Sezession
30. November 2010

Endstation Meta-Kabarett

Martin Lichtmesz

Storchmeister Mathias Brodkorb, der gefeierte Wonder Boy unter den SPD-Antifas, ist ein Mann der vielen Gesichter, ein Pfiffikus der diskursiven Mimikry, der sein aufgeschlossenes Publikum von Links bis Rechts nun schon seit geraumer Zeit in Atem hält. Brodkorb, das ist inzwischen ein Markenzeichen für sich, keinesfalls jedenfalls die handelsübliche Kampf-gegen-Rechts-Meterware .

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Man muß schon selber sehr schlau sein und sorgfältig mitlesen, um all die subtilen Pointen, eleganten Doppelbödigkeiten und raffinierten Insider-Witze seiner Texte goutieren zu können. Als studierter Gräzist und Philosoph zieht Brodkorb die sokratische Hebammenkunst des Geistes der platten Agitation der grobschlächtigeren Mitarbeiter in seinem Lager vor. Darunter gibt es einige, die ihm argwöhnisch gegenüberstehen, und wohl nicht ganz zu Unrecht der subversiven, schmugglerartigen Unterwanderung einst ritzendicht abgeschlossener Diskurse verdächtigen.

Allen treuen Stammpostern und Fans seiner Seite Endstation Rechts, darunter Durchschnittslinke, Antifas "gegen jeden Extremismusbegriff", Preisdemokraten,  Quotenkryptorechte und sonstige hat Brodkorb nun eine besonders knifflige Nuß hingelegt.

Er "feiert" die im Auftrag der JF geschriebene Broschüre von Felix Krautkrämer "Das linke Netz" hämisch als Vorstoß in kabarettistische Gefilde, als "Glanzstück politischer Satire, nach dessen Lektüre bei Eingeweihten wohl kaum ein Auge trocken bleiben dürfte". Der mittel-eingeweihte, nur flüchtig auf die Seite klickende Leser, würde nun an dieser Stelle natürlich sofort den vertrauten Sound genüßlicher Süffisanz bemerken, voller Vorfreude das Taschentuch zücken, und die Hand zwecks heiterer Beklopfung des Schenkels in Anschlag bringen.

Nicht so der geübtere ER-Conoisseur, der bereits ahnt, daß Brodkorb wieder mal einen doppelten Boden eingebaut hat. Der liest dann nämlich folgendes:

Durchaus nicht ohne Berechtigung wurde in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass die „Junge Freiheit“ (and friends) regelmäßig eher undifferenzierten und vor allem politisch motivierten Angriffen ausgesetzt ist als tatsächlich sachlichen und niveauvollen Analysen. Ein zentraler Baustein dieser Angriffe sei dabei einerseits die undifferenzierte und im Grunde synonyme Verwendung der Worte „rechts“, „rechtsextrem“, „rechtsradikal“ und „rechtskonservativ“, andererseits jedoch auch die an Verschwörungstheoretiker und Methoden der Stasi gemahnende „Entlarvung“ von verschwörerischen „Netzwerken“ und „Grauzonen“ – nach dem Motto: Müller, im Jahre 1943 im Alter von 22 Jahren für drei Tage vertretungsweise als Adjutant von Adolf H. aus B. in die „Wolfsschanze“ abkommandiert, besuchte als Gast im Jahre 2007 den Gerhard-Löwenthal-Preis der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (JF). In dem Raum saß auch Frau Schmidt – nur zwei Reihen entfernt von Müller. Frau Schmidt wiederum war unlängst Gast beim 50. Geburtstag von Dr. W. Und dieser W. muss dann ja ein ganz schön schlimmer Bursche sein, immerhin war Müller mal der Adjutant von H.

Krautkrämer allerdings steht über diesen Dingen. Anstatt eine wütende Entgegnung auf dererlei Absurditäten zu verfassen, hat er sich als passende und überlegene Antwort für die Kunstform der Satire entschieden. Er dreht den Spieß einfach um und konstruiert mit Raffinesse, Souveränität und einem lebendigen Schuss Phantasie ein „linkes Netz“ - gesponnen zwischen dem Bundesfamilien- und -Innenministerium, dem „Bundesamt für Verfassungsschutz“, der „Bundeszentrale für politische Bildung“, der „Amadeu Antonio Stiftung“, dem „Netz gegen Nazis“, der „Zeit“ sowie der linksextremistischen Szene.

Die Botschaft ist denkbar einfach: So wie es absurd ist, Dr. W. zur Vorhut im Geiste des Adolf H. aus B. zu erklären, nur weil Frau Schmidt einmal im selben Raum gesessen hat wie Herr Müller, wäre es ebenso absurd, Bundesinnenminister de Maizière einen politischen Pakt mit der linksextremistischen Szene anzudichten. Krautkrämer führt die intellektuell mitunter blamablen Einlassungen seiner politischen Gegner einfach dadurch ad absurdum, dass er sie eins zu eins kopiert und an mancher Stelle sogar noch überschreitet.

So weit, so rhetorisch brilliant und fürwitzig funkelnd. Doch da hat uns der pfiffige Meister wieder mal hinterhältig aufs Glatteis geführt. Denn, Moment mal, ratterratter, klingeling, richtig: betrachtet man sich das in breiten Farben ausgemalte Beispiel des Herrn Müller, ist es ja ganz offensichtlich, daß Krautkrämer in seiner Broschüre nicht dasselbe tut wie "seine politischen Gegner", sondern etwas ganz anderes.

Denn folgt man Brodkorbs Schilderung, so tun der Herr Müller und die Frau Schmidt und sogar der Dr. W.  ja rein gar nichts, ganz im Gegensatz zu den von Krautkrämer attackierten Herrschaften. Sie veröffentlichen keine Pamphlete und Artikel, nicht im Internet und nicht in großen Zeitungen, sie schreiben keine Bücher, bekommen keinen Besuch von Politikern, sie leiten keine Organisationen und Stiftungen, sie werden nicht im Fernsehen und Radio als "Experten" interviewt, sie verdienen ihren Lebensunterhalt nicht mit dem Mundtotmachen und Diffamieren von Andersdenkenden, sie erhalten keine Preise "für Demokratie und Toleranz" und werden auch nicht mit Steuergeldern gefüttert, damit sie sich fleißig gegen "Linksextremismus" engagieren.

Nein, sie sitzen vermutlich lieber zuhause am Kamin bei Kaffee und Kuchen und blättern nostalgisch im Landser, schreiben ab und zu zustimmend empörte Leserbriefe an die JF oder hören CDs mit den schönsten Ostpreußenliedern. Ja, und es befindet sich bei der Gerhard-Löwenthal-Preisverleihung vermutlich nicht einmal eine einzige müde Antifasocke im Raum, die irgendein Interesse an Herrn Müller und Frau Schmidt hätte.

Es ist also ganz offensichtlich nicht dasselbe, wenn Frau Schmidt und Herr Müller bei Dr. W. eine Geburtstagstorte essen, als wenn linke Institutionen bis hin zu knallhart antifantisch ausgerichteten Gruppen Staatssponsering in Millionenhöhe (und damit Machtzuwachs) bekommen, weil sie mit ihrem "Antifaschismus" hausieren gehen. Brodkorb hat also zwei so offensichtlich nicht zusammenpassende Beispiele gewählt, sodaß dem Leser die Diskrepanz zwischen beiden Szenen erkenntnisfördernd ins Auge springen muß.

Ein Meta-Gag von besonderer Raffinesse ist die Erwähnung de Maizières, denn von gerade diesem stammt das Motto der Broschüre:

Ich sehe mit Sorge, daß man sich in der öffentlichen Wahrnehmung zu sehr auf die unerträgliche politische Gewalt von Rechtsextremisten konzentriert hat. Gleichzeitig wurde das, was sich im Schatten und zum Teil als Gegenaktion von Linksextremisten entwickelt hat, unterschätzt.

Daß nun vieles von dem, was sich im "Schatten" (wir ergänzen: des KgR) an Linksextremismus entwickelt hat, eine recht lockere, rege und meistens beiderseitige fruchtbare Anbindung an Massenmedien, staatliche Institutionen und politische Parteien pflegt, kann man nun auch ohne Krautkrämer-Broschüre durch ein bißchen Internetrecherche leicht überprüfen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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