Sezession
1. April 2011

Endstation Zickenkrieg?

Martin Lichtmesz

Die Mimikry-Entlarvung ist der Antifaschismus der dummen Kerls. So ähnlich soll es August Bebel, der Urvater der deutschen Sozialdemokratie, gesagt haben. Leider taugt der im Bereich der politischen Auseinandersetzung so unentbehrliche Begriff "Dummheit" nicht als diskursanalytische Kategorie.  So müssen wir uns mit anekdotischer Evidenz begnügen, und mit Mutmaßungen, um das Phänomen der "Herrschaft des Verdachts" in den Griff zu bekommen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Volkmar Wölk, auch bekannt unter dem nom de plume "Jean Cremet", ist alles andere als ein dummer Kerl.  Lange bevor es einen Mathias Brodkorb gab, ist er unter der Masse der Berufsantifanten durch einen vergleichsweise sachlichen Tonfall und ein stupendes Detailwissen über die "faschistische Ideologie" aufgefallen, das in Deutschland wohl allenfalls von Karlheinz Weißmann übertroffen wird.

Ich persönlich habe geradezu sentimentale Gefühle für ihn, hat er doch unvergessenermaßen Mitte der Neunziger Jahren uns verirrten, tabubruch-süchtigen Jung-Grufties lustige Ideen eingeblasen und spannende Fährten gelegt, auf die wir von alleine in dieser Form kaum gekommen wären. (Diese teilweise "self-fulfilling prophecy" war aber nur die eine Seite einer wesentlich vertrackteren Geschichte.)

Wölk war parteipolitisch für die PDS ebenso wie heute für die Linke aktiv, benutzt als Autorenpseudonym den Namen eines französischen Kommunisten und Sowjet-Spions, und hat am 30. 3. in Berlin einen Vortrag im Willi-Münzenberg-Saal an der Rosa-Luxemberg-Stiftung gehalten, jener passionierten Dame, die Deutschland nach dem Vorbild Lenins in einen revolutionären Bürgerkrieg stürzen wollte, und von der der schon eingangs zitierte August Bebel sagte, er habe bei ihren Reden unweigerlich auf seine Stiefelspitzen sehen müssen, "ob diese nicht im Blut wateten."

Ich weiß nicht, ob all diese gehäuften Kommie-Namen Herrn Wölk schon zum "extremen Linken" und blutrünstigen Bolschewiken machen, der womöglich einen Spartakusaufstand und den Bau von Umerziehungslagern ausheckt.  Jedenfalls findet er ebenso wie viele seiner Parteigenossen den Kommunismus schick genug, um sich aus seinem Fundus reichlich zu bedienen. Und genau hier kommt seiner Klugheit etwas Fatales in die Quere: der Mann hat eine klare politische Agenda, und wie in allen Kriegen gehört die geistige Redlichkeit zu deren ersten Opfern.

Momentan tingelt Wölk mit einer Aufklärungs-, oder besser: "Entlarvungs"tour über den sozialdemokratischen Diversanten Mathias Brodkorb durch die Lande:

"Endstation rechts" hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der wichtigsten Internet-Informationsplattformen über die extreme Rechte entwickelt. (...) Kopf hinter dem Unternehmen ist der mecklenburg-vorpommernsche SPD-Landtagsabgeordnete Matthias Brodkorb. Doch im Gegensatz zum ebenfalls sozialdemokratischen "Blick nach rechts" ist "Endstation rechts" heftig umstritten. Eigene Recherchearbeit findet kaum statt. Brodkorb & Co. sind eifrige Verfechter der Extremismusdoktrin. Als "rechtsextrem" abgehandelt werden nur die NPD und die Kameradschaften, die "Neue Rechte" und Projekte in der Grauzone dagegen vor dem Extremismusvorwurf in Schutz genommen und zum Teil sogar hofiert. So finden Debatten der AutorInnen mit Exponenten der extremen Rechten (z.B. Karlheinz Weißmann vom Institut für Staatspolitik) in den Kommentarspalten statt. Brodkorb wiederum wird von der bürgerlichen Presse gegen den gemeinen "Antifaschismus" in Anschlag gebracht; FAZ-Überschrift: "So intelligent kann Antifaschismus sein". Volkmar Wölk wird Ideologie und Politik des Endstation-Herausgebers kritisch beleuchten.

So schnell geht das!  Eben noch hat Brodkorb im "Jahrbuch für Extremismus und Demokratie" eine Kritik am Modus des "Entlarvens" in der "politisierten Wissenschaft" veröffentlicht, nun wird er prompt von links mit exakt denselben Methoden und "Diskursmustern" angegriffen, die er in seinem Aufsatz beschrieben hatte.

Nun hat Wölk lustigerweise selbst unter Beweis gestellt, daß er anders kann, wenn er nur will, als er nämlich eine Dissertation von Clemens Heni über Henning Eichberg (ein heute linksgerichteter ideologischer Großvater der "Neuen Rechten") aus weitgehend identischen Gründen wie Brodkorb verrissen hat:

Heni beschreibt in seiner Dissertation immer wieder die Andockversuche Eichbergs bei der poli­tischen Linken und deren Publikationsorganen. Er sieht darin allerdings fälschlich lediglich ein taktisches Manöver. (...) Statt des scharfen Skalpells nutzt Clemens Heni unterschiedslos das Fallbeil. Er sucht Belege für Nationalismus, Antisemitismus und Antiamerikanismus und findet sie natürlich – immer und bei jedem, besonders auf der politischen Linken. Jenseits von intellektueller Redlichkeit werden Aussagen entkontextualisiert und enthistorisiert. Ist dies geschehen, kann das Fallbeil in Aktion treten. Die betreffende Person oder Gruppierung ist „entlarvt“.

Cremet/Wölk kritisiert hier also eine Melodie, die nicht nur wir Sezessionisten, sondern alle, die heute rechts von der gegenwärtigen CDU stehen, nur allzu gut kennen.

Im nächsten Akt des Dramas meldete sich der sagenumwobene Eichberg himself auf ER zu Wort, und unterstützte emphatisch Brodkorbs Stoßrichtung:

Jeder Einwand, der gegen die Annahme einer Verschwörung erhoben wird, gerät selbst in den Verdacht, Teil dieser Verschwörung zu sein. Die Politik des Verdachts ist empirisch unwiderlegbar.

Angesichts dieser Hintergründe hat es eine gewisse Komik, daß Cremet/Wölk in der Kommentarspalte unter dem Artikel mit dem üblichen "Verdächteln" loslegte:

Nur der Korrektheit halber: er gehört nicht der "dänischen Linkspartei" an, sondern der Sozialistischen Volkspartei. Und: er rechnete sich also der "politischen Rechten" zu. Geht es noch schwammiger? Ist damit seine damalige Mitgliedschaft in der CDU gemeint? Zählt dazu seine Autorenschaft für "Nation Europa" des SS-Manns Arthur Ehrhardt? Zählt dazu seine Vordenkerrolle für die damalige (nationalrevolutionäre) Neue Rechte? Wäre er im letzteren Fall nicht bereits damals für Mathias Brodkorb als Gesprächspartner akzeptabel gewesen, da seiner Ansicht nach ja die "Neue" Rechte nicht extremistisch ist?

Meine Vermutung:  sein detailierter Verriß von Henis Methoden hat seinen Impetus nicht in einer Ehrenrettung Eichbergs. Man kann leicht erraten, warum er sich hier so ins kritische Zeug gelegt hat:

Er (Heni) sucht Belege für Nationalismus, Antisemitismus und Antiamerikanismus und findet sie natürlich – immer und bei jedem, besonders auf der politischen Linken.

Was nun Wölk für Eichberg gelten lassen will (oder je nachdem, wie es gerade opportun ist, auch nicht), will er dem Rest der unter "Neue Rechte" schubladisierten Personal, also der "Jungen Freiheit", Weißmann usw. nicht zugestehen. Ich bin hier vielleicht nicht ganz up-to-date, aber in dem Band "Jenseits des Nationalismus" (1999) hat der kommunistophile Wölk jedenfalls das "neu" in "Neue Rechte" noch in Anführungsstriche gesetzt, weil sich dahinter nichts anderes als der alte "faschistische" Wein in neuen Schläuchen befände. Dabei geht er im Endeffekt, trotz des größeren Detail- und Kontextwissens, auch nicht viel anders vor als der von ihm kritisierte Heni.
Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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