Das November-Gedicht: Menschen getroffen

Man sitzt im Auto und wartet auf Kositza, die noch eben im real.- etwas von dem Zeug kaufen muß, das man nicht selber...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

pro­du­zie­ren kann: Zahn­bürs­ten, FAZ, Bier. Am Auto vor­bei zieht man­cher­lei Volk, man kennt jeden zwan­zigs­ten vom Sehen und weiß bei kei­nem, womit sein Gehirn gera­de beschäf­tigt ist und wohin er sich auswächst.

Viel­leicht ent­steht in dem jun­gen Mann, der in sei­nem Korb ein paar Fla­schen Bier und eine Tüte mit auf­ge­schnit­te­nem Brot vor­über­trägt, soeben ein Gedicht – auch Höl­der­lin hät­te so aus­se­hen kön­nen auf sei­nem wochen­lan­gen Weg zurück nach dem Zusam­men­bruch in Bordeaux.

Die Dicke mit den bei­den Ein­kaufs­wä­gen – hat sie für ihre Tour nicht die Arbeit an einem Hör­spiel für den MDR unter­bro­chen und war noch ganz in Gedan­ken, als sie an der Kas­se einen Stau verursachte?

Und die­ser Schü­ler, der dem Hähn­chen-Grill zustrebt, schlur­fend wie ein Behin­der­ter, den Schritt der Jeans wie voll­ge­schis­sen auf Knie­hö­he (in Ber­lin, Köln und Mün­chen längst wie­der aus der Mode): Kommt er viel­leicht aus einem nach­ge­ra­de aso­zia­len Eltern­haus und durch­läuft jetzt eben eine unan­sehn­li­che Pha­se, bevor er 2022 als Abge­ord­ne­ter für die SPD in den Bun­des­tag einzieht?

Ja, viel­leicht, ja! Man kanns nicht wis­sen. Man kann das da drau­ßen nicht ein­fach eben mal sor­tie­ren, vor allem nicht Anfang Novem­ber, wenn der Natur die Mus­keln abhan­den kom­men und man nicht weiß, wo im Boden der Keim für die Früh­jahrs­blü­te steckt. Man muß genau­er hin­se­hen und hin­hö­ren, man wird über­rascht sein.

Auch Gott­fried Benn kann­te die­se Beur­tei­lungs­be­schei­den­heit und das Wun­der der Men­schen-Fun­de – und er schrieb unnach­ahm­lich davon:

Men­schen getroffen

Ich habe Men­schen getrof­fen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüch­tern – als ob sie gar­nicht bean­spru­chen könnten,
auch noch eine Benen­nung zu haben -
„Fräu­lein Chris­ti­an“ ant­wor­te­ten und dann:
„wie der Vor­na­me“, sie woll­ten einem die Erfas­sung erleichtern,
kein schwie­ri­ger Name wie „Popi­ol“ oder „Baben­der­er­de“ -
„wie der Vor­na­me“ – bit­te, belas­ten Sie Ihr Erin­ne­rungs­ver­mö­gen nicht!

Ich habe Men­schen getrof­fen, die
mit Eltern und vier Geschwis­tern in einer Stube
auf­wuch­sen, nachts, die Fin­ger in den Ohren,
am Küchen­her­de lernten,
hoch­ka­men, äußer­lich schön und lady­li­ke wie Gräfinnen –
und inner­lich sanft und flei­ßig wie Nausikaa,
die rei­ne Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und kei­ne Ant­wort gefunden,
woher das Sanf­te und das Gute kommt,
weiß es auch heu­te nicht und muß nun gehn.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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