Sezession
24. Januar 2011

Ararat, ein Film von Atom Egoyan

Martin Lichtmesz

Die folgende Analyse des kanadischen Films "Ararat" (2002) von Atom Egoyan ist ein aus Platzgründen gestrichenes Kapitel aus meinem kaplaken-Band "Besetztes Gelände".  In diesem habe ich ein paar grundsätzliche Überlegungen darüber angestellt, wie sich Geschichte in den Film übersetzt, und wie sich im Nacherzählen der Geschichte auch immer die Interessen der Erzählenden spiegeln.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wie alle komplexen Dinge, läßt sich auch dieses am besten durch das Erzählen einer Geschichte selbst erfassen - in diesem Fall einer Geschichte über die Geschichtenerzähler. Dies ist meiner Meinung nach niemandem besser gelungen als dem kanadisch-armenischen Regisseur Atom Egoyan, einem der großen Skeptizisten und Ironiker des Kinos.

Im Zentrum des Films steht der Versuch eines armenischstämmigen Regisseurs, einen monumentalen Film im Stil von "Schindlers Liste" über den Genozid an den Armeniern zu drehen, woraus sich ein doppel- bis trippelbödiges Film-im-Film-Szenario ergibt, das es dem Zuschauer nicht leicht macht und zum aktiven Mitdenken herausfordert.  Ich für meinen Teil glaube, daß Egoyan auch einen Schlüsselfilm über die Repräsentation des "Holocaust" in den Massenmedien gedreht hat.

Aus diesem Blickwinkel wirkt "Ararat" auf subtile Weise subversiv, zeigt das Perspektivische jeglichen Geschichtsbildes auf und ermutigt zur grundsätzlichen Skepsis auch gegenüber vermeintlich sakrosankten Narrativen. Zugleich betont der Film anhand eines Nebenstrangs über den armenischen Maler Arshile Gorky, daß die künstlerische Verarbeitung der persönlichen und kollektiven Geschichte anderen Gesetzen folgt als ihre wissenschaftliche Festschreibung und darum anderer Ausdrucksmittel und Freiheiten bedarf.

Dies ist natürlich gerade für die Deutschen von immensem geschichts- und identitätspolitischem Interesse. Hans Magnus Enzensberger bemerkte einmal, daß niemand die Historie der Historiker im Kopf hätte. Was stattdessen bleibt und wirksam wird, seien der "Bilderbogen", die "Kolportage" und die Legendenbildung. Hier dachte Enzensberger noch an das menschliche Bedürfnis "der Völker" nach heroischen, Sorel würde sagen: "mobilisierenden" Mythen.  Enzensbergers Beobachtung läßt sich allerdings auch noch weiterdenken, nicht zuletzt angesichts der Versessenheit der Deutschen, in negativen, gleichsam "demobilisierenden" Mythen zu verharren.

Diese deutsche Eigenart führt zu merkwürdigen Widersprüchlichkeiten, wie sie Stefan Scheil apropos Guido Knopp beobachtet hat: diesselbe Fernsehsendung, in der einleitend triumphierend verkündet wird, daß nur noch 12% der Deutschen "auf die Frage nach der Mitschuld aller Deutschen am Holocaust" mit "nicht schuldig" antworten, präsentiert eine Reihe namhafter Historiker, die eben diese "Mitschuld aller Deutschen" vehement verneinen:

Ging der Antisemitismus vom deutschen Volk aus? Nein. Hat sich die Bevölkerung an Pogromen beteiligt? Nein. Sah man die Judenverfolgung und Diskriminierung überwiegend mit Widerwillen? Ja. Konnte man nach dem damaligen Sprachgebrauch im Volk davon ausgehen, daß die öffentlich gebrauchte Floskel von der „Ausrottung des Judentums“ auf eine Massentötung hinauslief? Nein. Wäre es – eine entsprechende Informationslage einmal vorausgesetzt – möglich gewesen, Verfolgung und Tötung durch bürgerlichen Ungehorsam gegen das Regime zu stoppen? Nein.

Was hier vorgeht, ist längst nur mehr mit psychologischen Begriffen zu erfassen. Hier geht es auch nicht mehr um bewußte politische Absichten allein, da diese schon so tief in Fleisch und Blut eingegangen und verinnerlicht worden sind, daß sie gar nicht mehr als solche bemerkt werden, geschweige denn, daß ein Bewußtsein über ihre historische Herkunft bestünde.

Die Aufgabe, aus der Geschichte ein Narrativ zu destilieren, mit dem man "gut leben kann" (wie der Erinnerungsforscher Christian Budehus formulierte), fordert von uns emotionale Distanznahme und kritische Neusichtungen.  Dies zu befördern ist Absicht von "Besetztes Gelände", und "Ararat" kann hier hervorragende Lektionen erteilen.

Meine Analyse beansprucht nicht, den Inhalt des Films vollständig auszuschöpfen - sie will nur einige Aspekte herausheben, die für diese Dinge von Bedeutung sind.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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