Seppuku vor 40 Jahren: Yukio Mishima

pdf der Druckfassung aus Sezession 39/ Dezember 2010

von Daniel Napiorkowski

Vor 40 Jahren beging der japanische Schriftsteller Yukio Mishima feierlich Selbstmord. Seine Tat war konsequent.

 Gastbeitrag

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In einem Abschieds­brief an sei­nen eng­li­schen Über­set­zer, den Wis­sen­schaft­ler Donald Kee­ne, schrieb er: »Es war schon seit lan­gem mein Wunsch, nicht als Lite­rat, son­dern als Sol­dat zu sterben«.

Als sol­cher starb er auch. Mit vier Kame­ra­den aus der »Schild­ge­sell­schaft«, sei­ner klei­nen Pri­vat­mi­liz, drang er, bewaff­net mit Samu­rai­schwer­tern und geklei­det in eine Phan­ta­sie­uni­form, am Vor­mit­tag des 25. Novem­ber 1970 in das Haupt­quar­tier der japa­ni­schen Selbst­ver­tei­di­gungs­streit­kräf­te in Tokio ein. Dort nahm er einen Gene­ral als Gei­sel und for­der­te als Gegen­leis­tung für des­sen Frei­las­sung, eine Rede vor den Sol­da­ten der Gar­ni­son hal­ten zu dür­fen. Über tau­send Sol­da­ten ver­sam­mel­ten sich auf dem Kaser­nen­hof des Quar­tiers, wäh­rend Mishi­ma sich auf den Bal­kon stell­te, die Hän­de in die Hüf­ten stütz­te und einen Appell auf die Kai­serherr­schaft, die alt­ehr­wür­di­ge Tra­di­ti­on Japans und den Samu­rai­geist hielt.

Der Appell blieb unver­stan­den, Mishi­ma ern­te­te Spott und Beschimp­fun­gen aus der Men­ge und brach die Rede vor­zei­tig ab. Er zog sich mit sei­nen Beglei­tern in ein Zim­mer zurück und beging seppu­ku, die tra­di­tio­nel­le japa­ni­sche Form des Selbst­mords durch Bau­ch­auf­schnei­den, wie sie auch die Samu­rai prak­ti­ziert haben. Noch bevor Mishi­ma unter Schmer­zen starb, köpf­te ihn einer sei­ner Beglei­ter. So hat­te man es abge­spro­chen, und ver­ein­bart war auch, daß ihm ein ande­rer Beglei­ter (pikan­ter­wei­se Mishi­mas Gelieb­ter Mori­ta) in den Tod folg­te. Das Bild von Mishi­mas abge­trenn­tem Kopf, den immer noch ein Stirn­band mit dem Sym­bol der auf­ge­hen­den Son­ne zier­te, ging um die Welt.

Ein ande­rer Abgang Mishi­mas ist nur schwer­lich vor­stell­bar. Der Groß­teil sei­nes Lebens gleicht einer zere­mo­ni­el­len Selbst­in­sze­nie­rung, und der Groß­teil sei­nes künst­le­ri­schen Schaf­fens kreist um den Gedan­ken des Selbst­mords: Unge­zählt sind sei­ne lite­ra­ri­schen Arbei­ten, in denen der Sui­zid als ästhe­ti­sches Ritu­al idea­li­siert wird; unge­zählt sind sei­ne Auf­trit­te, bei denen er sich als Schau­spie­ler in Film und Thea­ter in lan­gen, schmerz­vol­len Akten selbst tötet.

Als Kind und Jugend­li­cher war der am 14. Janu­ar 1925 als Kimita­ke Hirao­ka in Tokio gebo­re­ne Mishi­ma schmäch­tig, unna­tür­lich blaß und zurück­hal­tend. Sei­ne domi­nan­te Groß­mutter, die einen gro­ßen Ein­fluß auf die gesam­te Fami­lie aus­üb­te, ver­bat ihm den Umgang mit gleich­alt­ri­gen Jun­gen; er durf­te nur mit Mäd­chen spie­len. Män­ner­kör­per – vor allem Samu­rai­krie­ger und euro­päi­sche Rit­ter, die er aus Bil­der­bü­chern kann­te – übten daher bereits im Kin­des­al­ter einen beson­de­ren Reiz auf ihn aus. Als er eines Tages erfuhr, daß der Rit­ter auf einem sei­ner Lieb­lings­bil­der eine Frau, Jean­ne d’Arc, sei, war er dar­über sehr enttäuscht.

Als Her­an­wach­sen­der ver­brach­te Mishi­ma sei­ne Frei­zeit vor­nehm­lich mit Lesen, wobei ihn auch euro­päi­sche Lite­ra­tur, ins­be­son­de­re Ray­mond Radi­guet – des­sen Roman Der Teu­fel im Leib (1923) viel­fach ver­filmt wur­de –, Oscar Wil­de und Rai­ner Maria Ril­ke, präg­te. Spä­ter wird er Tho­mas Mann als den Schrift­stel­ler benen­nen, den er am meis­ten schätzt. Da bei Mishi­ma irr­tüm­lich eine begin­nen­de Tuber­ku­lo­se dia­gnos­ti­ziert wur­de, muß­te er den Mili­tär­dienst im Zwei­ten Welt­krieg nicht leisten.

Um dem Ein­druck der Ver­letz­lich­keit ent­ge­gen­zu­wir­ken, wid­me­te sich Mishi­ma fort­an inten­siv dem Kampf- und Kraft­sport. Dank einer gna­den­lo­sen Selbst­dis­zi­plin hat­te er schon bald den mus­kel­ge­stähl­ten Kör­per, den er sich wünsch­te. Nicht sel­ten wur­den Mishi­ma spä­ter Nar­ziß­mus und dan­dy­haf­te Züge nach­ge­sagt; tat­säch­lich zei­gen ihn vie­le sei­ner Bil­der in heroi­scher Samu­rai­po­se mit nack­tem, ein­ge­öl­tem Ober­kör­per oder her­risch drein­bli­ckend in dunk­lem maß­ge­schnei­der­tem Anzug. Mishi­ma wur­de sein eige­nes Ide­al, er wur­de der Held, den er als Kind so bewun­dert hatte.

Nach­dem sei­ne ers­ten schrift­stel­le­ri­schen Schrit­te weit­ge­hend unbe­ach­tet blie­ben, gelang ihm 1949 mit Geständ­nis einer Mas­ke sein ers­ter Erfolg. Das stre­cken­wei­se auto­bio­gra­phi­sche Werk ist das Por­trät eines sen­si­blen, von Selbst­zwei­feln bedräng­ten Jun­gen an der Schwel­le zum Erwach­sen­sein. Bereits hier tre­ten zahl­rei­che The­men auf, die sich wie rote Fäden durch Mishi­mas Werk zie­hen: die Todes­sehn­sucht, die ero­ti­sche Zunei­gung zu Kna­ben, die auf­fal­len­de Beto­nung von Brust- und vor allem Ach­sel­haar an männ­li­chen Körpern.

Ein wei­te­res stets wie­der­keh­ren­des Motiv in sei­nem Werk ist die Figur des Hei­li­gen Sebas­ti­an, des römi­schen Sol­da­ten, der zum christ­li­chen Mär­ty­rer wur­de. In Geständ­nis einer Mas­ke bewirkt der Anblick eines Gemäl­des des ita­lie­ni­schen Barock­ma­lers Gui­do Reni, das den Hei­li­gen, mal­trä­tiert und halb­nackt an einen Baum gefes­selt, abbil­det, die ers­te Eja­ku­la­ti­on des Erzäh­lers; 1966 ver­öf­fent­lich­te Mishi­ma eine Über­set­zung von Gabrie­le d’Annunzios Büh­nen­werk Mär­ty­rer­tum des hei­li­gen Sebas­ti­an und ließ sich von dem japa­ni­schen Foto­gra­fen Kis­hin Shi­no­ya­ma in der Pose, die Gui­do Reni für sein Sebas­ti­an-Gemäl­de aus­ge­wählt hat­te, foto­gra­fie­ren: mit nack­tem, von meh­re­ren Pfei­len durch­bohr­tem Ober­kör­per – wobei ein Pfeil mar­kant aus sei­ner lin­ken, schwarz behaar­ten Ach­sel­höh­le herausragt.

Obwohl Mishi­ma zu einem auch inter­na­tio­nal erfolg­rei­chen und gefei­er­ten Schrift­stel­ler avan­cier­te, schrieb er auch wei­ter­hin immer wie­der etli­che anspruchs­lo­se Auf­trags­ar­bei­ten, die in Maga­zi­nen oder als Fort­set­zung in Tages­zei­tun­gen ver­öf­fent­licht wur­den. Auf dem quan­ti­ta­ti­ven Höhe­punkt sei­nes Schaf­fens ent­stan­den bis zu drei Roma­ne und ein Dut­zend Kurz­ge­schich­ten im Jahr. Aus der brei­ten Mas­se der in den 50er Jah­ren ent­stan­de­nen Wer­ke ste­chen ins­be­son­de­re Die Bran­dung (1954), eine zeit­ge­nös­si­sche japa­ni­sche Inter­pre­ta­ti­on der anti­ken Lie­bes­ge­schich­te um Daph­nis und Chloe, und Der Tem­pel­brand (1956) her­vor. Hier­in erzählt Mishi­ma von dem authen­ti­schen Fall eines Pries­ter­an­wär­ters, der im Nach­kriegs­ja­pan einen der schöns­ten bud­dhis­ti­schen Tem­pel, der den Bom­ben­ha­gel im Zwei­ten Welt­krieg unbe­scha­det über­stan­den hat, anzündet.

Neben sei­nen Roma­nen schrieb Mishi­ma auch zahl­rei­che Thea­ter­stü­cke und trat selbst als Schau­spie­ler von NÕ-Stü­cken auf. NÕ bezeich­net ein klas­si­sches japa­ni­sches Thea­ter, das tra­di­tio­nell nur von Män­nern gespielt wird und sich vor­nehm­lich mit Moti­ven der japa­ni­schen Mytho­lo­gie befaßt. 1957 ver­brach­te Mishi­ma ein hal­bes Jahr in den USA, wo er sich u.a. die Auf­füh­rung sei­ner Stü­cke anschau­en woll­te. Ver­bit­tert und unver­mit­telt brach er sei­nen Auf­ent­halt am Sil­ves­ter­tag ab. Auch wenn ihn gewis­se Aspek­te am ame­ri­ka­ni­schen Lebens­stil reiz­ten, öde­te ihn auf Dau­er die dor­ti­ge Selbst­sucht, die Fixie­rung auf Mate­ri­el­les ab, wie sein eng­li­scher Über­set­zer Kee­ne mit Blick auf das – lei­der nicht ins Deut­sche über­setz­te – »Rei­se­bil­der­buch« Mishi­mas feststellt.

Inso­weit blieb sein Ver­hält­nis zum Wes­ten, ins­be­son­de­re zu den USA zeit­le­bens ein gespal­te­nes. Am deut­lichs­ten drück­te Mishi­mas eige­nes Haus die­se Ambi­va­lenz aus: Es bestand aus einem west­lich und einem tra­di­tio­nell japa­nisch möblier­ten Trakt. Über­haupt zeich­ne­te eine gewis­se Zer­ris­sen­heit Mishi­mas Leben aus: Pri­vat chan­gier­te es zwi­schen Bür­ger­tum und Pro­vo­ka­ti­on. Er hei­ra­te­te und wur­de Vater zwei­er Kin­der, nachts durch­streif­te er hin­ge­gen die ein­schlä­gi­gen Homo­se­xu­el­len-Bars in Tokio. Künst­le­risch mach­te der welt­weit aner­kann­te, mehr­mals für den Lite­ra­tur­no­bel­preis vor­ge­schla­ge­ne Schrift­stel­ler Sei­ten­sprün­ge, indem er auch Rol­len in bil­lig pro­du­zier­ten Trash­fil­men spielte.

Als Mishi­ma 1968 erneut als einer der enge­ren Kan­di­da­ten für den Lite­ra­tur­no­bel­preis dis­ku­tiert wur­de, schmei­chel­te ihm dies natür­lich. Die Wahl fiel schließ­lich auf den Japa­ner Kawa­ba­ta Yasu­na­ri. Mishi­ma eil­te zu Yasu­na­ri, um ihm als ers­ter gra­tu­lie­ren zu dür­fen, und auch auf den gemein­sa­men Fotos bei der Pres­se­kon­fe­renz macht Mishi­ma einen erfreu­ten Ein­druck. Doch so ganz ist ihm die Beherr­schung nicht geglückt; sein Bio­graph Hen­ry Scott Sto­kes, der Mishi­ma auch pri­vat gut kann­te, beob­ach­te­te in den kom­men­den Tagen eine gewis­se Ent­täu­schung und Nie­der­ge­schla­gen­heit. Viel­leicht waren dies jene sel­te­nen Momen­te, die Mishi­ma ohne Mas­ke zeig­ten: sen­si­bel und von Selbst­zwei­feln bedrückt.

In den 60er Jah­ren streif­te sich Mishi­ma all­mäh­lich eine wei­te­re Mas­ke über: er ent­deck­te die Poli­tik. Bereits in den 50er Jah­ren trat die japa­ni­sche Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei mit der Anre­gung an ihn her­an, über einen Ein­tritt in die Par­tei nach­zu­den­ken; die­sem Kurio­sum darf jedoch kaum eine ernst­zu­neh­men­de Rele­vanz bei­gemes­sen wer­den. Lite­ra­risch näher­te sich Mishi­ma erst­mals im Jah­re 1960 poli­ti­schen The­men an. Der Roman Nach dem Ban­kett erzählt von den Ver­stri­ckun­gen eines Diplo­ma­ten in poli­ti­sche Macht­struk­tu­ren, zwei­fel­haf­te Geld­ge­schäf­te und pri­va­te Lieb­schaf­ten. Die Geschich­te beruht auf einem authen­ti­schen Fall – die Roman­fi­gur ist an einen ehe­ma­li­gen libe­ra­len Außen­mi­nis­ter Japans ange­lehnt –, Mishi­mas eige­ne poli­ti­sche Posi­ti­on bleibt aber unklar.

Die im sel­ben Jahr erschie­ne­ne Kurz­ge­schich­te Patrio­tis­mus ist hin­ge­gen eine deut­li­che Ver­beu­gung vor dem Ethos des japa­ni­schen Sol­da­ten­tums. Als Hin­ter­grund der Geschich­te dient der Ni-Ni-Roku-Auf­stand vom 26. Febru­ar 1936, bei dem sich eine Rei­he jun­ger Offi­zie­re infol­ge außen­po­li­ti­scher Dis­kre­pan­zen zwi­schen Regie­rung und mili­tä­ri­scher Füh­rung gegen letz­te­re erhob und dabei den Tod fand. Patrio­tis­mus beschreibt den letz­ten Abend eines jun­gen, frisch ver­hei­ra­te­ten Leut­nants, der gemein­sam mit sei­ner Frau den Frei­tod wählt, um nicht gegen sei­ne Kame­ra­den – die auf­stän­di­schen Offi­zie­re – vor­ge­hen zu müs­sen. In einer bis dato nicht bekann­ten Detail­liert­heit schil­dert Mishi­ma den Selbst­mord als einen zere­mo­ni­el­len Akt, als selbst­ver­ständ­li­che Ant­wort auf einen mora­li­schen Inter­es­sen­kon­flikt. In der fünf Jah­re spä­ter unter sei­ner Regie ent­stan­de­nen Ver­fil­mung spiel­te Mishi­ma die Rol­le des jun­gen Offi­ziers selbst. Auch hier gleicht der Sui­zid einem fei­er­li­chen Ritual.

Das schick­sal­haf­te Jahr 1968 ließ auch Japan nicht unbe­rührt. Auch hier herrsch­te eine poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Unru­he, deren Stif­ter mehr­heit­lich links stan­den. Mishi­ma beob­ach­te­te die Ent­wick­lung mit Inter­es­se und such­te zu den weni­gen rech­ten Stu­den­ten­grup­pen Kon­takt. Im Som­mer 1968 grün­de­te er eine para­mi­li­tä­ri­sche Ver­ei­ni­gung, die soge­nann­te Schild­ge­sell­schaft (japa­nisch: Tate­no­kai), die sich aus­schließ­lich aus jun­gen Stu­den­ten rekru­tier­te und die für die Rück­kehr der klas­si­schen Kai­serherr­schaft ein­trat. Es war der Ver­such, eine an ästhe­ti­schen Idea­len und tra­di­tio­nel­len japa­ni­schen Vor­stel­lun­gen ori­en­tier­te Eli­te aufzubauen.

Mishi­ma mach­te die jun­gen Män­ner mit den Tugen­den des bushi­do, dem Ver­hal­tens­ko­dex der Samu­rai, ver­traut und unter­rich­te­te sie in Kara­te sowie in Schwert­kampf. Er ließ eige­ne Uni­for­men schnei­dern, ein Wap­pen ent­wer­fen und kre­ierte sogar eine eige­ne Hym­ne. Auf­grund der stren­gen Auf­nah­me­vor­aus­set­zun­gen hat­te die Schild­ge­sell­schaft nie­mals mehr als hun­dert Mit­glie­der, was Mishi­ma nur recht war; er sprach von der »kleins­ten Armee der Welt und der größ­ten an Geist«.

Die öffent­li­che Reso­nanz auf die Schild­ge­sell­schaft fiel erstaun­lich dürf­tig aus. Dies über­rasch­te um so mehr, als die Schild­ge­sell­schaft mit aus­drück­li­cher Geneh­mi­gung des dama­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters Naka­so­ne sogar in den Mili­tär­ka­ser­nen der japa­ni­schen Armee exer­zie­ren durf­te. Die japa­ni­schen Medi­en beach­te­ten Mishi­mas pri­va­te Miliz trotz­dem kaum, und wenn, dann nah­men sie sie als den Spleen eines exzen­tri­schen Schrift­stel­lers wahr, der eine »Spiel­zeug­ar­mee« unter­hielt. Auch das Ver­hält­nis zwi­schen Mishi­mas Schild­ge­sell­schaft und ande­ren poli­tisch rechts­ste­hen­den Orga­ni­sa­tio­nen blieb von einem gewis­sen Des­in­ter­es­se geprägt. Erst post­hum ent­deck­ten eini­ge Grup­pie­run­gen aus dem Umfeld der japa­ni­schen »Neu­en Rech­ten« – allen vor­an die natio­na­lis­ti­sche Issui­kai, die erst kürz­lich auch euro­pa­weit auf sich auf­merk­sam mach­te, nach­dem sie meh­re­re Dele­gier­te euro­päi­scher Rechts­par­tei­en zum tra­di­tio­nel­len Besuch des Yasuku­ni-Schrein ein­ge­la­den hat­ten – die poli­ti­sche Strahl­kraft Mishi­mas. Seit 1972 ver­an­stal­tet die Issui­kai gemein­sam mit ande­ren rech­ten Grup­pie­run­gen all­jähr­lich ein Hel­den­ge­den­ken mit anschlie­ßen­dem Besuch an Mishi­mas Grab.

Im Mai 1969 nahm Mishi­ma die Ein­lan­dung radi­ka­ler lin­ker Stu­den­ten zu einer Podi­ums­dis­kus­si­on an der Uni­ver­si­tät von Tokio an. Es ent­wi­ckel­te sich ein teil­wei­se recht aggres­si­ves Streit­ge­spräch, wäh­rend dem Mishi­ma sei­ne poli­ti­schen Stand­punk­te, ins­be­son­de­re sei­ne Ver­eh­rung des Kai­sers bekräf­tig­te, aber auch Berüh­rungs­punk­te zu den lin­ken Stu­den­ten beton­te. Auch er wol­le Unru­he hin­ein­brin­gen, auch er has­se Men­schen, die »in Ruhe dasit­zen«. Er schloß sei­ne Rede mit einem Ver­spre­chen: »Eines Tages wer­de ich auf­ste­hen gegen das Sys­tem, so wie ihr Stu­den­ten auf­ge­stan­den seid – aber anders.« Es bleibt unklar, wie weit Mishi­mas Absicht eines Staats­streichs bereits im Mai 1969 aus­ge­reift war. Daß er je an einen poli­ti­schen Erfolg sei­ner Akti­on geglaubt hat, darf wohl bezwei­felt wer­den. Viel­mehr bil­de­te der nai­ve, zum Schei­tern ver­ur­teil­te Umsturz­ver­such nur einen Vor­wand, nur einen anspre­chen­den Rah­men für die Insze­nie­rung sei­nes eige­nen Todes, den er so vie­le Male zuvor ein­ge­übt hatte.

Mishi­ma erwar­te­te wenig Loh­nen­des von der Zukunft. In einem Arti­kel von 1962 schrieb er: »In der Bron­ze­zeit betrug die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung der Men­schen acht­zehn Jah­re; zur Römer­zeit waren es zwei­und­zwan­zig. Damals muß der Him­mel voll gewe­sen sein mit schö­nen, jun­gen Men­schen. In letz­ter Zeit muß es dort oben erbärm­lich aus­se­hen.« Auch in sei­nen Roma­nen griff er mehr­mals den Gedan­ken auf, Selbst­mord zu bege­hen, solan­ge der Kör­per noch schön und mus­ku­lös ist. Mishi­ma selbst befand sich 1970 mit sei­nen 45 Jah­ren kör­per­lich in bes­ter Ver­fas­sung. Die kom­men­den Jah­re wür­den jedoch unwei­ger­lich ein Abneh­men sei­ner phy­si­schen Kräf­te bedeuten.

Lite­ra­risch war er auf dem Höhe­punkt sei­nes Schaf­fens. Mit Die Todes­ma­le des Engels – das Manu­skript hier­zu kor­ri­gier­te er noch am Vor­abend sei­nes Todes und adres­sier­te es an sei­nen Ver­le­ger – been­de­te er sein monu­men­ta­les, vier­bän­di­ges Epos Das Meer der Frucht­bar­keit, an dem er die letz­ten sechs Jah­re gear­bei­tet hat­te. Zudem ent­frem­de­te er sich zuneh­mend von einer Gesell­schaft, die für Begrif­fe wie Ehre und Tra­di­ti­on immer weni­ger emp­fäng­lich war. Alles Kom­men­de hät­te dem Gesamt­kunst­werk Yukio Mishi­ma an Glo­rie genom­men. Das Todes­fa­nal aber voll­ende­te es auf eine mor­bi­de Weise.

(Mishi­ma ist Ange­hö­ri­ger der Divi­si­on Antaios)

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