Sezession
21. Dezember 2010

Theodor Buhl: Winnetou August – eine Rezension

Götz Kubitschek

Der Siebenbürger Eginald Schlattner wurde als Student Ende der fünfziger Jahren von der Securitate zwei Jahre lang eingekerkert und verhört. Zwischen 1998 und 2005 (Jahrzehnte nach den Ereignissen also) erschienen seine drei Romane, in denen er Kindheit, Jugend und Haft unter der Frage darstellt, wie ihm dies hatte widerfahren können. Über etwas anderes als dieses »Lebensthema« hat Schlattner nicht geschrieben, und er ist seit dem herausragenden Rote Handschuhe auch fertig damit.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Oder Gert Ledig? Er hat zwischen 1955 und 1957 in seinen Büchern Stalinorgel, Vergeltung und Faustrecht zu Krieg und Nachkrieg auf krasse Weise gesagt, was er zu sagen hatte – stieß auf Unverständnis und schwieg danach, schrieb auch nichts Neues mehr, als er kurz vor seinem Tod wiederentdeckt wurde.

15 Jahre jünger als Ledig ist Theodor Buhl (1936 in Schlesien geboren). Er hat ein halbes Jahrhundert lang mit der Veröffentlichung seines Werkes gewartet: Winnetou August ist ein autobiographischer Roman über das Durchkommen in Flucht und Vertreibung, und obwohl er diese deutsche Katastrophe, sein Lebensthema, so meisterlich faßt, wird er landauf, landab in den Feuilletons als Entdeckung gefeiert.

Buhl hat seine Kindheit in Schlesien verbracht, floh mit Mutter und Bruder vor der Roten Armee bis Dresden, überlebte dort in einem Vorort die Bombardierung der Stadt, zog durch die besetzte Heimat zurück bis Bunzlau und wurde nach einem Jahr endgültig vertrieben. Geschildert wird also etwa aus den Jahren 1930 bis 1946, der Ton ist lakonisch, nicht ohne Witz, und die Perspektive ist konsequent auf das verengt, was der heranwachsende Bub und sein älterer Bruder sich aus Erwachsenengesprächen und eigenen Beobachtungen zu einer Wirklichkeitsdeutung zusammenbasteln können.

Der eigentliche Held ist der Vater, den der Ich-Erzähler (das Kind) nur August nennt: aus dem I. Weltkrieg versehrt heimgekehrt, nicht der beste denkbare Ehemann, manchmal ein Prahlhans, latenter Alkoholiker – aber dann, als das Chaos ausbricht, so zäh, geschickt, unerbittlich, daß seine Söhne immer hoffen, Vater August möge in der Nähe sein. Neben ihm verblaßt sogar Winnetou, der lupenreine Held: Seiner edlen Seele fehlt Augusts Dimension einer Überlebens-Verschlagenheit, überhaupt wird der ganze Karl May (den die Knaben im Chaos um die Wette lesen) übertroffen von dem, was erlebt werden muß und wovon man die Augen nicht wenden kann.

Denn darauf steuert das ganze Buch zu: auf die unmittelbaren Vorgänge der Vertreibung (die Vergewaltigungen, Folterungen, Erschießungen), von denen es kaum veröffentlichte Bilder gibt. Vielleicht lagern sie in Archiven.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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