Vorlesen – ein Leitfaden

In der Vorweihnachtszeit erreichen uns zahlreiche Bitten um Kinderbuchempfehlungen. Deshalb sei dieser ältere Sezession-Artikel, ergänzt um einige Bücher, an dieser Stelle hervorgeholt.

Ein halbes Jahrtausend nach Etablierung des Buchdrucks ist die Demokratisierung der »Kulturtechnik Lesen« vollendet. Deutschland ist nicht nur Land der Dichter und Denker und Bildungsexporteur geblieben: Es ist auch das Leseland. Allen modernen Medien zum Trotz hat sich die Wertschätzung des gedruckten Wortes bis heute erhalten:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nir­gend­wo auf der Welt gibt es ein so viel­fäl­ti­ges, flä­chen­de­cken­des Netz aus Buch­hand­lun­gen und Leih­bi­blio­the­ken. Von den rund 100 000 Neu­erschei­nun­gen pro Jahr (die Zahl wächst ste­tig) ist zwar ein Gut­teil kaum mehr als bedruck­tes Papier aus den Druck-on-Demand-Pres­sen, aber dane­ben erfährt vor allem die Kin­der- und Jugend­buch­s­par­te, gemes­sen an der Zahl der Käu­fer, rasan­ten Zulauf. Über die Hälf­te der Ver­kaufs­schla­ger des ver­gan­ge­nen Jahr­zehnts waren Titel aus die­sem Seg­ment, allein 2009 stieg der Umsatz an Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur um deut­lich mehr als 20 Pro­zent und auf über 72 Mil­lio­nen Bücher – mehr Jugend­buch war nie.

Indes: Es sind zu gro­ßen Tei­len Erwach­se­ne, die Har­ry Pot­ter und die Bis(s)-Roma­ne kau­fen und lesen.
Auch liest nicht jeder, bei dem man es ver­mu­ten möch­te: Seit in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten die Quo­te der Schul­ab­gän­ger mit Hoch­schul­rei­fe sprung­haft ange­stie­gen ist (von elf Pro­zent 1979 auf rund 44 Pro­zent 2009), ist der Gym­na­si­ast, in des­sen Woh­nung (elter­li­che Sphä­re plus Kin­der­zim­mer) sich kein Dut­zend Bücher fin­det, kei­ne Aus­nah­me­erschei­nung. Die »Lese­kom­pe­tenz«, zumal die durch PISA getes­te­te, liegt im Argen. Sicher, es gibt sol­che Bil­dungs­kar­rie­ren: Kin­der, die in bücher­lo­sen Haus­hal­ten auf­wach­sen und den­noch in der Schu­le oder gar spä­ter Geschmack fin­den am geschrie­be­nen Wort. Das ist der Aus­nah­me­fall und nur durch das Zusam­men­tref­fen güns­tigs­ter Umstän­de mög­lich. Es gilt wei­ter­hin, Kin­der früh­zei­tig auf den Geschmack zu brin­gen. War­um, wann, wie und womit?

War­um lesen? Defi­ni­tiv nicht zum Zwe­cke irgend­ei­ner Wett­be­werbs­fä­hig­keit! Bil­dung und Kar­rie­re sind ohne­hin kei­ne Zwil­lin­ge; soli­de Berufs­we­ge als Arzt, Inge­nieur oder selbst Sozio­lo­ge sind ohne jeg­li­che Affi­ni­tät zur Bel­le­tris­tik mög­lich. Susan­ne Gasch­ke hat des­halb in ihrem emp­feh­lens­wer­ten Kin­der­buch­ka­non (Hexe, Hob­bits und Pira­ten. Die bes­ten Bücher für Kin­der, Mün­chen: DVA 2002) ganz rich­tig das »begeis­ter­te Ver­schlin­gen von guten Kin­der­bü­chern (…) eine ele­men­ta­re Bedin­gung des Auf­wach­sens« genannt, »min­des­tens eben­so wich­tig wie gesun­de Ernäh­rung oder Spiel und Bewe­gung«. Lesen ist Bil­dung, und Bil­dung – im huma­nis­ti­schen Sin­ne und eben nicht zweck­ori­en­tiert ver­stan­den – macht frei. Lesen för­dert Krea­ti­vi­tät, Intel­li­genz, Empa­thiefä­hig­keit, nicht zuletzt Widerspruchsgeist.

Wann und wie? Die meis­ten Schu­len unter­hal­ten eine klei­ne Leih­bü­che­rei, und ab der drit­ten Klas­se wird den Klei­nen oft die ört­li­che Biblio­thek vor­ge­stellt, die es hier­zu­lan­de selbst in kleins­ten Gemein­den gibt. 1880 gab es rund 1000 Leih­bi­blio­the­ken in deut­schen Lan­den, heu­te sind es rund 11 000 mit 350 000 regis­trier­ten Ent­lei­hun­gen jähr­lich. Wer die man­geln­de finan­zi­el­le Aus­stat­tung die­ser Insti­tu­tio­nen beklagt, jam­mert im Grun­de auf hohem Niveau. Auch die win­zi­ge Dorf­bü­che­rei mit viel­leicht tau­send Büchern aus Spen­den bie­tet pro­ba­ten Lese­stoff für ein paar Jah­re. Allein: Mit acht, neun Jah­ren ist es reich­lich spät, das Kind mit »Freund Buch« ver­traut zu machen. Klein­kin­der sind Nach­ma­cher. Wer sein Zwei­jäh­ri­ges mit einem falsch her­um gehal­te­nen Buch auf dem Sofa vor­fin­det, darf sicher sein, daß die eige­ne Lese­lust vor­bild­lich gewirkt hat. Jüngst gab’s im Kin­der­gar­ten eine Aus­ein­an­der­set­zung: Die Eltern beklag­ten ein Über­maß an »frei­em Spiel« von sie­ben bis sieb­zehn Uhr, es wer­de zu sel­ten gebas­telt und vor­ge­le­sen. Bil­dungs­auf­ga­ben sei­en Eltern­sa­che, beschied die Lei­te­rin. »Wir arbei­ten doch den gan­zen Tag«, kam es zurück. Qua­li­ty time lau­te­te das Zau­ber­wort, das ent­geg­net wur­de: Auf »zehn, fünf­zehn Minu­ten inten­si­ver Beschäf­ti­gung pro Tag« käme es an! Was frei­lich bei wei­tem nicht aus­reicht. Allein »zehn, fünf­zehn Minu­ten« Vor­le­sen pro Abend wäre das Mini­mum, gern mehr. Joan Aiken schrieb ein­mal, wer nicht bereit sei, sei­nem Kind eine Stun­de am Tag vor­zu­le­sen, ver­die­ne es nicht, ein Kind zu haben. Ein heh­rer Anspruch! Wer als Klein­kind die fes­te, wohl meist abend­li­che, kon­zen­trier­te Vor­le­se- oder Bil­der­buch­zeit schät­zen gelernt hat, wird auch im spä­te­ren Schul­al­ter ein dank­ba­rer Zuhö­rer und Selbst­le­ser sein.

Womit aber wecken wir die Lese­lust? Nein, es ist nicht gleich­gül­tig, was und Haupt­sa­che, daß gele­sen wird! Die­se Debat­te ist alt. Bereits der gro­ße Bil­dungs­of­fen­siv­ler Melan­chthon ver­damm­te das maß­lo­se Lesen: »Aus den bes­ten Autoren wäh­le das Bes­te, sowohl was die Kennt­nis der Natur als auch die Bil­dung der Per­sön­lich­keit betrifft.« Noch zu Beginn der Auf­klä­rung dis­ku­tier­ten Gelehr­te ernst­haft, ob wahl­lo­se Lek­tü­re Kin­der und Frau­en nicht in unzu­träg­li­cher Wei­se gefähr­de und zum Wahn­sinn füh­ren kön­ne. Daß Allein­le­sen die Ein­bil­dungs­kraft des Kin­des unse­rer Kon­trol­le ent­zö­ge und die »Auf­säs­sig­keit« för­de­re, erscheint uns heu­te als Argu­ment fremd. Den­noch gilt, was Miri­am Press­ler (FAZ vom 11. Okto­ber 2010) anläß­lich der Ver­lei­hung des Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur­prei­ses sag­te, als sie vor den Inhal­ten und Aus­drucks­for­men der Gro­schen­hef­te warn­te, die sich immer stär­ker in Büchern fän­den: »Mit jedem tri­via­len Buch, das gele­sen wird, wird ein lite­ra­ri­sches nicht gelesen.«

Apro­pos Press­ler: In mei­ner Jugend habe ich von ihr ver­faß­te oder über­setz­te Bücher kör­be­wei­se gele­sen, was auch dar­an gele­gen haben mag, daß in der Stadt­bü­che­rei ein Über­an­ge­bot an Pro­blem- und NS-Bewäl­ti­gungs­li­te­ra­tur herrsch­te. Mei­ne Kin­der mögen sol­che Bücher nicht beson­ders. Geschmack ist dabei kei­ne rei­ne Erzie­hungs­sa­che, son­dern auch tem­pe­ra­ment­ab­hän­gig. Die Pet­ters­son & Fin­dus-Geschich­ten etwa lie­ßen sich alle Kin­der gern vor­le­sen, mir hin­ge­gen war der Alte zu trot­te­lig und die Kat­ze zu keck. Unter­schied­lich ist auch die alters­mä­ßi­ge Ansprech­bar­keit, die nicht allein auf intel­lek­tu­el­ler Rei­fe grün­det, wes­halb vie­le Ver­la­ge auf Alters­emp­feh­lun­gen ver­zich­ten. Ich hat­te eine Sie­ben­jäh­ri­ge, die den Räu­ber Hot­zen­plotz nicht aus­hielt und sich mit zehn vor Wol­kows Zau­be­rer der Sma­rag­den­stadt so gru­sel­te, daß sie nicht wei­ter mit­le­sen woll­te. Bei meh­re­ren Kin­dern in unter­schied­li­chen Alters­stu­fen birgt die Wahl einer alters­ge­rech­ten Lek­tü­re ohne­hin ein gewis­ses Pro­blem – man wird kaum drei oder meh­re­ren Kin­dern eine je sepa­ra­te Lese­halb­stun­de bie­ten können.

Bei uns läuft das Vor­le­sen nor­ma­ler­wei­se so: Im Alter bis etwa vier wird dem je jüngs­ten eine exklu­si­ve Abend­lek­tü­re gewid­met, ein schö­nes, reich illus­trier­tes Buch oder zwei, drei Pixi-Bücher, von denen sich mitt­ler­wei­le im Haus­halt rund 150 ange­sam­melt haben. Auch hier darf man Spreu von Wei­zen schei­den: Pixis wie die Öko-Geschich­te Vik­tor baut eine Brü­cke oder das sozi­al­kri­ti­sche Die klei­ne Wat­schel­en­te sind im Haus­halt gewiß hun­der­te­mal vor­ge­le­sen wor­den, ande­re wie Anna und der Weih­nachts­baum mit einem Voll­idio­ten als Vater wan­der­ten durch­aus in den Ofen. Ab dem mitt­le­ren Kin­der­gar­ten­al­ter – wenn sie ruhig dabei­sit­zen mögen – hal­ten die Klei­ne­ren bei der Lek­tü­re für die Gro­ßen mit. Da macht es nicht viel, wenn das Vor­ge­le­se­ne im Kern mal nicht nach­voll­zo­gen wird. Man­ches Buch kommt einem Kind somit im Lau­fe der Jah­re durch­aus drei­mal zu Ohren: Wer James Krüss’ Timm Tha­ler ein­mal mit sechs, dann mit acht und schließ­lich mit elf Jah­ren hört, wird sich stets neue Bedeu­tungs­schich­ten erschlie­ßen – ohne sich je zu lang­wei­len. Damit auch die Älte­ren zu ihrem Recht kom­men, wird gele­gent­lich zu »Großen«-Lektüre gegrif­fen, Ger­trud le Forts Das Gericht des Mee­res oder Storms Schim­mel­rei­ter neh­men dann durch erklä­ren­de Zwi­schen­schü­be etwas mehr Aben­de in Anspruch, und die Jün­ge­ren dür­fen dabei ein Bild malen.

Man ach­te auf die Aus­stat­tung der Bücher! Auch für Kin­der, die aus dem frü­hen Bil­der­buch­al­ter längst her­aus sind, spie­len Illus­tra­tio­nen eine gro­ße Rol­le. Nicht weni­ger als ein Abgrund liegt zwi­schen einer gestutz­ten, ästhe­tisch frag­wür­di­gen Walt-Dis­ney-Aus­ga­be von Rudy­ard Kiplings Dschun­gel­buch und einer ange­mes­se­nen Edi­ti­on des glei­chen Werks. Bei Wer­ken, die über meh­re­re Jahr­zehn­te in immer neu­en Auf­la­gen erschei­nen, knickt die Titel­ge­stal­tung gern vor dem jewei­li­gen Zeit­geist ein. Die Abbil­dung hält unwei­ger­lich Ein­zug in die Ima­gi­na­ti­on des Lesers oder Zuhö­rers. Es ist nicht ganz unbe­deut­sam, ob er sich Mar­tha Schlin­kerts Wild­fang Bum­mi (1957 ff.) bezopft in Leder­ho­sen oder mit einer dau­er­wel­len­ähn­li­chen Fri­sur und Jeans vorstellt.

Natür­lich sind fol­gen­de Lite­ra­tur­emp­feh­lun­gen eine sehr ein­ge­schränk­te, strikt sub­jek­ti­ve Aus­wahl. »Grot­ten­ko­mi­sche« Geschich­ten etwa oder gro­tes­ke Illus­tra­tio­nen haben auch unter geschmacks­si­che­ren Kin­dern und Kri­ti­kern Freun­de und mögen künst­le­ri­sche Qua­li­tä­ten für sich bean­spru­chen. Hier feh­len sie; eben­so wie weit­hin bekann­te Klas­si­ker von Welt­rang. Natür­lich gehö­ren gera­de sie in jeden fami­liä­ren Bücher­schrank, und zwar in die ers­te Rei­he: Alles (vor)lesen kann man von Otfried Preuß­ler, Astrid Lind­gren, Elsa Bes­kow, Micha­el Ende, Erich Käs­t­ner – die­se fünf fül­len leicht andert­halb Regalmeter.

Auch die Mäd­chen­buch­rei­hen Trotz­kopf von Emmy Rho­den (ab 1885) und Else Urys Nest­häk­chen (1913–25) hal­te ich trotz ihres ent­le­ge­nen Zeit­ko­lo­rits für lesens­wer­te Lek­tü­re, glei­ches gilt für die älte­ren Die drei Fra­ge­zei­chen und Oli­ver Has­sen­camps Jun­gen­buch­rei­he um das Inter­nat auf Burg Schre­cken­stein. Ande­re eben­so leicht »weg­zu­le­sen­de« Fol­gen wie die alten Pucki-Bän­de, TKKG und erst recht die aktu­el­len Fre­che Mäd­chen, fre­che Bücher-Rei­hen sind hin­ge­gen von ver­nach­läs­si­gens­wer­ter Qua­li­tät. Von Enid Bly­ton rei­che man eher die psy­cho­lo­gisch aus­ge­feil­te­ren Dol­ly-Bän­de statt Han­ni und Nan­ni, die Fünf Freun­de lie­ber als die vari­an­ten­ar­me Rei­he Geheim­nis um … – und natür­lich kei­nes­falls die gen­der­kon­for­men Neuauflagen!
Dani­el Defoes Robin­son Cru­soe, Fran­ces Bur­netts Der klei­ne Lord, Johan­na Spy­ris Hei­di, Sel­ma Lager­löfs Nils Hol­ger­son und Robert Ste­ven­sons Die Schatz­in­sel stam­men schon aus dem Kanon der Welt­li­te­ra­tur, nicht zu ver­ges­sen Wal­de­mar Bon­sels Die Bie­ne Maja (bei DVA ist 2007 eine ästhe­tisch anspre­chen­de Aus­ga­be erschie­nen, die nicht ver­ges­sen läßt, daß Maja schon seit 100 Jah­ren fliegt!). Von J.R.R. Tol­ki­en wäh­le man Der klei­ne Hob­bit, von Hen­ry Win­ter­field die Cai­us-Roma­ne, und zum Grund­be­stand gehö­ren natür­lich auch die Mär­chen von Wil­helm Hauff, H. C. Ander­sen und den Brü­dern Grimm.
Eini­ge Bücher, die ich im Fol­gen­den zum Kanon der Kin­der­buch­klas­si­ker rech­nen möch­te, sind regu­lär nicht mehr lie­fer­bar. Ich habe nur sol­che auf­ge­nom­men, die ich auf Anhieb im Gebraucht­markt fand. Auf Alters­an­ga­ben habe ich ver­zich­tet und nen­ne sie nur unge­fähr dem Alters­ho­ri­zont nach, begin­nend mit zwei Jah­ren, endend mit dem frü­hen Jugend­al­ter um 12, 13 Jahren:

Eva-Maria Ott-Heid­mann: Früh­ling; Som­mer; Herbst; Win­ter, Urach­haus 2009.
Die vier qua­dra­ti­schen, äußerst sta­bi­len Papp­bil­der­bü­cher (Ein­zel­aus­ga­ben) kom­men ohne Wor­te aus. »Dra­ma­ti­sche« Sze­nen wie bei Ali Mit­gutsch feh­len hier, Ott-Heid­manns ruhi­ge, war­me Illus­tra­tio­nen bestechen und las­sen viel Raum: ein­fach zum Beschrei­ben oder fürs erzäh­le­ri­sche Aus­ma­len jah­res­zeit­li­che Ereig­nis­se: Wie die Later­nen beim St.-Martinszug leuch­ten! Was sin­gen die Kin­der wohl? Kahl und klir­rend ste­hen die Bäu­me im Win­ter, und leuch­ten die Blu­men auf der Som­mer­wie­se nicht direkt? Wel­che ist die schöns­te? Das ist Poe­sie in Bil­dern, und noch beim x‑ten »Vor­le­sen« eröff­nen sich neue Facetten.

Eva Stritt­mat­ter: Brü­der­chen Vier­bein, Kin­der­buch­ver­lag Ber­lin, 2009.
Ein gereim­ter DDR-Kin­der­buch­klas­si­ker von 1958 aus der Feder von Erwin Stritt­mat­ters Frau, gewohnt hübsch illus­triert von Inge­borg Mey­er-Rey: Wenn man sich von gan­zem Her­zen etwas wünscht, kann es in Erfül­lung gehen. Das klei­ne Mäd­chen hier wünscht sich so sehr ein »Lebe­lein«, ein »Zwei­ge­bein« oder ein »Vier­ge­bein «, damit es tags, wenn die Mut­ter arbei­tet, nicht so ein­sam ist. Das Mäd­chen bekommt, was es sich wünscht – und ver­liert es wie­der. Bis ein Aller­liebs­tes kommt, das nicht mehr geht: ein Brüderlein.

Ali Mit­gutsch: Rund­her­um in mei­ner Stadt, Ravens­bur­ger, 2007.
Die­ser Titel (Jugend­li­te­ra­tur­preis 1969) steht stell­ver­tre­tend für alle »Wim­mel­bü­cher« von Mit­gutsch, der gewis­ser­ma­ßen die »Wim­mel­bil­der « eines Hie­ro­ny­mus Bosch oder Pie­ter Brueg­hel d.Ä. popu­la­ri­sier­te. Als die taz die­ses Jahr Alfons Mit­gutsch zu des­sen 75. Geburts­tag wür­dig­te, wur­de kri­tisch ange­merkt, daß Kin­der durch das all­zu wil­de Gewim­mel auf den Papp­sei­ten »erschla­gen« wer­den könn­ten – was mit Sicher­heit nur für die aller­kleins­ten, noch sprach­lo­sen Betrach­ter zutrifft. In jedem Zei­chen­trick­film geht es hek­ti­scher zu, bei Mit­gutschs Wim­mel­bü­chern hin­ge­gen kön­nen Kin­der­gar­ten­kin­der durch­aus eine Vier­tel­stun­de auf einer der mit unnach­ahm­li­chem Pin­sel illus­trier­ten Dop­pel­sei­te ver­wei­len. Was gibt es da alles zu ent­de­cken an Ereig­nis­sen und Inter­ak­tio­nen! Die Keck­heit, mit der hier ein fre­cher Kerl dem Mecker­frit­zen unge­se­hen die Zun­ge her­aus­streckt, wie eine Kin­der­ban­de den dicken Spa­zier­gän­ger neckt, ist um vie­les lie­bens­wür­di­ger als die poli­tisch hoch­kor­rek­ten Dar­stel­lun­gen moder­ner Zeich­ner, die auf Mit­gutschs Spu­ren wan­deln, aber in ihren Sze­nen krampf­haft jede Haut­far­be, jede Behin­de­rung und jede Form zwi­schen­mensch­li­cher Lie­be unter­zu­brin­gen trachten.

Hans Limmer/ Lenn­art Osbeck: Mein Esel Ben­ja­min, Sauer­län­der 2008.
Ob die Anti-Mär­chen­wel­le der sieb­zi­ger Jah­re und die dama­li­ge Mode der rea­lis­ti­schen Bil­der­bü­cher mit Schwarz­weiß-Pho­to­gra­phien in einem Atem­zug zu nen­nen sind? Die­ses hier – die Geschich­te der klei­nen Susi, die mit ihrer Fami­lie auf eine Insel im Mit­tel­meer aus­ge­wan­dert ist und dort Aben­teu­er mit einem her­ren­lo­sen Esel­foh­len erlebt – hat die Mode über­dau­ert und erscheint seit 1968 in immer neu­en Auf­la­gen. »Frü­her haben wir in einer gro­ßen Stadt gewohnt. Dort gab es nur Autos und Stra­ßen­bah­nen und Hoch­häu­ser. Aber kei­ne Schmet­ter­lin­ge und kei­ne bun­ten Stei­ne und kei­ne Schlan­gen und kei­ne Fischer­boo­te. Und kei­ne Esel.«

Leo Lion­ni: Fre­de­rick, Beltz, 2010.
Die Geschich­te ähnelt der viel­leicht noch bekann­te­ren Fabel von Gril­le und Maul­wurf: Alle Mäu­se hel­fen bei der Ern­te – der Plün­de­rung der Korn­scheu­ne – nur Fre­de­rick nicht. Der sam­melt Bil­der und Son­nen­strah­len. Ein Schwät­zer!, den­ken sei­ne flei­ßi­gen Art­ge­nos­sen und sind ihm bös. Eigent­lich zu recht! Doch als es kalt und karg wird, wärmt Fre­de­rick sie mit Gedich­ten. Ein Lob auf den kunst­sin­ni­gen Nichtsnutz!

Julia Donaldson/Axel Scheff­ler: Super­wurm, Beltz & Gel­berg, 2015.
Wie gesagt, beson­ders ange­sag­ten super­wit­zi­gen Büchern kann ich noto­risch wenig abge­win­nen. Super­wurm ist eine glat­te Aus­nah­me. “Die­ser Wurm mit Superkraft/ ist ein Held, der alles schafft.” Mich jeden­falls, ich kann ihn kom­plett aus­wen­dig, und zwar gern. Super­wurm kann alles, hilft allen, trifft auf gro­ße Soli­da­ri­tät, und am Ende müs­sen die Bösen schmo­ren. Mehr Superwürmer!

Eliza­beth Shaw: Der klei­ne Angst­ha­se, Beltz, 2010
Das erst­mals 1963 erschie­ne­ne Buch der gebür­ti­gen Irin Shaw (gestor­ben 1992) kann­te jeder in der DDR. Den klei­nen Angst­ha­sen erkennt man an sei­nen zitt­ri­gen Bart­haa­ren. Weil ihn sei­ne Oma warnt, daß über­all Gefah­ren lau­er­ten, mei­det er die »gro­ßen Jungs« (»Sie könn­ten dir weh­tun!«) und spielt lie­ber mit dem Baby­ha­sen Ulli. Bis es wirk­lich gefähr­lich wird: Der Fuchs bricht ins Hasen­dorf, und alle flüch­ten in ihre Häu­ser. Bis auf den Angst­ha­sen – er kann Ulli ja nicht allein­las­sen! In einer toll­küh­nen Akti­on besiegt und ver­jagt der Angst­ha­se den Fuchs – und ist kein Angst­ha­se mehr! Eine Geschich­te über Mut und, ja, Zivilcourage!

Oscar Wilde/Lisbeth Zwer­ger: Der selbst­süch­ti­ge Rie­se, Neu­ge­bau­er Ver­lag 1994.
Sämt­li­che von der viel­fach preis­ge­kür­ten öster­rei­chi­sche Kin­der­buch­il­lus­tra­to­rin gezeich­ne­ten Bücher sind her­vor­ra­gend, im sel­ben Ver­lag sind auch Schwa­nen­see und E.T.A. Hoff­manns Nuß­kna­cker und Mau­se­kö­nig erschie­nen. In Oscar Wil­des Mär­chen spie­len die Kin­der so gern in dem ver­wil­der­ten Gar­ten – bis der Eigen­tü­mer, ein »Rie­se«, nach Jah­ren zurück­kehrt und die Kin­der ver­treibt. Nun steht der Gar­ten kahl, nichts will mehr blü­hen und gedei­hen. Der Moment sei­ner Läu­te­rung ist gleich­zei­tig die letz­te Stun­de des Riesen.

Pirk­ko Vai­nio: Die Schnee­gans, Nord-Süd Ver­lag, 1995.
Anna baut aus Schnee eine Gans und träumt, sie flö­ge mit ihr übers Land. Andern­tags ist der Schnee getaut, doch was trägt da der Groß­va­ter schwer her­an? Eine ver­letz­te Gans! »Wir müs­sen sie pfle­gen«, sagt er. Anna küm­mert sich. Doch die Gans stirbt. Sie hat aber ein Ei gelegt, auch das wird von Anna ver­sorgt, bis ein Küken schlüpft. Es wird ihr zah­mer Spiel­ka­me­rad – bis es flüg­ge wird. Ein Buch von Wer­den und Ver­ge­hen, vol­ler Hoff­nung und Trost, mit Aqua­rell­far­ben illus­triert. Nur noch gebraucht erhältlich.

Georg Dreißig/ Chris­ti­ne Lesch: Der Schup­pen­prinz, Urach­haus 1989.
End­lich hält das Königs­paar doch noch ein Kind in den Armen! Doch wie selt­sam schup­pig ist sei­ne Haut? Es kann ja gar nicht wach­sen in die­sem Pan­zer! Nein, mit einem sol­chen Wesen ist schwer reprä­sen­tie­ren! Und so wird der Prinz, umge­ben von luxu­riö­sen Spiel­sa­chen und feins­ter Aus­stat­tung vor der Öffent­lich­keit fern­ge­hal­ten. Die sor­gen­de Lie­be eines armen Mäd­chens wird end­lich Hil­fe schaf­fen. Das warm illus­trier­te Buch ist nur noch anti­qua­risch erhält­lich.

Alfred Wellm: Der klei­ne Wruk, von Klo­e­den 1989.
Der klei­ne Wruk liest so ger­ne Aben­teu­er­ge­schich­ten, wie gern wür­de er selbst wel­che erle­ben! Aber wie öde ist die Land­schaft rings um sein Haus. Die Pro­ble­me der Tie­re da drau­ßen, die ihn immer wie­der um Hil­fe ange­hen, erschei­nen ihm lächer­lich. Ein schön gemal­tes DDR-Kin­der­buch über die Gefahr der Anma­ßung, über Den­ken und Han­deln, und wie bei­des zusam­men­ge­führt wird. Nur noch anti­qua­risch erhältlich.

Danie­la Drescher/Theodor Storm: Die Regen­tru­de, Urach­haus, 2009.
Das aller­schöns­te Buch aus der (Zei­chen-) Feder der Illus­tra­to­rin Danie­la Dre­scher. 1863 erzähl­te Theo­dor Storm, wie And­rees und Maren, die­ses unglei­che Lie­bes­paar, die Regen­tru­de wecken und damit die Ern­te ret­ten. Nur noch anti­qua­risch erhältlich.

Jo Pes­tum: Das klei­ne Mäd­chen und das gro­ße Pferd, Ver­lag Fried­rich Oetin­ger, 2001.
Nein, das ist kein klas­si­sches Pfer­de­buch. »Das klei­ne Mäd­chen lieb­te das gro­ße Pferd sehr. Das Pferd war grau und stark und schwer. Es war aber auch schon ziem­lich alt.« Der Vater will einen Tre­cker kau­fen, und der dün­ne Alfons weiß: »Wenn man einen Tre­cker hat, braucht man kein Pferd mehr. Das wird geschlach­tet. Dar­aus macht man Wurst.« Nachts ver­las­sen Mäd­chen und Pferd den Hof, hin­ein in den Wald. Es ist schreck­lich kalt und unheim­lich. Dann beginnt es zu schnei­en, und das Mäd­chen ist bald »nur müde, müde, müde.« In letz­ter Sekun­de, halb ohn­mäch­tig, wird es von den Eltern gefun­den. Und natür­lich war nie die Rede davon, das gro­ße Pferd zu ver­kau­fen. – Der­zeit nur gebraucht erhältlich.

Kate Di Camil­lo: Die wun­der­sa­me Rei­se von Edward Tula­ne, Ceci­lie Dress­ler Ver­lag 2006.
Edward ist eine eit­le Hasen­pup­pe aus Por­zel­lan, sei­ne Besit­ze­rin ein ver­wöhn­tes Mäd­chen. Auf einer Kreuz­fahrt geht Edward über Bord und wech­selt, immer unan­sehn­li­cher wer­dend, in den kom­men­den Jah­ren viel­fach Besit­zer, Namen und Geschlecht, wohnt bei einem schrul­li­gen alten Ehe­paar, einem Land­strei­cher und gemein­sam mit einem tod­kran­ken Mäd­chen und des­sen jäh­zor­ni­gem Vater in einer Hüt­te. Am Ende ist der vor­neh­me Dan­dy-Hase von einem Anti­qui­tä­ten­samm­ler bei­na­he wie­der­her­ge­stellt – »inner­lich« ist er aber geläu­tert, als er letzt­ma­lig (und wun­der­sam) von einem klei­nen Mäd­chen in Besitz genom­men wird. Die Geschich­te der preis­ge­krön­ten US-Ame­ri­ka­ne­rin Kate Di Camil­lo stieß kei­nes­falls auf ein­hel­li­ges Wohl­ge­fal­len bei ihren Rezen­sen­ten. Uns gefiel die­ser (Herzens-)Bildungsroman für Kin­der – zusam­men mit den Sepia-Zeich­nun­gen von Bagram Iba­toulin­ne – ganz hervorragend.

Eva Ibbot­son: Anni­ka und der Stern von Kazan, Ceci­lie Dress­ler Ver­lag 2006.
Ibbot­son, die 1933 nach Eng­land emi­grier­te, ist die­sen Okto­ber hoch­be­tagt gestor­ben. Anni­ka ist ihr viel­leicht schöns­tes Buch. Anni­ka ist ein Fin­del­kind. Sie wird von zwei älte­ren Haus­mäd­chen in Diens­ten drei­er bür­ger­li­cher Geschwis­ter groß­ge­zo­gen. Unver­se­hens, aber doch so lan­ge schon erhofft, steht eines Tages Anni­kas wah­re Mut­ter vor der Tür in Wien: Edel­traut von Tan­nen­berg, vor­nehm, ele­gant. Vol­ler Lie­be und Dank­bar­keit zieht Anni­ka mit der »Frau ihrer Träu­me« auf deren Land­sitz und stößt auf zahl­rei­che Geheim­nis­se. Einer so her­vor­ra­gend aus­ge­mal­ten Aben­teu­er­ge­schich­te – man ertappt sich beim Wei­ter­le­sen, wenn die Kin­der schon im Bett sind – sieht man die anti­preu­ßi­sche Stoß­rich­tung (die Geschich­te spielt vor hun­dert Jah­ren) gern nach.

Roald Dahl: Matil­da, rororo 2001.
Über eini­ge Bücher Unei­nig­keit im Hau­se: Pip­pi Lang­strumpf, Das Sams und eben auch Roald Dah­ls Geschich­ten wer­den von einem Eltern­teil nicht gern gele­sen und als päd­ago­gisch nicht för­der­lich betrach­tet. Matil­da (es gilt das Buch zu lesen und von des­sen Ver­fil­mung abzu­se­hen!) ist ein Bil­dungs­ro­man mit phan­tas­ti­schen und gro­tes­ken Antei­len über ein Mäd­chen aus bil­dungs­feind­li­cher Fami­lie, das gleich­wohl bereits mit vier Jah­ren Bücher ver­schlingt und spä­ter von ihrer Schul­lei­te­rin (die aus­ge­rech­net, typisch Dahl, Frau Knüp­pel­kuh heißt) mal­trä­tiert wird. Ein­zel­ne Erwach­se­ne gewin­nen ihr Ver­trau­en und hel­fen ihr aus ihrem fami­liä­ren Ghetto.

Marie Ham­sun: Die Lan­ge­rud­kin­der, Fischer 2008.
Daß Marie Ham­suns 1950 geschrie­be­nes Buch in immer neu­en Auf­la­gen erscheint, ist schon ein klei­nes Wun­der, zumal die Frau des Nobel­preis­trä­gers Knut Ham­sun noch stär­ker mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­bun­den war als ihr Mann. Der Dop­pel­band (Die Lan­ge­rud­kin­der im Sommer/im Win­ter) ist hin­ge­gen ideo­lo­gisch unver­däch­tig und bewegt sich in der bekann­ten Tra­di­ti­on skan­di­na­vi­scher Kin­der­bü­cher. Die vier Kin­der vom Hof Lan­ge­rud füh­ren ein länd­li­ches Aben­teu­er­le­ben, hüten Kühe, suchen den Kuckuck, haben lan­ge Schul­we­ge – und selbst höchst unter­schied­li­che Cha­rak­te­re, die Marie Ham­sun fein und dif­fe­ren­ziert (wie ihr Mann ohne Hang zum Holz­schnitt­ar­ti­gen) zeichnet.

Jo Pes­tum: Die Wald­läu­fer, Fischer TB 2004.
1947: Drei Köl­ner Jungs aus unter­schied­li­chen Eltern­häu­sern – ein Katho­lik, ein Arbei­ter­sohn und Ich-Erzäh­ler Gere­on – wer­den nach Schwa­ben geschickt, um ordent­lich zu essen und die Zer­stö­run­gen des Kriegs zu ver­ges­sen. Ange­kom­men, mer­ken sie rasch, daß sie nur als bil­li­ge Ern­te­hel­fer ein­ge­setzt wer­den sol­len. Sie hau­en ab – und eine aben­teu­er­li­che Rei­se durch Nach­kriegs­deutsch­land beginnt.

Fran­ces H. Burnett/ Inga Moo­re: Der Gehei­me Gar­ten, zuletzt Urach­haus 2009.
Bur­nett (Der klei­ne Lord) schrieb die­ses herr­li­che, welt­wei­se (hier von Inga Moo­re atmo­sphä­risch dicht illus­trier­te) Buch vor hun­dert Jah­ren. Das Wai­sen­kind Mary wächst, mate­ri­ell wohl­ver­sorgt, aber sich selbst über­las­sen, auf einem eng­li­schen Gut auf und ent­deckt dort einen geheim­ge­hal­te­nen Gar­ten sowie einen angeb­lich tod­kran­ken Cou­sin. »Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott«, könn­te als Paro­le über die­sem Pracht­band stehen.

Franz Füh­mann: Shake­speare-Mär­chen, Kin­der­buch­ver­lag 2009.
Ein mus­ter­gül­ti­ges Bei­spiel für den Schatz an klas­si­schen Nach­er­zäh­lun­gen aus der Feder die­ses tra­gisch schil­lern­den DDR-Dich­ters (Autoren­por­trait Sezes­si­on 30/2009). Der­zeit nur gebraucht erhältlich.

Otfried Preuß­ler: Die Aben­teu­er des star­ken Wan­ja, Thie­ne­mann 2009.
Es ist das Lieblings(kinder)buch mei­nes Man­nes, dut­zend­mal ver­schenkt. Ein Ent­wick­lungs­ro­man: Wie der unter­schätz­te Wan­ja mit gro­ßer Ruhe und Beharr­lich­keit der Weis­sa­gung des alten Man­nes folgt, nach lan­gem Kraft­ho­len sich auf den Weg macht und schließ­lich die Zaren­kro­ne erobert. Nie­mand hät­te es für mög­lich gehal­ten, fast nie­mand. Seit Jah­ren hän­gen in unse­rem Haus­halt immer neue Bil­der des “bösen Och”. Zum Träu­men. Und Albträumen.

Lisa Tetz­ner: Die Kin­der aus Nr. 67, Band 1: Erwin und Paul / Das Mäd­chen aus dem Vor­der­haus, Sauer­län­der 2004.
Tetz­ner, die nach dem ers­ten Welt­krieg jugend­be­wegt durch Dör­fer und Städ­te gezo­gen war und von ihren Erfah­run­gen als Erneue­rin einer münd­li­chen Mär­chen­tra­di­ti­on berich­tet hat­te, ver­faß­te ihre mehr­bän­di­ge Serie über die Erleb­nis­se einer Grup­pe Kin­der (in den 30er/40er Jah­ren) aus einem Ber­li­ner Miets­haus teils im Exil. Ähn­lich wie mit Tetz­ners lebens­na­hen Schil­de­run­gen der Kriegs- und Vor­kriegs­jah­re ver­hält es sich mit ande­ren lesens­wer­ten Autoren (Klaus Kor­don ist ein Bei­spiel): Die Ereig­nis­se wer­den durch eine sozi­al­kri­ti­sche, »lin­ke« Bril­le dar­ge­stellt. Die­se Sicht wird lei­der nicht gespie­gelt durch Bücher aus »rech­ter« Sicht. Karl Aloys Schen­zin­gers gegen die all­ge­mei­ne Auf­fas­sung doch sehr dif­fe­ren­zier­ter Hit­ler­jun­ge Quex etwa ist nicht mehr vermittelbar.
Tetz­ner war die Frau von Kurt Held (Die Rote Zora) und über­setz­te spä­ter auch C.S. Lewis (Die Chro­ni­ken von Nar­nia) ins Deutsche.

Wil­ly Fähr­mann: Der Mann im Feu­er, Are­na 2005.
Fähr­manns Bücher ver­die­nen wohl ein hal­bes Reg­al­brett. Der 91jährige Katho­lik aus Xan­ten (gebür­tig in Ost­preu­ßen, sie­he Sezes­si­on 33) hat neben zahl­rei­chen Büchern für Grund­schul­kin­der und schö­nen Auf­be­rei­tun­gen alter Sagen­stof­fe (Wie­land, Gud­run, Elsa und der Schwa­nen­rit­ter etc.) auch mehr­bän­di­ge Fami­li­en­sa­gas ver­faßt, dar­un­ter die Geschich­te des Chris­ti­an Fink. Der Jun­ge zieht 1932 mit einer Grup­pe lip­pi­scher Zieg­ler ins Ruhr­ge­biet. Damit ver­läßt er die Enge sei­nes Dor­fes, in dem er stets Außen­sei­ter war. Ein psy­cho­lo­gisch aus­ge­feil­ter Ent­wick­lungs­ro­man um Schuld und Süh­ne, um Kon­fes­si­ons­strei­tig­kei­ten und die Kraft der Ver­ge­bung. Der Anschluß­band Zeit zu has­sen, Zeit zu lie­ben, schil­dert Chris­ti­ans Schick­sal unter dem Haken­kreuz. Was ist Hei­mat, wie kön­nen wir sie lie­ben? Emp­feh­lens­wert ist auch die Geschich­te der Fami­lie Bien­mann, die in drei Bän­den und durch drei Genera­tio­nen erzählt wird. Am bekann­tes­ten dürf­te dar­aus Der lan­ge Weg des Lukas B. sein (Jugend­li­te­ra­tur­preis 1981).

Lin­de von Key­ser­lingk: Sie nann­ten sie Wolfs­kin­der, Her­der 2008.
Zum Kriegs­en­de haben zwei Jun­gen auf der Flucht vor der Roten Armee ihre Eltern ver­lo­ren. Sie tref­fen auf Zwil­lings­mäd­chen, mit denen sie sich fort­an durch­schla­gen. Von Key­ser­lingk, die als The­ra­peu­tin mit zahl­rei­chen mitt­ler­wei­le erwach­se­nen Wolfs­kin­dern gear­bei­tet hat, schil­dert das Schick­sal die­ser Kriegs­wai­sen unsen­ti­men­tal und ein­fühl­sam zugleich.

Hans-Peter Rich­ter: Damals war es Fried­rich, dtv 2008.
Der Are­na-Ver­lag beklag­te Mit­te der fünf­zi­ger Jah­re die wach­sen­de Zahl der NS-Rück­bli­cke im Kin­der­buch. »Nicht weni­ge die­ser Bücher wagen es, jene Zeit posi­tiv dar­zu­stel­len und damit der­sel­ben Lüge zu die­nen, aus wel­cher die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­cher leben. Dem­ge­gen­über fin­den sich nur sehr weni­ge Schrif­ten, in denen das Leben, Kämp­fen und Ster­ben derer dem Gedächt­nis bewahrt wer­den, die gegen das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Unrecht stan­den.« (Rei­ner Wild [Hrsg.]: Geschich­te der deut­schen Kin­de­rund Jugend­li­te­ra­tur, Metz­ler 2008.) Gute fünf­zig Jah­re spä­ter könn­te man mit Biblio­gra­phien zu genau jener The­ma­tik lan­ge Lis­ten fül­len, die bis heu­te nicht abrei­ßen. Vie­le Leih­bü­che­rei­en wei­sen auf den Buch­rü­cken neben Rubri­ken wie »Kri­mi«, Pfer­de« und »Freund­schaft« auch eine umfäng­li­che Kate­go­rie »NS/Holocaust« aus. Hans-Peter Rich­ters Klas­si­ker dient bis heu­te als Schul­lek­tü­re; er hebt sich posi­tiv ab von ande­ren Bewäl­ti­gungs­lek­tü­ren. Für sei­ne facet­ten­rei­che Dar­stel­lung des Schick­sals des deutsch-jüdi­schen Jun­gen Fried­rich (der am Ende bei einem Bom­ben­an­griff der Alli­ier­ten stirbt) wur­de Rich­ter von sei­ten der Lin­ken hef­tig kri­ti­siert. Man warf ihm vor, statt der Ver­nich­tungs­po­li­tik eine vom Volk getra­ge­ne Soli­da­ri­tät mit den Ver­folg­ten in den Mit­tel­punkt sei­ner Geschich­te gestellt zu haben.

Kar­la Schnei­der: Die Geschwis­ter Apraksin. Das Aben­teu­er einer unfrei­wil­li­gen Rei­se, Han­ser 2006.
Okto­ber­re­vo­lu­ti­on 1917: Die Bol­sche­wi­ken ergrei­fen die Macht in Ruß­land. Mit­ten­drin fünf eltern­lo­se Geschwis­ter. Ihr Zuhau­se soll beschlag­nahmt, die »Kauf­manns­brut« getrennt wer­den. Die fünf Apraksin-Kin­der flie­hen. Wochen­lang trägt sie die Eisen­bahn immer wei­ter von ihrer Hei­mat fort. Wohin sie auch schau­en: Unru­hen, Plün­de­run­gen. Eis­kal­te Näch­te ver­brin­gen sie ein­ge­pfercht mit vie­len ande­ren Flücht­lin­gen auf dem Schwar­zen Meer, um auf der Krim zu lan­den. Auch hier ist ihre Rei­se längst nicht zu Ende, noch oft müs­sen die Geschwis­ter dem Schick­sal trot­zen, das ihren Zusam­men­halt auf eine har­te Pro­be stellt. Eines haben sie gelernt: Gleich­gül­tig­keit ist der schlimms­te Feind der See­le. Kri­ti­ker haben das Buch der Dresd­ner Schrift­stel­le­rin mit Dos­to­jew­ski verglichen.

Gün­ther Ben­te­le: Wolfs­jah­re, Carl­sen 2007.
Eines der bes­ten Bücher des würt­tem­ber­gi­schen Leh­rers und Autors. Behü­tet wächst der 14jährige Fried­rich in einer Frank­fur­ter Kauf­manns­fa­mi­lie auf, als die Schre­cken des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges in sein Leben bre­chen. Packend und lite­ra­risch her­vor­ra­gend erzählt. Der­zeit nur noch gebraucht erhältlich.

Nina Bla­zon: Katha­ri­na, Ravens­bur­ger 2007.
Bla­zon ist eine der meist­ge­le­se­nen Jugend­buch­au­torin­nen. Bevor sie ins popu­lä­re Fan­ta­sy-Gen­re wech­sel­te, schrieb sie eine Rei­he his­to­ri­scher Roma­ne. Die Lebens­ge­schich­te der Zarin Katha­ri­na, vom Ehe­mann geh­aßt, von der Schwie­ger­mut­ter tyran­ni­siert, wird hier aus dem Blick­win­kel zwei­er Hof­an­ge­stell­ter geschil­dert. Der­zeit nur noch gebraucht erhältlich.
Es mag von der Lebens­um­welt eines Her­an­wach­sen­den abhän­gen – und von den Ansprü­chen, die er an sein Leben stellt –, ob iden­ti­fi­ka­to­ri­sches Lesen anhand zeit­geist­ge­mä­ßer Cha­rak­te­re gelingt (Lie­bes­kum­mer­ge­schich­ten, Pro­blem­bü­cher) oder eher anhand von Bio­gra­phien und his­to­ri­schen Roma­nen. Unse­re älte­ren Kin­der habe ich, um kei­ne Ein­sei­tig­keit zu beför­dern, eine zeit­lang mit zeit­ge­nös­sisch ver­haf­te­ter, nach Buch­kri­ti­ken oder Jugend­li­te­ra­tur­prei­sen aus­ge­wähl­ter, peer group-ori­en­tier­ter Lite­ra­tur ver­sorgt, Sachen wie Tote Mäd­chen lügen nicht von Jay Asher oder Jan­ne Tel­lers Nichts etwa. Sie mögen’s nicht. Eine Aus­nah­me bildete

Mar­ti­na Wild­ner: Michel­les Feh­ler, Bloo­ms­bu­ry 2008.
Michel­le fin­det sich zu klein, ihren Namen däm­lich, die zur Schau getra­ge­ne Cool­ness ihrer Mit­schü­ler nervt sie eben­so wie die Freun­din ihres Vaters und die Tat­sa­che, daß ihre Mut­ter kaum Zeit fin­det für sie. Mag sein, denkt Michel­le, daß das gan­ze Schla­mas­sel an ihr selbst liegt – was hilft es einem schon, hoch­be­gabt zu sein, wenn man an einem ein­zi­gen Tag exakt 85 Din­ge falsch macht, die vom Feh­ler­be­rech­nungs­amt akri­bisch notiert wer­den? Eine mit pral­ler Iro­nie erzähl­te hin­ter­grün­di­ge Geschichte.

Lois Lowry: Hüter der Erin­ne­rung, dtv 2008.
Der zwölf­jäh­ri­ge Jonas lebt in einer per­fek­ten Welt: Es gibt kei­ne Krie­ge, kei­ne Armut, kei­nen Hun­ger, kei­ne Angst. Jedem wird sein Beruf, sein Ehe­part­ner, sei­ne Kin­der zuge­teilt. Indi­vi­dua­li­tät ist abge­schafft: Sie macht ja auch unglück­lich. Alles ist aufs feins­te durch­or­ga­ni­siert, es herrscht völ­li­ge Gleich­heit, man ist schick­sal­los glück­lich: ein när­ri­sches Glück. Bei Jonas ist es anders: Er soll der nächs­te “Hüter der Erin­ne­rung” wer­den. Er aber wird das per­fek­te, erin­ne­rungs­lo­se, wat­te­wei­che Sys­tem unterminieren.

Eulen­spie­gels Fehl­an­zei­ger: Müll sam­meln und gemein­sam essen. Köst­lich­kei­ten aus deut­schen Medi­en, Eulen­spie­gel 2015.
Gro­ber Unsinn aus der Lücken­pres­se. Ein aus­ge­such­tes und kos­ten­güns­ti­ges Gim­mick für Her­an­wach­sen­de, wirk­lich zum Trä­nen­la­chen und Schen­kel­klop­fen. Was – und wo? – wären wir ohne unse­re Qualitätsmedien?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (29)

Realist

15. Dezember 2015 12:15

Ein erneutes Dankeschön für die Mühe der Zusammenstellung. Zum Thema Kinderlektüre finde ich immer wertvolle Anregungen.

Anton Burdorf

15. Dezember 2015 12:16

Ich danke Ihnen, Frau Kositza, für diesen Artikel. Wenn ich mir einen Überblick über den Buchmarkt verschaffen möchte, dann kann ich am Kiosk oft nur auf die Beilagen von Spiegel, Zeit & Co. zurückgreifen. Ich weiß, dass diese Zeitschriften/Zeitungen hier sehr kritisch gesehen werden, aber sie haben zumindest regelmäßig ausführliche Literaturbeilagen.

philos

15. Dezember 2015 18:21

Beim "selbstsüchtigen Riesen" regt sich ganz weit hinten in meinem Kopf eine Erinnerung. Wisse Sie, Frau Kositza, ob es von dieser Geschichte eine Hörspielversion gibt bzw. endet jene damit, daß der Riese, unter einem Baum sitzend, lächelnd entschläft und durch ein Loch in der Mauer Freude und Blüte zurückkehren? Gleich, ob's diese Geschichte war; was ich da Anfang der 90er gehört habe, hat mir sehr gut gefallen.

Danke für den Artikel.

Kositza: Danke auch! Ja, es ist diese Geschichte. Hörspielversion kenne ich nicht, und das von Lisbeth Zwerger illustrierte Buch würde ich wirklich allen anderen versionen vorziehen. Oft entwertet ja ein grober oder grotesker strich die schöne geschichte.

sabethle

15. Dezember 2015 20:07

Liebe Frau Kositza,
ich danke für die ausführlichen Beschreibungen, was fehlt ist die Altersangabe.
Meine Enkelin ist 5 Jahre.
Danke für Ihre Bemühungen.

Kositza: Ja, weil das mit den Altersangaben schwierig ist. Beispielsweise mochte meine Älteste noch mit acht oder neun Jahren keinen Räuber Hotzenplotz lesen: viel zu gruselig. Oder andersrum: ich hatte eine Zehnjährige, die bereits in Novalis versank, davon ist meine derzeitige fast-Zehnjährige Lichtjahre entfernt. Mittlerweile älteren Kindern las ich, als sie fünf waren, gern die von Ruth Elsässer ilustrierten "Das Hirtenbüblein" oder "Goldtöchterchen" vor. So schön! Die jetzige Vierjährige findet das bereits langweilig. Die Bücher von Elsa Beskow (eigtl. alle) könnte ich empfehlen. Und was meinen "Kanon" angeht; für Fünfjährige eigent sich grosso modo alles, was ich zwischen "Mein Esel Benjamin" und "Der Schuppenprinz" aufgeführt habe.

OJ

15. Dezember 2015 20:07

Die Häschenschule fehlt!

(https://www.eichwaelder.de/Altes/altesbuch59.htm)

Kositza: Ja, von Sixtus haben wir auch allerlei rumstehen. Ist nett. Ist vor allem nostalgisch, vermochte daher weder Eltern noch Kinder vom Hocker zu reißen.

Holzfäller

15. Dezember 2015 21:14

Mein Fünfjähriger Sohn liebt Räuberbücher. Hotzenplotz, Gudrun Pausewang's Räuber Grapsch, die Räuber von Kardemomme, Ronja Räubertochter - alles mindestens 9x gelesen. Zurzeit sind wir bei "Bill Bo und seine 6 Kumpane", (kennen manche vielleicht als Stück aus der Augsburger Puppenkiste) welches vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland spielt. Haben Sie noch eine Räuberempfehlung, Frau Kositza?

Nemo Obligatur

15. Dezember 2015 22:42

Alles (vor)lesen kann man von Otfried Preußler, Astrid Lindgren, Elsa Beskow, Michael Ende, Erich Kästner – diese fünf füllen leicht anderthalb Regalmeter.

Womit Sie Ihre Geschmackssicherheit unter Beweis gestellt haben.

Ich selbst bin leider mit wenig Büchern aufgewachsen, die Gebrüder Grimm könnte ich noch nennen, und natürlich Astrid Lindgren, aber letztere mehr in Filmform. Die Eltern hatten wenig Zeit, die Großeltern waren weit weg (von den Enkeln räumlich und von Büchern aus materieller Not umständehalber als Flüchtlinge - aber kein Vorwurf, die "Alten" [das Wort spreche ich hier mit großem Respekt aus] haben mir einiges an geistigem Rüstzeug mit auf den Lebensweg gegeben). Heute habe ich selbst eine kleine Tochter und lese gerne vor. Vor einiger Zeit ein wunderbares Buch, dessen sprachliche Qualität unmittelbar ins Auge stach: Das Traumfresserchen. Als Autor stellte sich erst nach der Lektüre Michael Ende heraus. Qualität setzt sich durch.

Anja

15. Dezember 2015 23:28

Vielen Dank für die umfangreiche Übersicht, die ich mir ausdrucken werde.

Ich möchte diese Aufzählung noch ergänzen durch:

Deutsche Heldensagen
Die Nibelungen
Dietrich von Bern.

Zumindestens bei mir haben diese Themen sehr früh das Interesse für Geschichte geweckt. Wer als Kind

Dietrich von Bern kennengelernt hat, kann den Bogen zu Theoderich im

Kampf um Rom

spannen, denn beide sind in der Historie ein und diesselbe Person.

Ansonsten ganz wichtig auch regionale Sagen wie z. B.

Die Harz-Sagen von der Roßtrappe, dem Riesen Bodo und dem Riesenmädchen Emma,

damit die Liebe zur Heimat gefestigt wird. Auch erwähnenswert für den Ostseeraum

Die Störtebecker-Sage...!

Hildesvin

16. Dezember 2015 00:32

Die krankheitsbedingt kinderlose Frau eine Arbeitskollegen meines inzwischen verewigten Vaters schenkte mir, als ich neun war, "Märchen und Sagen von der Nordsee" von Elisabeth Hering.
Lewwer duad üs Slaaw, oder Pidder Lüng: "Wer in den Kohl spuckt, der soll ihn auch fressen!" - Der Inselpfaffe von Sylt, Peter Gorrig, Spitzname Peter Gierig, bekommt da die Kirchens-teuer auf recht unangenehme Weise bezahlt.
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Die Reprints der alten Mosaik - Hefte von Hannes Hegen sind so übel nicht - von der sogenannten Dampfmaschinen-Serie (Anderntags in der Kalesche / droht der Lord dem Dieb mit Dresche...) bis zu Ritter Runkel zu den Abenteuern in Byzanz (Sehr gut bewährt sich oft auf Reisen, ein Anzug, welcher ganz aus Eisen ...) - köstliche Anspielungen auf verlotterte Staatswesen, und erheiternde Spitzen gegen das Militär ... - Danach ging auch das Niveau herunter.
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Elsa Beskow är storartad, på hennes sätt.

Andreas Walter

16. Dezember 2015 03:00

Schön, dass Sie sich in bereits unruhigen Zeiten noch etwas Besinnlichem widmen, Frau Kositza. Einige Nichtchristen werden zwar auch jetzt nicht innehalten, uns weiter mit Dreck bewerfen zu wollen, doch unsereins ist eben aus einem anderen Holz geschnitzt, versucht selbst im Krieg und im Wahnsinn noch Momente der Stille, des Friedens und der Einkehr, des Gedenkens und des Gebets zu finden.

Darum möchte ich mich bei Ihnen dafür ganz herzlich bedanken und wünsche Ihnen und Ihrer Familie, gerade auch wegen der Kinder, ein von Gott gesegnetes, friedvolles und fröhliches Weihnachtsfest.

https://www.youtube.com/watch?v=e64ojMGd7jE

Ein Kinderloser

16. Dezember 2015 08:29

Andersens Maerchen, die Maerchen der Gebrueder Grimm, Pinocchio, Die Hasenschule, erinnerlich ist mir auch noch die Pantoffelmieze ..........Jack London, Jules Verne, die Lederstrumpfgeschichten, Charles Dickens, Robinson Crusoe?
Sollte das Alles heutzutage nicht mehr hilfreich sein?
Selbst habe ich keine Kinder, habe auch keinen Zugang zu Kindern, weiss mit Kindern nix anzufangen. Steht so ein Kind mal vor mir muss ich mich fragen ob es jetzt 7 oder 10 Jahre, 9 oder 13 Jahre alt waere, ob es 16 oder 23,...22oder 29 Jahre alt waere. Kinder, Jugendliche und junge Menschen sind fuer mich voellige Aliens.
Die "Jugend von Heute" erscheint mir farblos, blass ubd zahnlos, ohne jede Lebenserfahrung.
Hier in Italy beobachte ich, dass den Kindern immer mehr, die Grazie, also das Laecheln als Ausdruck des Liebreizes, der Liebenswuerdigkeit und ueberhaupt als Ausdruck einer spezifisch italienischen sozialen Kompetenz abhanden kommt. Ohne eben genau dieses Laecheln.........
und ohne den Konjunktiv oder das Konditional zu bemuehen koennen Sie
hier unten nicht mal eine Schachtel Zigaretten kauflich erwerben. Ich kalkuliere : Kinder zu daemlich eine Schachtel Zigaretten zu kaufen. / Erkenne den Fehler, ach so! Kinder sollten wohl eher keine Zigaretten kaufen, oder?
Schon klar!/Ich traue diesen Kindern nicht nur nix zu, ich lehne sie ab, sie werden uns unser Grab schaufeln, sonst garnix.---------------
Jetzt moechte ich den Bogen schlagen: Mir faellt auf, dass keines der von mir hier oben angefuehrten Buecher von Frau Kositza beruecksichtigt wurde. Das spricht-fuer mich-Baende!

Eveline

16. Dezember 2015 09:00

Lieben lieben Dank für Ihre Anregungen Frau Kositza.

Ich habe mir gleich den "Schatzbehalter alter Kinderbücher " von Horst Kunze rausgeholt.

Ein Buch für alle Freunde der Kinderbücher.

Immer wieder schön. Berücksichtigt wird die Zeit vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zum beginnenden 20 Jh.

philos

16. Dezember 2015 10:54

Ergänzen möchte ich noch Franz Fühmanns "Das hölzerne Pferd". Ein DDR-Produkt, das Ilias und Odyssee für Kinder nacherzählt. Über die Qualität dieses Buchs kann ich heute rein gar nichts mehr sagen, aber es hat, als ich gerade selbst zu lesen fähig geworden war, im Verbund mit den Grimms, Andersen etc. eine Neigung in mich gepflanzt, die bis heute geblieben und stärker geworden ist. Fühmann hat wohl auch eine Bearbeitung des Nibelungenstoffes vorgelegt, die ebenso für Kinder gemacht ist.

CCCED

16. Dezember 2015 13:24

Zwei Vorleseempfehlungen von mir:

Rulaman. Erzählung aus der Zeit des Höhlenmenschen und des Höhlenbären. Von David Friedrich Weinland, geschrieben 1878. Weinland beschreibt einfühlsam das Leben der Höhlenbewohner der Schwäbischen Alb und die letztlich erfolglosen Strategien der verschiedenen Sippen gegen die Verdrängung durch die bronzezeitlichen Kelten.

Götter und Helden der Germanen - Der Edda nacherzählt. Von Frieda Amerlan. Sie erzählt den Stoff der Edda und die Nibelungensage in einer packenden und dicht gedrängten Atmosphäre. Für Kinder ab sechs Jahren fesselnd, nicht zuletzt wegen der archaischen aber nicht altertümelnden Sprache. Leider nur antiquarisch erhältlich: hier und hier.

Orlando Furioso

16. Dezember 2015 13:37

@philos: Den "selbstsüchtigen Riesen" gibt es von Klaus Kinski gelesen - sehr schön! Und im Film "Wilde" liest Oscar Wilde (Stephen Fry) die Geschichte seinen Kindern vor.

larus

16. Dezember 2015 14:28

Überhaupt Fühmann! (War auch mal Thema in der Sezession, glaube ich...) - besonders "Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel" ist eine schöne Empfehlung-, brilliantes und doppelsinniges Heranführen an die deutsche Sprache. Auch Hacks, Strittmatter, Görlich, Pludra sind empfehlenswert und oft erstaunlich ideologiefrei-, größtenteils freilich nur noch antiquarisch erhältlich.

Stil-Blüte

16. Dezember 2015 14:54

danke Ellen Kositza, das bereichert auch mich noch als Muster für 'Großvater, erzähl uns mal eine Geschichte. Da fing der Vater an, es war einmal ein Mann...

Fehlt in Ihrer Aufzählung nicht Karl May? - 'Tausend und eine Nacht', Schwabs 'Antike Sagen'? Ich wag's und Ich leg obendrauf 'Struwelpeter' ?

@ philos

Meinen Sie Franz Fühmanns 'Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel'? Nie endend wollende Lese-/Rätsel-Freude für Kind und Kegel, Mann und Maus.

Altbayer

16. Dezember 2015 18:11

Sehr geehrte Frau Kositza,

vielen Dank für die Auflistung. Da mein Bekanntenkreis bereits mit einigen Kindern gesegnet ist, werde ich künftig sicherlich öfters von Ihrer Liste Gebrauch machen.

Gibt es so eine Liste mit gesammelten Buchempfehlungen bezüglich klassischer Literatur auch für Erwachsene?
Vielleicht sollte ich als Hintergrund erzählen, dass ich als Schüler nie den Zugang zu klassischer Literatur gefunden habe und das Unterrichtsfach Deutsch immer als Qual empfand. Bei mir hat sich schlicht kein Interesse geregt, obwohl ich mit Kinderbüchern im Elternhaus aufwuchs.
Sachbücher oder Krimis aus der Gegenwart stellten dagegen keine Probleme dar.
Meine Frage ist, ob es sowas wie eine "Einstiegsdroge" in die Welt der klassischen Literatur für Erwachsene gibt? Vielleicht zur Orientierung: Ich habe dieses Jahr zwei Bücher ("Die Governante" und "Tod in Danzig") von Stefan Chwin gelesen. Die fand ich jetzt nicht so übel.

Ich würde mich freuen, wenn Sie Ratschläge für mich hätten.

Spielhahn

16. Dezember 2015 20:16

Meine Töchter sind sehr von "Die wilden Piroggenpiraten" von Māris Putniņš begeistert.

Das Buch war beim Vorlesen auch für mich sehr unterhaltsam und hat für mich das Potential zum Kinderbuch-Klassiker.

Stil-Blüte

17. Dezember 2015 00:07

@ Eveline

Wahrlich, Prof. Horst Kunze, (Schatzbehalter alter Kinderbücher), Kenner u n d Liebhaber! (Bibliothekare sind fast allesamt konservative Schatzsucher, sammelnd, bewahrend, weitergebend, erweiternd; ordnend.)

Die Imagination des Lieblingskinderbuches, die man an die Kinder weitergibt.

Guttuende Liebhaber-und-Kenner-Paarung: Großeltern-Enkel (s. Gebrüder Grimm)

Eveline

17. Dezember 2015 16:57

@ Stil - Blüte

Fällt mir noch in den Schoß:

"Die Lesestunde " auf 250 Seiten ein Bild deutscher Literatur in zwei Jahrtausenden. Kinderbuch Verlag Berlin

"Was mit Ulfilas anfängt, endet mit Anna Seghers, mit Strittmatter und Kant. Für ältere und jüngere Leser. Von der Gotenbibel bis zu Barlach."

https://www.amazon.de/Lesestunde-Deutsche-Literatur-zwei-Jahrtausenden/dp/B004DAVSLS

Stil-Blüte

17. Dezember 2015 18:44

@ Altbayer

Danke für den indirekten Tip 'Tod in Danzig' und 'Gouvernante'.

Ich gestatte es mir, Frau Kositza zuvorzukommen. Haben Sie schon einmal Stefan Zweigs 'Gouvernante' gefunden, so werden Ihnen auch seine anderen Novellen und Biografien ('Sternstunden der Menscheit') zusagen, möchte ich meinen.

P.S. Ihre Ehr-lichkeit bezüglich Ihrer Lesegewohnheit ehrt Sie in meinen Augen. Und greifen Sie ruhig mal wieder in die Schatzkiste Ihrer Kinderbücher.

massel tov

18. Dezember 2015 01:03

Chapeau, Madam!
Obwohl meine Söhne inzwischen drüber hinaus sind, habe ich
Sie und ihre Liste weitergereicht, denn ich habe Enkel...
;-)

Altbayer

18. Dezember 2015 13:12

@ Stil-Blüte:
Vielen Dank für Ihren Ratschlag. Ich werde mal einen Blick in Stefan Zweigs "Governante" werfen.

Monalisa

19. Dezember 2015 00:01

Ich habe "Matilda" von Roald Dahl als Kind geliebt und habe mich sehr gefreut, das Buch hier auf der Liste zu finden!

Vielen Dank auch für all die anderen schönen Hinweise. Ich werde Ihre Sammlung ebenfalls abspeichern, Frau Kositza.

Hildesvin

20. Dezember 2015 23:47

@ Andreas (=Der Mannhafte) Walter: Morgen ist Sonnenwende, und von da ist es geboten, für mindestens zwei Wochen die Waffen ruhen zu lassen. Auch von der Seite der Frumben (Hans Sachs). An mir soll es nicht liegen. Und vom Werfen von Dreck kann wenig die Rede sein.

Andreas Walter

23. Dezember 2015 22:20

Liebe Frau Kositza,

darf ich Sie und ihren Mann um eine Meinung zu Karlheinz Weißmanns Kinderbuch "Deutsche Geschichte für junge Leser" bitten?

Muss nicht jetzt noch so kurz vor Weihnachten sein, aber irgendwann danach vielleicht einmal.

@Hildesvin

Ein "Ehrenmann" bin auch ich nur so lange mir die Situation es noch erlaubt.

Leider bestimmt dadurch auch immer mein Angreifer, wann, wo und wie ich mich verteidige. Darum heisst es ja auch: Angriff ist die beste Verteidigung (oder alternativ und klüger: Vor-sicht ist die Mutter der Porzellankiste). Was einem frumben Mann allerdings in dem Maß um so schwerer fällt, nämlich ununterbrochen andere anzugreifen und damit abzuwehren oder zu besiegen, in dem er auch die Beseeltheit und das Existenzrecht seiner Feinde, Widersacher und Konkurrenten erkennt und auch anerkennt, zumindest aber versteht. Man könnte es darum auch das Schicksal des beseelten, friedliebenden, der liebenden Menschen bezeichnen, oder eben: die Tristesse Droite.

https://www.youtube.com/watch?v=YmTHsCzoLqI

Kositza: Rezension des Weißmannkinderbuchs aus der Feder von GK ist doch in der aktuellen Sezession. Unsere Kinder fanden das Buch nicht ganz so fesselnd, für die Mittleren (11 und 13) war es mehr eine Bleiwüste (ist es ja auch, trotz der Bilder), die Älteren waren eh schon "auf dem Stand", die mögen dann eher speziellere Sachen, Hörbuch "Der Krieg, der viele Väter hatte" und so was. Ich selbst habs ganz gern durchgeschmökert; bei den Kartenerklärungen mußte ich vor den Kindern passen bzw. Atlanten danebenlegen.

Andreas Walter

28. Dezember 2015 21:38

Hohoho, „Der Krieg, der viele Väter hatte“? Das Buch öffnet einem auf jeden Fall schon mal die Augen. Gerd Schultze-Rhonhof hat relativ schnell auf mich einen glaubwürdigen Eindruck gemacht. Das Buch wäre bei mir Pflichtlektüre im Geschichtsunterricht, und nicht eine mit 3700 Anmerkungen versehene deutsche Sonderedition von Mein Kampf. In manchen Ländern liegt Letzteres übrigens in beinahe jeder x-beliebigen Strassenbuchhandlung aus, ohne das jemals dadurch etwas "passiert" wäre. Die Sonderedition ist auch dadurch ein Widerspruch in sich selbst und im Grunde eine Unverschämtheit gegenüber der doch heute demokratischen und aufgeklärten Bevölkerung Deutschlands.

Den Begriff Bleiwüste habe ich sicherheitshalber trotzdem erstmal gegoogelt, auch wenn ich mir aus dem Zusammenhang her schon dachte, was er wohl bedeutet. Ja, gute historische Karten sind auch ganz wichtig, um hier das Ein oder Andere richtig zu verstehen. Da habe ich in den letzten Monaten auch ein paar sehr interessante Entdeckungen gemacht, die auch jeder Deutsche kennen sollte bevor er glaubt, auch nur irgendetwas über die beiden grossen Kriege des letzten Jahrhunderts zu verstehen. Stichwort Ansiedlungsrayon.

Na gut, also alles nicht so dolle, wie ich leider bereits befürchtet habe. Es hätte mich allerdings auch sehr gewundert, denn dann wäre ja auch mein Kampf bereits vorbei. Wenn ich das alles offen aussprechen könnte, was ich glaube und weiß, und an dem Punkt bist du noch lange nicht, Deutschland.

Hugo

28. Dezember 2015 22:31

@Ein Kinderloser, jede Epoche hat ihre Bücher. (Neuerdings auch ihre Filme.) Jules Verne war für mich schon 1975 (mit 10) langweilig und langatmig. Wilhelm Busch und Struwwelpeter waren okay. Jack London habe ich auch nicht gemocht, genauso wenig wie die Schatzinsel. Die Filme dann schon. Kinder haben sich erst sehr spät eingestellt. Für einen Sechsjährigen sind heute z.B. Daniel Napp "Dr. Brumm" und natürlich noch immer Michael Ende angesagt. "Viktor baut eine Brücke" ist ein tolles Beispiel für moderne Sprache. Kurz. Auf den Punkt. Man wird heute nicht mehr viele Kinder für Charles Dickens begeistern können. Fallada empfinde ich dagegen als zeitgemäß, die "Geschichten aus der Murkelei" sind noch immer sichere Treffer. Leider steigt mir mein Kleiner sowohl bei Janosch als auch bei Alexander Wolkow aus. Aber "Die Rakete von Bummelsburg" und "Jonas fliegt zum Mond" sind absolute Geheimtips, wenn auch kaum zu bekommen.

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