Sezession
28. Oktober 2010

Englische Babies namens Mohammed

Martin Lichtmesz

Nimmt man sie noch wahr, die täglichen Zeichen an der Wand, erschrecken sie, rütteln sie auf, wird man wütend, unruhig, rebellisch oder doch eher müde, mutlos und apathisch? Oder blinzelt man einfach nur kurz, zieht ein dummes Gesicht und geht daran vorüber? Spiegel Online meldet, daß "Mohammed", rechnet man die diversen Schreibvarianten zusammen, inzwischen der häufigste männliche Vorname in England ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die frappierend rasante demographische Entwicklung, die sich daran ablesen läßt, muß man kaum noch kommentieren. Ist es wirklich schon so spät geworden auf Albions grünen Hügeln? Diese Nachricht stimmt mich tieftraurig.  Ich habe England und das Englische geliebt, seit ich denken kann.  Es ist und bleibt mir unfaßbar, wie eine derart große und stolze Nation sich selbst so aufgeben und abwracken konnte. Tja, Rudyard Kipling, das hättest Du Dir nicht träumen lassen! Von wegen:

Greater the deed, greater the need
Lightly to laugh it away,
Shall be the mark of the English breed
Until the Judgment Day!

Die Meldung selbst ist das eine Menetekel. Das andere ist etwas weniger dramatisch, etwas lächerlicher, etwas läppischer, etwas alltäglicher,  nichtsdestotrotz eines jener kleinen vielen täglichen Zeichen, die sich beängstigend summieren. Es ist die Art der Berichterstattung selbst. Der anonyme Spiegel-Schreiberling hat seinen Text nämlich betitelt: "Engländer nennen ihre Jungs am liebsten Mohammed". Got it?

Und weiter im Text:

7549 Neugeborene erhielten im Jahr 2009 eine der Versionen des aus dem Arabischen stammenden Vornamen; 7364 Mal entschieden sich die Eltern für den Namen Oliver.

Got it again? Als Illustration gibt es ein süßes Baby-Foto mit der Bildunterschrift: "Was wohl dabei herauskäme, wenn sie sich ihre Namen selbst aussuchen könnten?" Hihi, ist das nicht drollig? Ja was denn wohl?  Und "Mohammed" in England, nee, was für eine skurrile Mode *lol*! Die spinnen wohl, die Briten, kicherkicher, schmunzel, schulterzuck, umblätter, weiterklick.

Man könnte soviel ausgestellte windelrosafarbene Naivität und unfreiwillige Satire nun lustig finden, und wieder mal über "die Praktikatin" lachen, die dergleichen nicht zum ersten Mal verzapft hat. Daß ein einziger dieser von offensichtlich Minderbemittelten und Unbedarften verfaßten Artikelchen eine x-mal zigfache Reichweite von allem hat, was auf Sezession im Netz jemals veröffentlicht wurde, könnte man auch noch mit einem gewissen Galgenhumor ertragen.

Aber: es ist immer noch der Spiegel, also Deutschlands führendes und weltweit bekanntestes Nachrichtenmagazin, in dem dergleichen schäfisch vor sich hinlächelnde "Da ist nichts, weitergehen, Leute"-Betrachtungen  erscheinen. Insofern haben wir es hier nicht mit einer Randerscheinung zu tun, sondern mit dem deutlichen Symptom einer allgemein verbreiteten Krankheit.

Einem Symptom nicht nur für die gründliche Vertrottelung und phosphorbombenartige Verwüstung, die die Political Correctness in den Hirnen angerichtet hat - sondern auch für die hochgradig infantile Drei-Affen-Strategie , die kindlich-komische Methode der autohypnotischen Selbst- und Fremdbelügung, die regressive, kriminell verantwortungslose Unehrlichkeit und Feigheit, die in Deutschland inzwischen schon die obersten Spitzen des Staates durchtränkt hat.

Man kann nur hoffen, daß ein derart plumpes Fürdummverkaufen des Lesers eher den gegenteiligen Effekt hat: das forcierte Kicherkicher-Lächellächel klingt dann allzu verdächtig wie das Pfeifen im finstern Walde, mit dem sich die verirrten Kinder die Angst zu vertreiben suchen.

Als Postscriptum gesagt, und um die unzähligen kleinen Punkte noch ein Stückchen mehr zu verbinden: meiner Meinung nach kann man die derzeit grassierende, ganz offensichtlich aus Angst geborene Regressionslust der Gesellschaft auch an den unsäglichen, derzeit ubiquitären Werbespots der ERGO-Versicherungsgruppe ablesen: hier und hier etwa.

Bild: The Last of England, von Ford Madox Brown.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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