1. August 2010

Literatur aus der Schuldkolonie Deutschland

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 37 / August 2010

Ein Gespräch mit Torsten Hinz

Sezession: Herr Hinz, Sie haben soeben ein zweites Bändchen für die Reihe Kaplaken bei Edition Antaios vorgelegt. Nach der Zustandsbeschreibung des Berliner Alltags im »molekularen Bürgerkrieg« befassen Sie sich diesmal auf knappem Raum mit der Literatur aus der Schuldkolonie – und meinen damit Deutschland nach 1945. Woher dieses krasse Wort, woher die Annahme, daß wir hier in einer Schuldkolonie leben?

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Hinz: Nehmen wir zunächst den Begriff der Schuld. Das riesig dimensionierte Holocaust- Mahnmal in die Mitte der Hauptstadt zu pflanzen bedeutete, ganz offiziell, von Staats wegen, ein Verbrechen zum zentralen Bezugspunkt und zum negativen Gründungsereignis des Landes zu erklären. Das impliziert die Annahme einer deutschen Schuld, die unvergleichlich ist und deswegen das öffentliche Leben und das nationale Eigeninteresse durchdringt, begrenzt, definiert. Sie tritt uns als unaufhebbare, nicht wiedergutzumachende Tatsache entgegen, quasi als ein genealogisches Verhängnis. Das stellt uns historisch, aber auch politisch und geistig-kulturell unter ein Sonderrecht. Das Eigeninteresse wird umdefiniert zum Nicht-Interesse am Erhalt des Eigenen, und der Bezugspunkt erweist sich als schwarzes Loch. Denn die Errichtung des Mahnmals war nur die spektakuläre Zwischenstation einer langen Entwicklung, die sich weiter beschleunigt. So hat die Kanzlerin unter Hinweis auf die »historische Verantwortung « Deutschlands das Existenzrecht eines anderen Staates, nämlich Israels, zum Teil der deutschen Staatsräson erklärt, obwohl sie auf die Art und Weise, wie dieser Staat sein Existenzrecht definiert und durchsetzt, keinerlei Einfluß hat. Das heißt, sie macht die Räson des eigenen von der eines anderen Staates abhängig. Bei Einführung des Euro wurden die sachlich überlegenen Skeptiker und Kritiker zur Unwirksamkeit verurteilt, indem man sie tendenziell als Nationalisten bezeichnete, die nichts aus der Geschichte gelernt hätten. Das sind – wie auch die Rede von der »besonderen Verantwortung« – typische Sprachfertigteile aus dem Wortumfeld des Schuldkomplexes.
In meinem Kaplaken-Bändchen aber geht es vor allem um die Reich-Ranicki-affine Prominenz der deutschen Nachkriegsliteratur. Ich mußte feststellen, daß sie mir über die eben skizzierte Entwicklung nichts mitteilen kann, weil sie ihr angehört. Viele Schriftsteller agierten als säkulare Priester, die das Schuldbewußtsein formulierten und zelebrierten – was zur Folge hatte, daß sie über ihr eigenes Erleben und die deutsche Zeitgeschichte nichts zu sagen wußten – eine Tragödie für uns, die Leser, aber auch für sie selbst. Denken Sie an den genialen Sprachkünstler Günter Grass. Was für große Werke er sich und uns vorenthalten haben muß!

Sezession: Hat er dieses Vorenthalten selbst betrieben? Ich spiele damit auf den Begriff der »Kolonie« an, den Sie verwenden: Dort gibt es Kolonialherren, die auf die Unterdrückung des Freiheitsimpulses achten …
Hinz: Der Begriff »Kolonie« besagt, daß diese Selbstbeschränkung ursprünglich keine selbstbestimmte war, sondern eine Anpassung an die Umstände darstellte, unter denen die Deutschen sich nach dem Zweiten Weltkrieg befanden. Wir waren ein besetztes Land. Alfred Andersch schrieb Ende 1947 in dem Essay Deutsche Literatur in der Entscheidung, die deutschen Autoren befänden sich »in der Kolonialität«. Hier wirkten seine negativen Erfahrungen mit der US-Zensurbehörde nach, die aber bald von der subtiler wirkenden bundesdeutschen Kulturindustrie abgelöst wurde. Diese hat dafür gesorgt, daß die Erwartungen auswärtiger Autoritäten ins Innere gewandert und Teil des eigenen kollektiven Bewußtseins geworden sind. Damit sind wir Kolonisierte und zugleich unsere eigenen Kolonialbeamten, die eine strenge Aufsicht führen.

Sezession: Marcel Reich-Ranicki ist ja vor einigen Wochen 90 Jahre alt geworden, und man rief ihm wiederum Sätze in der Art zu, er solle uns mit uns Deutschen nicht alleine lassen. War und ist sein Einfluß in der Schuldkolonie Deutschland tatsächlich so entscheidend, wie man das vermutet?
Hinz: Sein Einfluß war enorm, immerhin war er von 1960 bis 1973 der führende Literaturkritiker bei der Zeit und danach der Leitende Literaturredakteur der FAZ, deren Feuilleton bis vor einigen Jahren konkurrenzlos war. Sein Einfluß wurde noch größer, als er 1988 im ZDF das Literarische Quartett zu moderieren begann. Die Bücher, die er anpries, konnten am nächsten Tag zu Bestsellern werden. Aber wir sollten die Angelegenheit nicht so sehr personalisieren und Reich-Ranicki damit dämonisieren. Interessanter sind die Strukturen, die diesen Großkritiker möglich gemacht, um nicht zu sagen: nach ihm gerufen haben. Als er im Sommer 1958 nach Deutschland kam, waren die entscheidenden kulturpolitischen Weichen bereits gestellt. Der Geist der Adenauer-Zeit – der so restaurativ gar nicht war, es war die Periode der größten geistigen Freiheit nach 1945 – befand sich im Kulturbetrieb längst in der Defensive, eigentlich von Anfang an. Diese Vorgänge und Personalentscheidungen sind noch gar nicht richtig erforscht worden. Der Siegeszug der sogenannten engagierten, fortschrittlichen Literatur, die bis heute den offiziösen Kanon bildet, hatte schon Fahrt aufgenommen, Reich-Ranicki mußte nur aufspringen. Er hat sich beispielsweise gerühmt, Heinrich Böll erhoben und Gerd Gaiser gestoßen zu haben. Nur lagen die Verhältnisse eben auch so, daß Böll dem neuen gesellschaftspolitischen Zeitgeist entsprach und Gaiser nicht. Diesen Zeitgeist hatte Reich-Ranicki nicht erfunden, er hat ihn aber virtuos bedient, vorangetrieben und sich zunutze gemacht. Er entsprach wohl auch seinen tiefsten Intentionen. Und vergessen wir nicht: Von nichts kommt nichts! Der Mann ist immens belesen, hat Witz, eine gute Feder, enorme rhetorische Fähigkeiten, er ist massen- und kulturbetriebskompatibel. Und er war auch fähig zur Differenzierung, ich denke da an seinen schönen, einfühlsamen Aufsatz über Peter Huchel, als diesem 1963 von der SED-Führung die Chefredaktion von Sinn und Form genommen wurde. Andererseits sind seine Urteile überwiegend geschmäcklerisch und literaturtheoretisch kaum fundiert. Das ist sogar dem von ihm protegierten Böll aufgefallen. Aber wie gesagt, uns sollte das Phänomen Reich-Ranicki eher als strukturelles und nicht als personales Problem interessieren.

Sezession: Zur Struktur also: Wenn Sie davon sprechen (und in Ihrem neuen Buch schreiben), daß es einen offiziösen Kanon gebe – engagiert, fortschrittlich, emanzipatorisch –, dann muß es auch einen inoffiziellen Kanon geben. Dies wäre beim Blick etwa auf die ehemalige DDR sofort einzusehen: Parteilinie hier, das Interessante, Widerständige, nicht politisch Eingespannte dort. Wie aber war und ist das in der BRD? Gab und gibt es da eine Literatur, die nicht bei Hanser oder Rowohlt erscheint und nicht preisgekrönt ist, aber von denen, die etwas vom Geschriebenen erwarten, weitergereicht wird – wobei dieses »Weiterreichen« jetzt nicht den Samisdat unter der Ladentheke meint, sondern Kleinverlage und ihre Autoren. Die Frage lautet also: Gab und gibt es solche inoffiziellen Strukturen, in denen gegen den Schuldkolonialismus auf hohem Niveau angeschrieben wird?
Hinz: Ein großartiger Versuch, dagegen anzuschreiben, war Ernst von Salomons Fragebogen, der 1951 erschien. Salomon bestreitet ja gar nicht, daß das Dritte Reich eine furchtbare Schuld auf Deutschland geladen hatte, er bestreitet nur den anderen das Recht, im Sinne einer Siegerjustiz darüber zu richten. Der Fragebogen war ein Riesenerfolg – bei den Lesern, nicht jedoch bei den Kritikern. Selbst ein Friedrich Sieburg wagte es wegen seiner politischen Brisanz nicht, es offen zu loben. Es wurde nicht kanonisiert und konnte keine Tradition begründen. Ich wüßte nicht, wer von den aktuellen Autoren das Problem auf den Punkt gebracht hätte. Es besteht darin, daß die durchkonditionierten Deutschen eine Projektionsfläche für fremde Zuschreibungswillkür darstellen und sich als solche sogar anbieten. Das bedeutet den Verzicht auf geistige und kulturelle Kreativität, letztlich auf das Leben, auf die Zukunft überhaupt. Die klügsten Gedanken dazu habe ich bei dem Berliner Sozialphilosophen Peter Furth gefunden, etwa in seinem Sammelband Troja hört nicht auf zu brennen.

Sezession: Sie führen diesen Verzicht auf die Rettung des Eigenen in Ihrem Buch am Beispiel der fast vollständig fehlenden Literatur über das Leid der deutschen Zivilbevölkerung im Bombenkrieg oder während der Vertreibung aus. Dann verweisen Sie aber doch auf einige Werke jüngeren Datums, etwa auf Das Echolot Walter Kempowskis, der sich ja – um es verdeutlichend zu sagen – als Sammler von Augenzeugenberichten vorstellte und somit als angreifbarer Schriftsteller aus der Schußlinie brachte …
Hinz: Ja, Gott sei Dank gibt es neben der Regel immer auch die Ausnahmen, es wäre sonst nicht auszuhalten. Ich schätze Walter Kempowski außerordentlich und habe in der Jungen Freiheit häufig über ihn geschrieben. Er hat das auch wahrgenommen und ließ mir über die Redaktion eine Einladung nach Nartum zukommen. Es wird mich immer bedrücken, ihr aus Zeitgründen nicht gefolgt zu sein. Das Echolot gehört zum Besten, was wir haben. Kempowski stellt die unterschiedlichen Erlebnisberichte sehr wohlkalkuliert nebeneinander, überläßt es aber dem Leser, die Verbindungen herzustellen und Schlußfolgerungen zu ziehen. Mit diesem Montageverfahren stellt er einerseits einen – auch internationalen – Kontext der Ereignisse her, der ein deutsches Selbstmitleid verbietet, doch er erspart sich und den Lesern die monokausale Welterklärung, die alle Übel, die die Deutschen erlitten haben, auf ein deutsches Ursprungsübel oder auf eine deutsche Ursprungsschuld zurückführen. Diese primitive Schuldtranszendenz macht viele literarische Werke zu ideologischen Erbauungsstücken und damit literarisch ungenießbar. Die Monokausalität kennzeichnete auch den sozialistischen Realismus, der bis in die 1960er Jahre in der DDR gepflegt wurde. Ich will jetzt kein Gleichheitszeichen zwischen bestimmten Werken von Böll und den zwei letzten, dogmatischen Romanen von Anna Seghers setzen, aber es gibt Parallelen. Kempowski dagegen hatte seinen ganz eigenen Gedanken über die Geschichte. Er wußte viel mehr, als er gesagt hat und sagen konnte. Dieses Wissen ist der Komposition des Echolots zugute gekommen.

Sezession: Nun haben Sie in Ihrem Buch eine Entwicklung noch nicht behandelt, die auch erst seit einigen Monaten sichtbar wird und bei der man sich nicht sicher sein kann, ob es sich tatsächlich um den Quellbereich einer neuen Strömung handelt. Ich möchte das mit »Zivilreligion und Frühaufklärung« umschreiben: Wenn Auschwitz der Gründungsmythos der BRD ist (so Joschka Fischer) und die Zelebrierung der eigenen Schuld kultische Formen angenommen hat, muß aus dem intellektuellen Bereich eine Art Aufklärung dagegen erfolgen – ein Entlarven hohler religiöser Formen, eine Infragestellung des geschlossenen Weltbilds der neuen Kirche, eine Auflehnung gegen den zivilreligiösen Ablaßhandel und gegen Tabuisierungen im geistigen Feld. Ich spiele an auf Perlensamt von Barbara Bongartz, Das Eigentliche von Iris Hanika oder auch Ein fabelhafter Lügner von Susann Pasztor.
Hinz: Das sind in der Tat interessante Versuche in die richtige Richtung. Iris Hanikas neuer Roman Das Eigentliche ist der vielleicht wichtigste und auch mutigste. Hanika zeigt, wie die Holocaust-Transzendenz und die Schuldgefühle mittlerweile bis in die feinsten Verästelungen des Privaten, des Fühlens und Denkens hineinwirken und dort ihre Zerstörungskraft entfalten. Das »Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung« – letzteres übrigens ein Begriff, der bei Peter Furth als »Bewirtschaftung der Toten« auftaucht –, das diese Transzendenz über das Land verbreitet, steht für eine kafkaeske Macht, für die auch Orwells Wahrheitsministerium stehen kann.
Vor einigen Wochen haben in der Zeit zehn deutsche Schriftsteller unter 35 Jahren den aktuellen Literaturkanon kritisch gesichtet. Die meisten Beiträge waren vorhersehbare Vatermorde, sie betrafen Grass, Frisch, Brecht. Der Autor Thomas Melle aber verabschiedete Paul Celan, den Dichter der »Todesfuge«, die immerhin zu einer Art Staatsdichtung geworden ist. Die Überschrift lautet: »Die Mystik-Blase ist geplatzt«. Von allen Beiträgen kommt ausgerechnet Melles im Online-Auftritt der Zeitung nicht vor. Das zeigt am unscheinbaren Detail die Macht des Kulturbetriebs. Hanikas Buch ist übrigens in einem österreichischen Verlag erschienen. Es ist keineswegs sicher, daß sich diese Tendenz fortschreibt. Doch die Zeit ist überreif dafür.

Die Fragen stellte Götz Kubitschek


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