Sezession
1. Dezember 2010

Konservative und Literatur

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 39 / Dezember 2010

von Günter Scholdt

Neulich überkam mich wieder einmal mit Macht das Bewußtsein unserer Defizite. Ein begabter Liedermacher sang eine reizvolle Ballade von einem Raubtier, dessen Erscheinung eine friedliche Gesellschaft in eine wölfische verwandelt. Das Publikum ließ sich packen und quittierte die Deutung des Autors, daß sich der Text gegen rechte fremdenfeindliche Demagogen richte, mit zusätzlichem Beifall. Und wer wollte bei solchem Problemarrangement auch nicht zustimmen und sich ausschließen aus einer Gesinnungsgemeinschaft der Guten und Toleranten, die zudem noch so ergreifende Lieder auf ihrer Seite hat?

Dieselben Leute, die im alltäglichen Erfahrungsbereich zum Teil ganz andere Wolf-Storys erleben mit anderen Ausgängen, Opfern oder Sorgen (von migrationsbedingt verkommenen Schulen bis mißhandelten Einheimischen), applaudieren den immer gleichen Geschichten und Gesellschaftsideen eines linken »gutmenschlichen« Mainstreams. Sie tun es besten Gewissens, berauscht, verführt oder erpreßt von der scheinbar alternativlosen Macht der Worte, Bilder und Klänge. Alternativlos, weil nun schon seit Jahrzehnten kaum relativierende Gegengesänge zu vernehmen sind, kaum Gegenerzählungen, Gegenromane, -dramen oder -filme, die andere Aspekte zur Geltung bringen oder andere Schlußfolgerungen ziehen. Und ein circulus vitiosus schließt sich unausgesprochen im Bewußtsein der Mehrheit, wonach böse Menschen eben keine Lieder haben.
Ganz anders im »guten« linken Lager. Ein Biermann, ein Degenhardt, Joan Baez oder Bob Dylan begeisterten seinerzeit mit ihrer Gitarre, danach Grönemeyer, die »Toten Hosen« oder andere so ungemein tapfere Organisatoren des »Rock gegen rechts«. Dauerprämierte Starautoren, Comedy, Kabarett und Filmindustrie bedienen im Grundsatz unisono das eine politische Großlager, so pseudokritisch sie sich auch bei parteipolitisch bedingten Binnendifferenzen gebärden. »Der Geist steht links«, lernte ich sozusagen als Entree meiner studentischen Laufbahn als Germanist und Historiker bereits 1967. Nun, der Geist tut dies gewiß nicht, die Literatur aber schon. Und das zu verstehen, ist relativ leicht, wobei sich ideelle und materielle Gründe mischen.
Zunächst einmal gehört ein Schuß sozialer Empörung zu den Hauptursachen des Schreibens. Seit der Aufklärung identifizieren sich zahlreiche Autoren mit gesellschaftlich Zukurzgekommenen oder durch Kirche und Staat Verfolgten. Büchners Losung »Friede den Hütten, Krieg den Palästen! « liest sich als Programmspruch des modernen Autors. Die ganze Menschheit soll befreit, sozial oder ethnisch gleichgestellt, Wohlstand für alle gesichert, Krieg geächtet werden. Und solange es nicht breitenwirksam gelingt, zu verdeutlichen, daß es einer politischen Alternative nicht darum geht, Menschheitsträume wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Rassenversöhnung, Weltfrieden etc. zu diskreditieren, sondern nur deren blauäugige, zuweilen gefährliche Verkündung oder politische Umsetzung, die nicht selten im Gegenteil des Versprochenen endet, besitzt diese Entscheidung ja auch fraglos moralische Plausibilität.
Mit dem weltweiten zumindest verbalen Siegeszug sozialistischer Ideen in fast allen Parteien und politischen Gruppierungen wuchsen auch entsprechende Steuerungs- und Sanktionsmöglichkeiten. In Nachkriegsdeutschland kam noch eine nie ausgesetzte Reeducation-Ideologie hinzu. Infolgedessen wird in unserer von Netzwerken beherrschten Mediokratie eine alternative rechte Kulturszene diffamiert, allenfalls in Nischen geduldet oder durch gezieltes Verschweigen quasi ausgehungert. Ich bezweifle denn auch nicht, daß es auch heute beachtliche konservative Talente, Charaktere, Denk- und Empfindungsweisen gibt. Aber ihnen fehlt bislang die Infrastruktur, um in der Breite wahrgenommen zu werden, also: Verlage, Zeitschriften, Radio- und TV-Redaktionen, Schriftstellerverbände, Kultursendungen, Theater, Agenturen, Mäzene, Kritiker, Preisrichter und Leser, die sich für sie einsetzen. Und weil dies so ist, orientiert sich so mancher potentielle Vertreter unserer Ideen eben anders, gemäß dem recht handfesten Prinzip, das schon einem Walther von der Vogelweide geläufig war: »Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing«. Für »gutwillig« Angepaßte hält das System nämlich mit einer relativen Fülle an Preisen, Stipendien und Jobs ja doch noch so manche Futterkrippe bereit.


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