Das Januar-Gedicht: Fontane, seltsam

Ein Fundstück zum Beginn des neuen Jahres, für das wir hier Ihnen dort alles Gute wünschen. Verfaßt hat es Theodor...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Fon­ta­ne im Jah­re 1859. Sei­nen Ton erkennt man gleich. Aber es ist doch ein kunst­lo­ses Gedicht, eher wie ein paar Merk­ver­se, ein biß­chen aus­ge­schmückt, damit man die­sen geschicht­li­chen Vor­gang wei­ter­sa­gen kann und ihn nicht vergißt.

Fon­ta­ne griff mit sei­nen Ver­sen eine Tra­gö­die am Ende des I. Anglo-afgha­ni­schen Kriegs (1839–1842) auf: Der bri­ti­sche Gene­ral Elphin­stone war unter Zusi­che­rung frei­en Geleits mit rund 5000 Sol­da­ten und ihren teil­wei­se am Feld­zug betei­lig­ten Fami­li­en sowie einem rie­si­gen Troß aus dem bela­ger­ten Kabul auf­ge­bro­chen, um sich nach Dscha­lal­abad durch­zu­schla­gen – ins­ge­samt waren rund 13 000 Leu­te unter­wegs. Die Kolo­nen wur­den aller­dings unent­wegt ange­grif­fen und letzt­lich in der Khurd-Kabul-Schlucht nahe Kabul voll­stän­dig auf­ge­rie­ben. Nur der Feld­arzt Dr. Wil­liam Bry­don erreich­te mit sei­nem Pferd die Gar­ni­son in Dschalalabad.

Fon­ta­ne war seit 1857 als Aus­lands­kor­re­spon­dent für ver­schie­de­ne deut­sche Zei­tun­gen in Lon­don tätig und beschäf­tig­te sich dabei mit der bri­ti­schen Kolo­ni­al­ge­schich­te. Die Nie­der­la­ge von 1842 hat­te aus dem “Gro­ßen Spiel” (dem geoi­po­li­ti­schen Rin­gen zwi­schen Ruß­land und Groß­bri­tan­ni­en) ein “Trau­er­spiel” wer­den las­sen – es war die ers­te gro­ße Nie­der­la­ge der bri­ti­schen Kolo­ni­al­ge­schich­te und eine Demü­ti­gung vor der gan­zen Welt.

Das Trau­er­spiel von Afghanistan

Der Schnee leis stäu­bend vom Him­mel fällt,
Ein Rei­ter vor Dschellal­abad hält,
“Wer da!” – “Ein bri­ti­scher Reitersmann,
Brin­ge Bot­schaft aus Afghanistan.”

Afgha­ni­stan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Rei­ter die hal­be Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Ros­se mit eige­ner Hand.

Sie füh­ren ins stei­ner­ne Wacht­haus ihn,
Sie set­zen ihn nie­der an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feu­er, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

“Wir waren drei­zehn­tau­send Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Sol­da­ten, Füh­rer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschla­gen, ver­ra­ten sind.

Zer­sprengt ist unser gan­zes Heer,
Was lebt, irrt drau­ßen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Ret­tung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr ret­ten könnt.”

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offi­zie­re, Sol­da­ten folg­ten ihm all’,
Sir Robert sprach: “Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie kön­nen uns fin­den nicht.

Sie irren wie Blin­de und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Hei­mat und Haus,
Trom­pe­ter blast in die Nacht hinaus!”

Da hub­en sie an und sie wurden’s nicht müd’,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst eng­li­sche Lie­der mit fröh­li­chem Klang,
Dann Hoch­lands­lie­der wie Klagegesang.

Sie blie­sen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Lie­be rufen mag,
Sie blie­sen – es kam die zwei­te Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

“Die hören sol­len, sie hören nicht mehr,
Ver­nich­tet ist das gan­ze Heer,
Mit drei­zehn­tau­send der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.”

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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