Der undeutsche Rilke und das trojanische Pferd

Eine weitere (semi-)lustige Episode aus dem Dauerbrenner "Herrschaft des Verdachts":  auf Initiative der Blauen Narzisse... 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

wur­de ein “Ril­ke-Preis” für Nach­wuchs­dich­ter aus­ge­schrie­ben. An der Preis­ver­lei­hung auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se betei­lig­te sich der “Leip­zi­ger Buch­ver­lag”, der zugleich eine Über­set­zung von Ril­kes in fran­zö­si­scher Spra­che ver­faß­ten “Brie­fen an eine vene­zia­ni­sche Freun­din” präsentierte.

Die Ver­an­stal­tung lief unge­stört ab, obwohl mal wie­der ein paar buck­li­ge Die­ner der Pro­fi-Stal­ke­rin Andrea Röp­ke in der Gegend her­um aas­gei­er­ten.  Es kam natür­lich, wie es kom­men muß­te: die ein­schlä­gig bekann­te Nei­gungs-Sta­si übte tüch­tig skan­da­li­sie­ren­den Druck auf den Ver­lag aus, wor­auf die­ser sich in einer wort­rei­chen Erklä­rung, wie man so schön sagt, “distan­zier­te”.

Dar­in wird mal wie­der die übli­che Arie aus dem “Entlarvungs”-Genre ange­stimmt, wie hin­ter­häl­tig man doch von den bösen Rech­ten aufs Glatt­eis geführt wur­de, die “miß­brau­chen”, “mas­kie­ren”, “heu­cheln”, “Harm­lo­sig­keit vor­täu­schen”, “tro­ja­ni­sche Pfer­de los­schi­cken”, “ver­ein­nah­men”, “Absich­ten ver­ber­gen” und so wei­ter und so fort.  Dage­gen betont Felix Men­zel, völ­lig mit offe­nen Kar­ten gespielt zu haben.

Das glau­be ich ihm gern (und im Zeit­al­ter von Goog­le gibt es ohne­hin kei­ne Ent­schul­di­gung), die Sache ver­hält sich nur eben so wie immer: der Kon­ser­va­ti­ve und Rech­te, der Men­zel tat­säch­lich ist, hat nichts gemein mit dem Dämon, dem “meta­phy­si­schen Nazi”, den die anti­fan­ti­schen Obsku­ran­tis­ten so gern an die ihnen nicht geneh­men Wän­de malen.

Daß die ver­ant­wort­lich Zeich­nen­den für die “Distan­zie­rung” des “Leip­zi­ger Buch­ver­la­ges”, Vik­tor Kalin­ke und Sil­ke Brohm, vol­les Rohr auf die­sen Buh­mann her­ein­ge­fal­len sind, zeigt ihr alber­ner Ver­such, nicht nur ihren Namen, son­dern auch den von Ril­ke vor der fins­te­ren “natio­na­lis­ti­schen Ver­ein­nah­mung” zu ret­ten.  Dies geschieht nicht nur in der wirk­lich blö­dest­denk­ba­ren Wei­se, son­dern zielt mei­len­weit dar­an vor­bei, wofür die Macher der BN tat­säch­lich einstehen.

Nun habe ich selbst auch kei­ne gro­ße Freu­de an der Wahl Ril­kes zum Namens­pa­tron. Hier wur­de für mein Emp­fin­den eine Num­mer zu hoch gegrif­fen.  Mir scheint das in ähn­li­cher Wei­se ver­mes­sen zu sein, wie wenn jemand einen Wil­liam-Shake­speare-Preis für das bes­te Schü­ler­thea­ter stif­ten wür­de. Und es ist nun wirk­lich all­zu ein­fach, sich mal so ad hoc mit einem der­art gro­ßen Namen zu schmü­cken, gegen den nie­mand einen Ein­wand haben kann.

Aber Kallin­ke, Brohm und Mil­li­scher haben ande­re Ein­wän­de, an denen man able­sen kann, wie absurd inzwi­schen das Ver­hält­nis der Deut­schen zur eige­nen Nati­on gewor­den ist:

Die Ver­tre­ter die­ser Inter­net­platt­form (…) benut­zen die hohe Repu­ta­ti­on, die Ril­ke in der Lite­ra­tur genießt, in heuch­le­ri­scher Wei­se als Vor­wand, um ihre natio­na­lis­ti­sche Hal­tung in der bür­ger­li­chen Mit­te sowie in lin­ken und libe­ra­len Milieus salon­fä­hig zu machen. (…) Die Ril­ke-Über­set­ze­rin Mar­gret Mil­li­scher trat der natio­na­lis­ti­schen Ver­ein­nah­mung Ril­kes ener­gisch ent­ge­gen. In ihrer Ent­geg­nung stell­te sie her­aus, daß Ril­ke weder als deut­scher noch als aus­schließ­lich deutsch­spra­chi­ger Dich­ter betrach­tet wer­den kann.

Das muß man sich auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen: Ril­ke kann weder als deut­scher noch als aus­schließ­lich deutsch­spra­chi­ger Dich­ter betrach­tet wer­den.

Und das “nicht­deut­sche” wird dann so begründet:

In Prag gebo­ren war er zunächst öster­rei­chi­scher, spä­ter tsche­cho­slo­wa­ki­scher Staats­bür­ger. Als Wan­de­rer in Euro­pa leb­te er die meis­te Zeit sei­nes Lebens in Frank­reich oder in der fran­zö­sisch­spra­chi­gen Schweiz, denn er reagier­te all­er­gisch auf den mili­tä­ri­schen Korps­geist, den er im Öster­reich der k.u.k.-Monarchie, aber auch im spät­wil­hel­mi­ni­schen Deutsch­land emp­fand. Sei­ne Freun­de und För­de­rer waren über ganz Euro­pa ver­streut. Ohne ihre Unter­stüt­zung hät­te Ril­ke sein groß­ar­ti­ges dich­te­ri­sches Werk nicht schaf­fen können.

Und um die­se Pein­lich­keit noch voll­stän­dig zu machen, wird mit einem pathe­ti­schen Tusch abgeschlossen:

Der Leip­zi­ger Lite­ra­tur­ver­lag fühlt sich der Wahr­heit ver­pflich­tet und lehnt jeg­li­che Ver­ein­nah­mung Ril­kes für natio­na­le Inter­es­sen ab.

Ich glau­be, wir müs­sen die­sen his­to­risch unge­bil­de­ten Unfug eben­so­we­nig kom­men­tie­ren, wie die Annah­me, Ril­ke wäre kein deut­scher Dich­ter gewe­sen, weil er etwa in Prag gebo­ren ist, ab und zu fran­zö­si­sche Brie­fe geschrie­ben hat oder weil sei­ne “Freun­de und För­de­rer über ganz Euro­pa ver­streut” waren. Wir wol­len uns auch dar­über aus­schwei­gen, was für eine wich­ti­ge Rol­le bei­spiels­wei­se sei­ne “Wei­se von Lie­be und Tod des Cor­nets Chris­toph Ril­ke” für die deut­sche Jugend­be­we­gung und für die Genera­ti­on von 1914 gespielt hat. Wir wol­len kein Wort ver­lie­ren über Ril­kes glü­hen­de Bewun­de­rung für Mus­so­li­ni und den ita­lie­ni­schen Faschis­mus.  Oder dis­ku­tie­ren, inwie­fern denn nun Ril­kes Fas­zi­na­ti­on für den rus­si­schen Adel und sei­ne völ­li­ge Indif­fe­renz gegen­über sozia­len Fra­gen denn nun “links” oder “libe­ral” kon­no­tiert wäre. Auch nicht dar­auf her­um­rei­ten, daß er sei­nen ursprüng­li­chen fran­zö­si­schen Vor­na­men “René” in “Rai­ner” ein­ge­deutscht hat.

Denn all das ist ohne Bedeu­tung:  das Werk eines wirk­lich gro­ßen Dich­ters gehört weder den Lin­ken noch den Rech­ten, son­dern allen, die es für sich frucht­bar machen wol­len, sogar der Blau­en Nar­zis­se und sogar dem “Leip­zi­ger Buchverlag”.

Die Fra­ge, die mich beschäf­tigt, ist eher die: woher kom­men bloß all die­se drol­li­gen, stark sim­pli­fi­zie­ren­den Ideen, mit denen sich die Ver­ant­wort­li­chen des Ver­la­ges “distan­zie­ren”? Etwa daß das Natio­na­le und das “Euro­päi­sche” ein­an­der aus­schlie­ßen­de Gegen­sät­ze sei­en? Daß das Natio­na­le eine Fra­ge der Staats­bür­ger­schaft sei? Daß die Wür­di­gung der Dich­ter eines Lan­des, die För­de­rung von Lite­ra­tur und Spra­che nichts zu tun hät­te, nicht ver­ein­bar wäre mit Natio­nal­ge­fühl, his­to­ri­scher Kon­ti­nui­tät und Tra­di­ti­ons­pfle­ge?  Daß die Kon­ser­va­ti­ven und “Neu-Rech­ten” um die BN her­um bor­nier­te Tumbdumpf­teu­to­nen wären, die ihr Ger­ma­nen­ge­sicht ver­bis­sen in den teut­schen Sauer­kraut­tel­ler getunkt hiel­ten, der als ein­zi­ges Gericht auf dem Spei­se­zet­tel erlaubt wäre?  Und einen Alte-Schu­le-Natio­na­lis­mus pfle­gen wür­den, der auch vor 1945 genug Alter­na­ti­ven hat­te, und seit­her min­des­tens so out ist wie die Pickelhaube?

Alles, wovon sich die Leip­zi­ger, die ach so sehr “der Wahr­heit ver­pflich­tet” sind, distan­zie­ren, betrifft die BN nicht im min­des­ten. Es ist ein Schlag ins Lee­re, denn sie zie­len nur auf einen vir­tu­el­len Popanz, ein stets ver­füg­ba­res Set aus Kli­schees, das sie mit der Wirk­lich­keit verwechseln.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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