7. Dezember 2010

Ideenwerkstatt der Bielefelder Normannia-Nibelungen

Gastbeitrag

von Alex Klein

Wie Mechanismen zur Unterdrückung eines kontroversen Diskurses funktionieren, zeigte sich bereits im Vorfeld der VI. Bielefelder Ideenwerkstatt, die Ende November bei der Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld stattfand. Zum Thema „Die Informations- und Wissensgesellschaft – zwischen Risiken und neuen Möglichkeiten“, sollten Referenten unterschiedlicher Couleur diskutieren. Doch neben der Sachdebatte kam es auch zu Problemen.

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Über Themen wie „Humboldt im 21. Jahrhundert“ und „Medienstrategien von Al-Qaeda“ wollte die Burschenschaft Kontroversen eröffnen. Ebenfalls auf der Agenda stand ein Vortrag von Daniel Flachshaar aus dem Bundesvorstand der Piratenpartei. Zu diesem Vortrag ist es allerdings nicht gekommen. Bereits eine Woche vor der Veranstaltung kritisierte ein Nutzer im Forum der Piratenpartei Flachshaars Teilnahme, da er seiner Auffassung nach von den „extrem Rechten“ instrumentalisiert werden würde. Eine Absage von Flachshaars Seite blieb indes vorerst aus, weil er gerade eine Diskussion mit unterschiedlichen Auffassungen als durchaus erstrebenswert betrachtete. Von den Verzerrungen ließ er sich nicht beeinflussen. Aus seiner Zusage wurde trotzdem wenige Tage später eine Absage, allerdings nicht aus freien Stücken.

Laut Auskunft der Burschenschaft habe Flachshaar mitgeteilt sein Briefkasten sei mit „faschistischen Symbolen“ vollgeschmiert worden. Innen habe ein Zettel gelegen, auf welchem ihm geraten wurde, nicht nach Bielefeld zu fahren, wenn ihm das Wohl seiner Familie am Herzen liege.

Der Drohbrief bewirkte, was er sollte. Flachshaar blieb das Wochenende zuhause, da er nichts riskieren wollte. Die wohl politisch motivierten Täter erreichten somit ihr Ziel einen Referenten der Piratenpartei von einer Veranstaltung mit ausgeprägter Debattenkultur fernzuhalten. Täter vom gleichen Schlag verzierten zudem das Burschenhaus zwei Tage vor Beginn mit roter Farbe.

Den gewünschten Pluralismus bot die Veranstaltung dennoch. Großen Stellenwert nahm dabei die Lage der gegenwärtigen Universität ein. Professor Harald Seubert ergründete „Humboldt im 21. Jahrhundert“ und kritisierte die Verfallserscheinungen der gegenwärtigen Bologna-Universität und die Leere im Bildungsbegriff. Heute sei kaum noch von geistiger Tradition und Forschung die Rede. Respekt vor höherer Bildung hätten nur noch die wenigsten. Daraus folge die unhinterfragte Aufnahme alles vorgegebenen Wissens. Eine für Bildung unbedingt notwendige Urteilskraft sei jedoch nicht erreichbar. Seubert wünscht sich als Gegenkraft zu diesem Verfall der akademischen Institution eine „konservativ-wissenschaftliche Universität“.

Professor George Turner intensivierte die Sicht auf die Hochschulen, indem er eine Übersicht der Reformen seit der Nachkriegszeit gab und den Bologna-Prozess erklärte und hinterfragte. So hätten sich die Fachhochschule und Universität stark einander angenähert. Auffallend sei auch der steigende Einzug einer „Pennälermentalität“ in die Universitäten, die sich dadurch auszeichne, daß nur das Notwendigste gelernt, über die Vorlesungen hinaus jedoch ein Thema nicht vertieft würde. Dennoch betonte Turner, die Reform sei unausweichlich gewesen und nicht so schlecht wie sie oft dargestellt werde.

Anständig zu provozieren wußte Felix Menzel, der sein angekündigtes Vortragsthema abwandelte und über die „perfekte Zeitung der Zukunft“ referierte, welche nur „rechts“ sein könne und einen klaren Blick auf die Wirklichkeit entwickeln müsse. Diese Zeitung überwinde aufgrund des rauhen Meinungsklimas in Deutschland die Grenzen der Berichterstattung und bewege sich zwischen Literatur und Journalismus. Menzel orientiert sich in Form und Inhalt stark am sogenannten „New Journalism“. Als Beispiel dafür verlas er die Kolumne „Hundert Zeilen Hass“ aus der Allgemeinen Europäischen Staatenzeitung und gab einen Überblick auf ähnliche Versuche in den letzten Jahrzehnten, etwa die Zeitschriften Tempo und Der Freund.

Die Rolle des Internets für das Terrornetzwerk Al-Qaeda stellte Philipp Holtmann anhand des Projekts „Dschihadismus im Internet“, welches von der Gerda Henkel-Stiftung gefördert wird, umfassend dar. Er ist Doktorand an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Die Al-Qaeda habe die beste „Propagandastruktur“, die jemals von einer Terrorgruppe entwickelt wurde. Holtmann pickte sich einzelne Selbstmordattentäter heraus, die sich in Foren radikalisierten und die vor ihrem Tod für die Vermarktung ihres Anschlages gesorgt hatten.

Die Vorträge wurden von den Zuhörern allesamt eifrig diskutiert. Dabei wurden verschiedene Meinungen und Ansichten ausgetauscht. Die Vorkommnisse im Vorfeld der Veranstaltung haben trotzdem gezeigt wie schwer es ist eine Debatte zwischen Personen unterschiedlicher Couleur zu organisieren.

Die Referenten waren sich zudem der Schwierigkeit bewußt, im Internetzeitalter aus Informationen anwendbares Wissen zu erschließen. Uns stehen so viele Informationen wie nie zuvor zur Verfügung, die Mehrheit ist aber kaum noch in der Lage mit diesen vernünftig umzugehen. Gerade dies ist das Paradoxon dieses Zeitalters. Auf der anderen Seite zeigt gerade das Beispiel Al-Qaeda: Wer seine Informationsstrukturen perfektioniert, kann mit wenigen Mitteln durchschlagende Effekte erzielen.

Informationen zur Bielefelder Ideenwerkstatt
zur Burschenschaft Normannia Nibelungen
und per Bild zur Besudelung kurz vor der Veranstaltung:


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