Sezession
18. März 2009

Schindluder gegen Rassismus

Ellen Kositza

pieceoplasticAngeblich hängt es mit dem Frühlingsanfang zusammen, daß am 21. März alljährlich der Internationale Tag gegen Rassismus begangen wird. So legte es jedenfalls Rebecca Weis von der  hochsubventionierten und reichlich geförderten (staatlich etwa durchs Familien-, Justiz-, Verkehrs- und Sozialministerien, privatwirtschaftlich durch Telekom, Vattenfall und Dresdner Bank) "Initiative"  (ein bürgerliches Engagement vortäuschender Euphemismus für eine Quasi-Erziehungsamt)  Gesicht Zeigen nahe.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Frühlingserwachen und Antirassismus, das gleicht dem heißen Messer, das durch die Butter fährt. Wo Symbolisches so herzenswarm an den Mann gebracht wird, ist Schindluderei nicht fern.  

Weil ein Gedenktag freilich nicht ausreicht, wo es um Menschenwürde geht, hat man die wohlfeile Zeigefingeraktion über zwei Wochen und vielhundert Veranstaltungen gestreckt. Allein in Frankfurt (am Main, also einer ausgewiesen multikulturellen Stadt ohne nennenswert rassistischen Ruch) wurden derethalben 500 Großplakate montiert. Besonderes Augenmerk soll in diesem Jahr gelegt werden auf die Situation von Homosexuellen, die eine neue Opfergruppe rassistischer Neonazis darstellten.

Frau Weis könnte sich einmal umhören unter Frankfurter Schwulen: Von wem werden die wohl häufiger angepöbelt und tätlich angegriffen - von einer Rhein-Main-SS oder von moslemischen Jungmännern mit Migrationshintergrund?

Falls Frau Weis nicht weiterweiß, kann sie eine Studie bei Christian Pfeiffer in Auftrag geben. Vielleicht beschert ihr der Chef des Kriminologischen Instituts Niedersachsen das erwünschte Ergebnis. Pfeiffer hat nämlich gestern mit seinen Zahlen zur alltäglichen Fremdenfeindlichkeit unter Jugendlichen für ein Rauschen im Blätterwald gesorgt. Auch Innenminister Schäuble war "ehrlich schockiert". Eine repräsentative Befragung von 15jährigen   in 61 ausgewählten deutschen Landkreisen hat nämlich ergeben, daß hierzulande zwischen 0 und 17% (Ost) bzw. 2 und 15% (West) der Schüler "rechtsextremen" Anschauungen anhängen.

Diejenigen, die in Zeitungen heute vorsichtig als  "brauner Sumpf" gefaßt werden, haben Aussagen wie  "In Deutschland gibt es zu viele Ausländer" zustimmend beantwortet. Den sprachlichen Vogel schoß in der Bewertung solcher Zustände die Frankfurter Rundschau ab:

"Dass Rechte beim Einsammeln von Jugendlichen mehr Erfolg haben als etablierte Parteien, ist erschreckend", sagte der Leiter der Studie, der Kriminologe Christian Pfeiffer. Zumal allzuoft Taten folgen: 2,7 Prozent sagten, sie hätten "jemanden stark geschlagen und verletzt, weil er Ausländer war". 2,8 Prozent beschädigten aus dem gleichen Grund Sachen.

Mit erstaunlicher Skepsis bewertet dagegen die taz die veröffentlichten Zahlen. Das ist höchst lesenswert. Lügt hier Pfeiffer oder lügen die Verfassungsschutzämter?

Pfeiffer fand übrigens auch Gutes vor. Er lobte die "schwindende Gewaltakzeptanz in der Gesellschaft" (ein bekanntlich zweischneidiges Schwert: Eine klärende Prügelei kann ertäglicher sein als jahrelanges mobbing oder eine finale Bluttat aus aufgestautem Kränkungsgefühl), die "Kultur des Hinschauens" (eine Verbrämung für political correctness und Verpetzertum) und die "gestiegene Anzeigebereitschaft der Opfer" (weil das mit S-Runen hingekritzelte Wort "Hass" bereits für eine Vorstrafe ausreicht). Es gilt, summa summarum, abermals einen abgedroschenen Spruch zu bemühen: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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