Sezession
15. Oktober 2010

Sarrazin verschärfen – eine Präzisierung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus dem Sezession-Sonderheft Sarrazin lesen / Oktober 2010

von Markus Abt

Thilo Sarrazins Bestandsaufnahme der Nation beinhaltet eine Reihe von Themen, die seit Jahrzehnten vor allem von konservativen Autoren vorgetragen werden – ohne große Resonanz.

Dazu zählt nicht nur der demographische Niedergang Deutschlands aufgrund des Geburtenschwunds und die Problematik der quantitativ und qualitativ falschen Zuwanderung, sondern auch das Ausmaß der negativen Auswirkungen bildungs- und sozialpolitischer Wertvorstellungen, wie sie vor allem die 68er-Generation durchgesetzt hat.

Indes: Sarrazin beschreibt die Folgen der benannten Fehlentwicklungen nur zum Teil. Denn der Weg in den »Volkstod« mag zwar schleichend sein, ist aber keineswegs ein friedliches »Einschlafen«. Und so ist es geboten, auf die noch unbeschriebenen Aspekte der Lage der deutschen Nation ein- und über Sarrazin hinauszugehen. Welche Hauptthemen spricht er an?

Der sachliche, nachgerade störrische Vortragsstil Sarrazins und der reflexartige Aufschrei des Establishments haben dazu geführt, daß immerhin das wahre Ausmaß der demographischen Entwicklung in die öffentliche Diskussion Eingang gefunden hat. Sarrazin spricht die demographische Katastrophe – die zuvor lediglich Teil der Rentendiskussion war – als Frage nach dem Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes an. Er wischt den Euphemismus »alternde Bevölkerung« vom Tisch und zeigt, daß Deutschland sich »abschafft«. Dadurch bekommt die Demographie ihren tatsächlichen Stellenwert zurück, da alle anderen gesellschaftlichen Fragen grundsätzlich der demographischen untergeordnet sind. »Nach Sarrazin« sollte man eine Zukunftsdiskussion unter Aussparung der demographischen Frage nicht mehr führen können.
Eng mit dem fehlenden Nachwuchs ist der Mythos von der Wirtschaftlichkeit der Zuwanderung verknüpft. Sarrazin entlarvt diese Behauptung statistisch. Während seine linken Kritiker ihm vorwerfen, damit den Menschen auf seinen ökonomischen Nutzen zu »reduzieren«, müssen diese sich wiederum vorwerfen lassen, eine solche Sicht selbst eingeleitet zu haben. Die Ergänzung der deutschen geburtenschwachen Jahrgänge durch Zuzug war und ist schließlich Kern der These von der sogenannten »Ersatzmigration«. Sie war lange Zeit das Hauptargument der Migrationsbefürworter und wird auch heute noch von wirtschaftsnahen Meinungsformern wie dem ehemaligen Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, angeführt.
Einen gravierenden Tabubruch hat Sarrazin mit der Beleuchtung der Intelligenzfrage vollzogen: Er stellt damit rundheraus das Dogma der Gleichheitsideologie in Frage. Der Hinweis auf den Anteil der Intelligenz, der durch Erbanlagen bestimmt wird, wurde ihm von seinen Kritikern als »Biologismus« ausgelegt. Sarrazin differenziert jedoch sehr genau und argumentiert keineswegs monokausal oder deterministisch. Er betont sogar wiederholt, daß die Intelligenz und ihre Entwicklung ein Zusammenspiel von Anlage und Umfeld seien. Die Vererbung der Intelligenz sei aber bisher in der öffentlichen Debatte und Politik aus ideologischen Gründen unterbewertet worden. Die Klügeren unter seinen Kritikern erkannten früh, daß hier nicht die Fakten strittig seien, sondern der Kampf um die Schlußfolgerungen gehe, die gezogen werden könnten. So zeigte sich auch Bernd Ulrich (Die Zeit) in der Gesprächsrunde bei Maybrit Illner weniger darum besorgt, ob Sarrazins Aussagen stimmen könnten. Viel wichtiger erschien ihm, daß solches Denken zwangsläufig den Weg zur »Eugenik« ebnen würde. Solche reflexartig abgespulten Argumentationsketten machen den Großteil der Kritik an Sarrazin aus – und es sind dieselben Reflexe, mit denen schon in der Vergangenheit jene bekämpft wurden, die von weniger prominenter Stelle aus die gleichen Themen angesprochen hatten wie Sarrazin. Entscheidend ist also nicht, ob solche Aussagen zutreffend, sondern ob sie nach ideologischen Befindlichkeiten zulässig sind.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.