­der­hei­ten von Schü­lern, Bür­gern, Straf­tä­tern kon­fron­tiert sieht. Die natio­nal­staat­li­che Inte­gra­ti­ons­kraft ist im Ver­gleich zur Ver­gan­gen­heit durch die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en und die Infra­struk­tur (tür­ki­sches Fern­se­hen, tür­ki­sche Zei­tun­gen, tür­ki­sche Bank, tür­ki­scher Super­markt) stark geschwächt, und die »Inte­gra­ti­ons­kur­se« sind in ihrer Bedeu­tung weit­aus gerin­ger ein­zu­schät­zen, als es Poli­tik und Medi­en pos­tu­lie­ren. War Zuwan­de­rung daher schon frü­her eine beacht­li­che Her­aus­for­de­rung für Staa­ten, so ist es im Zeit­al­ter von Inter­net und Satel­li­ten­schüs­sel eine fast unmög­li­che Auf­ga­be, Zuwan­de­rer zur Annah­me von unge­wohn­ten und mög­li­cher­wei­se unbe­lieb­ten ein­hei­mi­schen Wert­vor­stel­lun­gen zu bewe­gen. Der Ver­such, sich auf eine funk­tio­na­le Inte­gra­ti­on zu eini­gen, ist daher ledig­lich die Eini­gung auf den kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner zwi­schen den jewei­li­gen Wert­vor­stel­lun­gen. Die Erfah­rung mit kon­flikt­re­gu­lie­ren­den Maß­nah­men in kul­tu­rell viel­fäl­ti­gen Staa­ten zeigt, daß die­se Maß­nah­men sich meist als wir­kungs­los erwei­sen, wenn inkom­pa­ti­ble Kul­tu­ren aufeinanderprallen.
Sar­ra­zin geht daher nicht weit genug in sei­ner Ana­ly­se der Miß­stän­de, da er das uner­reich­ba­re Ziel der Inte­gra­ti­on unter ver­än­der­ten Bedin­gun­gen noch für rea­li­sier­bar hält. Dabei legt er den Schwer­punkt sei­ner Ana­ly­se auf die Wirt­schaft­lich­keit der Zuwan­de­rung und weni­ger auf die Fra­ge der natio­na­len Iden­ti­tät oder gar auf den Fort­be­stand des Vol­kes. So stammt der stra­te­gisch wich­tigs­te Satz des Buches auch nicht von ihm, son­dern von dem Bevöl­ke­rungs­wis­sen­schaft­ler Her­wig Birg, den Sar­ra­zin fol­gen­der­ma­ßen zitiert: »Der in Deutsch­land dro­hen­de Kul­tur­ab­bruch durch Ein­wan­de­rung bil­dungs­fer­ner Popu­la­tio­nen ist im Gegen­satz zu einem wirt­schaft­li­chen Rück­schlag ein für Genera­tio­nen irrever­si­bler Vorgang.«

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