Sezession
18. Januar 2011

Öffentliche, veröffentlichte, quasi-öffentliche Meinung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus dem Sezession-Sonderheft Sarrazin lesen (Oktober 2010, hier einsehen und bestellen)

von Karlheinz Weißmann

Die Sarrazin-Debatte hat einen Verlauf genommen, der nicht zu erwarten war. Denn in den letzten Jahrzehnten wurden Auseinandersetzungen dieser Art nach einem bestimmten Muster geführt: Dissens – Disziplinierung – Ächtung – Ausstoßung. Im Fall Sarrazins scheiterte schon die Disziplinierung, der Versuch, ihm nach dem Interview in Lettre International oder den Vorabdrucken seines Buches in Bild und Spiegel einen Maulkorb zu verpassen.

Als entscheidend erwies sich aber, daß die Ächtung versagte, obwohl in der politisch-medialen Klasse »alle einig« (Reinhold Beckmann) waren. Einig, daß Sarrazins Buch »verletzend« auf »Menschen in Deutschland« wirke (Angela Merkel), daß seine Argumentation »dämlich« (Sigmar Gabriel) oder daß er »verrückt« sei (Arno Widmann), der »Quartalsirre« (Hartmut El Kurdi), seine Thesen »absurd« (Constanze von Bullion), schließlich, daß man jede weitere Beschäftigung mit Autor und Buch unterlassen solle, da das nur eine »Aufwertung« (Stephan Kramer) bedeute.

Daß die Causa Sarrazin trotzdem nicht erledigt war, hatte vor allem mit der massenhaften Unterstützung zu tun, die er erhielt und die sich in erster Linie auf den Kommentarseiten des Netzes und in den Blogs äußerte. Die vorsichtige Parteinahme durch Bild und Focus erschien insofern nicht ganz isoliert. Aufschlußreicher war aber ein merkwürdiges Schwanken in der Einschätzung, das vor allem am bürgerlichen Leitorgan FAZ beobachtet werden konnte: Die Zeitung schloß sich weder der Hatz der Linken noch dem Opportunismus der Mitte an. Der Meinungspluralismus der Frankfurter hatte wenig zu tun mit dem üblichen Hin und Her zwischen dem eher konservativen Politik-, dem liberalen Wirtschafts- und dem linken Kulturteil, auch nicht mit Debattensimulation, eher mit Verunsicherung. Besonders klar erkennbar war das an den Stellungnahmen Berthold Kohlers, den man dem rechten Flügel der Herausgeberschaft zuschlagen darf. Kohler hat sich in zwei Leitglossen, einem kurzen Kommentar und zuletzt mit einem fulminanten Leitartikel zum Fall Sarrazin geäußert. Ihm ging es von Anfang an darum, auf die Gefährdung des politischen Gesamtgefüges hinzuweisen, wenn man den Eindruck erwecke, als ob Positionen, wie sie Sarrazin vorträgt, prinzipiell nicht gehört und auf die Sorgen und Ängste der einfachen Leute keine Rücksicht genommen werde:

Entrüstete Äußerungen wie die des Innenministers, die von Sarrazin beschriebenen Defizite seien der Politik doch längst bekannt, klingen in den Ohren vieler Bürger wie der blanke Hohn: Wenn man die Mißstände schon so lange kennt, warum wurde dann so wenig zu ihrer Beseitigung getan? Und warum wird dann derjenige aus Amt und Parteimitgliedschaft gejagt, der nur alte Hüte aufträgt, wenn auch mit Provokationen geschmückt – während die Protagonisten einer verfehlten Einwanderungspolitik weiter durch die Institutionen marschieren und ungeniert behaupten können, sie seien schon immer dafür gewesen, daß Ausländerkinder zunächst Deutsch lernen müssen? Der Brandgeruch, den manche Sarrazin zuschreiben, hat eine andere Quelle: Es liegt mehr als nur ein Hauch von Rebellion gegen Beschönigung und Bevormundung in der Luft. Wenn die ›Volksparteien‹ die von Sarrazin aufgegriffenen Sorgen und Ängste nicht schnell ernst nehmen, werden die sich andere Fürsprecher suchen, deren Mäuler sich nicht mit einem Antrag beim Bundespräsidenten stopfen lassen.


 Gastbeitrag

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