Sarrazin lesen – eine Bücherschau

Vor fünf Monaten hat Thilo Sarrazin mit seinem Bestseller Deutschland schafft sich ab eine Debatte über die Zukunft...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

unse­res Lan­des und – auf einer grund­sätz­li­chen Ebe­ne – über die Mei­nungs­frei­heit aus­ge­löst. Die­se Dop­pel­dis­kus­si­on ver­hilft seit­her rechts­kon­ser­va­ti­ven Wirk­lich­keits­be­schrei­bun­gen (Deut­schen­feind­lich­keit, Inkom­pa­ti­bi­li­tät bestimm­ter Aus­län­der­grup­pen, Ungleich­heit der Men­schen usf.) zur öffent­li­chen Wahrnehmung.

Sar­ra­zin hät­te aber auch unter die Räder kom­men kön­nen. Wer den Mei­nungs­kampf in den Medi­en nach­voll­zie­hen will, kann zu der Arti­kel­samm­lung Sar­ra­zin. Eine deut­sche Debat­te grei­fen und dar­in – neben vie­len unwich­ti­gen Tex­ten – die bei­den FAZ-Bei­trä­ge von Frank Schirr­ma­cher stu­die­ren. Sie leh­ren den Oppor­tu­nis­mus mäch­ti­ger Jour­na­lis­ten und die Kunst des Sprun­ges ans ret­ten­de Ufer.

Denn als Sar­ra­zin nach sei­ner Äuße­rung über das „Juden-Gen“ kurz vor dem Abschuß stand, woll­te Schirr­ma­cher staats­tra­gend voll­stre­cken. Er faß­te alles Denun­zia­to­ri­sche in einem ver­nich­ten­den Bei­trag zusam­men – und muß­te danach fest­stel­len, daß er aufs fal­sche Pferd gesetzt hat­te: Wis­sen­schaft­ler, jüdi­sche Intel­lek­tu­el­le, tau­sen­de Buch­käu­fer und Leser­brief­schrei­ber spran­gen Sar­ra­zin zur Sei­te, bestä­tig­ten sei­ne Fak­ten und tru­gen die Ent­rüs­tung über den Umgang mit ihm ins Inter­net. Schirr­ma­cher reagier­te knapp drei Wochen spä­ter, griff Mer­kel direkt an und setz­te sich an die Spit­ze eines Kamp­fes um die Mei­nungs­frei­heit: „Der Jour­na­lis­mus ist nicht dafür da, an den Ruf­mord gren­zen­de Pro­zes­se zu muni­tio­nie­ren …“. Was für eine Volte!

Der bespro­che­ne Band doku­men­tiert auch die Bei­trä­ge Bert­hold Koh­lers zur Debat­te. Im Gegen­satz zu sei­nem Her­aus­ge­ber-Kol­le­gen Schirr­ma­cher trat er von Anfang an mit ein­deu­ti­gen Stel­lung­nah­men an die Sei­te Sar­ra­zins. Die­ser Kampf um die Deu­tungs­ho­heit im Innern der FAZ ist ein The­ma des Bei­trags „Öffent­li­che, ver­öf­fent­lich­te, qua­si­öf­fent­li­che Mei­nung“, den Karl­heinz Weiß­mann für das Son­der­heft Sar­ra­zin lesen unse­rer Zeit­schrift ver­faßt hat. Es erschien im Okto­ber ver­gan­ge­nen Jah­res als ers­te ernst­zu­neh­men­de Sekun­där­li­te­ra­tur über Sar­ra­zins Buch und doku­men­tiert unter ande­rem in einer aus­führ­li­chen Chro­nik, auf wel­che Wei­se höchst­ran­gi­ge Poli­ti­ker zunächst an der Ver­hin­de­rung der Debat­ten um Sar­ra­zin arbeiteten.

Mit ihrer Dezem­ber-Aus­ga­be hat die Zeit­schrift hier&jetzt auf gutem Niveau nach­ge­zo­gen. Die intel­lek­tu­el­len Natio­na­lis­ten um den NPD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Arne Schim­mer wei­sen auf einen inter­es­san­ten Berüh­rungs­punkt hin: Sar­ra­zin hat beim The­ma Ver­er­bung und IQ-Ent­wick­lung Argu­men­te und Unter­su­chun­gen des Intel­li­genz­for­schers Volk­mar Weiss zitiert. Weiss wie­der­um refe­rier­te auf Vor­schlag der NPD im säch­si­schen Land­tag als Sach­ver­stän­di­ger zum The­ma „Deut­sche Zukunft oder Volks­tod“ (Juli 2005).

Die­ser Text ist in hier&jetzt doku­men­tiert sowie durch ein Gespräch mit Weiss ergänzt. Klug und recht scho­nungs­los im Blick auf die Volks­ro­man­tik der eige­nen Par­tei ist außer­dem der Bei­trag von Thors­ten Thom­sen. Er unter­zieht die The­sen und Vor­schlä­ge Sar­ra­zins einer genau­en “Prü­fung von rechts“, erteilt einem natio­na­len Sozia­lis­mus ohne Leis­tungs­grun­die­rung eine Absa­ge und kommt zu dem Schluß, daß die Rech­te „sar­ra­zi­nis­ti­scher“ wer­den müs­se. Die­ser Ana­ly­se gegen­über bleibt der sozia­lis­ti­sche Natio­na­list Jür­gen Schwab gera­de­zu lang­wei­lig, der – wie immer – den Arbeits­markt abschaf­fen will und Sar­ra­zin als „Ober­schich­ten­pa­trio­ten“ markiert.

Emp­feh­lens­wert ist auch Zur Sache Sar­ra­zin, das wis­sen­schaft­li­che Bei­trä­ge ver­sam­melt. Hin­ge­wie­sen sei auf die Ana­ly­se des Main­zer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­lers Hans Mathi­as Kepp­lin­ger, der die Skan­da­li­sie­rung Sar­ra­zins und ihr Schei­tern bei­spiel­haft auf­schlüs­selt und das Zusam­men­spiel von Poli­tik und Medi­en nicht nur als eine Art Gesetz­mä­ßig­keit dar­stellt, son­dern zu einer Gefahr für die Mei­nungs­frei­heit erklärt. Eine wie stets mate­ria­lis­ti­sche Ana­ly­se der Unat­trak­ti­vi­tät Deutsch­lands im glo­ba­len Anwer­be­wett­be­werb aka­de­mi­scher Spit­zen­kräf­te stammt aus der Feder Gun­nar Hein­sohns und ist eben­so depri­mie­rend wie der grund­sätz­li­che Abschied vom Abend­land, den Wal­ter Laqueur in Anleh­nung an sein Buch über Die letz­ten Tage von Euro­pa noch ein­mal ausspricht.

Inter­es­sant an Zur Sache Sar­ra­zin ist nicht zuletzt der Her­aus­ge­ber Jür­gen Bel­lers. Er hat zeit­gleich ein schma­les Bänd­chen mit dem schlich­ten Titel Kon­ser­va­tiv! zusam­men­ge­stellt: Heft 1 der Schrif­ten des Faches Inter­na­tio­na­le Poli­tik an der Uni­ver­si­tät Sie­gen. Die­se Rei­he möch­te „auf­zei­gen, daß das, was als sozi­al-lib­erla­le Kul­tur-hege­mo­nie gilt, nicht das ein­zi­ge sein kann und auch längst nicht mehr ist“, und beschäf­tigt sich fol­ge­rich­tig auch mit der Sezes­si­on – zwar ein biß­chen ängst­lich noch, aber doch gründlich.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE80 8005 3762 1894 1065 43
NOLADE21HAL

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.