Sezession
1. Dezember 2010

Smends Integrationslehre

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 39 / Dezember 2010

von Karlheinz Weißmann

»Integration, das große Placebo« vermerkte Carl Schmitt am Rand eines Artikels zur »Integrationslehre«, den Rudolf Smend, deren Begründer, für das Handwörterbuch der Sozialwissenschaften verfaßt hatte. Zwischen Schmitt und Smend bestand über vier Jahrzehnte eine wohlwollende, phasenweise freundschaftliche, aber nie ganz spannungsfreie Beziehung. Sie schlug sich auch in einem Briefwechsel nieder, der jetzt in einer Edition Reinhard Mehrings vorliegt (»Auf der gefahrvollen Straße des öffentlichen Rechts«. Briefwechsel Carl Schmitt – Rudolf Smend 1921–1961. Mit ergänzenden Materialien, Berlin: Duncker & Humblot 2010. kart, 14 SW-Abbildungen auf Tafeln, 208 S., 28.00 €). Der Anlaß der Publikation war wohl nicht nur das fortdauernde Interesse an Schmitt, sondern auch die Bedeutung Smends für die Entwicklung der deutschen Staatsrechtslehre des 20. Jahrhunderts. Trotzdem muß man feststellen, daß die Korrespondenz inhaltlich wenig Ertrag bietet, sehr viel weniger als etwa die zwischen Schmitt und Ernst Forsthoff.
Das hat mit einer gewissen Fixierung der Briefpartner auf das akademische Klein-Klein zu tun, vor allem aber mit der bleibenden persönlichen Distanz. Die kann man auf den – geringen – Altersunterschied zurückführen, der Smend einen Vorsprung in der Universitätskarriere verschaffte, was Schmitt anfangs in die Rolle des Bittstellers zwang, aber auch mit politischen Differenzen. Es gab für Schmitt sicher Gründe anzunehmen, daß er mit Smend ebenso einig gehe gegen jede »Restauration des Liberalismus«, wie in bezug auf »konservative Anständigkeit« und vielleicht sogar ein »römisches« Verständnis des preußischen Staatsethos. Aber am gegenreformatorischen Zug in Schmitts Denken schieden sich die Geister. Smend war bewußter evangelischer Christ, hatte deutliche Vorbehalte gegenüber der Weimar Demokratie, pflegte aber einen Vernunftrepublikanismus. Schmitts undurchsichtigem Taktieren in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren, seiner nie ganz klaren Haltung zum Zentrum stand er mit Mißtrauen gegenüber. Erst recht lehnte er Schmitts Anschluß an Hitler ab, obwohl der im Briefwechsel kaum thematisiert wird, während Schmitt sich – aus ebenfalls nicht ganz deutlich werdenden Motiven – durch Smend düpiert glaubte und bis zum Bruch mit dem Regime seine überlegene Position zur Geltung bringen wollte. In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre kam es zu einer gewissen Wiederannäherung, aber Schmitts Haltung nach dem Zusammenbruch führte zu neuerlicher Entfremdung.
Anders als Schmitt betrachteten die Siegermächte Smend als unbelastet, er konnte seine Tätigkeit ungebrochen fortsetzen und übte bald wieder nachhaltigen Einfluß auf die juristische Disziplin der Bundesrepublik aus. Er unterstützte in gewissem Maß Schmitts Bemühen um eine reguläre Pensionierung, aber ließ doch durchblicken, daß er dessen Selbstdeutung »aus der Zelle« ablehnte und ein Schuldeingeständnis erwartete. Eine Rehabilitierung oder Wiederaufnahme in die Staatsrechtslehrervereinigung lehnte er jedenfalls ab, was letztlich auch den Bruch zwischen beiden Anfang der sechziger Jahre erklärt, der – soweit das die Unterlagen zeigen – von Schmitt ausging.


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