Sezession
22. März 2011

Der undeutsche Rilke und das trojanische Pferd

Martin Lichtmesz

Eine weitere (semi-)lustige Episode aus dem Dauerbrenner "Herrschaft des Verdachts":  auf Initiative der Blauen Narzisse wurde ein "Rilke-Preis" für Nachwuchsdichter ausgeschrieben. An der Preisverleihung auf der Leipziger Buchmesse beteiligte sich der "Leipziger Buchverlag", der zugleich eine Übersetzung von Rilkes in französischer Sprache verfaßten "Briefen an eine venezianische Freundin" präsentierte. Auf diesem Foto kann man BN-Kopf Felix Menzel und die Übersetzerin Margret Millischer noch ein trauter Eintracht sehen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Veranstaltung lief ungestört ab, obwohl mal wieder ein paar bucklige Diener der Profi-Stalkerin Andrea Röpke in der Gegend herum aasgeierten.  Es kam natürlich, wie es kommen mußte: die einschlägig bekannte Neigungs-Stasi übte tüchtig skandalisierenden Druck auf den Verlag aus, worauf dieser sich in einer wortreichen Erklärung, wie man so schön sagt, "distanzierte".

Darin wird mal wieder die übliche Arie aus dem "Entlarvungs"-Genre angestimmt, wie hinterhältig man doch von den bösen Rechten aufs Glatteis geführt wurde, die "mißbrauchen", "maskieren", "heucheln", "Harmlosigkeit vortäuschen", "trojanische Pferde losschicken", "vereinnahmen", "Absichten verbergen" und so weiter und so fort.  Dagegen betont Felix Menzel, völlig mit offenen Karten gespielt zu haben.

Das glaube ich ihm gern (und im Zeitalter von Google gibt es ohnehin keine Entschuldigung), die Sache verhält sich nur eben so wie immer: der Konservative und Rechte, der Menzel tatsächlich ist, hat nichts gemein mit dem Dämon, dem "metaphysischen Nazi", den die antifantischen Obskurantisten so gern an die ihnen nicht genehmen Wände malen.

Daß die verantwortlich Zeichnenden für die "Distanzierung" des "Leipziger Buchverlages", Viktor Kalinke und Silke Brohm, volles Rohr auf diesen Buhmann hereingefallen sind, zeigt ihr alberner Versuch, nicht nur ihren Namen, sondern auch den von Rilke vor der finsteren "nationalistischen Vereinnahmung" zu retten.  Dies geschieht nicht nur in der wirklich blödestdenkbaren Weise, sondern zielt meilenweit daran vorbei, wofür die Macher der BN tatsächlich einstehen.

Nun habe ich selbst auch keine große Freude an der Wahl Rilkes zum Namenspatron. Hier wurde für mein Empfinden eine Nummer zu hoch gegriffen.  Mir scheint das in ähnlicher Weise vermessen zu sein, wie wenn jemand einen William-Shakespeare-Preis für das beste Schülertheater stiften würde. Und es ist nun wirklich allzu einfach, sich mal so ad hoc mit einem derart großen Namen zu schmücken, gegen den niemand einen Einwand haben kann.

Aber Kallinke, Brohm und Millischer haben andere Einwände, an denen man ablesen kann, wie absurd inzwischen das Verhältnis der Deutschen zur eigenen Nation geworden ist:

Die Vertreter dieser Internetplattform (...) benutzen die hohe Reputation, die Rilke in der Literatur genießt, in heuchlerischer Weise als Vorwand, um ihre nationalistische Haltung in der bürgerlichen Mitte sowie in linken und liberalen Milieus salonfähig zu machen. (...) Die Rilke-Übersetzerin Margret Millischer trat der nationalistischen Vereinnahmung Rilkes energisch entgegen. In ihrer Entgegnung stellte sie heraus, daß Rilke weder als deutscher noch als ausschließlich deutschsprachiger Dichter betrachtet werden kann.

Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: Rilke kann weder als deutscher noch als ausschließlich deutschsprachiger Dichter betrachtet werden.

Und das "nichtdeutsche" wird dann so begründet:

In Prag geboren war er zunächst österreichischer, später tschechoslowakischer Staatsbürger. Als Wanderer in Europa lebte er die meiste Zeit seines Lebens in Frankreich oder in der französischsprachigen Schweiz, denn er reagierte allergisch auf den militärischen Korpsgeist, den er im Österreich der k.u.k.-Monarchie, aber auch im spätwilhelminischen Deutschland empfand. Seine Freunde und Förderer waren über ganz Europa verstreut. Ohne ihre Unterstützung hätte Rilke sein großartiges dichterisches Werk nicht schaffen können.

Und um diese Peinlichkeit noch vollständig zu machen, wird mit einem pathetischen Tusch abgeschlossen:

Der Leipziger Literaturverlag fühlt sich der Wahrheit verpflichtet und lehnt jegliche Vereinnahmung Rilkes für nationale Interessen ab.

Ich glaube, wir müssen diesen historisch ungebildeten Unfug ebensowenig kommentieren, wie die Annahme, Rilke wäre kein deutscher Dichter gewesen, weil er etwa in Prag geboren ist, ab und zu französische Briefe geschrieben hat oder weil seine "Freunde und Förderer über ganz Europa verstreut" waren. Wir wollen uns auch darüber ausschweigen, was für eine wichtige Rolle beispielsweise seine "Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" für die deutsche Jugendbewegung und für die Generation von 1914 gespielt hat. Wir wollen kein Wort verlieren über Rilkes glühende Bewunderung für Mussolini und den italienischen Faschismus.  Oder diskutieren, inwiefern denn nun Rilkes Faszination für den russischen Adel und seine völlige Indifferenz gegenüber sozialen Fragen denn nun "links" oder "liberal" konnotiert wäre. Auch nicht darauf herumreiten, daß er seinen ursprünglichen französischen Vornamen "René" in "Rainer" eingedeutscht hat.

Denn all das ist ohne Bedeutung:  das Werk eines wirklich großen Dichters gehört weder den Linken noch den Rechten, sondern allen, die es für sich fruchtbar machen wollen, sogar der Blauen Narzisse und sogar dem "Leipziger Buchverlag".

Die Frage, die mich beschäftigt, ist eher die: woher kommen bloß all diese drolligen, stark simplifizierenden Ideen, mit denen sich die Verantwortlichen des Verlages "distanzieren"? Etwa daß das Nationale und das "Europäische" einander ausschließende Gegensätze seien? Daß das Nationale eine Frage der Staatsbürgerschaft sei? Daß die Würdigung der Dichter eines Landes, die Förderung von Literatur und Sprache nichts zu tun hätte, nicht vereinbar wäre mit Nationalgefühl, historischer Kontinuität und Traditionspflege?  Daß die Konservativen und "Neu-Rechten" um die BN herum bornierte Tumbdumpfteutonen wären, die ihr Germanengesicht verbissen in den teutschen Sauerkrautteller getunkt hielten, der als einziges Gericht auf dem Speisezettel erlaubt wäre?  Und einen Alte-Schule-Nationalismus pflegen würden, der auch vor 1945 genug Alternativen hatte, und seither mindestens so out ist wie die Pickelhaube?

Alles, wovon sich die Leipziger, die ach so sehr "der Wahrheit verpflichtet" sind, distanzieren, betrifft die BN nicht im mindesten. Es ist ein Schlag ins Leere, denn sie zielen nur auf einen virtuellen Popanz, ein stets verfügbares Set aus Klischees, das sie mit der Wirklichkeit verwechseln.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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