Sezession
9. Februar 2011

11. Winterakademie des IfS zum „Islam“ – Ein Bericht

Gastbeitrag

von Johannes Ludwig

Vor wenigen Jahren hat der Neutestamentler Klaus Berger resigniert darauf hingewiesen, daß seine Lehrveranstaltungen über den Koran schlecht oder gar nicht besucht würden, weil – so die Studentenschaft – dort kein examensrelevantes Wissen vermittelt werde.

Das IfS mußte erfreulicherweise nicht dieselbe Erfahrung mit seiner 11. Winterakademie machen, die sich diesmal dem Thema „Islam“ aus verschiedener, vor allem: aus grundsätzlicher Sicht widmete und die mit 50 Zuhörern ausgesprochen gut besucht war.

Die insgesamt sieben Vorträge kreisten um zwei Schwerpunkte: Wesen und Geschichte des Islams sowie seine gegenwärtige politische Bedeutung, vor allem für Europa. Mit letzterem setzten sich vor allem Dr. Erik Lehnert, Leiter des IfS, und Felix Menzel, Chefredakteur der Blauen Narzisse, in ihren Referaten auseinander. Lehnert sprach über den Islam in Deutschland und wies darauf hin, daß sich ein breiteres Interesse am Islam trotz massenhafter muslimischer Einwanderung in Deutschland erst allmählich entwickelt habe. Das gehe so weit, daß es keinerlei zuverlässige statistische Daten darüber gebe, wie viele Muslime gegenwärtig in Deutschland leben; Schätzungen reichen von drei bis sieben Millionen. Politisch werde das Thema in erster Linie im Hinblick auf die Frage der Religionsfreiheit und ihrer Grenzen diskutiert. Lehnert verwies in diesem Zusammenhang auf den Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider, für den Religionsfreiheit nur vom Boden des Grundgesetzes aus, also im Bewußtsein der institutionellen Trennung von Staat und Religion, denkbar ist. Dem Islam als Weltanschauung, die ausdrücklich beides miteinander verbindet, könne daher in diesem Sinne keine volle Religionsfreiheit zugesprochen werden, so Schachtschneider.

Menzel schilderte in seinem Vortrag Eindrücke aus Rotterdam, der ersten europäischen Großstadt mit fremdländischer Mehrheitsbevölkerung. Neben den augenfälligen Überfremdungszeichen im öffentlichen Raum sei vor allem bemerkenswert, wie wenig „offen“, „tolerant“ und an „Dialog“ interessiert sich europäische Moscheen jenseits öffentlichkeitswirksamer „Tage der offen Tür“ zeigen. Selbst in der Islamischen Universität Rotterdam gebe es zwar oberflächliche Dialogbereitschaft, in Wirklichkeit finde aber nichts dergleichen statt. Daß es trotz allem nicht zu – von konservativer Seite oft erwarteten –Anzeichen eines „molekularen Bürgerkriegs“ (Hans-Magnus Enzensberger) komme, führte Menzel auf die Anonymität der Großstadt zurück und auf das freiwillige Ausweichen der Autochthonen in die „Puppenhäuser“ in den städtischen Randbezirken.

Einen grundsätzlichen, dabei aber stark an den gegenwärtigen Konfliktlinien orientierten Blick auf den Islam und sein Verhältnis zum Christentum warfen die Vorträge von Manfred Kleine-Hartlage und Prof. Karl-Heinz Kuhlmann. Anknüpfend an die Religionsfreiheitsdebatte machte Kleine-Hartlage die Verschränkung von religiöser und politischer Sphäre im Islam deutlich, die einer Privatisierung und Individualisierung dieser Religion im Wege stehe. Hinzu komme ein islamisches Menschenbild, das von der umfassenden Perfektibilität desjenigen Menschen ausgehe, der den Willen Allahs befolge. Daraus wiederum resultiere ein muslimisches Überlegenheitsgefühl allen anderen Religionen gegenüber, was sich in gewaltsamer Missionierung und in der Unterdrückung der „Ungläubigen“ niederschlage.

Europa dagegen habe unter dem Eindruck des Christentums ein dem Islam diametral entgegengesetztes Menschenbild entwickelt, nach welchem der Mensch als Sünder das Gottesreich niemals aus eigener Kraft und auf Erden erreichen könne. Kuhlmann wiederum konstatierte, das Christentum in Deutschland und Europa gebe unter dem Eindruck von Aufklärung und Toleranz seine eigene religiöse Tradition auf. Selbst innerhalb der Theologie greife die Rede von den „Schwesterreligionen“ um sich, die in Abraham eine gemeinsame Wurzel hätten und alle denselben Gott verehrten. Das aber sei nur um den Preis einer Aufgabe des christlichen Dogmas und der christlichen Tradition überhaupt zu haben, die dann letztlich nicht etwa dem „Dialog“, sondern dem islamischen Expansionsdrang zugute komme.


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