Sezession
1. Februar 2008

Über Jünger zur Philosophie

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 22/Februar 2008

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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sez_nr_227Vor bald vierzehn Jahren, in den Zeiten meiner größten Begeisterung für Ernst Jünger, bemaß sich der Wert eines Lexikons danach, ob es Jünger behandelte und wenn ja, wie es über ihn urteilte. Besonders intensiv wurden damals die gängigen Philosophielexika unter die Lupe genommen, weil es als ausgemachte Sache galt, daß Jünger ein bedeutender Denker sei und sich jedes philosophische Lexikon von selbst disqualifizierte, wenn es ihn nicht aufführte. Die Ausbeute war allerdings ernüchternd, und so kam es, daß das eine oder andere Lexikon nach gesellig durchphilosophierter Nacht in den Papierkorb verbannt wurde, um am nächsten Morgen wieder daraus befreit zu werden: Was kann das Buch dafür, daß es so schlechte Herausgeber hat?

Sind die Reaktionen im Laufe der Zeit auch andere geworden, so stellt die Beachtung und Behandlung bestimmter Personen noch immer eine Art Lackmustest für jedes Lexikon dar. Voraussetzung ist, daß die betreffende Person polarisiert, was bei Jünger, wenn man ihn richtig liest, nach wie vor der Fall ist. Vor vierzehn Jahren konnte einzig das Philosophische Wörterbuch bestehen, das in seiner 22. Auflage (1991) folgendes schrieb: „Jünger, Ernst, philos. Schriftsteller, * 29.3.1895 Heidelberg, bemühte sich um eine philosophische Deutung des Kriegserlebnisses. Für die Existenzphilosophie wichtig ist sein Buch ‚Der Arbeiter. Herrschaft u. Gestalt‘ (1931, 1941), in dem er den Arbeiter als Exponenten der Technik und als Prototyp des kommenden, der Technik verfallenden Menschen darstellt [...]. Als Sprachforscher trat J. 1934 mit seiner Arbeit ‚Lob der Vokale‘ [...] hervor. In ‚Sprache und Körperbau‘ (1947) untersuchte er den Zusammenhang gewisser Wertbegriffe mit Rechts- und Linksseitigkeit des Körpers, mit der Senkrechten (Kopf und Fuß) und mit der Natur der Sinnesorgane." Was bis heute durchfällt, und das seit drei Auflagen, ist das ambitionierte, von Bernd Lutz herausgegebene Philosophenlexikon, wohingegen das alte Philosophenlexikon von Werner Ziegenfuß Jünger ausführlich als Interpreten des Kriegserlebnisses würdigte.
Es würde demnach trist aussehen, wenn es nicht das Große Werklexikon der Philosophie gäbe, in dem Günter Figal einige Hauptwerke Jüngers vorstellt: Die totale Mobilmachung, Der Arbeiter, Über den Schmerz, Über die Linie, An der Zeitmauer. Begründet wird dies von Figal mit dem Hinweis, daß Jünger immer wieder philosophische Fragen aufgegriffen und sich der Zeitdiagnostik, der Sprach- und Naturphilosophie sowie der Geschichtsphilosophie zugewandt habe. Beeinflußt sei Jünger vor allem von Nietzsche, Schopenhauer und Spengler. Wenn man das Werklexikon als einen philosophischen Kanon betrachtet, gehört Ernst Jünger also mittlerweile dazu. Nun ist der Philosophiebegriff dieses Lexikons so weit gefaßt, daß sich damit noch nichts beweisen läßt, zumal die Kriterien der Auswahl nicht klar benannt werden. Philosophie muß sich von Wissenschaft und Dichtung unterscheiden, wobei es zwischen ihnen Überschneidungen gibt.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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