Sezession
26. November 2010

Martin Lichtmesz: Besetztes Gelände

Felix Menzel

Ebenso wie Josef Schüßlburner hat Sezession Martin Lichtmesz drei Fragen zu seinem kaplaken-Band „Besetztes Gelände. Deutschland im Film nach ´45“ gestellt. Lichtmesz betont, jedes Land habe die Filmemacher bekommen, die es auch verdient. Was heißt das für Deutschland?

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Martin, wenn Schulkassen ins Kino zu Filmen wie Der Untergang geschickt werden, wie wird dann ihr Geschichtsbewußtsein geprägt?

Das läßt sich nicht pauschal beantworten. Gerade Der Untergang wurde ja von der Kritik sehr unterschiedlich wahrgenommen, je nachdem, wo man gerade im aktuellen Koordinatensystem der Bewältigung stand. Ich frage mich eher, was sich jene Leute denken, die überhaupt auf die Idee kommen, eine Schulklasse aus diesem oder jenem Grund ins Kino zu schleifen. Oft genug gehen deren Intentionen ja nach hinten los. Das Kino sollte überhaupt keine pädagogische oder moralische Lehranstalt sein, zumindest nicht in dem platten Sinne, wie sich das ein paar Volkserzieher vorstellen.

Ich erinnere mich, als ich im KZ Buchenwald mit einem Film über die Vernichtung der Juden konfrontiert wurde. Ich erinnere mich auch noch ganz genau an die Minuten in einem Seminar an der Universität, als der Film Nacht und Nebel von Alain Resnais gezeigt wurde. Danach herrschte Totenstille. Kann man sich solchen Bildern entziehen? Kann man sie je vergessen?

Man sollte eher dazu erziehen, nicht nur offenkundigen Schund wie die berüchtigte Serie Holocaust, sondern auch Stoff für High-Brows wie Nacht und Nebel, und überhaupt alle Filme zu historischen Sujets kritisch und distanziert zu betrachten. Das gilt erst recht für alles, was mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Es gibt keinen Grund, hier überehrfürchtig zu sein, dagegen aber viele Gründe, grundsätzlich mißtrauisch zu sein. Ob man sich schockierenden Bildern entziehen kann oder will, wie man sie sehen oder verstehen will, das liegt in der freien Entscheidung des Einzelnen. Vor allem sollte er sich fragen, was der Filmemacher, der ihm diese Bilder vorsetzt und für ihn deutet, von ihm, dem Zuschauer, eigentlich will, und ob er bereit ist, diesen Griff nach seinen Gefühle und seinem Denken zu gestatten.

Du wünschst dir, daß Filmemacher in Zukunft „die geduckte Ängstlichkeit der Schlöndorffs hinter sich lassen“. Was genau erwartest du vom deutschen Film?

Was Schlöndorff betrifft, so bezog sich dieser Satz von mir auf dessen in einem Gespräch mit Adam Krzeminski geäußerte Furcht, die deutsche Geschichte und ihre Mythen ebenso zu behandeln wie etwa sein Kollege Andrzej Wajda in Polen das gemacht hat, „sie anbeten und zugleich entlarven.“ Was die deutsche Geschichte im Spiegel des Films betrifft, vor allem deren bisher zu kurz gekommene Seiten, so würde ich mir einen gerechteren und tiefgründigeren Umgang wünschen, als bisher in Machwerken wie Dresden oder Die Flucht und so weiter der Fall war.

Natürlich fallen ein Kurosawa, ein Wajda oder ein Visconti, die dafür zuständig wären, nicht vom Himmel. Filme sind teuer, Filme sind Gemeinschaftsprodukte, Filme brauchen ein für sie offenes Publikum, sie können nur selten gegen den Zeitgeist und seine Nebenströmungen schwimmen. Jedes Land hat auch die Filmemacher und die Filme, die es verdient, und mir scheint, daß wir heute in Deutschland nicht nur in diesem Bereich in stagnierenden und unfruchtbaren Zeiten leben.

(Zum Kaplaken-Bändchen von Martin Lichtmesz gehts hier.)


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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