04. November 2010

Das November-Gedicht: Menschen getroffen

von Götz Kubitschek / 0 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Man sitzt im Auto und wartet auf Kositza, die noch eben im real.- etwas von dem Zeug kaufen muß, das man nicht selber produzieren kann: Zahnbürsten, FAZ, Bier. Am Auto vorbei zieht mancherlei Volk, man kennt jeden zwanzigsten vom Sehen und weiß bei keinem, womit sein Gehirn gerade beschäftigt ist und wohin er sich auswächst.

Vielleicht entsteht in dem jungen Mann, der in seinem Korb ein paar Flaschen Bier und eine Tüte mit aufgeschnittenem Brot vorüberträgt, soeben ein Gedicht - auch Hölderlin hätte so aussehen können auf seinem wochenlangen Weg zurück nach dem Zusammenbruch in Bordeaux.

Die Dicke mit den beiden Einkaufswägen - hat sie für ihre Tour nicht die Arbeit an einem Hörspiel für den MDR unterbrochen und war noch ganz in Gedanken, als sie an der Kasse einen Stau verursachte?

Und dieser Schüler, der dem Hähnchen-Grill zustrebt, schlurfend wie ein Behinderter, den Schritt der Jeans wie vollgeschissen auf Kniehöhe (in Berlin, Köln und München längst wieder aus der Mode): Kommt er vielleicht aus einem nachgerade asozialen Elternhaus und durchläuft jetzt eben eine unansehnliche Phase, bevor er 2022 als Abgeordneter für die SPD in den Bundestag einzieht?

Ja, vielleicht, ja! Man kanns nicht wissen. Man kann das da draußen nicht einfach eben mal sortieren, vor allem nicht Anfang November, wenn der Natur die Muskeln abhanden kommen und man nicht weiß, wo im Boden der Keim für die Frühjahrsblüte steckt. Man muß genauer hinsehen und hinhören, man wird überrascht sein.

Auch Gottfried Benn kannte diese Beurteilungsbescheidenheit und das Wunder der Menschen-Funde - und er schrieb unnachahmlich davon:

Menschen getroffen

Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie garnicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben -
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ -
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!

Ich habe Menschen getroffen, die
mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen –
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehn.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.