Sezession
1. Februar 2008

Der feldgraue Psychagoge. Jünger-Rezeption in der Subkultur

Martin Lichtmesz

Musik weckt Emotionen. „Die Basis jeder Selbststimulation ist der Sound" (QRT). Nicht anders zielten die Traktate Kadmons darauf ab, den Leser mit der Begeisterung und Faszination des Autors anzustecken, das „abenteuerliche Herz" anzufachen. Die billig produzierten Heftchen hatten weder eine hohe Auflage noch eine weite Verbreitung, dennoch war ihr untergründiger, befreiender Einfluß auf die sich entwickelnde Neofolk-Szene enorm. Sie gaben Wegweiser in ein Gebüsch voller ungehobener, vom Mainstream unterschlagener Schätze. In einem Interview mit Michael Moynihan, dem Kopf von Blood Axis, stellte Petak die Frage: „Glaubst Du, daß es eine Verbindung gibt zwischen rechten Vorstellungen und der rechten, intuitiven, mythischen Gehirnhälfte und linken Vorstellungen und der linken Gehirnhälfte, die für rationale, analytische Vorgänge verantwortlich ist?" Antwort: „Die Linke interessiert sich nur für die politische Ebene - in meinen Augen die niedrigste Ebene von allen. (...) Sie hat eine rein materialistische Anschauung, das Emotionelle wird vollkommen geleugnet.(...) Anstatt Zusammenhänge zu sehen, halten sie Spiritualität und Mytholgie für völlig unwichtig." Diese Sätze sind symptomatisch für die Herangehensweise der enfant terribles des Neofolk, und enthalten im Kern alles, was zu den Attacken der „Antifaschisten" (mit oder ohne Doktortitel), die folgen sollten, zu sagen ist. Noch Jahre später betonte Petak in einem Interview: „Jünger mit all seinen Facetten, seinem Wissen und seiner Weisheit über Kunst, Drogen, Literatur, Natur und viele andere Themen, kann man nicht einfach ‚faschistisch‘ oder ‚rechts‘ nennen. Wer das tut, zeigt deutlich, daß er keine Ahnung von diesem bedeutenden deutschen Schriftsteller hat." Jünger tauchte seither mehrfach als Referenz bei Allerseelen auf, 1997 erschien das Stück „In Stahlgewittern", 1998 das „Käferlied", 2002 das Album „Das abenteuerliche Herz", das weniger als „Vertonung" denn als Hommage zu verstehen ist. Im Szene-Organ „Zinnober" (V/2003) interviewte Petak schließlich den Jünger-Forscher und -Aficionado Tobias Wimbauer. Inzwischen hatte sich der Jünger-Einfluß auch anderweitig bemerkbar gemacht.
Im selben Heft wurde eine Aufführung der Oper Auf den Marmorklippen von Giorgio Battistelli in Mannheim besprochen (die auch auf CD erschienen ist). Der Roman wurde im Szenekontext bisher zweimal atmosphärisch vertont, von His Divine Grace („Die Schlangenkönigin", 2003, als Grundlage wurde zum Teil das Hörbuch mit Christian Brückner benutzt) und Sagittarius („Die große Marina", ebenfalls 2003, frei zum Herunterladen auf www.sagittarius.de). Auszüge aus der englischen Übersetzung von Stuart Hood fanden sich auf dem Titel „The Storm Before the Calm" (1994) von Blood Axis, der den Text mit der Stimme von Corneliu Codreanu und einem Klaviermotiv von Nietzsche vermischte. Von Richard Leviathan (Strength Through Joy, Ostara), dem wohl intellektuellsten und zugleich popkompatibelsten Vertreter des Genres (er arbeitete auch mit Waltari zusammen), stammt der Text „On The Marble Cliffs", der bisher in drei verschiedenen Versionen auf Alben von Kapo! (= Death in June), Ostara und Foresta di Ferro zu hören war. 1997 veröffentlichten Turbund Sturmwerk die Single „Der letzte Sieger ist der Tod".

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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