Sezession
14. April 2011

Wir Golfspieler

Gastbeitrag

von Felix Springer

Bei der immensen Nachrichtendichte, erst aus Nordafrika, dann aus Japan, die wir zur Zeit erleben dürfen, finden andere bemerkenswerte Ereignisse nur schwerlich ihren Weg in den Aufmerksamkeitsstrudel des Medienbetriebs. So dürfte den meisten entgangen sein, dass unser Land seit einigen Wochen einen Grund mehr hat, stolz auf sich zu sein:

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Mit dem Rheinländer Martin Kaymer steht gegenwärtig ein Deutscher auf dem hart umkämpften ersten Platz der Weltrangliste der Golfspieler. Applaus, Applaus – wahrlich eine schöne Sache und zugleich der Eintritt in ein kleines Bild von starker diagnostischer Kraft.

Armin Mohler schrieb über das Golfen:

„Wieso ist eigentlich noch nie jemandem aufgefallen, wie puritanisch das Golfspiel, dieser englische Sport par excellence ist? Es gibt kaum eine andere Sportart, aus der das Agonale so sehr ausgefiltert wurde. Ein Kampfsport ist es nicht, jeder sucht für sich sein weißes Kügelchen in ein Loch zu tricksen. Nicht von Leistung gegen Leistung. Man kann seinem Bällchen nachschlendern und jedem zeigen, daß man nicht schwitzt. Man betreibt diesen Sport, weil man etwas tun muß, weil man sich sonst (noch mehr) langweilen würde. Das einzige, was das Golfspiel erfordert, ist Ausgewogenheit und Kühle, um den Ball richtig zu treffen. Die berühmte impassibilité. Es ist wirklich der Sport dessen, der neben sich selbst hergeht.“

Das „neben uns selbst Herlaufen“ können wir Bundesdeutsche jetzt also endlich auch amtlich bescheinigt am besten. Wir haben es ja schon seit längerem eifrig kultiviert und täglich geübt und machen öffentlich bereits fast gar nichts anderes mehr. Die zum Unendlichen tendierende Selbstreferenzialität unserer Etikettendiskurse schlägt täglich einen neuen Ball aufs Grün und trottet dann sich selbst hinterher. Am Ende werden friedlich die Punkte notiert und das Spiel beginnt von vorn. Gegen die Sonne tragen wir Brillen oder (die Mutigen unter uns) einen Schirm an der Mütze und im Golfcar liegt eine kühle Flasche Zuckerlimonade zur Erfrischung bereit.

Manchmal kommt es auch tatsächlich zur Diskussion, das ist dann die „offene Gesellschaft“: Man streitet darüber, welcher Schläger für die nächste Runde geeignet ist oder, ganz selten, sogar über Regeldetails. Das Spielprinzip – „Ausgeglichenheit durch Unbeteiligtsein“ (Mohler) - stand noch nie zur Debatte. Wer es doof findet, der spielt halt nicht mit, ganz einfach. Ist Golf nicht auch das Spiel, bei dem es von Vorteil ist, viele „Handicaps“ zu haben oder so ähnlich?

So golfen wir, jeder den Blick auf seinem kleinen Bällchen. Aber die Schläge werden hektischer und die Schritte länger, man bemüht sich mit viel Kraft und Selbstbeherrschung, den Blick auf dem Ball zu behalten und nicht zu sehen, dass schon gestern Wolken aufgezogen sind. Aber irgendwann serviert auch der Country-Club keine Cocktails mehr.
Test


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