Sezession
16. Dezember 2010

Noch mehr Schwedisches

Martin Lichtmesz

Angeregt von meinen letzten beiden Beiträgen über Schweden, schreibt mir eine aufmerksame Leserin, die lange Zeit in diesem Land gelebt hat. Insbesondere zu meinem Kulturschock über das Duzen hat sie einiges Ergänzende und Interessante zu sagen, das ich hier mit ihrer Erlaubnis zitieren möchte.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wie bei allem, ist es nicht ganz so einfach. Warum? Die lange Geschichte von Schweden ist eine Geschichte der Fischer, Waldarbeiter, Bauern, viel länger als andere europäische Staaten wie Holland, Österreich, Deutschland, England, Frankreich. "Verbeamtet" wurde Schweden durch die Deutschen: Die sog. Sächsische Kanzleisprache wurde dem Schwedischen vor Hunderten von Jahren sozusagen aufgepfropft. Bis dahin war Schwedisch intakt, intim, isoliert. Ohne "Sie", ohne "Herre", "Fröken". Die Schweden haben sich das Rechts- und Sprachsystem der Deutschen gern gefallen lassen, kam es doch ihrem Verständnis von Ordnung ("tingsrätt") sehr entgegen.

Zu Ihrer Vermutung/Behauptung, dass mit dem 'Du' die Distanz aufgehoben wird. Im Gegenteil: Damit wird Nähe/Ferne, das Spiel zwischen Sym- und Empathie, auf einen Status, der sich in Schweden mit dem Wort "lagom" etabliert, buchstäblich eingefroren. Dieses Wort bedeutet eigentlich "nicht mehr und nicht weniger" und ist der Lebensstil/-sinn der Schweden schlechthin. Man könnte auch sagen, "die Mitte", was an die politische Entwicklung in Deutschland erinnert. In Deutschland denkt man hier an das eher negative Wort "mittelmäßig", das "weder gut noch schlecht" meint, aber mit dem Akzent nicht auf "mittel-", sondern auf "-mäßig".

Als in Schweden das "Du" wiedereingeführt wurde, griff man sozusagen auf eine alte Kultur und Natur der Schweden zurück. Deshalb funktionierte es so rasch, ausschließlich; perfekt. Das perfekte Funktionieren gab es übrigens auch noch im Verkehrsbereich: Von einem zum anderen Tag wurde in Schweden der Links- auf den Rechtsverkehr umgestellt.

Daran anschließend über die Staatsgläubigkeit der Schweden:

Die Frage ist, warum Schweden so perfekt funktioniert. Ich vermute, dass es darin begründet ist, dass die Schweden seit dem Reichtum über den Schwedenstahl (Kanonen für alle Kriegteilnehmer, also neutral) nur noch Vorteile vom Staat erfahren haben. Am Anfang des 19. Jahrhunderts herrschte noch die bitterste Armut, so dass eine Million Schweden nach Amerika auswanderten.

Eine ungewöhnliche Perspektive auf den skandinavischen Feminismus:

In den Randstaaten im Norden lebten die Wikinger.  Die Männer waren ständig auf der Fahrt, mehr oder weniger in den Krieg...  Zurück blieben Frauen und Kinder. Die Frauen hielten stand, erledigten alle Aufgaben: sie waren die Herrinnen des Hauses, der Stadt, des Landes. Von daher entwickelte sich die Hausmacht der Frau, von daher entwickelte sich ohne Aufsehen der starke Feminismus in Skandinavien, noch beeindruckender in Norwegen. Die Frau, sie hat das Sagen im Haus, der Mann aber hat das Sagen in der Ferne/Fremde.

Und über die kriegerische Vergangenheit Schwedens, die im Kontrast zu seiner heutigen Friedfertigkeit steht:

Schweden ist nun seit mehr als zweihundert Jahren die friedlichste Nation in Europa. Eroberungen in Deutschland (Rügen, Stralsund) haben sie aufgegeben, einen ganzen Staat, Norwegen, haben sie in die Freiheit entlassen. Das ist ungewöhnlich für eine Groß-Macht, die Schweden nun einmal war und die einen verheerenden, den 30jährigen Krieg über das Gebiet des Deutschen Reiches gebracht hat. Fazit: Schon damals musste Deutschland Reparationen bezahlen, in Gold, und das Raubgut kann man noch heute in vielen schwedischen Museen, mehr noch in schwedischen Dorfkirchen bewundern.

Bild: Carl Larsson (1853-1919)


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.