Faschismus – rechts

von Karlheinz Weißmann

Die Zuordnung des Faschismus zur Rechten ist die übliche. Das hat ganz wesentlich damit zu tun, ...

 Gastbeitrag

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… daß sich der Faschis­mus von Anfang an gegen Sozia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten wand­te, die­je­ni­gen Ele­men­te in sei­ner Ideo­lo­gie beton­te, die die Lin­ke ver­warf oder auf­ge­ge­ben hat­te – Natio­na­lis­mus, Ras­sen­theo­rie, Dar­wi­nis­mus – und sei­ne größ­ten poli­ti­schen Erfol­ge im Bünd­nis mit der tra­di­tio­nel­len Rech­ten erziel­te. Das ita­lie­ni­sche Modell ist auch in die­ser Hin­sicht aufschlußreich:

begin­nend bei den Lis­ten, die Mus­so­li­ni gemein­sam mit bür­ger­li­chen Natio­na­lis­ten für die Par­la­ments­wah­len auf­stell­te, über sei­ne demons­tra­ti­ve Abkehr von der Demo­kra­tie und der „Göt­tin Frei­heit”, bis zur neu­en Beto­nung von Auto­ri­tät und Hier­ar­chie und schließ­lich der Ver­söh­nung mit Mon­ar­chie und katho­li­scher Kir­che. Ohne die prin­zi­pi­el­le Bereit­schaft des Königs, der Mili­tär- und Poli­zei­füh­rung, den „Marsch auf Rom” zu dul­den, wäre es 1922 nicht zur ers­ten „Macht­er­grei­fung” gekommen.

Par­al­le­len zum deut­schen Fall drän­gen sich auf, wenn­gleich die Ver­hält­nis­se doch deut­lich ver­schie­den waren. Man hat­te hier zehn Jah­re Gele­gen­heit, die Ent­wick­lung in Ita­li­en zu beob­ach­ten, und wäh­rend das Modell eines popu­lä­ren Staats­streichs vie­len auf der Rech­ten impo­nier­te, war die Skep­sis gegen­über Ideo­lo­gie und Pra­xis Mus­so­li­nis erheb­lich. Es gab bezeich­nen­der Wei­se kei­ne „deut­schen Faschis­ten” in nen­nens­wer­ter Zahl, wäh­rend sich ver­wand­te Bewe­gun­gen in Frank­reich, Bel­gi­en, der Schweiz und selbst in Groß­bri­tan­ni­en nicht scheu­ten, den Begriff zu über­neh­men. Nur weni­ge aus den Rei­hen der kon­ser­va­ti­ven Intel­li­genz, etwa Oswald Speng­ler, neig­ten zur Bewun­de­rung Mus­so­li­nis als „neu­er Cäsar” und „gro­ßer Mann”. Eine gründ­li­che­re Beschäf­ti­gung mit dem „neu­en Staat” des Faschis­mus, wie sie etwa der Stahl­helm zu Beginn der drei­ßi­ger Jah­re durch­führ­te, kam immer zu dem Ergeb­nis, daß man in Ita­li­en kei­ne Mus­ter­lö­sung fin­den kön­ne. Typisch ist Moel­ler van den Brucks For­mel „Ita­lia docet” von 1922 in Ver­bin­dung mit sei­ner spä­te­ren Kri­tik des als thea­tra­lisch und des­po­tisch – und inso­fern als undeutsch – emp­fun­de­nen Regimes.

Eine wich­ti­ge Rol­le für die Debat­ten der zwan­zi­ger und drei­ßi­ger Jah­re spiel­te auch die Süd­ti­rol-Fra­ge, und die mas­si­ve Ita­lia­ni­sie­rungs­po­li­tik der Faschis­ten ver­stärk­te noch jenen anti­rö­mi­schen Affekt, der im deut­schen Natio­na­lis­mus immer eine wich­ti­ge Rol­le gespielt hat. Unter allen poli­ti­schen Kräf­ten der Wei­ma­rer Repu­blik war jeden­falls nur die NSDAP bereit, sich mit der Anne­xi­on Süd­ti­rols abzu­fin­den, ein Sach­ver­halt, den sie nach Kräf­ten kaschier­te, so wie die Par­tei auch das Vor­bild für den eige­nen poli­ti­schen Stil eher ver­ges­sen zu machen such­te. Ganz gelang ihr das niet, obwohl Hit­ler am Ende der zwan­zi­ger Jah­re deut­lich über das For­mat eines „Mus­so­lin­chen in weiß-blau” hin­aus­ge­wach­sen war.

Die „natio­na­le Revo­lu­ti­on” von 1933 hat­te auch kei­ne Ähn­lich­keit mit einem „Marsch auf Ber­lin”, aber unbe­streit­bar war die Rol­le kon­ser­va­ti­ver Ein­fluß­trä­ger bei Hit­lers Ernen­nung zum Reichs­kanz­ler und die Bedeu­tung kon­ser­va­ti­ver Fach­leu­te in Diplo­ma­tie, Zivil­ver­wal­tung und Mili­tär für die Sta­bi­li­tät und dann das Aus­grei­fen des Regimes. Selbst­ver­ständ­lich hat Hit­ler die Sym­pa­thie der öko­no­mi­schen und der klein­bür­ger­li­chen Rech­ten gewon­nen. Die einen dank­ten ihm die Ent­mach­tung von Arbei­ter­be­we­gung und Gewerk­schaf­ten, die ande­ren die Wie­der­kehr von „Zucht und Ordnung”.

Bei der Beto­nung die­ses Zusam­men­hän­ge darf nur nicht über­se­hen wer­den, daß Hit­ler die Rech­te auch von Anfang an als Geg­ner fürch­ten muß­te. Das erklär­te schon sei­ne hek­ti­sche Reak­ti­on auf ein Putsch­ge­rücht unmit­tel­bar nach dem 30. Janu­ar 1933, dem­zu­fol­ge das feu­da­le Infan­te­rie­re­gi­ment 9 in Pots­dam nur auf den Befehl war­te­te, um Ber­lin zu beset­zen und ihn davon­zu­ja­gen, das erklär­te wei­ter die Ermor­dung wich­ti­ger Köp­fe der kon­ser­va­ti­ven Oppo­si­ti­on (Kurt von Schlei­cher, Edgar Jung, Her­bert von Bose) im Zusam­men­hang der soge­nann­ten Nie­der­schla­gung des Röhm­put­sches 1934 und die Hef­tig­keit, mit der die Erhe­bung vom 20. Juli 1944 nicht nur an den Tätern, son­dern auch an deren Fami­li­en gerächt wur­de. Hit­lers Bewun­de­rung für Sta­lin lag zuletzt begrün­det in des­sen Rück­sichts­lo­sig­keit bei der Besei­ti­gung aller Über­res­te des alten Russ­land und jedes inne­ren Widerstandes.
Obwohl sich Hit­lers Anti­bol­sche­wis­mus als das stär­ke­re welt­an­schau­li­che Moment erwies, hat er Sta­lin doch nie­mals mit sol­cher Ver­ach­tung gestraft wie sei­ne west­li­chen Geg­ner. Unter denen gehör­ten zwei – Chur­chill und de Gaul­le – zu den kon­ser­va­ti­ven Füh­rungs­schich­ten ihrer Län­der und ver­tra­ten Posi­tio­nen, die man der Rech­ten zuord­nen muß­te. Sie inter­pre­tier­ten ihren Kampf gegen Hit­ler wesent­lich als Fort­set­zung älte­rer, natio­na­ler Kon­flik­te und jeden­falls nicht als anti­fa­schis­ti­sche Front­bil­dung: Chur­chill woll­te nach­ho­len, was 1919 ver­säumt wor­den war, und de Gaul­le das Tes­ta­ment Riche­lieus voll­stre­cken; im Novem­ber 1942 schrieb der Sozia­list Félix Gou­in an den inter­nier­ten Léon Blum über sei­nen Ein­druck vom Umfeld de Gaulles: „Die meis­ten waren Män­ner der Rech­ten und der extre­men Rech­ten …” . Inso­weit war der „letz­te euro­päi­sche Krieg” (John Lukacs), wenn man den Natio­nal­so­zia­lis­mus als eine Vari­an­te des Faschis­mus und den Faschis­mus als rechts betrach­tet, eine Aus­ein­an­der­set­zung inner­halb der Rechten.

In man­cher Hin­sicht ging es sogar um eine Aus­ein­an­der­set­zung inner­halb des Faschis­mus. Denn unbe­scha­det aller ideo­lo­gi­schen Sym­pa­thie waren die Faschis­ten Groß­bri­tan­ni­ens, Frank­reichs und Bel­gi­ens bereit, gegen Deutsch­land als Lan­des­feind zu kämp­fen. Oswald Mos­ley, Füh­rer der Bri­tish Uni­on of Fascists und in die­ser Funk­ti­on ab 1940 inter­niert, hat­te nach Kriegs­aus­bruch, am 3. Sep­tem­ber 1939, sei­nen Par­tei­mit­glie­dern erklärt, daß sie Gestel­lungs­be­feh­len unbe­dingt Fol­ge zu leis­ten hät­ten, und: „Wir haben es hun­dert­mal gesagt, daß wenn das Leben Eng­lands in Gefahr wäre, wir wie­der kämpf­ten”; Joris van Seve­ren, Kopf der flä­mi­schen Natio­nal­so­li­d­aris­ten, for­der­te sei­ne Anhän­ger auf, sich als Reser­ve­of­fi­zie­re zu mel­den und ver­si­cher­te den bel­gi­schen König unbe­ding­ter Loya­li­tät, trotz­dem wur­de er fest­ge­setzt und am 10. Mai 1940 ohne Urteil liqui­diert ; Joseph Darnand, Ange­hö­ri­ger ver­schie­de­ner Grup­pen der äußers­ten Rech­ten Frank­reichs, unter ande­rem der ter­ro­ris­ti­schen Cagoule, spä­te­rer Kom­man­deur der Mili­ce, schon im Ers­ten Welt­krieg hoch deko­riert, erhielt 1940 den Rang eines Offi­ziers der Ehren­le­gi­on wegen her­vor­ra­gen­den Tap­fer­keit, die Zeit­schrift Match erschien mit sei­nem Foto auf der Titel­sei­te. In den­sel­ben Zusam­men­hang gehört auch, daß der Wider­stand nach der Nie­der­la­ge Polens wie Frank­reichs zuerst von der Rech­ten aus­ging. Der Unter­grund in Polen wur­de weit­ge­hend von natio­na­lis­ti­schen Grup­pen beherrscht, was sich noch am Ver­lauf und dem Schei­tern des zwei­ten War­schau­er Auf­stands zeig­te. Ähn­lich lag der Fall in Frank­reich. Die Kom­mu­nis­ten waren es gewe­sen, die die Ver­tei­di­gungs­an­stren­gun­gen sabo­tiert hat­te und sofort zur Kol­la­bo­ra­ti­on mit dem Bünd­nis­part­ner Sta­lins über­gin­gen. Dage­gen grif­fen Natio­na­lis­ten, Roya­lis­ten und auch ein­zel­ne, die sich als Faschis­ten bezeich­nen las­sen, sofort nach dem offi­zi­el­len Ende der Kampf­hand­lun­gen wie­der zu den Waf­fen. Wich­ti­ge Grup­pen des Unter­grunds stan­den unter dem Kom­man­do von Män­nern aus den Rei­hen der Action Fran­çai­se, der Ligen und der Cagoule.

Die Kampf­be­reit­schaft der radi­ka­len Rech­ten hat­te selbst­ver­ständ­lich mit ihrem Ver­hal­tens­ko­dex, der Ver­ach­tung des Zivi­len und jener Mili­tanz zu tun, die sie im Kampf gegen die Demo­kra­tie unter Beweis gestellt hat­ten. Ein Zusam­men­hang, für den es eine bemer­kens­wer­te – sys­tem­ima­nen­te – Par­al­le­le gibt: die Betei­li­gung von Natio­nal­so­zia­lis­ten am Wider­stand gegen Hit­ler. Gemeint sind nicht ein­zel­ne, die aus eher per­sön­li­chen Moti­ven han­del­ten (etwa Wolf Graf Hell­dorf), son­dern jene, die ursprüng­lich aus den Frei­korps und natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Zir­keln stamm­ten und sich der NSDAP nur ange­schlos­sen hat­ten, weil sie glaub­ten, es bedür­fe einer Mas­sen­par­tei, um die ange­streb­te Umwäl­zung her­bei­zu­füh­ren. Das Spek­trum die­ser Oppo­si­ti­on reich­te von den Män­nern jenes Stoß­trupps, den Fried­rich-Wil­helm Heinz 1938 gebil­det hat­te, um die Reichs­kanz­lei zu stür­men und Hit­ler zu erschie­ßen, bis zu Ein­zel­gän­gern wie Fritz-Diet­lof von der Schu­len­burg, der aus dem Umfeld der Natio­nal­bol­sche­wis­ten kam, das Sys­tem von innen zu unter­wan­dern such­te, und genau­so zu den Gefal­le­nen des 20. Juli gehör­te wie Hart­mut Plaas, der ehe­ma­li­ge Stabs­chef der noto­ri­schen Mari­ne­bri­ga­de Ehr­hardt. Plaas hat­te übri­gens schon im März 1933 notiert: “Es ist nichts mehr und nichts weni­ger als der blan­ke Wahn. Da kann die größ­te Toll­heit der deut­schen Geschich­te entstehen.”

Die Eigen­art der geschil­der­ten Kon­stel­la­tio­nen läßt erken­nen, daß die Rech­te wie die Lin­ke eine Viel­heit, kei­ne Ein­heit bil­det. Es zeigt sich dar­über hin­aus, daß die Bruch­li­ni­en zwi­schen der alten Rech­ten, die noch in den Vor­stel­lungs­wel­ten des 19. Jahr­hun­derts, teil­wei­se des Anci­en Régime, wur­zel­te, und der neu­en Rech­ten des Faschis­mus tief waren und daß es sogar inner­halb der Faschis­men laten­te Span­nun­gen gab, die bis zum bewaff­ne­ten Kon­flikt füh­ren konnten.

Mit letz­ter Schär­fe wur­de die Bruch­li­nie zwi­schen dem Faschis­mus und der tra­di­tio­nel­len Rech­ten aller­dings erst deut­lich, nach­dem der Faschis­mus als poli­ti­sche Kraft ver­schwun­den war. Natür­lich hat­te es immer Kri­tik aus dem Lager der Libe­ra­len, der Kon­ser­va­ti­ven und der Reak­ti­on gege­ben, aber in der Unüber­sicht­lich­keit der kon­kre­ten Lage war der Gegen­satz nie­mals so prin­zi­pi­ell gefaßt wor­den wie in der Beur­tei­lung ex post. 1963 ver­öf­fent­lich­te Juli­us Evo­la einen Essay Il Fascis­mo. Dar­in ent­wi­ckel­te er eine Kri­tik aus der Per­spek­ti­ve der „authen­ti­schen Rech­ten” , der­zu­fol­ge der Faschis­mus vor allem als eine Vari­an­te jener demo­kra­ti­schen Mas­sen­be­we­gun­gen zu betrach­ten ist, die seit 1789 den Unter­gang des Abend­lan­des her­bei­führ­ten. Was Evo­la in der Zeit der faschis­ti­schen Herr­schaft noch mit einem gewis­sen Wohl­wol­len beur­teilt hat­te – die Ver­tei­di­gung von König­tum und Hier­ar­chie, der Kampf gegen den Par­la­men­ta­ris­mus und das Mehr­heits­prin­zip – erschien ihm jetzt nur noch als Halb­heit. Der Faschis­mus ver­sag­te vor der Auf­ga­be, den Abgrund der Revo­lu­ti­on zu schlie­ßen, weil er selbst aus die­sem Abgrund auf­ge­stie­gen war.

Abbil­dun­gen von oben nach unten: The­men­saal “Marsch auf Rom” in der Mos­tra de la Rivo­lu­zio­ne Fascis­ta, einer Aus­stel­lung, die 1932 aus Anlaß des zehn­ten Jah­res­tags der faschis­ti­schen “Macht­er­grei­fung” durch­ge­führt wur­de; Post­kar­te Hit­lers aus der Fes­tungs­haft, 1924; Aus­ga­be von Match mit dem Bild Darnands, 21. März 1940.

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