Sezession
15. Dezember 2015

Vorlesen – ein Leitfaden

Ellen Kositza / 30 Kommentare

In der Vorweihnachtszeit erreichen uns zahlreiche Bitten um Kinderbuchempfehlungen. Deshalb sei dieser ältere Sezession-Artikel, ergänzt um einige Bücher, an dieser Stelle hervorgeholt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ein halbes Jahrtausend nach Etablierung des Buchdrucks ist die Demokratisierung der »Kulturtechnik Lesen« vollendet. Deutschland ist nicht nur Land der Dichter und Denker und Bildungsexporteur geblieben: Es ist auch das Leseland. Allen modernen Medien zum Trotz hat sich die Wertschätzung des gedruckten Wortes bis heute erhalten:

Nirgendwo auf der Welt gibt es ein so vielfältiges, flächendeckendes Netz aus Buchhandlungen und Leihbibliotheken. Von den rund 100 000 Neuerscheinungen pro Jahr (die Zahl wächst stetig) ist zwar ein Gutteil kaum mehr als bedrucktes Papier aus den Druck-on-Demand-Pressen, aber daneben erfährt vor allem die Kinder- und Jugendbuchsparte, gemessen an der Zahl der Käufer, rasanten Zulauf. Über die Hälfte der Verkaufsschlager des vergangenen Jahrzehnts waren Titel aus diesem Segment, allein 2009 stieg der Umsatz an Kinder- und Jugendliteratur um deutlich mehr als 20 Prozent und auf über 72 Millionen Bücher – mehr Jugendbuch war nie.

Indes: Es sind zu großen Teilen Erwachsene, die Harry Potter und die Bis(s)-Romane kaufen und lesen.
Auch liest nicht jeder, bei dem man es vermuten möchte: Seit in den vergangenen Jahrzehnten die Quote der Schulabgänger mit Hochschulreife sprunghaft angestiegen ist (von elf Prozent 1979 auf rund 44 Prozent 2009), ist der Gymnasiast, in dessen Wohnung (elterliche Sphäre plus Kinderzimmer) sich kein Dutzend Bücher findet, keine Ausnahmeerscheinung. Die »Lesekompetenz«, zumal die durch PISA getestete, liegt im Argen. Sicher, es gibt solche Bildungskarrieren: Kinder, die in bücherlosen Haushalten aufwachsen und dennoch in der Schule oder gar später Geschmack finden am geschriebenen Wort. Das ist der Ausnahmefall und nur durch das Zusammentreffen günstigster Umstände möglich. Es gilt weiterhin, Kinder frühzeitig auf den Geschmack zu bringen. Warum, wann, wie und womit?

Warum lesen? Definitiv nicht zum Zwecke irgendeiner Wettbewerbsfähigkeit! Bildung und Karriere sind ohnehin keine Zwillinge; solide Berufswege als Arzt, Ingenieur oder selbst Soziologe sind ohne jegliche Affinität zur Belletristik möglich. Susanne Gaschke hat deshalb in ihrem empfehlenswerten Kinderbuchkanon (Hexe, Hobbits und Piraten. Die besten Bücher für Kinder, München: DVA 2002) ganz richtig das »begeisterte Verschlingen von guten Kinderbüchern (…) eine elementare Bedingung des Aufwachsens« genannt, »mindestens ebenso wichtig wie gesunde Ernährung oder Spiel und Bewegung«. Lesen ist Bildung, und Bildung – im humanistischen Sinne und eben nicht zweckorientiert verstanden – macht frei. Lesen fördert Kreativität, Intelligenz, Empathiefähigkeit, nicht zuletzt Widerspruchsgeist.

Wann und wie? Die meisten Schulen unterhalten eine kleine Leihbücherei, und ab der dritten Klasse wird den Kleinen oft die örtliche Bibliothek vorgestellt, die es hierzulande selbst in kleinsten Gemeinden gibt. 1880 gab es rund 1000 Leihbibliotheken in deutschen Landen, heute sind es rund 11 000 mit 350 000 registrierten Entleihungen jährlich. Wer die mangelnde finanzielle Ausstattung dieser Institutionen beklagt, jammert im Grunde auf hohem Niveau. Auch die winzige Dorfbücherei mit vielleicht tausend Büchern aus Spenden bietet probaten Lesestoff für ein paar Jahre. Allein: Mit acht, neun Jahren ist es reichlich spät, das Kind mit »Freund Buch« vertraut zu machen. Kleinkinder sind Nachmacher. Wer sein Zweijähriges mit einem falsch herum gehaltenen Buch auf dem Sofa vorfindet, darf sicher sein, daß die eigene Leselust vorbildlich gewirkt hat. Jüngst gab's im Kindergarten eine Auseinandersetzung: Die Eltern beklagten ein Übermaß an »freiem Spiel« von sieben bis siebzehn Uhr, es werde zu selten gebastelt und vorgelesen. Bildungsaufgaben seien Elternsache, beschied die Leiterin. »Wir arbeiten doch den ganzen Tag«, kam es zurück. Quality time lautete das Zauberwort, das entgegnet wurde: Auf »zehn, fünfzehn Minuten intensiver Beschäftigung pro Tag« käme es an! Was freilich bei weitem nicht ausreicht. Allein »zehn, fünfzehn Minuten« Vorlesen pro Abend wäre das Minimum, gern mehr. Joan Aiken schrieb einmal, wer nicht bereit sei, seinem Kind eine Stunde am Tag vorzulesen, verdiene es nicht, ein Kind zu haben. Ein hehrer Anspruch! Wer als Kleinkind die feste, wohl meist abendliche, konzentrierte Vorlese- oder Bilderbuchzeit schätzen gelernt hat, wird auch im späteren Schulalter ein dankbarer Zuhörer und Selbstleser sein.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (30)

Realist
15. Dezember 2015 12:15

Ein erneutes Dankeschön für die Mühe der Zusammenstellung. Zum Thema Kinderlektüre finde ich immer wertvolle Anregungen.

Anton Burdorf
15. Dezember 2015 12:16

Ich danke Ihnen, Frau Kositza, für diesen Artikel. Wenn ich mir einen Überblick über den Buchmarkt verschaffen möchte, dann kann ich am Kiosk oft nur auf die Beilagen von Spiegel, Zeit & Co. zurückgreifen. Ich weiß, dass diese Zeitschriften/Zeitungen hier sehr kritisch gesehen werden, aber sie haben zumindest regelmäßig ausführliche Literaturbeilagen.

philos
15. Dezember 2015 18:21

Beim "selbstsüchtigen Riesen" regt sich ganz weit hinten in meinem Kopf eine Erinnerung. Wisse Sie, Frau Kositza, ob es von dieser Geschichte eine Hörspielversion gibt bzw. endet jene damit, daß der Riese, unter einem Baum sitzend, lächelnd entschläft und durch ein Loch in der Mauer Freude und Blüte zurückkehren? Gleich, ob's diese Geschichte war; was ich da Anfang der 90er gehört habe, hat mir sehr gut gefallen.

Danke für den Artikel.

Kositza: Danke auch! Ja, es ist diese Geschichte. Hörspielversion kenne ich nicht, und das von Lisbeth Zwerger illustrierte Buch würde ich wirklich allen anderen versionen vorziehen. Oft entwertet ja ein grober oder grotesker strich die schöne geschichte.

sabethle
15. Dezember 2015 20:07

Liebe Frau Kositza,
ich danke für die ausführlichen Beschreibungen, was fehlt ist die Altersangabe.
Meine Enkelin ist 5 Jahre.
Danke für Ihre Bemühungen.

Kositza: Ja, weil das mit den Altersangaben schwierig ist. Beispielsweise mochte meine Älteste noch mit acht oder neun Jahren keinen Räuber Hotzenplotz lesen: viel zu gruselig. Oder andersrum: ich hatte eine Zehnjährige, die bereits in Novalis versank, davon ist meine derzeitige fast-Zehnjährige Lichtjahre entfernt. Mittlerweile älteren Kindern las ich, als sie fünf waren, gern die von Ruth Elsässer ilustrierten "Das Hirtenbüblein" oder "Goldtöchterchen" vor. So schön! Die jetzige Vierjährige findet das bereits langweilig. Die Bücher von Elsa Beskow (eigtl. alle) könnte ich empfehlen. Und was meinen "Kanon" angeht; für Fünfjährige eigent sich grosso modo alles, was ich zwischen "Mein Esel Benjamin" und "Der Schuppenprinz" aufgeführt habe.

OJ
15. Dezember 2015 20:07

Die Häschenschule fehlt!

(https://www.eichwaelder.de/Altes/altesbuch59.htm)

Kositza: Ja, von Sixtus haben wir auch allerlei rumstehen. Ist nett. Ist vor allem nostalgisch, vermochte daher weder Eltern noch Kinder vom Hocker zu reißen.

Holzfäller
15. Dezember 2015 21:14

Mein Fünfjähriger Sohn liebt Räuberbücher. Hotzenplotz, Gudrun Pausewang's Räuber Grapsch, die Räuber von Kardemomme, Ronja Räubertochter - alles mindestens 9x gelesen. Zurzeit sind wir bei "Bill Bo und seine 6 Kumpane", (kennen manche vielleicht als Stück aus der Augsburger Puppenkiste) welches vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland spielt. Haben Sie noch eine Räuberempfehlung, Frau Kositza?

Nemo Obligatur
15. Dezember 2015 22:42

Alles (vor)lesen kann man von Otfried Preußler, Astrid Lindgren, Elsa Beskow, Michael Ende, Erich Kästner – diese fünf füllen leicht anderthalb Regalmeter.

Womit Sie Ihre Geschmackssicherheit unter Beweis gestellt haben.

Ich selbst bin leider mit wenig Büchern aufgewachsen, die Gebrüder Grimm könnte ich noch nennen, und natürlich Astrid Lindgren, aber letztere mehr in Filmform. Die Eltern hatten wenig Zeit, die Großeltern waren weit weg (von den Enkeln räumlich und von Büchern aus materieller Not umständehalber als Flüchtlinge - aber kein Vorwurf, die "Alten" [das Wort spreche ich hier mit großem Respekt aus] haben mir einiges an geistigem Rüstzeug mit auf den Lebensweg gegeben). Heute habe ich selbst eine kleine Tochter und lese gerne vor. Vor einiger Zeit ein wunderbares Buch, dessen sprachliche Qualität unmittelbar ins Auge stach: Das Traumfresserchen. Als Autor stellte sich erst nach der Lektüre Michael Ende heraus. Qualität setzt sich durch.

Anja
15. Dezember 2015 23:28

Vielen Dank für die umfangreiche Übersicht, die ich mir ausdrucken werde.

Ich möchte diese Aufzählung noch ergänzen durch:

Deutsche Heldensagen
Die Nibelungen
Dietrich von Bern.

Zumindestens bei mir haben diese Themen sehr früh das Interesse für Geschichte geweckt. Wer als Kind

Dietrich von Bern kennengelernt hat, kann den Bogen zu Theoderich im

Kampf um Rom

spannen, denn beide sind in der Historie ein und diesselbe Person.

Ansonsten ganz wichtig auch regionale Sagen wie z. B.

Die Harz-Sagen von der Roßtrappe, dem Riesen Bodo und dem Riesenmädchen Emma,

damit die Liebe zur Heimat gefestigt wird. Auch erwähnenswert für den Ostseeraum

Die Störtebecker-Sage...!

Hildesvin
16. Dezember 2015 00:32

Die krankheitsbedingt kinderlose Frau eine Arbeitskollegen meines inzwischen verewigten Vaters schenkte mir, als ich neun war, "Märchen und Sagen von der Nordsee" von Elisabeth Hering.
Lewwer duad üs Slaaw, oder Pidder Lüng: "Wer in den Kohl spuckt, der soll ihn auch fressen!" - Der Inselpfaffe von Sylt, Peter Gorrig, Spitzname Peter Gierig, bekommt da die Kirchens-teuer auf recht unangenehme Weise bezahlt.
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Die Reprints der alten Mosaik - Hefte von Hannes Hegen sind so übel nicht - von der sogenannten Dampfmaschinen-Serie (Anderntags in der Kalesche / droht der Lord dem Dieb mit Dresche...) bis zu Ritter Runkel zu den Abenteuern in Byzanz (Sehr gut bewährt sich oft auf Reisen, ein Anzug, welcher ganz aus Eisen ...) - köstliche Anspielungen auf verlotterte Staatswesen, und erheiternde Spitzen gegen das Militär ... - Danach ging auch das Niveau herunter.
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Elsa Beskow är storartad, på hennes sätt.

Andreas Walter
16. Dezember 2015 03:00

Schön, dass Sie sich in bereits unruhigen Zeiten noch etwas Besinnlichem widmen, Frau Kositza. Einige Nichtchristen werden zwar auch jetzt nicht innehalten, uns weiter mit Dreck bewerfen zu wollen, doch unsereins ist eben aus einem anderen Holz geschnitzt, versucht selbst im Krieg und im Wahnsinn noch Momente der Stille, des Friedens und der Einkehr, des Gedenkens und des Gebets zu finden.

Darum möchte ich mich bei Ihnen dafür ganz herzlich bedanken und wünsche Ihnen und Ihrer Familie, gerade auch wegen der Kinder, ein von Gott gesegnetes, friedvolles und fröhliches Weihnachtsfest.

https://www.youtube.com/watch?v=e64ojMGd7jE

Ein Kinderloser
16. Dezember 2015 08:29

Andersens Maerchen, die Maerchen der Gebrueder Grimm, Pinocchio, Die Hasenschule, erinnerlich ist mir auch noch die Pantoffelmieze ..........Jack London, Jules Verne, die Lederstrumpfgeschichten, Charles Dickens, Robinson Crusoe?
Sollte das Alles heutzutage nicht mehr hilfreich sein?
Selbst habe ich keine Kinder, habe auch keinen Zugang zu Kindern, weiss mit Kindern nix anzufangen. Steht so ein Kind mal vor mir muss ich mich fragen ob es jetzt 7 oder 10 Jahre, 9 oder 13 Jahre alt waere, ob es 16 oder 23,...22oder 29 Jahre alt waere. Kinder, Jugendliche und junge Menschen sind fuer mich voellige Aliens.
Die "Jugend von Heute" erscheint mir farblos, blass ubd zahnlos, ohne jede Lebenserfahrung.
Hier in Italy beobachte ich, dass den Kindern immer mehr, die Grazie, also das Laecheln als Ausdruck des Liebreizes, der Liebenswuerdigkeit und ueberhaupt als Ausdruck einer spezifisch italienischen sozialen Kompetenz abhanden kommt. Ohne eben genau dieses Laecheln.........
und ohne den Konjunktiv oder das Konditional zu bemuehen koennen Sie
hier unten nicht mal eine Schachtel Zigaretten kauflich erwerben. Ich kalkuliere : Kinder zu daemlich eine Schachtel Zigaretten zu kaufen. / Erkenne den Fehler, ach so! Kinder sollten wohl eher keine Zigaretten kaufen, oder?
Schon klar!/Ich traue diesen Kindern nicht nur nix zu, ich lehne sie ab, sie werden uns unser Grab schaufeln, sonst garnix.---------------
Jetzt moechte ich den Bogen schlagen: Mir faellt auf, dass keines der von mir hier oben angefuehrten Buecher von Frau Kositza beruecksichtigt wurde. Das spricht-fuer mich-Baende!

Eveline
16. Dezember 2015 09:00

Lieben lieben Dank für Ihre Anregungen Frau Kositza.

Ich habe mir gleich den "Schatzbehalter alter Kinderbücher " von Horst Kunze rausgeholt.

Ein Buch für alle Freunde der Kinderbücher.

Immer wieder schön. Berücksichtigt wird die Zeit vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zum beginnenden 20 Jh.

philos
16. Dezember 2015 10:54

Ergänzen möchte ich noch Franz Fühmanns "Das hölzerne Pferd". Ein DDR-Produkt, das Ilias und Odyssee für Kinder nacherzählt. Über die Qualität dieses Buchs kann ich heute rein gar nichts mehr sagen, aber es hat, als ich gerade selbst zu lesen fähig geworden war, im Verbund mit den Grimms, Andersen etc. eine Neigung in mich gepflanzt, die bis heute geblieben und stärker geworden ist. Fühmann hat wohl auch eine Bearbeitung des Nibelungenstoffes vorgelegt, die ebenso für Kinder gemacht ist.

Jakob Altenburg
16. Dezember 2015 12:23

Schön, daß Sie Ihre Empfehlungen noch einmal hervorgekramt haben, Frau Kositza!
Wer heutzutage eine Buchhandlung betritt, um ein Kinderbuch zu kaufen, der muß gewappnet sein, die großen Klassiker, Autoren und Illustratoren kennen oder, wenn’s denn was von Heute sein soll, einen Sinn für gute Zeichnungen haben, sonst versinkt er in den Fluten der Auslage (auch hier: es gibt viel zu viel) oder bekommt womöglich ein Wimmelbuch von Rotraut Susanne Berner (oder schlimmeres) angedreht.
Daß die Kinder immer mal wieder Bücher von ausgesuchter Häßlichkeit geschenkt bekommen, läßt sich ja leider nicht verhindern. Wir Eltern – die wir uns manchmal schon fragen, ob wir vielleicht einem allzu totalitären Ästhetizismus huldigen – staunen dann über die Sorg- und Arglosigkeit derer, die glauben, sie hätten tatsächlich ein schönes Buch ausgesucht. Nicht, daß es heute keine guten Illustratoren mehr gäbe, aber die höchsten Gipfel sind alle längst erklommen und die Zahl derer, die es einfach nicht können, aber dennoch großformatig und in hoher Auflage publiziert werden, ist nicht gering. (Kürzlich saß ich mit dem Sohn über "Mein großes Such-Wimmelbuch – in der Stadt", auch ein Geschenk, das bislang unbeachtet im Regal stand. Was soll ich sagen: abstoßend! Und kein Einzelfall. Man möchte sofort flüchten, sich neben Thomas auf den Steg in Elsa Beskows Das neugierige Fischlein legen und sich im ruhigen Wasser den Schund von den Augen waschen...)

Kurzum: "Man achte auf die Ausstattung der Bücher!" – das kann ich nur unterstreichen.

CCCED
16. Dezember 2015 13:24

Zwei Vorleseempfehlungen von mir:

Rulaman. Erzählung aus der Zeit des Höhlenmenschen und des Höhlenbären. Von David Friedrich Weinland, geschrieben 1878. Weinland beschreibt einfühlsam das Leben der Höhlenbewohner der Schwäbischen Alb und die letztlich erfolglosen Strategien der verschiedenen Sippen gegen die Verdrängung durch die bronzezeitlichen Kelten.

Götter und Helden der Germanen - Der Edda nacherzählt. Von Frieda Amerlan. Sie erzählt den Stoff der Edda und die Nibelungensage in einer packenden und dicht gedrängten Atmosphäre. Für Kinder ab sechs Jahren fesselnd, nicht zuletzt wegen der archaischen aber nicht altertümelnden Sprache. Leider nur antiquarisch erhältlich: hier und hier.

Orlando Furioso
16. Dezember 2015 13:37

@philos: Den "selbstsüchtigen Riesen" gibt es von Klaus Kinski gelesen - sehr schön! Und im Film "Wilde" liest Oscar Wilde (Stephen Fry) die Geschichte seinen Kindern vor.

larus
16. Dezember 2015 14:28

Überhaupt Fühmann! (War auch mal Thema in der Sezession, glaube ich...) - besonders "Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel" ist eine schöne Empfehlung-, brilliantes und doppelsinniges Heranführen an die deutsche Sprache. Auch Hacks, Strittmatter, Görlich, Pludra sind empfehlenswert und oft erstaunlich ideologiefrei-, größtenteils freilich nur noch antiquarisch erhältlich.

Stil-Blüte
16. Dezember 2015 14:54

danke Ellen Kositza, das bereichert auch mich noch als Muster für 'Großvater, erzähl uns mal eine Geschichte. Da fing der Vater an, es war einmal ein Mann...

Fehlt in Ihrer Aufzählung nicht Karl May? - 'Tausend und eine Nacht', Schwabs 'Antike Sagen'? Ich wag's und Ich leg obendrauf 'Struwelpeter' ?

@ philos

Meinen Sie Franz Fühmanns 'Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel'? Nie endend wollende Lese-/Rätsel-Freude für Kind und Kegel, Mann und Maus.

Altbayer
16. Dezember 2015 18:11

Sehr geehrte Frau Kositza,

vielen Dank für die Auflistung. Da mein Bekanntenkreis bereits mit einigen Kindern gesegnet ist, werde ich künftig sicherlich öfters von Ihrer Liste Gebrauch machen.

Gibt es so eine Liste mit gesammelten Buchempfehlungen bezüglich klassischer Literatur auch für Erwachsene?
Vielleicht sollte ich als Hintergrund erzählen, dass ich als Schüler nie den Zugang zu klassischer Literatur gefunden habe und das Unterrichtsfach Deutsch immer als Qual empfand. Bei mir hat sich schlicht kein Interesse geregt, obwohl ich mit Kinderbüchern im Elternhaus aufwuchs.
Sachbücher oder Krimis aus der Gegenwart stellten dagegen keine Probleme dar.
Meine Frage ist, ob es sowas wie eine "Einstiegsdroge" in die Welt der klassischen Literatur für Erwachsene gibt? Vielleicht zur Orientierung: Ich habe dieses Jahr zwei Bücher ("Die Governante" und "Tod in Danzig") von Stefan Chwin gelesen. Die fand ich jetzt nicht so übel.

Ich würde mich freuen, wenn Sie Ratschläge für mich hätten.

Spielhahn
16. Dezember 2015 20:16

Meine Töchter sind sehr von "Die wilden Piroggenpiraten" von Māris Putniņš begeistert.

Das Buch war beim Vorlesen auch für mich sehr unterhaltsam und hat für mich das Potential zum Kinderbuch-Klassiker.

Stil-Blüte
17. Dezember 2015 00:07

@ Eveline

Wahrlich, Prof. Horst Kunze, (Schatzbehalter alter Kinderbücher), Kenner u n d Liebhaber! (Bibliothekare sind fast allesamt konservative Schatzsucher, sammelnd, bewahrend, weitergebend, erweiternd; ordnend.)

Die Imagination des Lieblingskinderbuches, die man an die Kinder weitergibt.

Guttuende Liebhaber-und-Kenner-Paarung: Großeltern-Enkel (s. Gebrüder Grimm)

Eveline
17. Dezember 2015 16:57

@ Stil - Blüte

Fällt mir noch in den Schoß:

"Die Lesestunde " auf 250 Seiten ein Bild deutscher Literatur in zwei Jahrtausenden. Kinderbuch Verlag Berlin

"Was mit Ulfilas anfängt, endet mit Anna Seghers, mit Strittmatter und Kant. Für ältere und jüngere Leser. Von der Gotenbibel bis zu Barlach."

https://www.amazon.de/Lesestunde-Deutsche-Literatur-zwei-Jahrtausenden/dp/B004DAVSLS

Stil-Blüte
17. Dezember 2015 18:44

@ Altbayer

Danke für den indirekten Tip 'Tod in Danzig' und 'Gouvernante'.

Ich gestatte es mir, Frau Kositza zuvorzukommen. Haben Sie schon einmal Stefan Zweigs 'Gouvernante' gefunden, so werden Ihnen auch seine anderen Novellen und Biografien ('Sternstunden der Menscheit') zusagen, möchte ich meinen.

P.S. Ihre Ehr-lichkeit bezüglich Ihrer Lesegewohnheit ehrt Sie in meinen Augen. Und greifen Sie ruhig mal wieder in die Schatzkiste Ihrer Kinderbücher.

massel tov
18. Dezember 2015 01:03

Chapeau, Madam!
Obwohl meine Söhne inzwischen drüber hinaus sind, habe ich
Sie und ihre Liste weitergereicht, denn ich habe Enkel...
;-)

Altbayer
18. Dezember 2015 13:12

@ Stil-Blüte:
Vielen Dank für Ihren Ratschlag. Ich werde mal einen Blick in Stefan Zweigs "Governante" werfen.

Monalisa
19. Dezember 2015 00:01

Ich habe "Matilda" von Roald Dahl als Kind geliebt und habe mich sehr gefreut, das Buch hier auf der Liste zu finden!

Vielen Dank auch für all die anderen schönen Hinweise. Ich werde Ihre Sammlung ebenfalls abspeichern, Frau Kositza.

Hildesvin
20. Dezember 2015 23:47

@ Andreas (=Der Mannhafte) Walter: Morgen ist Sonnenwende, und von da ist es geboten, für mindestens zwei Wochen die Waffen ruhen zu lassen. Auch von der Seite der Frumben (Hans Sachs). An mir soll es nicht liegen. Und vom Werfen von Dreck kann wenig die Rede sein.

Andreas Walter
23. Dezember 2015 22:20

Liebe Frau Kositza,

darf ich Sie und ihren Mann um eine Meinung zu Karlheinz Weißmanns Kinderbuch "Deutsche Geschichte für junge Leser" bitten?

Muss nicht jetzt noch so kurz vor Weihnachten sein, aber irgendwann danach vielleicht einmal.

@Hildesvin

Ein "Ehrenmann" bin auch ich nur so lange mir die Situation es noch erlaubt.

Leider bestimmt dadurch auch immer mein Angreifer, wann, wo und wie ich mich verteidige. Darum heisst es ja auch: Angriff ist die beste Verteidigung (oder alternativ und klüger: Vor-sicht ist die Mutter der Porzellankiste). Was einem frumben Mann allerdings in dem Maß um so schwerer fällt, nämlich ununterbrochen andere anzugreifen und damit abzuwehren oder zu besiegen, in dem er auch die Beseeltheit und das Existenzrecht seiner Feinde, Widersacher und Konkurrenten erkennt und auch anerkennt, zumindest aber versteht. Man könnte es darum auch das Schicksal des beseelten, friedliebenden, der liebenden Menschen bezeichnen, oder eben: die Tristesse Droite.

https://www.youtube.com/watch?v=YmTHsCzoLqI

Kositza: Rezension des Weißmannkinderbuchs aus der Feder von GK ist doch in der aktuellen Sezession. Unsere Kinder fanden das Buch nicht ganz so fesselnd, für die Mittleren (11 und 13) war es mehr eine Bleiwüste (ist es ja auch, trotz der Bilder), die Älteren waren eh schon "auf dem Stand", die mögen dann eher speziellere Sachen, Hörbuch "Der Krieg, der viele Väter hatte" und so was. Ich selbst habs ganz gern durchgeschmökert; bei den Kartenerklärungen mußte ich vor den Kindern passen bzw. Atlanten danebenlegen.

Andreas Walter
28. Dezember 2015 21:38

Hohoho, „Der Krieg, der viele Väter hatte“? Das Buch öffnet einem auf jeden Fall schon mal die Augen. Gerd Schultze-Rhonhof hat relativ schnell auf mich einen glaubwürdigen Eindruck gemacht. Das Buch wäre bei mir Pflichtlektüre im Geschichtsunterricht, und nicht eine mit 3700 Anmerkungen versehene deutsche Sonderedition von Mein Kampf. In manchen Ländern liegt Letzteres übrigens in beinahe jeder x-beliebigen Strassenbuchhandlung aus, ohne das jemals dadurch etwas "passiert" wäre. Die Sonderedition ist auch dadurch ein Widerspruch in sich selbst und im Grunde eine Unverschämtheit gegenüber der doch heute demokratischen und aufgeklärten Bevölkerung Deutschlands.

Den Begriff Bleiwüste habe ich sicherheitshalber trotzdem erstmal gegoogelt, auch wenn ich mir aus dem Zusammenhang her schon dachte, was er wohl bedeutet. Ja, gute historische Karten sind auch ganz wichtig, um hier das Ein oder Andere richtig zu verstehen. Da habe ich in den letzten Monaten auch ein paar sehr interessante Entdeckungen gemacht, die auch jeder Deutsche kennen sollte bevor er glaubt, auch nur irgendetwas über die beiden grossen Kriege des letzten Jahrhunderts zu verstehen. Stichwort Ansiedlungsrayon.

Na gut, also alles nicht so dolle, wie ich leider bereits befürchtet habe. Es hätte mich allerdings auch sehr gewundert, denn dann wäre ja auch mein Kampf bereits vorbei. Wenn ich das alles offen aussprechen könnte, was ich glaube und weiß, und an dem Punkt bist du noch lange nicht, Deutschland.

Hugo
28. Dezember 2015 22:31

@Ein Kinderloser, jede Epoche hat ihre Bücher. (Neuerdings auch ihre Filme.) Jules Verne war für mich schon 1975 (mit 10) langweilig und langatmig. Wilhelm Busch und Struwwelpeter waren okay. Jack London habe ich auch nicht gemocht, genauso wenig wie die Schatzinsel. Die Filme dann schon. Kinder haben sich erst sehr spät eingestellt. Für einen Sechsjährigen sind heute z.B. Daniel Napp "Dr. Brumm" und natürlich noch immer Michael Ende angesagt. "Viktor baut eine Brücke" ist ein tolles Beispiel für moderne Sprache. Kurz. Auf den Punkt. Man wird heute nicht mehr viele Kinder für Charles Dickens begeistern können. Fallada empfinde ich dagegen als zeitgemäß, die "Geschichten aus der Murkelei" sind noch immer sichere Treffer. Leider steigt mir mein Kleiner sowohl bei Janosch als auch bei Alexander Wolkow aus. Aber "Die Rakete von Bummelsburg" und "Jonas fliegt zum Mond" sind absolute Geheimtips, wenn auch kaum zu bekommen.

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