Sezession
10. November 2010

Alice Schwarzer beklagt undankbare Töchter

Ellen Kositza

An der Tankstelle sah ich gestern die BILD-Zeitung ausliegen. Die Schlagzeile ging über einen „bizarren Sex-Streit“ zwischen (Bild-Korrepondentin) Alice Schwarzer und Familienministerin Kristina Schröder. Daß es zwischen den beiden Damen „da oben“ mal richtig krachen würde, habe ich seit Jahr & Tag erwartet, klar war mir auch, daß der „bizarre Sex“-Titel sich nicht auf genitale Vergnügungen, sondern auf Geschlechterpolitik beziehen würde.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich hatte – die BILD ließ ich liegen – zu Hause dann Schwierigkeiten, auf Anhieb jenen BILD-Artikel im Netz zu finden. Bei der google-Suche wurde ich zwar an erster Stelle auf die aktuelle BILD verwiesen, aber eben nicht auf den Artikel, sondern hatte die Wahl zwischen den Rubriken „Fußball“, Unterhaltung“, „Erotik“ und „Bild-Girls“. Worunter wäre wohl der „bizarre Sexstreit“ einzuordnen?

Also: Bild.de aufgerufen, dort auf den ersten Blick auch keinen Schröder/Schwarzer-Zoff gefunden, sondern zuvörderst die „Große Serie über Sex-Göttinnen“ und einen Hinweis auf den „Penis-Blitzer in der 2. Liga“. Noch einmal: Für diese Zeitung steht Feministin Alice Schwarzer nicht nur als Korrespondentin (im „Fall Kachelmann“) zur Verfügung, sie hat für das „Meinungsblatt“ auch schon mit ihrem Konterfei auf überlebensgroßen Plakaten geworben!

Und nun wirft ebendiese BILD-Schwarzer der Familienministerin Schröder vor, „Stammtisch-Parolen“ zu „reproduzieren.“

Was war los?

Schröder zeigt sich seit ihrem Antritt gleichsam als Gegenbild der klassischen Emma-Rezipientin. Dieses naiv-mädchenhafte Auftreten, dazu die kindlich hohe Stimme, und nicht zuletzt die (nicht gerade vehemente, aber doch spürbare) inhaltliche Abkehr von der dezidiert feministischen Politik, die sämtliche ihrer VorgängerInnen seit 1968 betrieben haben!

Daß den Emmas die neue Ministerin stinke, war absehbar. Mit anderen CDU-Alphaweibchen gab´s in den vergangenen Jahren massig ausführlich-heitere Interviews (Schavan, von der Leyen, Merkel), zur Personalie Kristina Schröder nur Süffisantes. Als „eingeknickt“ hatte die Emma Schröder bereits deshalb bezeichnet, weil sich die junge Ministerin Kristina Köhler auf die „Mogelpackung“ einließ, nach ihrer Heirat den Namen des Mannes anzunehmen. Der Emma-Frühlingsausgabe war es zwei volle Seiten wert, darauf hinzuweisen, daß "das Recht von Ehefrauen auf den eigenen Namen genauso hart erkämpft ist wie alle anderen Rechte, die Frauen heutzutage in Ehen haben.“

Diese Klage, daß die Töchtergeneration nachlässig, ja undankbar mit den hart erkämpften feministischen Errungenschaften umgehe, ist seit Jahren virulent in Schwarzers Blatt. Schwarzer wird in drei Wochen 68, die 33jährige Schröder könnte also ihre Tochter sein und sieht sich nun in der Situation, als Angehörige der Tochtergeneration eine Art Stellvertreterkrieg gegen die kinderlose Schwarzer führen zu müssen.

In einem Spiegel-Interview am Wochenende hat Schröder nun Schwarzer erstmals dezidiert kritisiert. Einige derer Thesen seien zu radikal und falsch, zum Beispiel, daß “der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau. Es sei „absurd, wenn etwas, das für die Menschheit und deren Fortbestand grundlegend ist, per se als Unterwerfung definiert wird.“ Außerdem bekräftigte Schröder, daß sie Frauenquoten ablehnend gegenüberstünde und denke, daß die Politik Männer- und Jungenprobleme sträflich vernachlässigt habe.

Nun ist es bei Alice Schwarzer so, daß sie durchaus ein dickes Fell hat, so lange Kritik von als subaltern empfundener Seite kommt. Die ficht sie nicht an. Die Kommentarspalten auf ihren Netzseiten sind kaum oder sehr milde moderiert, in ihrem Blatt selbst scheut sie sich nicht, auch harte, zugespitzte und treffende Kritik an ihr selbst abzudrucken. Ausgeholt wird nur, wenn ihr jemand „auf Augenhöhe“ kommt. Das hat mir dem intellektuellen Niveau wenig zu tun, sondern bezieht sich auf die mediale Aufmerksamkeit und die Stellung der jeweiligen Kontrahentin im öffentlichen Leben. Dann wird die joviale Talkshow-Ratesendung-Schwarzer zur Kratzbürste, mindestens.

Gegen Esther Vilar, Eva Herman und selbst die arme Verona Feldbusch – nachdem die der Schwarzer telegen ordentlich Paroli geboten hat -- hat sie verbale Keulen geschwungen und teils üble Denunziationskampagnen angeschoben. Und jetzt die Familienministerin, die „hanebüchenen Unsinn“ von sich gebe -- allein deshalb „hanebüchen“, weil Schröder sich auf etwas bezieht, das Schwarzer „1975(!)“ also “zwei Jahre vor Ihrer (Schröders, E.K.) Geburt“ geschrieben habe. Daß die Schwarzer ihre alten und uralten Einlässe regelmäßig als Artikel in der Emma abdruckt und zwischen frische Buchdeckel pressen läßt – keine Rede davon bei Schwarzer 2010. Weiter schreibt Schwarzer in ihrem „Offenen Brief“ (eine ihrer beliebten Kommunikationsformen), die von Schröder erwähnte und kritisierte „Feminiserung pädagogischer Berufe“ liege daran, daß „Kindergärtner und Lehrer schlecht bezahlte und gesellschaftlich nicht anerkannte Berufe seien“. Ja klar: Deshalb arbeiten wohl auch in Bergwerken, bei der Müllabfuhr, auf Schlachthöfen fast nur ausgebeutete Frauen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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