Theodor Buhl: Winnetou August – eine Rezension

Der Siebenbürger Eginald Schlattner wurde als Student Ende der fünfziger Jahren von der Securitate zwei Jahre lang...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

ein­ge­ker­kert und ver­hört. Zwi­schen 1998 und 2005 (Jahr­zehn­te nach den Ereig­nis­sen also) erschie­nen sei­ne drei Roma­ne, in denen er Kind­heit, Jugend und Haft unter der Fra­ge dar­stellt, wie ihm dies hat­te wider­fah­ren kön­nen. Über etwas ande­res als die­ses »Lebens­the­ma« hat Schlatt­ner nicht geschrie­ben, und er ist seit dem her­aus­ra­gen­den Rote Hand­schu­he auch fer­tig damit.

Oder Gert Ledig? Er hat zwi­schen 1955 und 1957 in sei­nen Büchern Sta­lin­or­gel, Ver­gel­tung und Faust­recht zu Krieg und Nach­krieg auf kras­se Wei­se gesagt, was er zu sagen hat­te – stieß auf Unver­ständ­nis und schwieg danach, schrieb auch nichts Neu­es mehr, als er kurz vor sei­nem Tod wie­der­ent­deckt wurde.

15 Jah­re jün­ger als Ledig ist Theo­dor Buhl (1936 in Schle­si­en gebo­ren). Er hat ein hal­bes Jahr­hun­dert lang mit der Ver­öf­fent­li­chung sei­nes Wer­kes gewar­tet: Win­ne­tou August ist ein auto­bio­gra­phi­scher Roman über das Durch­kom­men in Flucht und Ver­trei­bung, und obwohl er die­se deut­sche Kata­stro­phe, sein Lebens­the­ma, so meis­ter­lich faßt, wird er land­auf, land­ab in den Feuil­le­tons als Ent­de­ckung gefeiert.

Buhl hat sei­ne Kind­heit in Schle­si­en ver­bracht, floh mit Mut­ter und Bru­der vor der Roten Armee bis Dres­den, über­leb­te dort in einem Vor­ort die Bom­bar­die­rung der Stadt, zog durch die besetz­te Hei­mat zurück bis Bunz­lau und wur­de nach einem Jahr end­gül­tig ver­trie­ben. Geschil­dert wird also etwa aus den Jah­ren 1930 bis 1946, der Ton ist lako­nisch, nicht ohne Witz, und die Per­spek­ti­ve ist kon­se­quent auf das ver­engt, was der her­an­wach­sen­de Bub und sein älte­rer Bru­der sich aus Erwach­se­nen­ge­sprä­chen und eige­nen Beob­ach­tun­gen zu einer Wirk­lich­keits­deu­tung zusam­men­bas­teln können.

Der eigent­li­che Held ist der Vater, den der Ich-Erzäh­ler (das Kind) nur August nennt: aus dem I. Welt­krieg ver­sehrt heim­ge­kehrt, nicht der bes­te denk­ba­re Ehe­mann, manch­mal ein Prahl­hans, laten­ter Alko­ho­li­ker – aber dann, als das Cha­os aus­bricht, so zäh, geschickt, uner­bitt­lich, daß sei­ne Söh­ne immer hof­fen, Vater August möge in der Nähe sein. Neben ihm ver­blaßt sogar Win­ne­tou, der lupen­rei­ne Held: Sei­ner edlen See­le fehlt Augusts Dimen­si­on einer Über­le­bens-Ver­schla­gen­heit, über­haupt wird der gan­ze Karl May (den die Kna­ben im Cha­os um die Wet­te lesen) über­trof­fen von dem, was erlebt wer­den muß und wovon man die Augen nicht wen­den kann.

Denn dar­auf steu­ert das gan­ze Buch zu: auf die unmit­tel­ba­ren Vor­gän­ge der Ver­trei­bung (die Ver­ge­wal­ti­gun­gen, Fol­te­run­gen, Erschie­ßun­gen), von denen es kaum ver­öf­fent­lich­te Bil­der gibt. Viel­leicht lagern sie in Archiven.

In einem Inter­view erklärt Buhl, war­um er, der kind­li­che Augen­zeu­ge, nicht den doku­men­ta­ri­schen Bericht, son­dern aus­ge­rech­net die lite­ra­ri­sche Spra­che als Mit­tei­lungs­form gewählt und bis an die Gren­ze des Erträg­li­chen aus­ge­schöpft habe: »Doku­men­te über­dau­ern in Archi­ven – Roma­ne, wenn sie ihre Leser fin­den, in den Köpfen.«

Buhl will etwas ver­an­kern, er hält die »euro­päi­sche Ver­söh­nung« für unvoll­endet, »solan­ge nicht auch die Opfer der deut­schen Zivil­be­völ­ke­rung ein Gesicht und eine Stim­me haben.« Wo nun Buhl von den Ver­ge­wal­ti­gun­gen und Greu­eln der Sowjet­sol­da­ten schreibt oder den Blick auf die vor­über­zie­hen­den und in der Janu­ar­käl­te erfrie­ren­den schle­si­schen Flücht­lin­ge rich­tet, erhal­ten die­se Opfer ein Gesicht und eine Stim­me, und der Text wird zu einem Höl­len­ge­mäl­de. Davon muß hier nun eini­ges zitiert werden:

Im Durch­gang zu den Stäl­len liegt ein Hau­fen Klei­der mit zwei steif gestreck­ten nack­ten Bei­nen. An denen über­all am Fleisch sind rote Krat­zer – und zwi­schen den Bei­nen ist Blut. Der Hau­fen Klei­der ist ein Rock. Der Rock ist hoch­ge­zo­gen und zuge­bun­den wie ein Sack. Im Sack drin sind die Arme und der Kopf.

Die bei­den in der Schlach­ter­kam­mer waren tot, das konn­te man sofort erken­nen. Die Kör­per lagen auf dem Tisch, die eine mit dem Rücken, die and­re umge­kehrt. Die Bei­ne hin­gen von der Kan­te run­ter, die Hän­de waren an den Tisch gebun­den. Man konn­te sie nur einen Augen­blick lang sehen, die knall­ten gleich die Tür von innen zu, kaum daß sie uns ent­deck­ten. Zwi­schen den gespreiz­ten Bei­nen hat bei jeder eine Mist­ga­bel gestan­den, die Zin­ken auf dem Boden. Die waren mit den Stie­len rein­ge­steckt gewe­sen. Weil man es nicht rich­tig hat­te sehen kön­nen, hat man es sich immer wie­der vorgestellt.

Es gibt kei­nen Zwei­fel: Buhl möch­te, daß wir uns das ab jetzt auch immer wie­der vor­stel­len, weil wir es nicht rich­tig haben sehen kön­nen oder – sol­len: Es waren und sind die »Wol­ken­schie­ber« und »Nebel­wer­fer« (so jüngst Mar­tin Wal­ser in einer Rede auf Ernst Jün­ger) in den Medi­en, den diver­sen Grup­pen 47, auf den Hoch­stüh­len und den Stif­tungs­rat­pos­ten, die die Bil­der unse­rer Opfer in die Archi­ve ver­bann­ten. Theo­dor Buhl hat sie sprach­ge­wal­tig zurückgeholt.

(Theo­dor Buhl: Win­ne­tou August. Roman, Eich­born: Frank­furt 2010. 320 S., 19.95 €)

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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