Der feldgraue Psychagoge. Jünger-Rezeption in der Subkultur

pdf der Druckfassung aus Sezession 22/Februar 2008

sez_nr_224von Martin Lichtmesz

Der Ausdruck „cultural icon" bezeichnet im englischen Sprachraum ein Objekt oder eine Person, die repräsentativ für eine bestimmte populäre Kultur oder Subkultur ist. Das ist in der Regel Film- oder Popstars vorbehalten. Zuweilen erlangt auch ein Schriftsteller diesen „ikonischen" Status. Dabei ist weniger wichtig, wie sehr er tatsächlich gelesen wird; entscheidend ist, wie stark ein bestimmtes Gefühls- und Wertesystem durch ihn vermittelt wird. Das liegt in der Natur der Sache. Millionen Menschen tragen Che Guevara-T-Shirts als Symbol ihrer „rebellischen" Attitüde, ohne eine Ahnung zu haben, wer Che Guevara war oder für was er gekämpft hat. „Ikonen" sind Parolen und Chiffren, mit denen sich Gleichgesinnte emotionale und geistige Signale senden, magische Namen und Bilder, die Milieus markieren und beleben. Sie repräsentieren eine ganze Welt selbst für die, die nicht zu den Büchern greifen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Unter den Bel­le­tris­ten, die zu Iko­nen wur­den, gibt es eini­ge weni­ge, deren Ein­fluß­kraft weit in ande­re Zonen der popu­lä­ren Kul­tur hin­ein­strahlt. Das wahr­schein­lich bes­te Bei­spiel ist Wil­liam S. Bur­roughs, der von Pat­ti Smith und Lau­rie Ander­son bis zu Nir­va­na und Minis­try zum Idol und Paten zahl­lo­ser Pro­jek­te der US-Inde­pen­dent-Musik­sze­ne wur­de. Die Kul­tur der popu­lä­ren Musik ist meis­tens eine Kul­tur der Jugend, und ein Schrift­stel­ler, der hier iko­ni­schen Sta­tus erlan­gen will, muß gewis­se Kri­te­ri­en erfül­len, um zur Pro­jek­ti­ons­flä­che jugend­li­cher Sehn­süch­te taug­lich zu sein. Natio­nal­zei­ge­fin­ger Onkel Grass eig­net sich dafür schlecht (dar­an wird auch das müde Waffen-SS-„Outing” nichts ändern), Her­mann Hes­se schon eher.
Und Ernst Jün­ger? Der Begriff „Stahl­ge­wit­ter” ist All­ge­mein­gut gewor­den und wird auch von Bands wie Ramm­stein benutzt, wäh­rend Harald Schmidt es sich leis­ten kann, die Bur­gun­der­sze­ne aus den Strah­lun­gen mit Play­mo­bil­fi­gu­ren nach­zu­spie­len und dabei auf das Ver­ständ­nis der Zuschau­er zu hof­fen. Das ist natür­lich nicht viel.
Abseits der gro­ßen Heer­stra­ße sieht es schon bes­ser aus. 1998 beschrie­ben Manu­el Och­sen­rei­ter und Jür­gen Hat­zen­bich­ler, bei­de in ihren Zwan­zi­gern, in der Jun­gen Frei­heit den eben im methu­salemi­schen Alter ver­stor­be­nen Dich­ter als den „ers­ten deut­schen Raver”, als exem­pla­ri­sche anti­bür­ger­li­che Figur und Anti­the­se „zum heu­ti­gen kon­ser­va­ti­ven Breit­cord- und Jan­ker­trä­ger”. Dar­in folg­ten sie einer damals gän­gi­gen Inter­pre­ta­ti­on der Tech­no­kul­tur als Revol­te „gegen eine durch­ra­tio­na­li­sier­te Welt ohne Zau­ber und Emo­tio­nen”. Die stunden‑, ja tage­lan­gen Raves wur­den zu psy­chi­schen und phy­si­schen Grenz­erfah­run­gen, zu moder­nen „Stahl­ge­wit­tern”, die grenz­über­schrei­ten­de Erfah­rung des Ravers zum Pen­dant des „Kamp­fes als inne­res Erleb­nis”. Obwohl der Bezug zum „tech­no­phi­len” Jün­ger des Arbei­ters nahe­liegt, blieb die­se Deu­tung jedoch eher eine Fuß­no­te der Tech­no­kul­tur, deren for­ma­le Lee­re Platz für belie­bi­ge Bot­schaf­ten läßt.

Anders ver­hält es sich mit jener Sub­kul­tur, auf die Jün­ger tat­säch­lich einen gro­ßen Ein­fluß hat­te: Die soge­nann­te „Neofolk”-Szene, die euro­pa­weit Anhän­ger hat, kon­sti­tu­iert sich nicht allein durch ihre Musik, son­dern durch einen gewis­sen Mehr­wert an lite­ra­ri­schen, okkul­tis­ti­schen, cine­as­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Refe­ren­zen, die ein kodier­tes, aber offe­nes Sys­tem bil­den, das von außen schwer zu durch­schau­en ist. Die Ver­wir­rung beginnt schon damit, daß ein gro­ßer Teil der Musik wenig bis gar nichts mit „Folk” zu tun hat; im Sze­ne­kon­text ist vom Lager­feu­er­ge­k­lamp­fe über klas­si­sche Instru­men­te bis zur Lär­m­or­gie alles mög­lich. Die Vor­lie­be für mar­tia­li­sche Ästhe­tik und die enthu­si­as­ti­sche Rezep­ti­on „rech­ter” Leit­fi­gu­ren wie Leni Rie­fen­stahl oder Juli­us Evo­la, bei gleich­zei­ti­ger Abhor­res­zenz expli­zit poli­ti­scher Akti­vi­tät hat die Neo­folk­s­ze­ne zu einem Lieb­lings­feind­bild „anti­fa­schis­ti­scher” Auf­klä­rer gemacht. In einem Inter­view mit eigen­tüm­lich frei ver­such­te Domi­nik Tisch­le­der, der zeit­wei­li­ge Her­aus­ge­ber des Sze­nema­ga­zins Zin­no­ber (jetzt: Zwie­licht), den Neo­folk als „Musik zwi­schen Stir­ner, Jün­ger und Rand” zu defi­nie­ren. Nota bene sind hier also eher lite­ra­risch-ideel­le als musi­ka­li­sche Quel­len ins Feld geführt. Die Erwäh­nung von Max Stir­ner und Ayn Rand ist aller­dings wohl mehr ein aus dem Erklä­rungs­not­stand erwach­se­nes Zuge­ständ­nis an die „liber­tä­re” Leser­schaft von eigen­tüm­lich frei. Jün­ger dage­gen hat seit Mit­te der neun­zi­ger Jah­re einen bedeu­ten­den Sta­tus inner­halb der Sze­ne erlangt.
Zuvor spiel­te Jün­ger bereits in den sieb­zi­ger Jah­ren eine gewis­se Rol­le im Umfeld einer Sub­kul­tur, die in man­cher Hin­sicht ein Vor­läu­fer des Neo­folk ist. Die rechts­ge­rich­te­te, aber rela­tiv undog­ma­ti­sche „Musi­ca Alter­na­ti­va” (auch „Iden­ti­täts­rock”) ent­wi­ckel­te sich Ende der sech­zi­ger Jah­re vor allem in Ita­li­en und Frank­reich als Ant­wort auf die zahl­rei­chen lin­ken Lie­der­ma­cher und Agit­prop­grup­pen. Die Musik weist Folk‑, Pro­gres­si­ve Rock‑, und Pop-Ele­men­te auf, in Ita­li­en war sie natür­lich stets auch stark von Schwarz­hem­den­ro­man­tik geprägt. 1978 nahm die Pio­nier-Band Nuo­vo Can­to Popola­re einen Song mit dem Titel „Sul­le sco­glie­re di mar­mo” („Auf den Mar­mor­klip­pen”) auf, wahr­schein­lich das frü­hes­te Bei­spiel für eine Adap­ti­on Jün­gers in der popu­lä­ren Musik. Das Lied wur­de zu einem klei­nen Klas­si­ker und spä­ter von Anti­ca Tra­di­zio­ne, einer wei­te­ren zen­tra­len Band des Gen­res geco­vert. Seit­her ist der Jün­ger-Bezug ein zwar nicht häu­fi­ger, aber bestän­di­ger Fix­punkt der Musi­ca Alter­na­ti­va, spe­zi­ell die Wen­dung „Sul­le sco­glie­re di mar­mo” ist zur Chif­fre geworden.

Im Gegen­satz zur Musi­ca Alter­na­ti­va ist der Neo­folk nicht expli­zit poli­tisch geprägt. Der Zugang zu Jün­ger erfolg­te ana­log der Techno-„Vereinnahmung” nicht durch den „poli­ti­schen”, son­dern durch den „eksta­ti­schen” Aspekt sei­nes Werks. Ver­ant­wort­lich dafür ist in ers­ter Linie der ober­ös­ter­rei­chi­sche Musi­ker Ger­hard Petak, der frü­her unter dem Künst­ler­na­men „Kad­mon” (heu­te: „Ger­hard Hall­statt”) publi­zier­te. Petak ist der Kopf des Pro­jek­tes Aller­see­len, des­sen Stil von Album zu Album wech­selt und den man als eine eigen­wil­li­ge, zum Teil anmu­tig ver­schro­be­ne Mischung aus folk­lo­ris­ti­schen, expe­ri­men­tel­len und elek­tro­ni­schen Ele­men­ten bezeich­nen kann. 1995 erschien ein Text aus sei­ner Feder, der pro­gram­ma­tisch wur­de für die Jün­ger-Rezep­ti­on der Neo­fol­k/­Post-Indus­tri­al-Sze­ne. Jün­ger betrat deren Pan­the­on also rela­tiv spät, als ande­re „faschis­tisch” ange­hauch­te poe­tes mau­dits wie Yukio Mishi­ma, Jean Genet oder Aleis­ter Crow­ley durch Grup­pen wie Death in June und Cur­rent 93 längst eta­bliert waren. „Feu­er­tau­fe” war ein Heft im Rah­men einer von Petak qua­si eigen­hän­dig am Foto­ko­pie­rer pro­du­zier­ten Heft­chen-Serie namens „Aor­ta” (spä­ter: „Ahn­stern”), die sich mit dil­let­tan­tisch-unse­riö­ser Inbrunst auf obsku­re The­ma­ti­ken mit meis­tens okkul­tis­ti­schem Hin­ter­grund stürz­te. Es gab Hef­te über die „Mün­che­ner Kos­mi­ker” Kla­ges und Schuler, den US-Fil­me­ma­cher Ken­neth Anger, den Maler Fidus, über ein Anu­bis-Ritu­al von Joseph Beuys, den „Wie­ner Aktio­nis­ten” Schwarz­kog­ler, die NS-Eso­te­ri­ker Rahn und Wili­gut, die „Trom­meln von Calan­da” und Rie­fen­stahls „Das blaue Licht”. Schwarm­geis­ti­ge, hym­ni­sche Exzes­se, die sich mit einer pro­vo­zie­rend „kri­tik­lo­sen” Unbe­küm­mert­heit und dem Wil­len, sich in den Bann schla­gen zu las­sen, ihren The­men hin­ga­ben. Wenn es einen „roten Faden” gab, dann die lei­den­schaft­li­che Gier nach dem „Zau­ber”, der nach Ste­fan Geor­ge „das Leben wach” hält. „Ein eigen­tüm­li­cher, zau­be­ri­scher, unwi­der­steh­li­cher Reiz ging von die­sen Kriegs­auf­zeich­nun­gen aus”, schrieb „Kad­mon” über Jün­gers Früh­werk. „In Stahl­ge­wit­tern, Feu­er und Blut, Sturm und Das Wäld­chen 125 waren Nie­der­schrif­ten des Unbe­schreib­li­chen. (…) Wo allen ande­ren die Wor­te fehl­ten, wo es ihnen längst die Spra­che ver­schla­gen hat­te, fand er die Wor­te, um das rau­chen­de, fins­ter­lo­he Nie­mands­land des Krie­ges (…) für immer fest­zu­hal­ten, zu ver­ewi­gen.” In der Fol­ge stand das Rausch­haf­te, „Hor­ror­trip­pi­ge”, (Alp-)Traumhafte, die „trau­ma­ti­sche Schön­heit” von Jün­gers Welt im Mit­tel­punkt, der Dich­ter selbst erschien als Psych­ago­ge in Feld­grau: „… der Krieg als apo­ka­lyp­ti­sche, psy­che­de­li­sche Nacht­fahrt.(…) Der Kriegs­schau­platz erschien als eine Anders­welt, eine Unter­welt, ein Nie­mands­land, eine Grau­zo­ne, in der die Gren­ze zwi­schen Traum und Wirk­lich­keit, Jen­seits und Dies­seits flie­ßend war.” Bezeich­nen­der­wei­se fan­den sich in der Biblio­gra­phie des Heft­chens meh­re­re Titel von und über Gus­tav Meyrink.

Musik weckt Emo­tio­nen. „Die Basis jeder Selbst­sti­mu­la­ti­on ist der Sound” (QRT). Nicht anders ziel­ten die Trak­ta­te Kad­mons dar­auf ab, den Leser mit der Begeis­te­rung und Fas­zi­na­ti­on des Autors anzu­ste­cken, das „aben­teu­er­li­che Herz” anzu­fa­chen. Die bil­lig pro­du­zier­ten Heft­chen hat­ten weder eine hohe Auf­la­ge noch eine wei­te Ver­brei­tung, den­noch war ihr unter­grün­di­ger, befrei­en­der Ein­fluß auf die sich ent­wi­ckeln­de Neo­folk-Sze­ne enorm. Sie gaben Weg­wei­ser in ein Gebüsch vol­ler unge­ho­be­ner, vom Main­stream unter­schla­ge­ner Schät­ze. In einem Inter­view mit Micha­el Moy­ni­han, dem Kopf von Blood Axis, stell­te Petak die Fra­ge: „Glaubst Du, daß es eine Ver­bin­dung gibt zwi­schen rech­ten Vor­stel­lun­gen und der rech­ten, intui­ti­ven, mythi­schen Gehirn­hälf­te und lin­ken Vor­stel­lun­gen und der lin­ken Gehirn­hälf­te, die für ratio­na­le, ana­ly­ti­sche Vor­gän­ge ver­ant­wort­lich ist?” Ant­wort: „Die Lin­ke inter­es­siert sich nur für die poli­ti­sche Ebe­ne – in mei­nen Augen die nied­rigs­te Ebe­ne von allen. (…) Sie hat eine rein mate­ria­lis­ti­sche Anschau­ung, das Emo­tio­nel­le wird voll­kom­men geleug­net.(…) Anstatt Zusam­men­hän­ge zu sehen, hal­ten sie Spi­ri­tua­li­tät und Mythol­gie für völ­lig unwich­tig.” Die­se Sät­ze sind sym­pto­ma­tisch für die Her­an­ge­hens­wei­se der enfant ter­ri­bles des Neo­folk, und ent­hal­ten im Kern alles, was zu den Atta­cken der „Anti­fa­schis­ten” (mit oder ohne Dok­tor­ti­tel), die fol­gen soll­ten, zu sagen ist. Noch Jah­re spä­ter beton­te Petak in einem Inter­view: „Jün­ger mit all sei­nen Facet­ten, sei­nem Wis­sen und sei­ner Weis­heit über Kunst, Dro­gen, Lite­ra­tur, Natur und vie­le ande­re The­men, kann man nicht ein­fach ‚faschis­tisch‘ oder ‚rechts‘ nen­nen. Wer das tut, zeigt deut­lich, daß er kei­ne Ahnung von die­sem bedeu­ten­den deut­schen Schrift­stel­ler hat.” Jün­ger tauch­te seit­her mehr­fach als Refe­renz bei Aller­see­len auf, 1997 erschien das Stück „In Stahl­ge­wit­tern”, 1998 das „Käfer­lied”, 2002 das Album „Das aben­teu­er­li­che Herz”, das weni­ger als „Ver­to­nung” denn als Hom­mage zu ver­ste­hen ist. Im Sze­ne-Organ „Zin­no­ber” (V/2003) inter­view­te Petak schließ­lich den Jün­ger-For­scher und ‑Afi­cio­na­do Tobi­as Wim­bau­er. Inzwi­schen hat­te sich der Jün­ger-Ein­fluß auch ander­wei­tig bemerk­bar gemacht.
Im sel­ben Heft wur­de eine Auf­füh­rung der Oper Auf den Mar­mor­klip­pen von Gior­gio Bat­ti­stel­li in Mann­heim bespro­chen (die auch auf CD erschie­nen ist). Der Roman wur­de im Sze­ne­kon­text bis­her zwei­mal atmo­sphä­risch ver­tont, von His Divi­ne Grace („Die Schlan­gen­kö­ni­gin”, 2003, als Grund­la­ge wur­de zum Teil das Hör­buch mit Chris­ti­an Brück­ner benutzt) und Sagit­ta­ri­us („Die gro­ße Mari­na”, eben­falls 2003, frei zum Her­un­ter­la­den auf www.sagittarius.de). Aus­zü­ge aus der eng­li­schen Über­set­zung von Stuart Hood fan­den sich auf dem Titel „The Storm Befo­re the Calm” (1994) von Blood Axis, der den Text mit der Stim­me von Cor­ne­liu Cod­rea­nu und einem Kla­vier­mo­tiv von Nietz­sche ver­misch­te. Von Richard Levia­than (Strength Through Joy, Ost­ara), dem wohl intel­lek­tu­ells­ten und zugleich pop­kom­pa­ti­bels­ten Ver­tre­ter des Gen­res (er arbei­te­te auch mit Walta­ri zusam­men), stammt der Text „On The Marb­le Cliffs”, der bis­her in drei ver­schie­de­nen Ver­sio­nen auf Alben von Kapo! (= Death in June), Ost­ara und Fores­ta di Fer­ro zu hören war. 1997 ver­öf­fent­lich­ten Tur­bund Sturm­werk die Sin­gle „Der letz­te Sie­ger ist der Tod”.

Auf der A‑Seite war die trei­bend-tech­no­ide Ver­to­nung eines frü­hen expres­sio­nis­ti­schen Gedichts („Traum, hirn­durch­glüht, wird Visi­on, Krystall/ Urfra­ge Sein zu Wahn­sinn, Kata­rakt”) von Jün­ger zu hören, das der Dich­ter auf Bit­te der Grup­pe selbst ein­sprach. Dem Jün­ger­schen „Opti­mis­mus des Wil­lens” stell­te die B‑Seite den „Pes­si­mis­mus des Geis­tes” in Form von Hei­ner Mül­ler gegen­über. 2001 erschien der Sam­pler „Der Wald­gän­ger”, auf dem sich etwa zwei Drit­tel der Lie­der direkt auf Jün­ger bezo­gen. Unter den rund zwei Dut­zend inter­na­tio­na­len Grup­pen fan­den sich „Von Thron­stahl”, „Leger des Heils”, „Lini­ja Mass”, „Werk­raum” und die bri­ti­schen „Lady Mor­phia”, deren Titel „Retre­at into the Forest” (mit einem Jün­ger-Sprach-Sam­ple) auch auf ihrem Album „Reci­tals to Rene­wal” (2000) erschien, das dem Andenken Jün­gers gewid­met war.
Die­se inten­si­ve Rezep­ti­on spie­gelt sich auch in der Prä­senz Jün­gers in dem 2006 erschie­ne­nen Stan­dard­werk zu dem The­ma Loo­king for Euro­pe. Neo­folk und Hin­ter­grün­de. Dar­in fin­det sich etwa im Anhang ein 30seitiger Essay mit dem Titel „Aben­teu­er­li­che Her­zen – Das Indi­vi­du­um bei Nietz­sche, Evo­la und Jün­ger”, der sich etwa zur Hälf­te mit Jün­ger aus­ein­an­der­setzt. Der – zuge­ge­ben eher mise­ra­ble – Text von Patrick Acher­mann hebt die Wich­tig­keit des Indi­vi­dua­lis­mus für die Neo­folk-Musi­ker und ihre Fans her­vor, und unter­streicht zu Recht, daß die Figu­ren des „Anar­chen” und des „Wald­gän­gers”, die eine sub­ver­si­ve Wider­stands­tä­tig­keit impli­zie­ren, zen­tra­le Model­le für deren Selbst­ver­ständ­nis sind. Die „indi­vi­dua­lis­mus­be­ton­te” Deu­tung geht ein­her mit der Ent­po­li­ti­sie­rung des Zugangs: „Jün­ger zu lesen ist also zunächst ein Ein­tau­chen in eine Flut aus Far­ben, For­men und Gestal­ten.” Der­glei­chen hat den Neo­folk-Hard­li­ner Josef Klumb („Von Thron­stahl”) zu einem Spott­lied bewegt: „Sie wol­len nicht Anstoß erre­gen, man macht es sich bequem (…). Sie beu­gen sich jeder Kon­trol­le und üben Selbst­zen­sur. Sie haben nichts zu ver­tre­ten, sie musi­zie­ren ja nur.(…) Eine Pri­se Ernst Jün­ger, ein wenig kon­ser­va­tiv, / beque­me Bleich­ge­sich­ter, die ich im Leben nie rief.”)
Ist nun Jün­ger, zumin­dest für eine Min­der­heit, zur „cul­tu­ral icon” gewor­den? Für die Neo­folk-Sze­ne ist er die idea­le Iko­ne, ein Dich­ter in Uni­form, der sich auch völ­lig unpo­li­tisch auf­neh­men läßt, von einer schnei­di­gen, „ver­bo­te­nen” Aura umge­ben – aber eben kein Nazi -, mit Zugangs­to­ren zur Schwar­zen Roman­tik, zum Sur­rea­len, Magi­schen und Mythi­schen. Er ist tat­säch­lich eine „Ver­stän­di­gungs-Iko­ne”, ein Idol gewor­den, das ein gan­zes Lebens­ge­fühl kodiert. Die Sze­ne erstreckt sich von Ruß­land bis Por­tu­gal, von Skan­di­na­vi­en bis Isra­el und die USA, ist mit­hin eine äußerst vita­le Sub­kul­tur, die wei­te Fel­der im „meta­po­li­ti­schen” Raum besetzt hat. Es gibt in der Tat weni­ge Dich­ter, die eine sol­che Reve­renz einer Jugend- und Musik­kul­tur erwie­sen bekom­men haben wie Jün­ger, und der Ein­fluß sei­nes Wer­kes ist stän­dig am Wach­sen. Och­sen­rei­ter und Hat­zen­bich­ler mögen recht gehabt haben, als sie in ihrem Nach­ruf schrie­ben: „Jün­ger ist ein Autor für die Men­schen, die tat­säch­lich im Hier und Jetzt leben”, wobei zu ergän­zen wäre: die sich aber gleich­zei­tig der mythen­lo­sen „Total­herr­schaft der Gegen­wart” (Botho Strauß)

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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