Sezession
7. Dezember 2010

Medienkompetenz für Kinder und ihre Erwachsenen

Ellen Kositza

Sie und ich, wir dürfen uns als womöglich halbgeniale Autodidakten schon mal auf die Schulter klopfen. Ich schreibe Ihnen diesen Text, Sie lesen ihn, und diesen Bruchteil Ihrer und meiner Medienkompetenz haben wir allesamt - vermute ich mal - ohne didaktische Fingerzeige, ohne Volkshochschulkurs und sonstiges coaching erworben.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ganz zu schweigen davon, daß wir uns mit einem verpflichtenden Schulfach „Moderne Medienwelten“ herumplagen hätten müssen, in dem meine Kinder nun beispielsweise üben, wie man glitzernde elektronische Grußkarten erstellt. Auch alles andere, die alltags notwendige Grundfähigkeiten jedenfalls (ein bißchen Netzrechreche, email-schreiben, Korrekturprogramme installieren) haben wir ganz gut ohne pädagogische Führung hinbekommen.

Gestern hat mir (per Briefpost) die Deutsche Post verkündet, daß sie gerade in Zusammenarbeit mit der Stiftung Lesen und unter Schirmherrschaft der Bundesministerin Prof. Dr. Annette Schavan „einen langfristigen bildungspolitischen Impuls“ gesetzt hat. Nämlich: das neue Onlineportal www.clixmix.de. Das Projekt „erfülle einen gesamtgesellschaftlichen Bildungsauftrag, indem Kinder zu einer kritischen, verantwortungsbewußten Teilhabe in einer zunehmend digitalen Welt befähigt werden“, sagt Frau Schavan, und der Herr Kreibich (Stiftung Lesen) lobt das „nachhaltige Bildungsinvestment“.

Durchs grundschulkindgerechte Online-Programm führen uns „auf die unterschiedlichen kindlichen Lerntypen zugeschnittene Tier-Charaktere" – „von der sachlich-forschenden Schildkröte über die sensibel-zurückhaltende Maus bis hin zum temperamentvollen Affen“ (ein Schelm, wer sich für diese Äffchen und Mäuschen Schülertypen aus dem echten Leben vergegenwärtigt). "Diese Tier-Avatare möchten den Kindern helfen, ihren individuellen Zugang zu Information und Wissens-Inhalten zu entwickeln.“

Klingelingeling! Ist's schon der Weihnachtsmann oder nur Wortgeklingel, was hier zu uns dringt? Stiftung Lesen, quo vadis? Gut, schon das Vorwort der zugesandten Broschüre hätte mir klarmachen sollen, daß ich der falsche Ansprechpartner für ein solches Angebot bin. Weder werden unsere Kinder von Radiomusik geweckt, noch verstauen sie ihre „Schulbücher im Spongebob-Rucksack“, sie gehen weder „an Plakatwänden vorbei zur Schule“ noch debattieren sie „in den Pausen das neue Konsolen-Spiel“, und keinesfalls ruft die „Mama mal kurz auf dem Handy“ an oder werden „beim Einschlafen Fernsehgeräusche aus dem Wohnzimmer“ gehört.

Also reihe ich mich nur pro forma ein bei den Eltern, denen es so schwer fällt, mit den „Veränderungen im Technikbereich Schritt zu halten.“ Was könnte ich tun, bevor mir mein Netzäffchen entgleitet? Beispielsweise:

„Spielen Sie ihrem Kind eine Modern-Talking-Platte vor und erklären (!) Sie, daß diese Musik von DSDS-Dauer-Juror Bohlen stammt.“

„Erinnern Sie sich, was sie damals in den Medien gesehen und gefunden haben, und fragen Sie Ihr Kind, was es in „seinen“ Medien sucht und sieht.“

„Welches Computerspiel spielt ihr Kind gerade besonders gern?“

Keine Frage: Wer händeringend nach Gesprächsinhalten mit seinen Kindern sucht, wird hier fündig. Und zumindest die Teresa, 8 Jahre, 3. Klasse, findet Clixmix

„so cool, da kann man spielen und tolle Sachen erfahren, die man sonst nicht weiß.“

Meine eigenen Kinder habe ich das coole Portal noch nicht auszuprobieren lassen. Die Kleineren haben irgendwie nie richtig Zeit. Grad locken der Schnee und die Puzzle, davor warens die aufgetürmten Blätterhaufen, noch vorher das aus Buttermilchbehältern und Nylonschnur gebastelte Telefon, über das sie über zwei Gärten hinweg von Baumhaus zu Baumhaus kommunizierten (Medienkompetenz!), und wenn es mal draußen nichts zu tun gibt, kriege ich sie wegen der vielfältigen Ablenkungen (Bücher, Arztkoffer, Backstube, Musik (selbstgemacht), diverse Sammeltätigkeiten) auch nur mit eiserner Strenge und per Befehlston an den Rechner.

Die Größeren erledigen am „digitalen Arbeitsplatz“ das Nötigste. Die Neunjährige (als Junggymnasisatin grade der Zielgruppe entwachsen) hat sich die „kreativen und interaktiven Aspekte“ auf clixmix.de kurz angeschaut und beurteilt. Wenn sie noch "sieben" sei, würde sie sich das vielleicht anschauen, aber jetzt fände sie es extrem langweilig, außerdem häßlich und übertrieben gemalt. "Die Geduld, mir nach dem Klicken jedesmal erstmal ein Postpaket anzuschauen, das reingleitet und sich dann öffnet – die hätte ich nicht.“

Die Kinder und Eltern, die in der clickmix-Broschüre strahlend ihre gemeinsame quality time vor dem Laptop verbringen (gerne liegend) und die zwei ganz kleinen Jungs, Rücken an Rücken mit je einem Tragrechner auf den Knien, sehen andererseits richtig happy aus.

Man darf sicher sein, daß sie alle den bei clixmix runterladbaren Internetvertrag unterzeichnet haben, der eine verpflichtende Vereinbarung zwischen Kind und „seinem Erwachsenen“ beinhaltet. Hier dürfen das Kind und sein Erwachsener eintragen, wie viele Minuten im Internet gesurft werden dürfen, welche Seiten außer Clixmix besucht werden dürfen. Punkt 3 des wichtigen Vertrags: „Bei allen anderen Seiten frage ich zuerst ob es okay ist.“

Okay. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Daß im Umkehrschluß klug würde (oder wenigstens mit einigen Kommaregeln vertraut würde), wer sich auf ministeriell geförderten Blödelseiten „Fit für die Medienwelt“ macht, ist damit nicht gesagt.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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