2. Dezember 2010

Unsichtbare Gegner (2): Der kommende Aufstand, antäisch

Martin Lichtmesz / 14 Kommentare

Der taz-Artikel eines Herrn Johannes Thumfart über den angeblichen immanenten Rechtsdrall des vieldiskutierten radikalen Manifests Der kommende Aufstand wurde inzwischen auch (mit kleineren Veränderungen) in der Jungle World abgedruckt. Zur Erinnerung: Das Pamphlet enthalte ein gerüttelt Maß an "deutscher Ideologie", denn durch seine Seiten würden die via französische Rezeption gefilterten teutschen Bösewichte Heidegger und Schmitt geistern.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Online-Fassung des Artikels schmückt sich mit einem suggestiven Bild in Schwarz-Weiß, das offenbar den Unterleib eines Bauern in breitbeiniger Pose aus heroischer Untersicht zeigt, mit Gummistiefeln, die nicht von ungefähr an Fascho-Knobelbecher erinnern, hinter sich eine Scheune und einen dramatischen Himmel. So stellt man sich vermutlich in manchen Kreisen Götz Kubitschek beim Gartenbewirtschaften im "faschistischen Stil" vor. Untertitel: "Die elitäre Revoluzzer-Pose hilft nicht weiter: Aufstand mit Bodenhaftung", wobei "elitär" und "Boden-" wohl sinistre Effekte setzen sollen.

Suspekte Indizien für den rechten Schlenker des französischen Pamphlets sind für den Autor des taz/JW-Artikels unter anderem dessen Klage über die "Zerstörung sämtlicher Verwurzelungen" durch die technifizierte Zivilisation und die Kritik am "Imperialismus des Relativen", der Tyrannei des "anything goes", in der nichts wahr ist und alles erlaubt: "Keine soziale Ordnung kann dauerhaft auf dem Prinzip aufbauen, dass nichts wahr ist."

Tatsächlich ist eines der Hauptthemen des Pamphlets die Kritik an der Atomisierung des Individuums, seiner Herauslösung aus allen lebendigen Bindungen, um es in ein narzißtisches, konsumierendes Rädchen im System zu verwandeln. Das liest sich dort unter anderem so:

Es macht schwindelig, das »I AM WHAT I AM« von Reebok an einem Wolkenkratzer von Schanghai thronen zu sehen. (...) Die Freiheit ist nicht die Geste, uns von unseren Verbundenheiten loszulösen, sondern die praktische Fähigkeit, auf sie einzuwirken, sich in ihnen zu bewegen, sie zu erschaffen oder zu durchtrennen. (...) Wir entledigen uns nicht von dem, was uns fesselt, ohne gleichzeitig das zu verlieren, worauf sich unsere Kräfte ausüben könnten.

»I AM WHAT I AM«, also, keine bloße Lüge, keine bloße Werbekampagne, sondern ein Feldzug, ein Kriegsschrei, gerichtet gegen alles, was es zwischen den Wesen gibt, gegen alles, was ununterscheidbar zirkuliert, alles, was sie unsichtbar miteinander verbindet, alles, was die perfekte Verwüstung hindert, gegen alles, was bewirkt, dass wir existieren und dass die Welt nicht überall wie eine Autobahn aussieht, wie ein Vergnügungspark  oder  eine  Trabantenstadt: pure Langeweile, ohne Leidenschaft und wohl geordnet, leerer Raum, eiskalt, nur noch durchquert von registrierten Körpern, automobilen Molekülen und idealen Waren.

(...)

Es ist nicht das Ich, was bei uns in der Krise ist, sondern die Form, die  man uns aufzuzwingen versucht. Es sollen wohl abgegrenzte, wohl  getrennte Ichs aus uns gemacht werden, zuordenbar und zählbar nach Qualitäten, kurz: kontrollierbar; während wir Kreaturen unter Kreaturen sind, Einzigartigkeiten unter unseresgleichen, lebendiges  Fleisch, welches das Gewebe der Welt bildet.

Das erinnert an den Aphorismus von Nicolás Gómez Dávila, daß die modernen Menschen wie "identische Monaden" seien, die einander feindlich gegenüber stehen. Monaden, aber auch Nomaden, Entortete, mitunter Entortete am eigenen Ort:

Es gibt keine »Frage der Immigration«. Wer wächst noch da auf, wo er geboren wurde? Wer wohnt da, wo er aufgewachsen ist? Wer arbeitet da, wo er wohnt? Wer wohnt dort, wo seine Vorfahren gelebt haben? Und von wem sind die Kinder dieser Epoche, vom Fernsehen oder von ihren Eltern? Die Wahrheit ist, dass wir massenhaft aus jeder Zugehörigkeit gerissen wurden, dass wir von nirgendwo mehr herkommen, und dass sich  daraus,  gleichzeitig mit einer ungewöhnlichen Neigung zum Tourismus, ein nicht zu leugnendes Leiden ergibt. Unsere Geschichte ist jene der Kolonisierungen, der Migrationen, Kriege, Exile, der Zerstörung  sämtlicher Verwurzelungen. Es ist die Geschichte all dessen, was uns zu Fremden in dieser Welt gemacht hat, zu Gästen in unserer eigenen Familie. Wir wurden unserer Sprache enteignet durch die Schule, unserer Lieder durch die Hitparade, unseres Fleisches durch die Massenpornographie, unserer Stadt durch die Polizei, unserer Freunde  durch die Lohnarbeit. (...)

Der Franzose ist mehr als alle andern der Enteignete, der Elende. Sein Hass auf die Ausländer mischt sich unter seinen Hass auf sich als Fremden. Seine Eifersucht, gemischt mit dem Entsetzen über die »Banlieues«,  drückt  nur  sein  Ressentiment aus, über all das, was er verloren hat. Er kann es sich nicht verkneifen, diese sogenannten Stadtteile der »Verbannung« zu beneiden. Stadtteile, in denen noch ein bißchen gemeinschaftliches Leben besteht, etwas Verbundenheit zwischen den Menschen, ein paar nichtstaatliche Solidaritäten, eine informelle Ökonomie, eine Organisation, die noch nicht von denen getrennt ist,  die sie organisieren.

Wir sind an einem Punkt des Verlusts  angelangt, an dem die einzige Art und Weise, sich als Franzose zu fühlen, ist, Immigranten zu beschimpfen, diejenigen, die sichtbarer Fremde sind als ich. Die Immigranten haben in diesem Land eine seltsame Position der Souveränität: Wären sie nicht da, würden die Franzosen vielleicht nicht mehr existieren.

Der Begriff "Liberalismus", in dem Sinne, wie er sich dem Konservativen darstellt, findet sich nirgends in dem Text. Wo der Autor allerdings von einer "Zivilisation" spricht, die globale Verwüstung sät, und die Keime zu ihrer eigenen Zerstörung in sich trägt, wird deutlich, daß er nichts anderes meint. Er wiederholt die alte Kritik am Liberalismus, daß der liberale Staat die Grundlagen nicht garantieren kann, auf denen er aufbaut, daß er vielmehr paradoxerweise stetig an demselben Ast sägt, auf dem er auch sitzt. An einem bestimmten Punkt wird er zur bloßen Tautologie seiner selbst, wie auch das "I am what I am" des Reebok-Slogans.

Hans-Dietrich Sander schrieb in seiner fulminanten Kritik der Entortung Die Auflösung aller Dinge, daß der Sozialismus und der Liberalismus,- die Sieger von 1945 -, "die Welt binnen weniger Jahrzehnte in einen Augiasstall verwandelt" hätten. Papst Johannes Paul II. sprach von der "epidemischen Ausbreitung einer Zivilisation des Todes".  Man vergleiche dies mit den Sätzen des "unsichtbaren Komitees":

Es gibt keinen "Zivilisationsschock". Was es gibt, ist eine Zivilisation in klinisch totem Zustand, die an sämtliche lebenserhaltenden Apparate angeschlossen wird und die in der planetaren Atmosphäre einen charakteristischen Gestank verbreitet. An diesem Punkt gibt es keinen einzigen ihrer »Werte«, an den sie noch irgendwie glauben kann, und jede Behauptung wirkt auf sie wie eine Unverschämtheit, eine Provokation, die es auszuwaiden, zu dekonstruieren und in den Zustand des Zweifels zu versetzen gilt.

Auch in folgenden Zeilen höre ich entfernt die Stimme des alten reaccionario Don Nicolás wiederhallen:

Der abendländische Imperialismus ist heute jener des
Relativismus  der  »Sichtweise«,  der böse Blick aus dem Augenwinkel, oder das verletzte Protestieren gegen alles, was dumm genug, primitiv genug oder selbstgefällig genug ist, um noch an etwas zu glauben, für irgendetwas einzustehen. Er ist jener Dogmatismus der Fragestellung, des komplizenhaften Augenzwinkern der universitären und literarischen Intelligentsia. Keine Kritik ist den postmodernen Denkern zu radikal, solange sie ein Nichts an Gewissheit umhüllt. Noch vor einem Jahrhundert lag der Skandal in jeder etwas auffälligen Verneinung, heute liegt er in jeder unerschütterlichen Behauptung.

Dem folgt eine Absage an die verbliebenen antiliberalen Strömungen:

Selbstverständlich findet der Imperialismus des Relativen in irgendeinem leeren Dogmatismus, in irgendeinem Marxismus-Leninismus, irgendeiner Salafiyya, in irgendeinem Neo-Nazismus einen angemessenen Gegner, jemand, der, wie die Abendländler, Behauptung mit Provokation verwechselt.

All diese Wahrnehmungen von seiten der Linken sind nicht neu; ähnliches konnte man bereits in den Sechziger Jahren von Querköpfen wie Pier Paolo Pasolini hören, und die Frage nach der Entfremdung und dem Adorno'schen "richtigen Leben im Falschen" sind immer schon Dauerbrenner der Linken gewesen, auch wenn man eher umgekehrt vorzugsweise den (falschen) Verwurzelungen selber die Schuld gab, und die radikale Emanzipation als Heilmittel empfahl. Wenn man so will, kann man diese Linie bis zu den klassischen Sätzen des Kommunistischen Manifests zurückverfolgen:

Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.

Besonderen Eindruck hat in dieser Hinsicht auf mich persönlich vor Jahren ein Buch des linken Gefängnispsychologen Götz Eisenberg gemacht: Amok - Kinder der Kälte (2000), das sich der Frage stellte, warum es den US-Import "Amoklauf unter Jugendlichen" nun "auch auf deutsch" gäbe.  Darin hieß es etwa:

Die dreifache Potenz von Globalisierung, Rationalisierung und Flexibilisierung zieht eine politische, gesellschaftliche und psychische Desintegration nach sich, die uns eine Involution der Zivilisation und ein Anwachsen der Barbarei bescheren wird.

Eisenberg diagnostizierte einen fortschreitenden Weg von einer (nach Alexander Mitscherlich) "vaterlosen" zu einer "elternlosen Gesellschaft", in der insbesondere die familiären Bindungen immer mehr auseinanderfielen: "Der Schonraum der Familie wird geschleift, vermittelnde psychische Strukturen bilden sich kaum noch aus." Die "sozialpsychologische Struktur des Zeitalters" sei das "Borderline-Syndrom". Im Zustand des "Borderline" sind die Ich-Grenzen destabilisiert, das Innere zeigt sich als

... eine Welt zerrissener Emotionen, böser, verfolgender Partialobjekte, verschlingender Abgründe, eine Hölle der Desintegration und der Fragmentierung, lauter gestauchte Teile eines psychischen Puzzles, die sich zu keiner Identität mehr zusammenfügen lassen. Um dieser Hölle zu entgehen, verwandelt der in einer unaufhaltsam scheinenden Regression begriffene Mensch seine Angst, die ihn körperlich und psychisch zu verschlingen droht, in Wut, die er nach außen wendet und dort anderen die Hölle bereitet. Der innere Haß wird in die Welt projiziert und verwandelt sich im Extremfall des Amoks in die Masse der Umzubringenden.

Es ist nicht schwierig, hier eine Linie zu den Gewalt- und Zerstörungsphantasien des "unsichtbaren Komitees" zu ziehen, die für sich beanspruchen, "die nötigen Wahrheiten fixiert" zu haben, "deren universelle Verdrängung die psychiatrischen Kliniken und die Blicke mit Schmerz füllt".  Dazu paßt auch wie die Faust aufs Auge, daß Tyler Durden, der den Kommenden Aufstand wohl noch mehr beeinflußt hat als Heidegger und Deleuze zusammen, auch nichts anderes als ein Borderliner war. Züge davon trägt auch der ebenfalls von Felix Serrao ins Spiel gebrachte Joker, der psychopathische Anarcho-Terrorist aus dem Batman-Film The Dark Knight, mit dessen Gruselschminke mißtrauische und rebellische Bürger in den USA auf Agitprop-Plakaten ihre Staatsoberhäupter verzieren.

Einen genialen Griff machte Eisenberg, als er die Ausbreitung des Borderlinesyndroms in der Gesellschaft mit der entortenden und entgrenzenden "Kultur der Globalisierung" in Verbindung brachte. Diese sei in den Worten John Bergers "vielleicht die klaustrophobischte, die je existierte", die "wie Boschs Hölle keinen Blick auf ein Anderswo oder Anderswie zuläßt. Das Vorhandene schließt sich zum Gefängnis."

Die fehlende "Borderline" der Psyche und die "no borders" der Globalisierung als parallele Entwicklungen! "With Usura is no clear demarcation" (Ezra Pound, Canto XLV). Das ist gerade aus konservativer, d.h. antäischer, verortender Sicht überaus schlüssig. Die Pointe, daß gerade die am weitreichendsten vernetzte, globalisierte Welt sich zum klaustrophobischen Gefängnis schließt, könnte man ebenso als Bestätigung konservativer Paradoxa sehen, wie den Fall des Individuums, das sich selbst zur unkontrollierbaren Hölle ohne Freiheit und Souveränität wird, weil ihm die Grenzen und Beschränkungen fehlen.

Was sich in den Milieus der Antifa und Linksradikalen an haltlosen, diffus aggressiven jungen Menschen zusammensammelt, ist ohne Zweifel zu einem erheblichen Prozentsatz vom Borderlinesyndrom betroffen. Hier würde auch dieses eigenartige Wüten gegen eine übermächtige Nation, die es nicht mehr gibt, gegen einen Gott, an den keiner mehr glaubt, gegen eine Erziehung, die zunehmend verweigert wird, und gegen einen Staat, der es kaum mehr wagt, seine eigenen Interessen durchzusetzen, in einem ganz neuen Licht erscheinen. Das paranoische, typisch borderlineartig selbstgerechte Bild, das die Antifa von der "Staatsgewalt" pflegt, ist in dieser Perspektive im Grunde nichts anderes als das kindliche "Betteln nach der Ohrfeige". Man hat in Antifakreisen, so scheint es oft, eine tiefsitzende Sehnsucht nach dem Schlagstock des Büttels. All dieser entfesselte Irrsinn ist zu einem großen Teil nicht das Ergebnis von zuviel, sondern von zuwenig Erziehung und "Repression". Dafür sprechen auch die fordernden, juvenil-zornigen Manga-Gesichter, die sich die Antifas mit Vorliebe auf die Aufkleber und Plakate drucken: man sieht sich im Grunde als ewig tobendes Kind mit Abgrenzungsproblemen und unbegrenzten Ansprüchen.

An diesem Punkt war auch Götz Eisenberg angelangt, aber an dieser Stelle ist es auch, wo ihm die Fäden aus der Hand glitten. Denn nun ist man nur einen Schritt davon entfernt, die klassischen "emanzipatorischen" Strategien und Parteinahmen der Linken auf die Anklagebank zu stellen.  All diese Dinge bekommt man von Links nicht in den Griff, ohne sich in massive Widersprüche und Selbsttäuschungen zu verstricken - woraus sich wohl auch der blühende kontrafaktische Unfug zwischen den treffenderen Absätzen des Kommenden Aufstands erklärt.

Eisenberg versuchte, die gesellschaftliche Misere über Adorno, Negt, Marx und Psychoanalyse zu erfassen. Damit kann man einigermaßen weit kommen. Aber wenn er dann am Ende seiner Analyse ausgerechnet das "Antidot der Utopie" (also wörtlich U-topia,  die Nicht-Örtlichkeit, die Ortlosigkeit) empfiehlt und Ernst Bloch aus seinem Mottenkistensarg kramt, dann ist die denkerische Sackgasse wieder zugemacht, und das ist nicht ohne Zusammenhang mit der Struktur des linken Denkens überhaupt.

Denn das linke Dilemma ist ja dieses: wer sich nun als Linker anschickt, den Leichnam der "klinisch toten Zivilisation" zu sezieren, wer nun über Entwurzelung, Vereinzelung, Bindungslosigkeit oder gar Rationalisierung klagt, wird eingestehen müssen, daß die Linke selbst an diesen Entwicklungen einen erklecklichen Anteil hatte und hat. War es denn nicht die Linke, die den Einzelnen zu Tode und in Stücke emanzipiert hat, um ihn aus "repressiven" Bindungen zu befreien? Es nützt nichts, über den "flexiblen Kapitalismus" und die Konsumwelt zu klagen, ohne zu erkennen, daß die Linke selbst ihm den Weg geebnet hat, indem sie alles weggeputzt und plattgewälzt hat, was der Totalherrschaft des Marktes, der Vernutzung und des Geldes entgegenstand.

Nun stehen die Autoren vor dem Debakel wie jeder andere auch, und wissen keinen anderen Ausweg mehr, als sich die Birne an der Wand einzuhauen, den Salat in die Luft zu jagen und den Polizei- und Gulagstaat durch die Entfesselung von Anarchie und Kriminalität herauf zu provozieren.

Linke, die diese Zusammenhänge und Lagen nicht wahrhaben wollen, schreiben dann eben Artikel wie jener Johannes Thumfart in der taz und Jungle World, die allen Ernstes den Status Quo verteidigen wollen, als wäre er die Weimarer Republik vor der Machtergreifung, wie sie sich der kleine FDGO-Demokratenmaxi vorstellt: ein Art Proto-BRD, die mir nichts dir nichts vom böswilligen Extremistenstiefel plattgemacht wurde. Sie klingen darin auch nicht anders als die Wulffs und Merkels und Schäubles und Westerwelles und all die anderen destruktiven Extremisten an der Staatsspitze, denen die, jawohl, "Schwatzbuden" des Parlaments ohnehin nur mehr als Kasperletheater dienen, das davon ablenken soll, wie hinter den Kulissen eine Hand die andere wäscht.

Kompletter Irrsinn aber ist es, so zu tun, als sei etwas so Elementares wie "Bodenhaftung" reaktionär, als hätte die totale Emanzipierung wirklich eine bessere Welt geschaffen, und als müsse man nur noch mehr und mehr emanzipieren, als wir uns heute überhaupt erst vorstellen können, um die beste aller Welten zu schaffen. An diese Grundlagen glaubt heute kein Mensch mehr, der alle Tassen im Schrank hat. Einmal mehr wäre hier die Linke in der Wirklichkeit angekommen, da können ihre behäbigeren Teile noch so sehr "Heidegger", "Schmitt" und "deutsche Ideologie" spotzen wie sie wollen. Dann wäre es aber auch Zeit, überhaupt diesen ganzen linken Theorieballast abzuwerfen, der ja doch nur die Sicht verstellt, und in Form von "korruptiven Gedankengängen" (Hans Blüher) die Gehirne aufweicht und Augen trübt.

Es ist aber auch eine Täuschung, sich wie Felix Serrao in der SZ eher resignativ abzufinden und "unsere moderne Massendemokratie kapitalistischen Zuschnitts" mit zusammengebissenen Zähnen als "so bleiern wie alternativlos" zu akzeptieren. Das würde nämlich eine Statik und Stabilität des Status quo voraussetzen, die nicht gegeben ist. Das Bleierne wäre zu ertragen, wenn diese Gesellschaftsordnung wenigstens Fortbestand und Sicherheit gewähren wurde. Aber das eben tut sie nicht, sondern sie zerstört sich aktiv selbst, von innen heraus, auf der Grundlage ihrer eigenen Prämissen, und in diesem Punkt haben die Autoren des Kommenden Aufstands richtig gesehen.

Bild: William Blake, Antaeus


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (14)

schattenkoenig
2. Dezember 2010 22:48

Applaus, liebe Linke. Nichts, überhaupt nichts, was ihr je getan habt, ob Kommunismus, Feminismus, Frankfurter Schule, Multikulti oder Antifaschismus, hat je das bewirkt, was ihr laut Eurer eigenen Propaganda beabsichtigt haben wollt. Überall und jederzeit wart ihr nur die Dampfwalze, die den globalen Schrecknissen, die da kommen sollten, den Weg ebnete.

Es hätte doch jedem klar sein müssen, daß die Nihilisten nicht zu Euch kamen und leutselig sagten: Wir wollen die Gesellschaft atomisieren und zwecks Gewinnmaximierung einem internationalen Kontrollsystem unterwerfen, sondern sich für dieses Ziel einer etwas phantasievolleren Maskierung bedienen mußten. Man hat Euch und Eure Phantasien über hundert Jahre lang gespielt wie eine Violine! Da kann man schon mal neugierig werden: wie gedenkt man Euch linke Dummbeutel und nützliche Idioten wohl in Zukunft dazu zu bringen, das Kommende auch noch zu bewirken?

Wenn das jetzige liberale System sich in bereits absehbarer Zukunft selbst zerstört haben wird - was kommt danach? Bekommen wir Deutschen dann unser verlorenes Reich wieder, und alles wird gut? Oder haben die Architekten der Globalisierung (ich setze mal voraus, daß es die gibt - das sagen die uns nämlich schon ständig, nur wir sind z.T. zu blöd, das dann zu verstehen) bereits weitergeplant?

Wenn das derzeitige Wirtschaftsmodell auch an die Wand fährt; die zu Menschenbrei vermischten Völker soll niemals mehr jemand wieder auseinanderdividiert bekommen. Vor zwei Jahren kündigte der französische Staatspräsident vor Studenten der École Polytechnique eine "große Vermischung" an, da den eingesessenen Franzosen ansonsten "Inzest" drohe. Und der "Querdenker" Heiner Geißler hat im Spiegel schon 1990 behauptet, die multikulturelle Gesellschaft biete den Vorteil, daß "Hans es jetzt nicht mehr nur mit der Grete treiben" müsse, sondern es da Alternativen gebe.

Da man die eingesessenen Europäer aber nicht freiwillig dahinbekommt, sich im Mehrheitsmaßstab wie Boris Becker oder Heidi Klum zu verhalten, wird es einen entsprechenden Zwangsapparat geben müssen, der verhindert, daß Weiß sich mit Weiß paart. In Großbritannien ist das schon angelaufen, da werden bestimmte Eheschließungen wegen vorgeschobener "Gesundheitsgefährdung der Kinder" staatlich verhindert.

"Es leuchtet! Seht! Nun läßt sich wirklich hoffen,
Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
Durch Mischung - denn auf Mischung kommt es an! -
Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
In einen Kolben verlutieren
Und ihn gehörig kohobieren,
So ist das Werk im Stillen abgetan."

Wie krank müssen die Gehirne derer sein, die sich so was immer ausdenken? Und wie beschränkt diejenigen, die das kritiklos abnicken, ausführen oder hinnehmen?

hirsacker
2. Dezember 2010 22:49

60 Jahre Frieden und Demokratie sind ja auch irgendwie unmenschlich.
Da haben die Franzosen schon recht.

classless
2. Dezember 2010 23:04

"...wenngleich es wenig überraschend ist, daß Kommunisten, als die zumindest die wahrscheinlichste Urhebergruppe des Buches Tiqqun sich ansieht, die demokratische Herrschaft, den Staat und den Kapitalismus überwinden wollen, kann nicht die Rede davon sein, daß das Komitee sich irgendwelche Illusionen darüber macht, was die Optionen für die Zukunft sind."

Jungle World vs. "Der kommende Aufstand"

Sebastian
3. Dezember 2010 00:03

Etwas "off topic", aber soviel Lob muss sein:
Wieder einer der (eher seltenen) Beiträge auf SiN, bei denen ich wirklich nichts zu mäkeln habe. Und wieder kommt er von Lichtmesz.

Differenziert und dennoch apodiktisch, analytisch ergiebig und doch keine Seminararbeit, stilistisch geschliffen und trotzdem "auf's Maul". Sehr schön.

Richard Vonderwahl
3. Dezember 2010 09:06

Ich verstehe auch beim besten Willen nicht, was daran für die Linken so verdächtig ist. Der Aufsatz steht in einer typisch französischen Tradition und hätte auch neben Baudrillard in einem Bändchen von Merve erscheinen können. Das einzig Besondere daran ist die terroristische Rhethorik.

bresl
3. Dezember 2010 11:03

Mensch, sollten Kubitscheks wirklich schon einen so großen, neuen Stall mit Hochsilo haben? Irgendwie rennt die Entwicklung völlig an mir vorbei. (Und ich sitz hier in Oberbayern und gurke an Schuhsohlen und Ähnlichem herum!)
Vermute, daß das am Land der Frühaufsteher liegen muß!
Sacklzement!

Toni Roidl
3. Dezember 2010 12:55

»So stellt man sich vermutlich in manchen Kreisen Götz Kubitschek beim Gartenbewirtschaften im „faschistischen Stil“ vor.« Hahaha! Jau, bei der »Endlösung der Unkrautfrage« vermutlich...

»Das paranoische, typisch borderlineartig selbstgerechte Bild, das die Antifa von der „Staatsgewalt“ pflegt, ist in dieser Perspektive im Grunde nichts anderes als das kindliche „Betteln nach der Ohrfeige“.« Stimmt. Siehe hier:
https://www.youtube.com/watch?v=rSDMiypAO6I
;-))

holgerdanske
3. Dezember 2010 13:13

"...In Großbritannien ist das schon angelaufen, da werden bestimmte Eheschließungen wegen vorgeschobener „Gesundheitsgefährdung der Kinder“ staatlich verhindert."

Der Umkehrschluß zum Verbot von "mixed marriage"? Mischehen als Zwangsvorgabe?
Gibt es dazu einen Link oder ist das nur ein urbaner Mythos? Ich habe es gerade gegoogelt und nix gefunden.

Buxe
4. Dezember 2010 08:33

Beide Teile sind einfach geniale Analysen, so etwas liest man nur auf Sezession. Lichtmesz schürft tief und bringt es bezüglich der Borderline-Antifa auf den Punkt: ganz große Klasse! Ich habe lange lange nicht mehr einen so herausragenden Text gelesen. Schlichtweg genial. Und damit er nicht in Vergessenheit gerät, nehmen wir ihn intern zur Aufklärung und Schulung. Vielen Dank! Und: weiter so!

Visitor
5. Dezember 2010 12:42

@ holgerdanske

Versuchen Sie es damit:

The Engineer of Diversity
https://www.brusselsjournal.com/node/3764

Fritz
5. Dezember 2010 20:01

Linke Lebenslügen der Deutschen - besser: europäische linke Lebenslügen - wie lange können sie noch aufrecht erhalten werden? Schwer zu sagen, denn diese Lebenslügen fußen auf dogmatischen Mythen. Da kommt man mit Ratio nur schwer ran. Linke mit ihrer emotialen Bewusstseinswelt benötigen keine gesellschaftspolitischen Realitätsoffenbarungen. Sie fühlen sich völlig geborgen und glücklich in ihrer kuscheligen Traumwelt. Für Probleme in der Echt-Welt, die mit ihren Träumen kollidieren, fühlen sie sich nicht zuständig bzw. dafür machen sie alle nicht-linken Kräfte - also die bösen anderen - verantwortlich. Ein simples Weltbild also, das sehr stressresistent ist und den persönlichen träumerischen Glückszustand konserviert! Die Frage also: Wie lange noch soll es so weitergehen und was muß noch passieren, damit die linken Köpfe sich den Realitäten stellen?
Zwei Links zu aktuellen Artikeln zur Thematik:
1. Die TAZ, 04.12.2010: "Linke Lebenslügen" (Autor Norbert Bolz) https://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/linke-lebensluegen/ 2. American Thinker, 05.12.2010: "Overheard - and Overlooked - at the Sorbonne" (Autor David R. Stokes) https://www.americanthinker.com/2010/12/overheard_and_overlooked_at_th.html

schattenkoenig
6. Dezember 2010 19:59

@holgerdanske

Ich hab's von hier:

https://gatesofvienna.blogspot.com/2009/11/run-gorgons-are-coming.html#readfurther

Markward von Annweiler
7. Dezember 2010 11:05

Ich kann mich dem Lob meiner Vorredner nur anschließen. Lichtmesz bringt zum Ausdruck, was man selbst schon gedacht hat, nur vielleicht nicht so prägnant zu formulieren wußte.
J. Thumfart hingegen kann ich nur nur widersprechen, "rechts" ist das nicht, was das 'Unsichtbare Komitee" zusammengeschrieben hat. Interessant ist auch, das Thumfart den nicht linken, also antidemokratischen und bösen Charakter des Manifests an seiner Verbindung mit der deutschen Geistesgeschichte festmachen will. "Denn diese Gedanken sind zu eng mit der deutschen Ideengeschichte verwoben, als dass man sie auch nur in Erwägung ziehen könnte." Ist der Marxismus etwa nicht "mit der deutschen Ideengeschichte verwoben"?
Allen linken Ideologien wohnen Widersprüche inne, die Marxisten wohl als dialektisch bezeichnen würden. Die Linken kritisieren den Kapitalismus, sekundieren ihm aber gleichzeitig darin, die gewachsenen kulturellen Strukturen zerstören, jedenfall soweit sie irgendwie weiß, europäisch, heterosexuell, bürgerlich, christlich oder noch schlimmeres sind: Familie, Nation, Religion. Haben sie dieses Ziel erreicht, sind die gewachsenen Bindungen zerstört und bleibt nur noch der Einzelne und der Markt, pflegt die Gutmenschenfraktion unter den Linken wortreich den Mangel an Solidarität, die „soziale Kälte“ zu beklagen. Die Autoren des Aufstandes sind sich ihrer Dialektik bewußt, und verzichten wenigstens auf Gesülze: „In Wirklichkeit ist die Zersetzung aller gesellschaftlichen Formen ein Glücksfall. Sie ist für uns die ideale Bedingung für ein wildes Massenexperiment, in neuen Zusammensetzungen, mit neuen Treuen.“ (der Aufstand, 23)
Obwohl der „kommende Aufstand“ sich auf höherem Niveau bewegt als das gängige Sozialgeschwafel, kann auch er die (beabsichtigte?) innere Widersprüchlichkeit nicht vermeiden. Wenn alle sozialen Beziehungen von der ‚falschen Gesellschaft’ gleichsam affiziert sind, wie kann es dann unabhängiges Denken, wie wirklichen Widerstand geben? Wird nicht jegliches Anarchistentum letzlich zur leeren Pose, da es ordnungslos und ohne die Fähigkeit zur Produktion der benötigten Güter nur parasitär zu der Gesellschaft existieren kann, die es bekämpfen will? Wahrlich, der Kapitalismus wird noch jegliche Kritik an ihm vermarkten und damit jedesmal absorbieren.
Diese Wiedersprüche sind in der Realität nicht aufzulösen, wohl aber im Utopia einer sozialistischen Gesellschaft. Darin würden die Wiedersprüche zwischen dem Einzelnen und den Vielen, zwischen Wunsch und Realität, zwischen Bewußtsein und Sein aufgehoben. Doch glaubt die Mehrheit der Linken heute nicht mehr an derartige Luftschlösser, schon gar nicht die, die in irgendeiner Weise praktische Politik betreiben. Sie streben in Wahrheit gar nicht mehr die Abschaffung des Kapitalismus an (vgl. der Aufstand 48 ff. zum „Ökokapitalismus“), wenn ihnen überhaupt noch irgendein übergeordnetes Konzept vorschwebt, so könnte man es sozialtechnische Organisierung „von Gesellschaft“ nennen, einer Gesellschaft freilich, die nicht mehr Volk sein soll, sondern die aus verschiedenen Minderheiten und Interessengruppen besteht, deren materielle Bedürfnisse befriedigt bzw. miteinander verrechnet werden sollen. Kein Wunder also, daß sich die nicht linken Parteien im Bundestag so wenig von ihren Counterparts unterscheiden.
Dennoch steht uns kein grün-rot-rotes 1984 mit der political correctness als „Staatsreligion“ bevor. Der Grund liegt in der oben erwähnten Fähigkeit und Notwendigkeit zur Absorbierung jeglichen Widerspruchs: Für das System kapitalistische Demokratie ist freimütige Kritik eine Bedingung seines Fortbestehens, vielleicht steht gerade deshalb ein Großteil seiner medial-kulturellen Eliten politisch links- ein Paradoxon, das zumindest dem Basis-Überbau Schematismus der altmarxistischen Lehre zu widersprechen scheint.

Hesperiolus
7. Dezember 2010 22:15

Die meisten Artikel hier sind beachtlich und behaupten den Anspruch einer innermedialen Sezession zu Recht, dieser ist wieder einmal herausragend!

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