Sezession
6. Dezember 2010

Andreas Krause Landt: Mein jüdisches Viertel, meine deutsche Angst

Felix Menzel

Neben Josef Schüßlburner und Martin Lichtmesz hat Sezession natürlich auch Andreas Krause Landt drei Fragen zu seinem kaplaken-Bändchen „Mein jüdisches Viertel, meine deutsche Angst“ gestellt. Er beschreibt anhand seiner eigenen Familiengeschichte, wie schwer es für einen Deutschen ist, angemessen mit der Vergangenheit umzugehen.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

  • Sezession

Herr Landt, in Ihrem sehr persönlichen Essay „Mein jüdisches Viertel, meine deutsche Angst“ erzählen Sie uns, wie Sie erst vor kurzem von Ihren jüdischen Vorfahren erfahren haben. Was hat sich seit diesem Moment für Sie geändert?

Diese Nachricht hat mich zunächst erschreckt, weil ich plötzlich und mit großer Wucht die bis dahin unbewußte Folgerichtigkeit meines Lebensweges erkennen mußte. Schließlich hatte ich mich lange Zeit intensiv mit Identitätsfragen beschäftigt, im Hinblick auf Deutschtum und Judentum, deutsche Juden und jüdische Deutsche und im Zusammenhang mit der Schuldfrage nach 1945. Vor über zehn Jahren sagte eine gute Freundin zu mir: „Fehlt nur noch, daß Du Jude bist.“ Der Familienname meines Vaters, den ich damals schon kannte, ließ in diese Richtung keine Schlüsse zu, da sein Judentum über seine mütterliche Linie kam, über die ich vor unserer Begegnung nichts gewußt habe.

Den jüdischen Anteil meiner väterlichen Familie, zu dem auch die ungarische Herkunft meiner Großeltern Fröhlich gehört, sehe ich inzwischen als eine Bereicherung an, die mich andererseits nicht auf ein jüdisches Leben verpflichtet. Ich bin kein Jude, nach jüdischem Gesetz schon gar nicht. Ich hoffe aber, daß die intensive Intellektualität des säkularen Judentums, die ich in meiner väterlich-großmütterlichen Familie sehe, ein wenig auch auf mich abgefärbt hat, ohne daß ich glücklicherweise die mit dem Judentum verbundenen Identitätsprobleme (Assimilationsdruck und Emanzipationshoffnung) mit übernehmen muß. Mein Wissen um den jüdischen Anteil weitet meinen Horizont und klärt die Sicht auf meine Herkunft. Ein Schicksal, das ich kenne, ist leichter zu tragen als eines, das ich nur dunkel ahne, und das als dunkel Geahntes oder dumpf Gefühltes nicht weniger Macht über mein Leben hat, sondern mehr … Tatsächlich fühle ich mich heute nicht schwerer, sondern leichter.

Sie schreiben, daß Sie unter der Vergangenheit der Deutschen leiden. Warum?

Als Folge der Jahre 1933 bis 1945 spüre ich in meiner mütterlichen und in meiner väterlichen Familie ähnliche seelische Belastungen. Wer will bestreiten, daß auch viele „Täter“ später unter ihren Taten gelitten und unausgesprochenes Leid an ihre Kinder und Kindeskinder weitergegeben haben? Daß ich nicht ausschließlich mit dem „Tätervolk“ identifiziert bin, öffnet meinen Blick auf alle, die bis heute direkt oder indirekt unter den Ereignissen der Jahre 1933 (bzw. 1939) bis 1945 leiden. Erst vorgestern habe ich erfahren, daß mein Großvater mütterlicherseits einen älteren Bruder hatte, der 1919 an Tuberkulose starb. Er war einer meiner Großonkel.

Bis heute weiß ich nicht, was die Verschlossenheit meines Großvaters ausgelöst hat, die mich bis in mein eigenes Erwachsenendasein hinein belastete – ob es seine Kriegsteilnahme war oder zum Beispiel der frühe Tod seines Bruders, der vermutlich eine Folge der schlechten Ernährungslage nach dem Ersten Weltkrieg war. Stellen Sie sich eine kinderlose, alleinstehende Frau um die 50 vor, deren handwerklich begabter Bruder arbeitslos im Hause der Eltern lebt, ebenfalls alleinstehend. Alle ihre Vorfahren wurden aus Schlesien bzw. aus Masuren vertrieben. Die Eltern dieses Geschwisterpaares haben ihr Leben äußerlich noch gut bewältigt. Daß bei ihren Kindern eine bestimmte Kraft offensichtlich fehlt, hängt nach meinem Verständnis mit dem Vertreibungsschicksal der Vorfahren zusammen.

Es gibt kaum eine Familie in Deutschland, die nicht unter dem Zweiten Weltkrieg schwer gelitten hat, die nicht Angehörige als Soldaten oder Bombenopfer verloren hat, in der niemand vertrieben oder vergewaltigt wurde. Dieses massenhafte Leid teilt sich bis heute mit, es wirkt bis heute nach. Oft ist es aber bis heute nicht betrauert worden. Es gibt die Verschattungen und Lebenshemmungen, die auch mein eigenes Leben und das meiner Verwandten geprägt haben. Diese Symptome waren mir lange Zeit unerklärlich. Heute sehe ich sie als direkte Kriegsfolgen an. Das macht es möglich, mit ihnen umzugehen, bis hin zur Heilung.

Sie sind der Meinung, die lautesten Gegner von Hitler würden helfen, sein Werk fortzusetzen. Wie können wir denn Hitler endgültig begraben und ihn aus unseren Köpfen herausbekommen?

Den Weg wies bereits Thomas Mann in seinem Aufsatz „Bruder Hitler“, von dem er später nichts mehr wissen wollte. Hitler ist in der Tat unser „Bruder“. Hitler, das sind wir selbst, das ist das Böse in jedem von uns. Ich sage das in einem anthropologischen Sinne, nicht im Sinne einer Kollektivschuldthese, die jeden Deutschen im Dritten Reich zu einem Verbrecher macht. Ich meine also nicht die Tat, sondern die Fähigkeit zur Tat. Die werden wir nicht los, indem wir auf Hitler als den ganz Anderen zeigen, von dem wir uns nur zu distanzieren brauchten. Denis de Rougemont sagt: Der Teufel hat uns erst richtig in seiner Gewalt, wenn wir glauben, Hitler sei der Teufel. Dann kann er mit uns machen, was er will.

Margarete Mitscherlich hat schon vor zwanzig Jahren vorgeschlagen, daß man Rechtsradikalen gestatten möge, um ihre toten Idole zu trauern. Jeder hat das Recht, enttäuschte Hoffnungen und tote Idole zu betrauern. Trauer ist ein Menschenrecht. Eine Bestattung Hitlers würfe dieselben Fragen auf wie die Bestattung von Polineikes – Antigones Bruder, der als Feind Thebens nicht beerdigt werden sollte. Ihn „mitzulieben“, beansprucht Antigone. Ihrer Forderung nach einem Grab für Polineikes müssen auch wir uns stellen. Wir können nicht so tun, als gingen uns wegen Hitlers Unmenschlichkeit elementare Fragen der Menschlichkeit nichts mehr an.

Mittlerweile spricht es sich zum Glück herum, daß wir nicht glaubhaft um jegliche Opfer trauern können, wenn wir unseren eigenen Vorfahren die Trauer versagen, weil sie Mitglieder der SS oder der NSDAP waren. Vor den Toten muß das menschliche Richten aufhören. Vielleicht kommt der Tag, an dem wir Hitlers Schädelreste aus Moskau zurückbekommen und sie irgendwo in Österreich oder in der Bundesrepublik in einem schlichten Grab beisetzen. Im Augenblick ist das nahezu unvorstellbar. Aber die Ruhe des toten Hitler würde auch der Ruhe aller anderen Toten dienen, an denen wir bis heute herumzerren. Wenn wir damit aufhörten, würde sich vieles beruhigen. Ich glaube, daß zum Beispiel auch die Nachfahren der KZ-Opfer dann ein leichteres, der Zukunft zugewandteres Leben hätten. Und darum geht es.

(Zum kaplaken-Bändchen von Andreas Krause Landt geht´s hier.)


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.