Heideggers verflixtes Jahr

pdf der Druckfassung aus Sezession 37 / August 2010

Vor etwas mehr als sechs Jahren erschien in Frankreich das Heidegger-Buch von Emmanuel Faye (zur dt. Übersetzung siehe Sezession 31), in dem Heidegger für die »Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie« verantwortlich gemacht wird. Faye konnte sich unter anderem deshalb starke Behauptungen leisten, weil man seiner Interpretation aufgrund eines Mangels Glauben schenken mußte: Viele der Zeugnisse, auf die er sich stützt, waren der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Alfred Denker und Holger Zaborowski haben Abhilfe geschaffen und die wichtigsten noch nicht veröffentlichten Texte herausgegeben.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Das Hei­deg­ger-Jahr­buch 4 (Hei­deg­ger und der Natio­nal­so­zia­lis­mus I, Doku­men­te, Freiburg/ Mün­chen: Karl Alber 2009. 362 S., 48 €) ent­hält nicht nur die für Fayes Argu­men­ta­ti­on so zen­tra­le Übung aus dem Win­ter­se­mes­ter 1933/34 »Über Wesen und Begriff von Natur, Geschich­te und Staat«, son­dern vie­le ande­re erhel­len­de Doku­men­te. Her­aus­ge­kom­men ist eine Art Dos­sier, das eini­ges zum Ver­ständ­nis der Situa­ti­on 1933/34 und der fol­gen­den Jah­re bei­trägt. Man­ches (etwa die offi­zi­el­len Schrei­ben aus der Rek­to­rats­zeit) wären nicht der Rede wert, wenn sich nicht Behaup­tun­gen unaus­rott­bar hiel­ten, Hei­deg­ger hät­te hier Unge­heu­er­li­ches unter­nom­men. In den Doku­men­ten fin­det sich nichts der­glei­chen. Hei­deg­ger zeigt sich als eif­ri­ger Gleich­schal­ter, ohne jedoch aus dem Rah­men zu fal­len. Man sieht Hei­deg­ger in der Rol­le des Rek­tors, der amt­li­che Anwei­sun­gen wei­ter­gibt, und erlebt ihn als resi­gna­ti­ven Brie­fe­schrei­ber, der weiß, daß sein Wahr­heits­be­griff im NS-Staat nie­mals eine Chan­ce hat­te. An den Roma­nis­ten Fried­rich schreibt er im April 1939: »Was heu­te noch an Zukünf­ti­gem an der ›Uni­ver­si­tät‹ geleis­tet oder vor­be­rei­tet wer­den kann, ist aus­schließ­lich Sache des Ein­zel­nen, weil nur die­ser eine Ursprüng­lich­keit ver­bürgt. Alles übri­ge bleibt Vor­der­grund, für den Tag gemacht.«
Um zu die­ser Ein­sicht zu gelan­gen, brauch­te Hei­deg­ger die Erfah­rung des ver­geb­li­chen Ver­suchs, dem revo­lu­tio­nä­ren Pathos der NS-Bewe­gung geis­ti­ge Tat­sa­chen fol­gen zu las­sen. Damit zog er sich den Unmut sei­ner kon­ser­va­ti­ven Kol­le­gen zu, die offen­bar gehofft hat­ten, mit Hei­deg­ger an der Spit­ze gleich­ma­che­ri­sche Begehr­lich­kei­ten abweh­ren zu kön­nen. Joseph Sau­er, Kir­chen­his­to­ri­ker und 1932/33 Rek­tor der Frei­bur­ger Uni­ver­si­tät, schreibt im August 1933 in sein Tage­buch: »Heu­te brin­gen die Zei­tun­gen die Nach­richt von der radi­ka­len Ver­än­de­rung der Uni­ver­si­täts­re­form, als vor­erst spe­zi­fisch badi­sches Kurio­sum. Finis uni­ver­si­ta­tis! Und das hat uns die­ser Narr von Hei­deg­ger ein­ge­bracht, den wir zum Rek­tor gewählt haben, daß er uns die neue Geis­tig­keit der Hoch­schu­le brin­ge. Wel­che Ironie!«
Gegen die­se Gleich­schal­tung for­miert sich Wider­stand, Hei­deg­ger ver­liert den Rück­halt in der Pro­fes­so­ren­schaft und gibt nach weni­ger als einem Jahr ent­nervt auf. An der Über­ga­be des Rek­to­rats nimmt er schon nicht ein­mal mehr teil. Unter­stri­chen wird die mar­gi­na­le Rol­le, die Hei­deg­gers Über­le­gun­gen zur Uni­ver­si­täts­re­form hat­ten, durch die Wir­kung sei­ner Rek­to­rats­re­de Die Selbst­be­haup­tung der deut­schen Uni­ver­si­tät. Das Hei­deg­ger-Jahr­buch bie­tet zahl­rei­che Rezen­sio­nen die­ser Rede aus Deutsch­land und dem Aus­land. War die Auf­nah­me die­ser Rede schon 1933/34 ver­hal­ten – mit teil­wei­se merk­wür­di­gen Miß­ver­ständ­nis­sen –, wird im Lau­fe der Jah­re immer kla­rer, daß Hei­deg­ger und der NS nicht har­mo­nie­ren. Das blieb sowohl NS-Ideo­lo­gen als auch Exi­lan­ten nicht ver­bor­gen. Amt­li­che Schrei­ben und Akten­ver­mer­ke, die sich zuneh­mend mit kri­ti­schen (teil­wei­se denun­zia­to­ri­schen) Anfra­gen zu Hei­deg­ger beschäf­ti­gen, run­den das Bild ab. Schon im März 1934 wen­det sich ein Unbe­kann­ter an Kul­tus­mi­nis­ter Rust: »Von ver­schie­de­nen Sei­ten der Par­tei hört man War­nun­gen vor der Per­son von Pro­fes­sor Hei­deg­ger in Frei­burg.« Die­se Ver­däch­ti­gun­gen, Hei­deg­ger sei stark scho­las­tisch geprägt, set­zen sich dann bis 1945 fort. Unmit­tel­bar nach dem Krieg schlägt das Kli­ma um, der Vor­wurf wird laut, Hei­deg­ger sei ein lini­en­treu­er NS-Phi­lo­soph gewe­sen. Bei­de Ein­schät­zun­gen gehen in ihrer Ein­sei­tig­keit an der Wirk­lich­keit vor­bei. Deren Ambi­va­lenz las­sen die jetzt ver­öf­fent­lich­ten Doku­men­te zumin­dest erahnen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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