Alice Schwarzer beklagt undankbare Töchter

An der Tankstelle sah ich gestern die BILD-Zeitung ausliegen. Die Schlagzeile ging über einen „bizarren Sex-Streit“ zwischen (Bild-Korrepondentin) Alice Schwarzer und Familienministerin Kristina Schröder. Daß es zwischen den beiden Damen „da oben“ mal richtig krachen würde, habe ich seit Jahr & Tag erwartet, klar war mir auch, daß der „bizarre Sex“-Titel sich nicht auf genitale Vergnügungen, sondern auf Geschlechterpolitik beziehen würde.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich hat­te – die BILD ließ ich lie­gen – zu Hau­se dann Schwie­rig­kei­ten, auf Anhieb jenen BILD-Arti­kel im Netz zu fin­den. Bei der goog­le-Suche wur­de ich zwar an ers­ter Stel­le auf die aktu­el­le BILD ver­wie­sen, aber eben nicht auf den Arti­kel, son­dern hat­te die Wahl zwi­schen den Rubri­ken „Fuß­ball“, Unter­hal­tung“, „Ero­tik“ und „Bild-Girls“. Wor­un­ter wäre wohl der „bizar­re Sex­streit“ einzuordnen?

Also: Bild.de auf­ge­ru­fen, dort auf den ers­ten Blick auch kei­nen Schrö­de­r/­Schwar­zer-Zoff gefun­den, son­dern zuvör­derst die „Gro­ße Serie über Sex-Göt­tin­nen“ und einen Hin­weis auf den „Penis-Blit­zer in der 2. Liga“. Noch ein­mal: Für die­se Zei­tung steht Femi­nis­tin Ali­ce Schwar­zer nicht nur als Kor­re­spon­den­tin (im „Fall Kachel­mann“) zur Ver­fü­gung, sie hat für das „Mei­nungs­blatt“ auch schon mit ihrem Kon­ter­fei auf über­le­bens­gro­ßen Pla­ka­ten geworben!

Und nun wirft eben­die­se BILD-Schwar­zer der Fami­li­en­mi­nis­te­rin Schrö­der vor, „Stamm­tisch-Paro­len“ zu „repro­du­zie­ren.“

Was war los?

Schrö­der zeigt sich seit ihrem Antritt gleich­sam als Gegen­bild der klas­si­schen Emma-Rezi­pi­en­tin. Die­ses naiv-mäd­chen­haf­te Auf­tre­ten, dazu die kind­lich hohe Stim­me, und nicht zuletzt die (nicht gera­de vehe­men­te, aber doch spür­ba­re) inhalt­li­che Abkehr von der dezi­diert femi­nis­ti­schen Poli­tik, die sämt­li­che ihrer Vor­gän­ge­rIn­nen seit 1968 betrie­ben haben!

Daß den Emmas die neue Minis­te­rin stin­ke, war abseh­bar. Mit ande­ren CDU-Alpha­weib­chen gab´s in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mas­sig aus­führ­lich-hei­te­re Inter­views (Scha­van, von der Ley­en, Mer­kel), zur Per­so­na­lie Kris­ti­na Schrö­der nur Süf­fi­san­tes. Als „ein­ge­knickt“ hat­te die Emma Schrö­der bereits des­halb bezeich­net, weil sich die jun­ge Minis­te­rin Kris­ti­na Köh­ler auf die „Mogel­pa­ckung“ ein­ließ, nach ihrer Hei­rat den Namen des Man­nes anzu­neh­men. Der Emma-Früh­lings­aus­ga­be war es zwei vol­le Sei­ten wert, dar­auf hin­zu­wei­sen, daß “das Recht von Ehe­frau­en auf den eige­nen Namen genau­so hart erkämpft ist wie alle ande­ren Rech­te, die Frau­en heut­zu­ta­ge in Ehen haben.“

Die­se Kla­ge, daß die Töch­ter­ge­nera­ti­on nach­läs­sig, ja undank­bar mit den hart erkämpf­ten femi­nis­ti­schen Errun­gen­schaf­ten umge­he, ist seit Jah­ren viru­lent in Schwar­zers Blatt. Schwar­zer wird in drei Wochen 68, die 33jährige Schrö­der könn­te also ihre Toch­ter sein und sieht sich nun in der Situa­ti­on, als Ange­hö­ri­ge der Toch­ter­ge­nera­ti­on eine Art Stell­ver­tre­ter­krieg gegen die kin­der­lo­se Schwar­zer füh­ren zu müssen.

In einem Spie­gel-Inter­view am Wochen­en­de hat Schrö­der nun Schwar­zer erst­mals dezi­diert kri­ti­siert. Eini­ge derer The­sen sei­en zu radi­kal und falsch, zum Bei­spiel, daß “der hete­ro­se­xu­el­le Geschlechts­ver­kehr kaum mög­lich sei ohne die Unter­wer­fung der Frau. Es sei „absurd, wenn etwas, das für die Mensch­heit und deren Fort­be­stand grund­le­gend ist, per se als Unter­wer­fung defi­niert wird.“ Außer­dem bekräf­tig­te Schrö­der, daß sie Frau­en­quo­ten ableh­nend gegen­über­stün­de und den­ke, daß die Poli­tik Män­ner- und Jun­gen­pro­ble­me sträf­lich ver­nach­läs­sigt habe.

Nun ist es bei Ali­ce Schwar­zer so, daß sie durch­aus ein dickes Fell hat, so lan­ge Kri­tik von als sub­al­tern emp­fun­de­ner Sei­te kommt. Die ficht sie nicht an. Die Kom­men­tar­spal­ten auf ihren Netz­sei­ten sind kaum oder sehr mil­de mode­riert, in ihrem Blatt selbst scheut sie sich nicht, auch har­te, zuge­spitz­te und tref­fen­de Kri­tik an ihr selbst abzu­dru­cken. Aus­ge­holt wird nur, wenn ihr jemand „auf Augen­hö­he“ kommt. Das hat mir dem intel­lek­tu­el­len Niveau wenig zu tun, son­dern bezieht sich auf die media­le Auf­merk­sam­keit und die Stel­lung der jewei­li­gen Kon­tra­hen­tin im öffent­li­chen Leben. Dann wird die jovia­le Talk­show-Rate­sen­dung-Schwar­zer zur Kratz­bürs­te, mindestens.

Gegen Esther Vilar, Eva Her­man und selbst die arme Vero­na Feld­busch – nach­dem die der Schwar­zer tele­gen ordent­lich Paro­li gebo­ten hat – hat sie ver­ba­le Keu­len geschwun­gen und teils üble Denun­zia­ti­ons­kam­pa­gnen ange­scho­ben. Und jetzt die Fami­li­en­mi­nis­te­rin, die „hane­bü­che­nen Unsinn“ von sich gebe – allein des­halb „hane­bü­chen“, weil Schrö­der sich auf etwas bezieht, das Schwar­zer „1975(!)“ also “zwei Jah­re vor Ihrer (Schrö­ders, E.K.) Geburt“ geschrie­ben habe. Daß die Schwar­zer ihre alten und uralten Ein­läs­se regel­mä­ßig als Arti­kel in der Emma abdruckt und zwi­schen fri­sche Buch­de­ckel pres­sen läßt – kei­ne Rede davon bei Schwar­zer 2010. Wei­ter schreibt Schwar­zer in ihrem „Offe­nen Brief“ (eine ihrer belieb­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men), die von Schrö­der erwähn­te und kri­ti­sier­te „Femi­ni­se­rung päd­ago­gi­scher Beru­fe“ lie­ge dar­an, daß „Kin­der­gärt­ner und Leh­rer schlecht bezahl­te und gesell­schaft­lich nicht aner­kann­te Beru­fe sei­en“. Ja klar: Des­halb arbei­ten wohl auch in Berg­wer­ken, bei der Müll­ab­fuhr, auf Schlacht­hö­fen fast nur aus­ge­beu­te­te Frauen.

Schwar­zer möch­te Schrö­der eigent­lich „noch vie­les sagen“. Tut sie aber nicht, denn: „Darf ich offen sein? Ich hal­te Sie für schlicht unge­eig­net. Zumin­dest für die­sen Pos­ten. Viel­leicht soll­ten Sie Pres­se-Spre­che­rin der neu­en, alten so medi­en­wirk­sam agie­ren­den, rechts­kon­ser­va­ti­ven Män­ner­bün­de werden.“

Hier ist eine ein­deu­tig über­ge­schnappt, und um das zu kaschie­ren und sich die Stim­me einer ange­maß­ten Mehr­heit geben , unter­schreibt Schwar­zer mit dem ihre Posi­ti­on stär­ken­den Zusatz: „eine von vie­len frü­hen Feministinnen.”

Die Dis­kus­si­on, die um die­se Auf­re­gung nun allein auf Schwar­zers Netz­sei­te ent­brannt ist, ergänzt das hie­si­ge Mei­nungs­bild ganz vor­treff­lich: Schwar­zers Cla­queu­re üben sich eif­rig dar­in, sich selbst zu dis­kre­die­tie­ren. Wie etwa “lul­la­by”, die ernst­haft klagt, inwie­fern sie sich als „radi­kal­fe­mi­nis­tisch indok­tri­nier­te les­bi­sche Erzie­he­rin“ von Schrö­der dis­kri­mi­niert sieht. Oder wie „Kak­tus“, die sich beim Lesen des Schrö­der-Inter­views „wirk­lich fremd­ge­schmämt“ habe, daß sie „in Deutsch­land gebo­ren“ ist. Inter­es­sant auch die bio­lo­gis­ti­sche Stu­ten­bis­sig­keit einer Kom­men­ta­to­rin, die ver­mu­tet, Schrö­der sei­en „nach dem Ein­tritt in den Ehe­stand die Hor­mo­ne durch­ein­an­der­ge­ra­ten“. „Morning Star“ sieht die Schrö­der­schen Ein­las­sun­gen als Beleg dafür, daß „wir noch im Patri­ar­chat, d.h. der Vate­ran­be­tung (s. Gott etc.)“ lebten.

Whow!

Letzt­lich über­wiegt hin­ge­gen die Kri­tik an Schwar­zer, und die ist im Schnitt auch intel­li­gen­ter for­mu­liert, etwa durch „Peter“:

Lie­be Frau Schwar­zer, wenn Sie recht haben mit Ihrer Mei­nung, dass Frau Schrö­der inkom­pe­tent ist, und gleich­zei­tig recht haben damit, dass Frau Schrö­ders Kar­rie­re auch durch den Femi­nis­mus ermög­licht wur­de, dann haben wir jetzt, was zu erwar­ten war: Einen Anteil inkom­pe­ten­ter Frau­en in hohen Posi­tio­nen. Kei­ne Sor­ge, Sie wer­den auch inkom­pe­ten­te Frau­en in DAX-Vor­stän­de hie­ven. War­um soll­ten nur inkom­pe­ten­te Män­ner ganz nach oben kommen?

Deut­lich auch „Katha­ri­na M.“

Ich fin­de es eine Unver­schämt­heit ihrer­seits, wie Sie Men­schen behan­deln, die eine ande­re Mei­nung ver­tre­ten als Sie! Jemand der nicht Ihrer Mei­nung ist scheint immer inkom­pe­tent zu sein?! Sie maßen sich schein­bar an, all­wis­send zu sein…Und Sie wun­dern sich über jeman­den, der beschließt, den Namen des Man­nes anzunehmen?Es soll­te das Recht der Frau sein, dies zu tun, wenn sie es will. (…) Wis­sen Sie was? Ja, ich bin eine Frau und ja, ich bin gegen eine Quo­te. Ich habe kei­ne Lust den Arbeits­platz nur wegen mei­nes Geschlechts zu bekom­men. Lie­ber bekom­me ich ihn wegen mei­ner Leis­tung (…). Wenn alle Men­schen so wären wie Sie, gäbe es Deutsch­land wohl nicht mehr, da kei­ne Frau mehr Kin­der bekom­men würde.

Oder „Eine Frau“:

Sie haben den Zeit­punkt ver­passt, an dem es bes­ser gewe­sen wäre, auf­zu­hö­ren. Sie haben Frau­en aus dem “Käfig der Män­ner” raus­ge­holt, und sper­ren die­se jetzt in ihren eige­nen Käfig ein. So fühlt sich für mich, als Frau, ihr Ideo­lo­gien­ge­bäu­de an. Eine Frau, die nicht ihre Ideo­lo­gien teilt, das ist ein Welt­un­ter­gang. Wir schrei­ben das Jahr 2010, Frau Schwar­zer. Das Mit­tel­al­ter ist vor­bei und es wäre gut, wenn auch sie mal ein biss­chen Rea­li­tät unter den Füßen fin­den würden

Schließ­lich: Wer die Debat­te als „bizar­ren Sex-Streit“ oder als „Zicken­krieg“ auf­faßt, begibt sich im Grun­de auf das Niveau, mit dem Ger­hard Schrö­der sei­ner­zeit Fami­li­en­po­li­tik als ver­nach­läs­si­gens­wer­tes „Gedöns“ abtat.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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