Sezession
7. Januar 2011

Minderheitenquartett verteilt Juden Sterne

Ellen Kositza

Wer sich das wohl ausgedacht hat: drei Wochen Schulferien mitten im Winter, und weniger als ein Monat, bis schon die nächste Ferienwoche ( „Winterferien“ genannt) ins Haus steht! Nach diversen Verwandtenbesuchen und den üblichen hochkulturellen Glanzlichtern rund um die Feiertage hat uns nun seit Tagen ein profanes Weihnachtsgeschenk voll im Griff, ein aberwitziges Kartenspiel: das Minderheitenquartett.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die Kinder betteln gleich nach dem Frühstück: „Spielen wir wieder...?“ Und das tun wir dann, gelegentlich stundenlang. Ich gewinne fast immer, weil dieses kleine Kartenspiel (das wenig mit einem gewöhnlichen Quartett zu tun hat) mit seinen ausgefeilten Regeln doch recht ausgebufft ist.

Die Mädels sehen das anders und behaupten, mein notorischer Spielvorteil läge daran, daß ich immer die Karten mit den (nach einem Kategorien- und Punktesystem) privilegiertesten Minderheiten hielte: die "Juden"- , die "Schwulen"- und die "Feministen"-Karte, während sie zum „gegeneinander Ausspielen“ stets die ärmsten Schweine unter den 24 Minderheiten zögen: die "Kinder", die "Nazis" und die "Wachkomapatienten" nämlich. Was meine Töchter beim Spielen regelmäßig vergessen: Der Jude kann zwar in fast allen Kategorien (außer: Schamgefühl) mit reichlich Punkten (nein:  es sind Sterne) aufwarten (höchste Zahl in „Wohlstand“ und „gesellschaftliche Akzeptanz“), der Nazi hingegen, trotz erbärmlicher Ausgangslage, ist ein Trumpf, der Juden und „Neger“ schlägt.

Ferner merke ich, daß meine Kinder die zusätzlich im Spiel befindlichen „AGB-Karten“ nicht geschickt genug nutzen. Ein etwas nerviger, doch gewinnbringender Spielzug ist es nämlich, seine „Zivilcourage“-Karte einzusetzen und damit einer unterlegenen Minderheit zu helfen. So oder so: eine Mordsgaudi!

Ein Verantwortlicher für den „politisch semikorrekten Kartenspaßes für die ganze Familie“ – aus dem Umfeld einer ominösen, semiwitzigen mitteldeutschen Satirezeitung - hat schon vor Wochen auf www. endstation-rechts.de Rede und Antwort gestanden. Auf die kritische Frage, ob hier nicht eindeutig die Grenzen des guten Geschmacks überschritten würden, antwortete der „Pressesprecher“ mit einem fröhlichen „Hoffentlich ja!“ Mit „Applaus von der falschen Seite“ habe man kein Problem: „Applaus finden wir grundsätzlich super.“

Rechtsradikale auf diversen Netzforen halten übrigens nichts von dem hübschen Spielchen. Weil es halt „den Juden“ wieder besonders toll darstelle.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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