Sezession
1. Oktober 2010

Wie etwas bleibt

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 38 / Oktober 2010

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Wer exemplarisch vorgeführt bekommen möchte, wie man Traditionen pflegt und Überlieferungen weiterträgt, kann zu dem in diesem Frühjahr erschienenen Roman Die Leinwand greifen. Verfaßt hat ihn der 1970 in Ostberlin geborene und zum Judentum konvertierte Benjamin Stein. Er hieß bis 1988 nicht so, sondern anders – wie, das verschweigt er. Die Leinwand ist in dieser Hinsicht autobiographisch: Wie kann es gelingen, zu jemandem zu werden, der man gerne sein möchte, obwohl die Herkunft einen ganz anderen Lebensweg nahelegte? Die Leinwand beschreibt aber auch, wie man in das hineinwächst, was nahelag, vielleicht sogar auswegslos vorgegeben war, und wie gerade in solcher Folgsamkeit Erfüllung und Stolz gefunden werden können. Benjamin Stein schildert also zum einen die Konversion Jan Wechslers (sprechender geht es nicht!) zum Judentum und – in dem anderen Teil des Romans – die streng jüdische Erziehung eines in ein orthodoxes Elternhaus hineingeborenen Jungen.Um mit dem Konvertiten zu beginnen: Es ist faszinierend und amüsant zu erfahren, welche Alltagsriten ein streng gläubiger Jude einhalten muß, selbst dann, wenn er in einer Großstadt wie München lebt, wo die Wege weit und die Arbeitsabläufe rasant sind. Schon der Einstieg in die Geschichte ist eine Groteske für jeden, der den Kirchgang gerne einmal ausfallen läßt, wenn bestes Badewetter ist. Nicht so Jan Wechsler, der gelernte Jude: Ihm ist am Sabbat nicht einmal erlaubt, von einem Kurier ein Paket entgegenzunehmen, über Seiten zieht sich der Dialog, ein Eiertanz, den man unterbrechen möchte mit dem Ruf: Entspann dich, nimm das Paket an, dein Gott wird es verzeihen. Aber man kann in einen Roman nicht hineinrufen, und ließe der Autor nicht in der Wohnung gegenüber einen sehr verständigen und hilfsbereiten, nicht-jüdischen Nachbarn leben, der dem strenggläubigen Juden über solche Alltagshürden helfen kann – der Kurier müßte samt Paket wieder abziehen und erneut zustellen.
So geht es immer weiter mit der Schilderung von Vorschriften und Riten, die für Nichtgläubige nichts weiter als Alltagshindernisse sind: Die Wohnung muß in Synagogennähe liegen, damit man am Feiertag zu Fuß dorthin gelangen kann (Verkehrsmittel sind nicht erlaubt, und daß die Miete deutlich höher liegt als in günstigeren Stadtteilen, wird in Kauf genommen); der Freitagnachmittag gehört dem Gespräch und der religiösen Unterweisung, es wird nicht gearbeitet, nicht gelärmt, nur gesprochen und studiert; das Sabbat-Mahl folgt strengen Regeln, und wenn man auf Reisen geht, muß man vorher nach geeigneten Hotels und Restaurants forschen und für den Mißerfolg gerüstet sein: »Ein koscheres Hotel hatte ich in der Gegend erwartungsgemäß nicht finden können. Ich mußte mich selbst versorgen. Meine Frau packte mir eine fürstliche Lunchbox mit gekochten Eiern, Sandwiches, geschnittenem Obst und vorgeschälten Karotten. Für den zweiten Tag nahm ich einige Pita-Brote mit, Humus und Tachina in zwei kleinen Bechern und eine Dose Thunfisch. Verhungern würde ich jedenfalls nicht.«


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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