Sezession
2. November 2010

André Lichtschlag: „Feindbild Muslim“ – eine Rezension

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 38 / Oktober 2010

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

André F. Lichtschlag: Feindbild Muslim. Schauplätze verfehlter Einwanderungs- und Sozialpolitik
Manuscriptum: Waltrop 2010. 64 S., 7.80 €.

Der Herausgeber des libertären Magazins eigentümlich frei, André Lichtschlag, bereichert seit Jahren die Debatte durch Argumente, deren Nährboden eine »anarcho-kapitalistische« Lebenseinstellung ist:

Hülfe ein jeder sich selbst und wäre der Staat abgeschafft, stünde es besser um den fleißigen, begabten Anteil der Menschheit. Sozialschmarotzer kämen nicht mehr auf die Idee, Hartz-IV-Dynastien auszubilden, Leistung lohnte sich wieder und gut ausgebildete Kinder wären die beste Altersvorsorge.

Inspirierend an derlei Ansätzen (deren Unstimmigkeit im Detail hier nicht aufgezeigt werden kann) ist, daß sie den Blick zunächst auf das richten, wofür der einzelne und das Volk verantwortlich sind. Auf die Integrationsdebatte bezogen und aus Lichtschlags Essay zitiert, geht es um »jene diffuse Grundangst, die aus eigener Schwäche herrührt. Deutschland und darüber hinaus das, was gemeinhin als ›der Westen‹ bezeichnet wird, ›haben fertig‹.Demographisch, demokratisch, kulturell, moralisch und ökonomisch zehren wir von der Vergangenheit und leben auf Kosten der Zukunft.«

Das sind Worte, wie sie Konservativen so auch aus der Feder fließen könnten, und tatsächlich argumentieren beide weltanschaulichen Lager in Fragen des Werteverfalls, des Leistungsprinzips und der Ungleichheit der Menschen auf ähnlicher Wahrnehmungsgrundlage. Man stimmt Lichtschlag zu, wenn er die Anziehungskraft eines pervertierten Sozialstaats auf Unterschichteinwanderer anprangert und der üblichen deutschen 1,3-Kind-Familie jede Dynamik und Widerstandskraft abspricht. In der Tat hat es etwas von Lackierarbeiten, wenn man denen, die ins Land durften, nun ihre religiöse Symbolik oder eine bestimmte Frauentracht verbieten möchte. Warum sollte diese erzwungene Angleichung an ein westliches Einerlei plötzlich gut sein, wo man Glaubensernst und würdige Kleidung ob ihrer Bindungs- und Orientierungskraft doch für das eigene Volk gern in eine Renaissance eintreten sähe? Das »Feindbild Moslem« sei in Wahrheit eine wohlfeile Projektionsfläche für ein Versagen, das dem Staat anzulasten sei, argumentiert Lichtschlag.

»Unsere Schwäche ist deren Stärke« – Lichtschlag bohrt ausgiebig und gut begründet in dieser Wunde. Wie schade aber (aus rechter Sicht) und wie konsequent (aus libertärer Sicht), daß er am Ende so etwas wie das amerikanische Modell preist: Multikulti ja, aber knallhart moderiert, als Leistungsgemeinschaft der Starken, die sich über alle ethnischen und kulturellen Grenzen hinweg verstehen und bereichern (im doppelten Sinne!). Spätestens da wird klar, daß ein Libertärer mit »Volk« kein Volk meinen kann. Aber das nimmt dem Bändchen nichts von seinem stacheligen, originellen Ton.

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Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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