Martin Lichtmesz: Besetztes Gelände

Ebenso wie Josef Schüßlburner hat Sezession Martin Lichtmesz drei Fragen zu seinem kaplaken-Band „Besetztes Gelände. Deutschland im Film nach ´45“ gestellt.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Licht­mesz betont, jedes Land habe die Fil­me­ma­cher bekom­men, die es auch ver­dient. Was heißt das für Deutschland?

Mar­tin, wenn Schul­kas­sen ins Kino zu Fil­men wie Der Unter­gang geschickt wer­den, wie wird dann ihr Geschichts­be­wußt­sein geprägt?

Das läßt sich nicht pau­schal beant­wor­ten. Gera­de Der Unter­gang wur­de ja von der Kri­tik sehr unter­schied­lich wahr­ge­nom­men, je nach­dem, wo man gera­de im aktu­el­len Koor­di­na­ten­sys­tem der Bewäl­ti­gung stand. Ich fra­ge mich eher, was sich jene Leu­te den­ken, die über­haupt auf die Idee kom­men, eine Schul­klas­se aus die­sem oder jenem Grund ins Kino zu schlei­fen. Oft genug gehen deren Inten­tio­nen ja nach hin­ten los. Das Kino soll­te über­haupt kei­ne päd­ago­gi­sche oder mora­li­sche Lehr­an­stalt sein, zumin­dest nicht in dem plat­ten Sin­ne, wie sich das ein paar Volks­er­zie­her vorstellen.

Ich erin­ne­re mich, als ich im KZ Buchen­wald mit einem Film über die Ver­nich­tung der Juden kon­fron­tiert wur­de. Ich erin­ne­re mich auch noch ganz genau an die Minu­ten in einem Semi­nar an der Uni­ver­si­tät, als der Film Nacht und Nebel von Alain Res­nais gezeigt wur­de. Danach herrsch­te Toten­stil­le. Kann man sich sol­chen Bil­dern ent­zie­hen? Kann man sie je vergessen?

Man soll­te eher dazu erzie­hen, nicht nur offen­kun­di­gen Schund wie die berüch­tig­te Serie Holo­caust, son­dern auch Stoff für High-Brows wie Nacht und Nebel, und über­haupt alle Fil­me zu his­to­ri­schen Sujets kri­tisch und distan­ziert zu betrach­ten. Das gilt erst recht für alles, was mit dem Zwei­ten Welt­krieg zu tun hat. Es gibt kei­nen Grund, hier über­ehr­fürch­tig zu sein, dage­gen aber vie­le Grün­de, grund­sätz­lich miß­trau­isch zu sein. Ob man sich scho­ckie­ren­den Bil­dern ent­zie­hen kann oder will, wie man sie sehen oder ver­ste­hen will, das liegt in der frei­en Ent­schei­dung des Ein­zel­nen. Vor allem soll­te er sich fra­gen, was der Fil­me­ma­cher, der ihm die­se Bil­der vor­setzt und für ihn deu­tet, von ihm, dem Zuschau­er, eigent­lich will, und ob er bereit ist, die­sen Griff nach sei­nen Gefüh­le und sei­nem Den­ken zu gestat­ten.

Du wünschst dir, daß Fil­me­ma­cher in Zukunft „die geduck­te Ängst­lich­keit der Schlön­dorffs hin­ter sich las­sen“. Was genau erwar­test du vom deut­schen Film?

Was Schlön­dorff betrifft, so bezog sich die­ser Satz von mir auf des­sen in einem Gespräch mit Adam Krze­min­ski geäu­ßer­te Furcht, die deut­sche Geschich­te und ihre Mythen eben­so zu behan­deln wie etwa sein Kol­le­ge Andrzej Waj­da in Polen das gemacht hat, „sie anbe­ten und zugleich ent­lar­ven.“ Was die deut­sche Geschich­te im Spie­gel des Films betrifft, vor allem deren bis­her zu kurz gekom­me­ne Sei­ten, so wür­de ich mir einen gerech­te­ren und tief­grün­di­ge­ren Umgang wün­schen, als bis­her in Mach­wer­ken wie Dres­den oder Die Flucht und so wei­ter der Fall war.

Natür­lich fal­len ein Kuro­sa­wa, ein Waj­da oder ein Vis­con­ti, die dafür zustän­dig wären, nicht vom Him­mel. Fil­me sind teu­er, Fil­me sind Gemein­schafts­pro­duk­te, Fil­me brau­chen ein für sie offe­nes Publi­kum, sie kön­nen nur sel­ten gegen den Zeit­geist und sei­ne Neben­strö­mun­gen schwim­men. Jedes Land hat auch die Fil­me­ma­cher und die Fil­me, die es ver­dient, und mir scheint, daß wir heu­te in Deutsch­land nicht nur in die­sem Bereich in sta­gnie­ren­den und unfrucht­ba­ren Zei­ten leben.

 

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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