Sezession
16. Februar 2011

Setzen Sie auf die Frauen! – Interview mit Karima Dahab, 26

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 40 / Februar 2011

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Gesternabend: "Die Fremde" auf DVD, ein preisgekrönter Film über eine junge türkische Frau, die in Deutschland aufwuchs, in der Türkei verheiratet ist und mit ihrem Sohn den Mann verläßt, um wieder in Deutschland zu leben. Sie entehrt damit ihre Familie, verliert ihre Familie, wird in doppeltem Sinne zur Fremden und am Ende beinahe das Opfer eines Ehrenmordes. Zwei Aspekte werden im Film gut herausgeschält:

1. Wer den Weg des europäischen (hier: deutschen) selbstbestimmten Individuums gehen möchte, zerstört alte, feste Bindungen, und zwar auch dann, wenn er dies nicht möchte, sondern geradezu um Verständnis fleht. 2. Es sind außergewöhnliche Frauen, die dazu die Kraft haben. Und sie sind  - bei allem Verständnis und Wohlwollen - tatsächlich befremdend in ihrer Bereitschaft, die Brücken wirklich abzubrechen. Auch darum geht es in einem Gespräch, das wir mit der Marokkanerin Karima Dahab führen konnten.

SEZESSION: Frau Dahab, Sie sind in Deutschland geboren, Ihre Eltern stammen aus Marokko. Sie selbst sind sechsundzwanzig und studieren in Augsburg. Was machen Ihre Geschwister? Ist Ihre Familie ganz und gar in Deutschland angekommen?
KARIMA DAHAB: Ich zähle mal auf: Meine älteste Schwester heiratete, nachdem sie ihr Mathematik-Studium abbrach und eine Lehre zur Schneiderin machte, einen Verwandten aus Marokko, aus dieser Ehe sind bisher zwei Kinder hervorgegangen. Sie ist nun Hausfrau und Mutter. Eine andere Schwester studiert Medizin in München. Die dritte Schwester besucht die Oberstufe. Mein ältester Bruder brach sein BWL-Studium ab, machte eine Lehre als Kaufmann und heiratete eine Marokkanerin. Die beiden haben drei Kinder. Der zweite Bruder machte eine Lehre zum Automechaniker, ist verheiratet und hat noch keine Kinder. Der dritte Bruder besucht die Oberstufe.
Ich bin nicht der Meinung, daß meine Familie in Deutschland angekommen ist. Meine Eltern lehnen jede Form der Integration, die über die simple Einhaltung der deutschen Gesetzgebung hinausgeht, ab. Zudem spricht nur mein Vater ein recht gutes Deutsch, während meine Mutter kaum Deutsch spricht, auch nicht nach über dreißig Jahren. Sie ist zudem Analphabetin, was die Sache zusätzlich erschwert.
Bei den Schwestern, die eine akademische Laufbahn anstreben, scheint es, als seien sie in Deutschland angekommen, doch das islamische Weltbild nimmt immer noch eine entscheidende Bedeutung in ihrer Lebensgestaltung ein, auch wenn sie keinen Schleier tragen und nach außen hin angepaßt erscheinen. Meine Brüder teilen die Religiosität und das politische Weltbild meines Vaters, welches sich gegen alle westlichen Systeme, einschließlich Deutschland, richtet und geprägt ist von einem starken Antisemitismus.

SEZESSION: Und Sie selbst? Sind Sie auch in der Schwebe?
KARIMA DAHAB: Was mich betrifft, so bin ich der Meinung, daß ich ganz und gar in Deutschland angekommen bin. Bei meiner Lebensgestaltung orientiere ich mich nicht an marokkanischen Traditionen, auch nicht an der islamischen Religion, sondern an deutschen Normen und Werten. Diese entnehme ich unserem Grundgesetz, dem Christentum, der Geschichte, der Philosophie, der Literatur, und ich finde sie auch bei vorbildlichen deutschen Menschen in meinem Umfeld.
Aber, noch einmal grundsätzlich: Was heißt »in Deutschland ankommen«? Woran wird das gemessen und wer mißt? Es besteht in jedem Falle eine Erwartung zur Anpassung seitens der Deutschen, und bei Ihnen, den Rechten, fordert man sogar Assimilation, nicht wahr? Da bleibt mir nur zu sagen: Ganz egal, wie sehr ich versuche und willens bin, mich deutschen Normen und Werten identisch zu machen: eine Differenz wird immer bestehen bleiben.

SEZESSION: Auch Assimilation läßt Raum für einen spezifischen Rest, auch das deutsche Volk ist schillernd in seiner Unterschiedlichkeit. Aber weiter: Sie sagen im Prinzip, daß gläubige Moslems nicht assimilationsfähig seien. Ist das so?
KARIMA DAHAB: Sie können bei den Muslimen in Deutschland die Laien von den Gemäßigten und diese wiederum von den fundamentalen Muslimen unterscheiden. Die Assimilation eines fundamentalen Islams in ein Staatensystem, das dem auf Koran und Sunnah gründenden Gottesstaat widerspricht, ist vollkommen ausgeschlossen. Des Weiteren dürfen Muslime nach islamischer Gesetzgebung nicht in einem von Ungläubigen regierten Staat leben. Es gelten dabei nur zwei Ausnahmen; entweder man befindet sich aus beruflichen Gründen auf einer Art der Durchreise, oder aber man verfolgt missionarische Zwecke. Daraus schließe ich: Je gläubiger ein Moslem ist, desto weniger assimilationswillig ist er, und je assimilationswilliger ein Moslem ist, desto weniger gläubig ist er. Im zweiten Falle sprächen wir nämlich von einem Moslem, der bereit wäre, seinen Glauben und damit Gott in Frage zu stellen und letztlich ein Ungläubiger zu werden. Denn: »Jede Veränderung führt in die Irre und jeder Irrweg führt in die Hölle«, heißt es in einem Hadith des Propheten und Gesandten Mohammed.
Die Unterscheidung gemäßigter von fundamentalen Muslimen halte ich für unzureichend, sie läßt außer Acht, daß der »Durchschnittsmoslem« nicht bloß nach seinem Glauben, sondern ebenso nach seiner Kultur und Tradition lebt, und bereits hier beginnen die Unvereinbarkeiten. Die deutsche Leitkultur findet keinerlei Wertschätzung, wie sollte sie auch? Sogar die Deutschen selbst gehen mit ihren Traditionen sehr lässig um. Und so verzichten viele islamische Familien auf den Kindergartenbesuch, lassen das Kind lieber an einer Koran- und Arabisch-Schule unterrichten oder unterrichten es zu Hause. Es kennt keine christlichen Feiertage, geht nicht auf Klassenfahrten, hat keinen Schwimmunterricht, keinen Religionsunterricht, keinen Philosophieunterricht, es gibt weder Gesang, noch Kunst – man ist wirklich nicht da, nicht angekommen.
Ich selbst bin nicht mehr gläubig. Man ist im Islam vor Gott ausgetreten, wenn man drei Tage lang das Gebet vorsätzlich unterläßt. Mein letztes Gebet verrichtete ich vor etwa zwei Jahren. Ich halte das für eine Grundvoraussetzung für ein glaubwürdiges Ja zu Deutschland.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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