Der “Fall Island”

pdf der Druckfassung aus Sezession 37 / August 2010

von Wiggo Mann

Island ist das Synonym für ein Land, das nach dem Platzen einer Finanzspekulationsblase am Rande des Abgrunds steht und seinem Ausverkauf zusehen muß. Asgeir Jonsson, Chefvolkswirt der isländischen Kaupthing Bank, versucht in seinem Buch Der Fall Island. Wie internationale Spekulanten ein Land an den Rand des Staatsbankrottes brachten (München: Finanzbuchverlag 2009. 160 S., 19.90 €) eine Erklärung.

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Das Ende einer auf Sicher­heit bedach­ten Ban­ken- und Zen­tral­bank­po­li­tik kam für Island in den 1990er Jah­ren, als im Sog moder­ner Ent­wick­lun­gen in der inter­na­tio­na­len Finanz­welt risi­ko­träch­ti­ge finan­zi­el­le Anla­ge­for­men zur Mode wur­den. Eine Genera­ti­on smar­ter Jung­ban­ker begann euro­pa­weit Kun­den zu akqui­rie­ren. CDOs (Col­la­te­ra­li­zed Dept Obli­ga­ti­ons) und CDSs (Credit Default Swaps), von War­ren Buf­fet tref­fend »finan­zi­el­le Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen « genannt, brach­ten zuletzt nicht nur das Ban­ken­sys­tem zu Fall, son­dern ganz Island an den Rand einer Katastrophe.
Man mag der Argu­men­ta­ti­on des Autors dort nicht fol­gen, wo er die islän­di­sche Zen­tral­bank dafür kri­ti­siert, daß sie anfäng­lich zu zöger­lich und zudem falsch reagiert habe. Das Kern­pro­blem, das die Bil­lio­nen US-Dol­lar an frei zir­ku­lie­ren­den Spe­ku­la­ti­ons­gel­dern für eine klei­ne Volks­wirt­schaft bedeu­ten, liegt nicht in der Unzu­läng­lich­keit, son­dern in der Ungleich­heit der Markt­teil­neh­mer. Die­se zeigt sich etwa im »Soros-Effekt,« wenn näm­lich inter­na­tio­na­le »Inves­to­ren«, die auf die Kurs­ent­wick­lung von Wäh­run­gen wet­ten, dies durch »Infor­ma­tio­nen « in den Medi­en flan­kie­ren und dafür Sum­men in Stel­lung brin­gen, die den öko­no­mi­schen Ruin der betrof­fe­nen Volks­wirt­schaft aus­zu­lö­sen imstan­de sind. Sol­che Mecha­nis­men gewich­tet Jons­son nicht schwer genug. Im Zen­trum der Kri­tik soll­te aber stets ein Geld- und Ban­ken­sys­tem ste­hen, das eini­gen weni­gen die Mög­lich­kei­ten eröff­net, hin­ter den Kulis­sen das gro­ße Rad zu dre­hen, um im Fal­le eines Schei­terns ein gan­zes Volk mit sei­ner Arbeits­leis­tung für vie­le Genera­tio­nen in Gei­sel­haft zu nehmen.
Auf­mer­ken läßt Jons­sons Hin­weis, daß die vor Ein­bruch des moder­nen Casi­no-Bank­we­sens hohe Gebur­ten­ra­te der Islän­der, die wäh­rend der hek­ti­schen Gold­grä­ber­stim­mung merk­lich sank, der­zeit im Zuneh­men begrif­fen ist. Nach den Exzes­sen eines unwirk­li­chen, geborg­ten Luxus mag so ein Leben im Nor­mal­for­mat zurück­keh­ren. Kein Ver­ständ­nis für Jons­sons Sicht­wei­se hat Einar Mar Gud­mund­s­son, ein islän­di­scher Roman­cier (Wie man ein Land in den Abgrund führt, Mün­chen: Han­ser Ver­lag 2010. 208 S., 16.90 €). Asge­ir Jons­son benut­ze die Argu­men­te eines Alko­ho­li­kers: Betrun­ken am Steu­er zu sit­zen ist in Ord­nung, so lan­ge es kei­ner merkt, und wenn man trotz­dem am Later­nen­pfahl lan­det, ist es des­sen Schuld. Die letz­te Bank, die mir den Kre­dit ver­wei­gert, trägt Schuld an mei­nem Untergang.
Gud­mund­s­son selbst reiht nun asso­zia­tiv Gedich­te, Refle­xio­nen, per­sön­li­che Begeg­nun­gen, Epi­so­den islän­di­scher Geschich­te, Lese­früch­te und poli­ti­sche Bekennt­nis­se zu einer wirt­schaft­li­chen »edu­ca­ti­on sen­ti­men­tal« anein­an­der, und das wirkt mit­un­ter etwas unsor­tiert. Klu­ge Beob­ach­tun­gen tre­ten dann hin­ter Bob Dyl­an-Song­tex­ten zurück. Man ist dau­ernd ver­sucht, eher Bana­les zu über­flie­gen und über­liest dann auch Wich­ti­ge­res. Grun­diert wird Gud­mund­s­sons Dar­stel­lung durch die Ent­täu­schung des­sen, der an den real exis­tie­ren­den Sozi­al­de­mo­kra­tis­mus glaub­te. Betrach­tet man bei­de Dar­stel­lun­gen, erscheint Jons­son als der sich recht­fer­ti­gen­de »Gesin­nungs­tä­ter«, der den Sach­zwän­gen des Finanz­sys­tems ver­haf­tet bleibt und dar­um die ent­schei­den­de Fra­ge ver­mei­det, war­um eine Gesell­schaft einer win­zi­gen Cli­que die gren­zen­lo­se Geld­schöp­fung gestat­ten soll. Gud­mund­s­son dage­gen ist der Nach­fah­re des Bau­ers Strep­sia­des, der in dem Thea­ter­stück Die Wol­ken von Aris­to­pha­nes der dro­hen­den Pfän­dung sei­nes Gehöf­tes ent­ge­gen­sieht, und sich durch einen Crash­kurs in Sophis­tik bei Sokra­tes aus sei­ner bedenk­li­chen Lage manö­vrie­ren möch­te, jedoch außer wol­ki­gen (des­halb der Titel) Bemer­kun­gen nichts Erhel­len­des erfährt. Als kom­ple­men­tä­re Bestands­auf­nah­me sind bei­de Bücher lesenswert.

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