Aufgaben der Geisteswissenschaften

Hans Ulrich Gumbrecht, der in den Vereinigten Staaten lehrende Literaturwissenschaftler, ist bekannt für seine Polemiken wider das akademische Mittelmaß. In der jüngsten Ausgabe des Cicero nimmt er das System der Stellenbeschaffung für den geisteswissenschaftlichen Mittelbau aufs Korn.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Das Prin­zip ist bekannt: Um eine Stel­le, meist aus soge­nann­ten Dritt­mit­teln, zu bekom­men, muß man sich ein för­de­rungs­wür­di­ges For­schungs­pro­jekt aus­den­ken, meis­tens nicht allein, son­dern gemein­sam mit ande­ren. Oft ent­ste­hen so Son­der­for­schungs­be­rei­che für The­men, die nie­man­den inter­es­sie­ren und von denen nie­mand etwas hat.

Wenn man sei­ne Kol­le­gen (tut mir leid, ich den­ke da vor allem an die Ger­ma­nis­ten) zag­haft fragt, was sie denn eigent­lich trei­ben, muß man damit rech­nen, als Igno­rant und Skep­ti­ker dazu­ste­hen. Die­se Dünn­häu­tig­keit ist natür­lich dem Recht­fer­ti­gungs­druck geschul­det, unter den die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten sich selbst gesetzt haben, weil sie ganz nor­ma­le For­schung und Wis­sen­schaft betrei­ben wol­len. Doch Geis­tes­wis­sen­schaft ist etwas ande­res als Natur­wis­sen­schaft. Hier braucht es kei­ne For­schungs­grup­pen, kei­ne Arbeits­tei­lung und es ist kein unmit­tel­ba­rer Pra­xis­wert zu erwarten.

Gum­brecht nennt als eigent­li­che Auf­ga­ben der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten Bewah­ren, Loben und ris­kant Den­ken. Bewahrt wer­den sol­len Leis­tun­gen und Kon­tex­te der Ver­gan­gen­heit, die geis­ti­ge Tra­di­ti­on. Wei­ter­hin sol­len Geis­tes­wis­sen­schaft­ler geis­ti­ge Leis­tun­gen in ihrer Qua­li­tät ein­schät­zen kön­nen und im posi­ti­ven Fall loben, um ande­re mit der eige­nen Begeis­te­rung anzustecken.

Vor allem soll­ten wir den Mut haben, ris­kant zu den­ken. Ich mei­ne damit jenes Den­ken, das Alter­na­ti­ve und Pro­vo­ka­ti­on im Ver­hält­nis zu den eta­blier­ten Bedeu­tun­gen, Wer­ten und Logi­ken sein will, jenes Den­ken auch, das man aus guten Grün­den im All­tag nicht prak­ti­ziert, weil es die Sta­bi­li­tät unse­rer All­tags­si­tua­tio­nen gefährdet.

Geis­tes­wis­sen­schaf­ten sind inso­fern eine Geheim­leh­re, die nur Ein­ge­weih­ten zugäng­lich ist. Ein ent­spre­chen­des Stu­di­um lohnt sich auch heu­te, da wir uns nie dar­auf ver­las­sen soll­ten, daß uns die Pro­fis das ris­kan­te Den­ken abnehmen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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