Sezession
16. Oktober 2010

Dolmetschen in der Schwafelzone

Martin Lichtmesz

Schön, nun kommen die lange gemiedenen harten Themen und gar Probleme wie "Deutschenfeindlichkeit" (übrigens eher eine deutsch-deutsche als eine türkisch-arabische Spezialität) endlich auf den Tisch. Aber die Netze der Schwafelzone sind weitgespannt und elastisch. Wer sagt, daß sie Sarrazin ff nicht auch noch auffangen und verschlucken, ohne daß es die geringsten Folgen hätte? Ein aktuelles Interview im Deutschlandfunk mit Ludwig Spaenle (CSU), dem bayrischen Staatsminister für Unterricht und Kultus, mag hier exemplarisch sein.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wie so viele seiner Parteigenossen hat er das Vokabular und die Sozialmanagement-Denke der Linken bis ins Detail verinnerlicht, zum Teil wohl auch als Form der Mimikry. Wenn man die Nummer einmal drauf hat, dann kann man auch auf direkte Fragen möglichst umständlich, wasserdampfig und aalglitschig antworten, ohne eine essenzielle Aussage zu treffen, und gleichzeitig den Anschein des "intellektuellen Anspruchs" zu wahren.

Wollen wir uns das mal, nur so zur Lockerungsübung und als kleines Politsprech-Exerzitium, im Detail ansehen, und uns an einer Übersetzung aus dem Schwafelzonalen ins Deutsche versuchen.

Heinlein: Ist der Islam verantwortlich für die Deutschenfeindlichkeit auf unseren Schulhöfen?

Spaenle: Monokausale Erklärungen gibt es nicht, das Phänomen ist Wirklichkeit. Es muss gelten, dass gleich welcher Nationalität oder Herkunft Mobbing mit allen zur Verfügung stehenden pädagogischen Mitteln, wo nicht anders möglich auch mit möglichen Ordnungsmaßnahmen, unterbunden wird. Wenn kulturelle Herkunft eine Rolle spielt, dann muss das auch mit ins Kalkül gezogen werden.

Übersetzung:

A: Vom Islam habe ich leider nicht die leiseste Ahnung. Aber Mobbing kenne ich, und das ist eine wirklich böse Sache. Ab und zu könnte es auch durchaus sein, daß dem Ali zuhause keine Manieren beigebracht wurden.

Heinlein: Herr Spaenle, es gibt aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen aus den vergangenen Tagen, aus denen geht hervor, junge Türken und Araber sind bei deutschen Jugendlichen besonders unbeliebt. Erkennen Sie hier Ursache und Wirkung?

Spaenle: Es ist die zentrale Situation, dass an solchen Schulen durch eben Sprengelbildung oder andere Brennpunktsituationen Minoritäten in Mehrheit sind. Das heißt, dass wir Zuwandererfamilien oder Kinder aus Zuwandererfamilien hier in einer Position haben, die sonst natürlich die Mehrheitsgesellschaft einnimmt, und das führt dann eben zu solchen Situationen. Dem muss entgegengewirkt werden durch Schule, durch Sozialarbeit im Zusammenwirken in der Regel von Jugendarbeit, Jugendhilfe, wo nicht anders möglich, also zwischen Kommunen und Schule.

F: Sind die Türken und Araber nicht deswegen so gemein zu den deutschen Jugendlichen, weil diese sie nicht genug liebhaben?

A:  An diesen Schulen sind die Türken und Araber in der Mehrheit, während sie in Gesamtdeutschland in der Minderheit sind. Und wer in der Mehrheit ist, knutet natürlich automatisch die Minderheit, vor allem wenn er und weil er ansonsten in der Minderheit ist. Was denn sonst? Dafür muß man doch Verständnis haben! Wir müssen einfach ein Heer von Lehrer und Pädagogen ausrüsten, um durchzupauken, daß so ein Verhalten nicht OK ist.

Heinlein: Ist es nachvollziehbar für Sie, Herr Spaenle, dass manche ausländische Jugendliche sagen, hey, ihr mögt uns nicht, also lehnen wir euch auch ab und beschimpfen euch?

Spaenle: Das Problem, das sich letztlich darin ausdrückt, ist das, dass wir verfestigte Parallelgesellschaften haben. Das ist die Ursache im ganz Wesentlichen und dem muss entgegengetreten werden. Ein zentrales Instrument ist der Spracherwerb. Dem muss systematisch von der Kita an große Aufmerksamkeit geschenkt werden. Und natürlich das Thema soziale Teilhabe.  (...)

F:  Also werden nun die ausländischen Jugendlichen nicht genug liebgehabt?

A:  Es gibt in Deutschland integrationsunwillige Massen von Zuwanderern, die nicht einmal richtig Deutsch können, und das auch gar nicht brauchen, weil sie ohnehin ganz gut in ihrer eigenen abgeriegelten Gesellschaft leben. Die Lage ist so verzweifelt, daß der Staat sie wohl schon von klein auf ihren Familien und Milieus entreißen und in sozialpädagogische Umerziehungslager stecken müßte.

Heinlein: Sie sagen, Parallelgesellschaften. Gibt es deshalb bei vielen Migrantenkindern das Grundgefühl der Ablehnung durch die deutsche Gesellschaft, gerade in diesen Tagen, wo so viel über Integration geredet wird?

Spaenle: Es ist ganz natürlich, dass ich mich einem kulturellen Umfeld, wenn ich es kenne, anschließe. Es ist Aufgabe strategischer Bildungs- und natürlich Sozial-, Gesellschaftspolitik in den Kommunen, solchen Verfestigungen entgegenzuwirken. Dass dann Gefühle entstehen der Solidarisierung, die nach außen dann möglicherweise mit solchen negativen Erscheinungen in Zusammenhang auftreten, ist auch klar. Dem muss konsequent durch Spracherwerb, erklärend die eigene gesellschaftliche, kulturelle Identität, auch die Mehrheitsgesellschaft erklärend, entgegengewirkt werden, und da sind zunächst einmal auch die Elternhäuser in besonderer Pflicht, sich mit einzubringen. Bildung ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Da brauche ich ein positives Klima auch in den Familien, etwa auch in den Migrantenfamilien.

F: Abgeriegelte Gesellschaften, sagen Sie. Wohl wahr. Die "deutsche Gesellschaft" zum Beispiel. Haben darum die Ausländerkinder das Gefühl, daß die Deutschen sie nicht liebhaben?

A:  Menschen fühlen sich im eigenen Stall wohler und solidarischer als unter Fremden. Diese rückständigen Gefühle müssen wir ihnen mit staatssozialistischen Gehirnwäschemethoden austreiben. Bei uns Deutschen hat das ja auch prima geklappt. Daß sie sich dagegen wehren werden, weil sie ihre Identität bewahren wollen, ist wohl zu erwarten. Aber wenn wir erstmal noch mehr Lehrer und Pädagogen losgelassen haben, werden auch noch die letzten Kopftuchmuttis aus Hinteranatolien kapieren, daß Deutschlernen doch etwas total Positives und nur zu ihrem Besten ist!

Heinlein: Ihr Parteivorsitzender Seehofer hat vor wenigen Tagen erklärt, man brauche keine Zuwanderung mehr aus anderen Kulturkreisen. Herr Spaenle, wie wirkt denn eine solche Aussage auf Kinder und Jugendliche aus der Türkei oder aus arabischen Ländern?

Spaenle: Zunächst einmal hat er nicht gesagt, dass wir generell keine Zuwanderung brauchen, sondern die Tatsache, dass wir qualifizierte Zuwanderung brauchen, ist völlig unbestritten, dass wir eben darauf achten, dass entsprechende Zuwanderungssituationen der deutschen Gesellschaft durchaus auch nützt, und das hat auch natürlich entsprechende gesellschaftliche Auswirkungen. Die Wahrnehmung, dass man sagt, qualifizierte Zuwanderung ist in einem Land etwas Selbstverständliches, was auch im politischen Kalkül ist, halte ich für nachvollziehbar.

F: Ihr Parteivorsitzender hat vor ein paar Tagen gesagt, daß er keine Türken und Araber mehr im Land haben will. Werden denn nun die Türken und Araber nicht das Gefühl haben, daß man sie nicht genug liebhat?

A:  Wozu sollen wir denn bitte hundertausende Einwanderer ins Land lassen, die uns nichts nützen? Schön blöd wären wir.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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