24. November 2010

Birth or not

von Ellen Kositza / 0 Kommentare

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Seit einiger Zeit lassen “Pete und Alisha”, ein Paar aus den USA, auf ihrer Netzseite www.birthornot.com die Netzöffentlichkeit darüber abstimmen, ob sie ihr gemeinsames, allem Anschein nach gesundes Kind abtreiben lassen sollen oder nicht. Weil diese furchtbar originelle Idee von hunderten Multiplikatoren verbreitet wurde, haben sich mittlerweile über anderthalb Millionen user zur Abgabe ihre Stimme hinreißen lassen.

Bis dato plädieren 1.220 000 für einen Abbruch und knapp 400.000 für eine Geburt des Kindes; dabei nimmt die Quote der Abtreibungsbefürworter seit Beginn stetig zu. Die Abstimmung endet am 9. Dezember, weil ab dann eine Abtreibung nicht mehr legal wäre. Die beiden Erzeuger tun naiv so, als verhülfen sie mit dieser Massenbefragung dem demokratischen Prinzip zu einer endlich mal realen Geltung:
Voting is such an integral part of the American identity. We vote on everything. We vote on things ranging from the best singer on American Idol to who the next leader of the free world will be. Wouldn’t it be nice to voice your opinion and have it actually make a difference in the real world? Why not vote on whether to continue or abort an actual pregnancy? Your vote can help a real couple to make a decision on this issue.

Müßig, sich weiter über diese Aktion auszulassen. Ob das Pärchen, daß bereits zwei Kinder durch Fehlgeburten verloren hat, „aufrütteln“ will (und wenn, in welchem Sinne?) oder einfach nur ein paar Tage weltweite Aufmerksamkeit genießen will – es ist relativ egal.

Ach ja, „relativ“ ist gerade in diesen „absoluten“ Fragen über Leben oder Tod so vieles. Was aus meiner Sicht zur letzten Woche tobenden Präimplantationsdiagnostik zu sagen wäre, hat mir bereits Baal Müller aus dem Mund genommen: Da wurde teils vehement für das Lebensrecht  extrauteriner Zellen gestritten, während die "normale", täglich hundertfach durchgeführte Abtreibung selbst für dezidierte Gegner der PID politisch nicht auf der Tagesordnung steht. Man darf getrost von einer Tabuisierung der Sachlage sprechen. In all den Magazinen und Frauenzeitschriften, die sonst jedes "Tabu" brechen, wird das Thema gemieden. Zur Sprache kommt es allenfalls, wo es um das noch durchzusetzende weltweite Frauenrecht auf hygienischen, sicheren und kostengünstigen Schwangerschaftsabbruch geht.

„Relativ“ gesehen steht Deutschland bei der Tötung von Embryonen ja gar nicht schlecht da, selbst, wenn man annimmt – wofür es handfeste Indizien gibt -, daß die offizielle Zahl eine geschönte ist : Wir haben konstant um die 8 gemeldete Abbrüche jährlich pro 1000 Frauen im „gebärfähigen Alter“ (die sogenannte Abtreibungsquote). Die absoluten Geburtenzahlen (665.000 im Vorjahr) gehen dabei allerdings jährlich stärker zurück als die Abtreibungszahlen (offiziell 111 000).

Interessant ist, daß die embryonalen Überlebenschancen in einigen Bundesländern (Rheinland-Pfalz, Bayern, BaWü, Niedersachsen, Schleswig-Holstein) signifikant höher sind als etwa in Berlin oder Bremen. In Bayern kamen auf 1000 lebensgeborene Kinder rund 124 Abgetriebene, in Berlin waren es 307 -- Zahlen von 2007.

Allein die Schweiz und die beiden einzig verbliebenen Länder mit einer restriktiven Abtreibungsregelung, Polen und Irland haben vitalere Quoten. In Rußland werden Jahr für Jahr deutlich mehr Kinder abgetrieben als geboren, in Estland, Lettland, Rumänien (hierzu gab vor Jahren einen der eindrückliche Filme, die ich kenne) und Bulgarien sieht es ähnlich aus, selbst der Wohlfahrtsstaat Schweden weist eine Abtreibungsquote von über 21 auf, kaum niedriger ist sie in den USA und nur geringfügig besser in Frankreich (17), Norwegen (16) und Spanien (16).

Kürzlich las und rezensierte ich das autobiographische Buch der Schriftstellerin Irene Vilar, die zwischen ihrem 18. und 34. Lebensjahr 15 Abtreibungen hat vornehmen lassen. Nun hat sie zwei Töchter und berichtet eindringlich über die schmerzhaften Jahre ihrer Selbstverleugnung. Vilar wird von nun Feministinnen angefeindet – wegen ihrer innigen Umkehr - , noch mehr jedoch von Angehörigen der amerikanischen Pro-Life-Bewegung und „aus dem Volk heraus“, von Leuten also, die grundsätzlich womöglich „pro choice“ eingestellt sind, aber finden, hier habe eine deutlich die Grenzen des Verantwortbaren und Erträglichen überschritten. (Wo, bei welcher Zahl an Abbrüchen, läge die wohl?) Die Schmähungen, mit denen Vilar im Netz für ihr trauriges Bekenntnis überzogen wird, sind niederträchtig und wohlfeil, sie soll bereits Morddrohungen erhalten haben. Das ist auch eine Frucht des Kampfes, den die Lebensrecht-Bewegung in den USA führt. Ich kanns Vilar nicht verdenken, daß sie trotz aller Reue von Anfang an Distanz zu diesen haßerfüllten, bisweilen bigotten Gruppen gehalten hat, denen die Nöte ungewollt schwangerer Frauen nichts gelten.

Daß wir in Deutschland eine zwar immer noch bedrückende, aber international günstige Zahl an Abbrüchen haben (festhalten muß man ja, daß Frauen zu allen Zeiten abgetrieben haben, auch jenseits der Legalität und ohne Kostenübernahme durch den Staat), ist – neben einer vergleichsweise tiefgehenden Vorstellung des Begriffs Menschenwürde - vor allem zweierlei zu verdanken: Einmal einer Verhütungsmentalität, die man als „typisch deutsch“ bezeichnen wird dürfen: zuverlässig, verantwortungsbewußt, im ganzen lieber auf „Nummer Sicher“ denn auf romantische Spontaneität setzend.

Zum anderen ist die Arbeit, die die Lebensrechtorganisationen hier leisten, gar nicht hoch genug einzuschätzen! Polemiken gegen Frauen, die keinen anderen Ausweg als Abtreibung sehen oder überhaupt jedwedes aggressive Vorgehen findet man hier nicht. Wieviele Leben durch die einfühlsame, hilfreiche und, ja, aufopfernde Arbeit dieser Frauen bereits gerettet wurden, läßt sich schwer beziffern. Der oft ketzerisch geäußerte Vorwurf, die Lebensrechtler interessierten sich nur für den Embryo und nicht für die austragende und späterhin verantwortliche Frau, geht völlig an der Realität vorbei. Für besonders lobenswert und unbedingt unterstützenswert halte ich das Projekt 1000plus, das die Organisationen Pro femina e.V., Stiftung Ja zum Leben und Die BIRKE e.V. gemeinsam initiiert haben. Angesichts der massiv gestiegenen Nachfrage nach Beratung und Hilfe wollen diese Initiativen ihr Beratungsnetz bundesweit so ausbauen, daß sie jährlich mindestens 1000 Schwangeren in Konfliktsituationen unterstützen können. 2010 haben allein die Online-Beraterinnen 700 Frauen nach Kräften zu helfen versuchten. Nach eigenen Angaben entscheiden sich um 80% der ungewollt Schwangeren nach diesen individuellen Hilfsangeboten für ihr Kind. Ausführlich und nachvollziehbar listen die 1000plus-Frauen nun auf, wie sich die 84.000 Euro monatlich zusammensetzen, die das mittlerweile weitgespannte Hilfswerk benötigt, um die anvisierten 1000 Schwangeren jährlich zu erreichen. Die Firma HiPP hat nun 1000 Babyflaschen gesponsort, damit Botschafter des Anliegens diese als Spendendosen umwandeln, auch Prof. Claus Hipp sammelt persönlich damit für 1000plus. Das Konzept von 1000plus mag auch deshalb so überzeugend sein, weil sich dieses Projekt so handfest, das heißt zeitgemäß und unverkitscht, den Schwangeren im Konflikt annimmt. Meine voradventliche Tat jedenfalls war, eine Vereinsmitgliedschaft zu kündigen und das Geld als monatliche Klein- Spende zu 1000plus umzuleiten.

Hier nachtun!

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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