Sezession
18. April 2011

Vesper, Ensslin, Baader revisited

Martin Lichtmesz

In einigen Kinos läuft zur Zeit noch Andreas Veiels Film "Wer, wenn nicht wir", über die frühen Jahre von Gudrun Ensslin (seltsam maskulin: Lena Lauzenis) und Bernward Vesper (August Diehl). Die Basis bildet das herausragende Buch "Vesper, Ensslin, Baader" (2003) von Gerd Koenen, das wie kein anderes die psychologische Tiefengeschichte der RAF erleuchtet, ohne dabei ins Spekulative abzugleiten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

In vieler Hinsicht ist "Wer, wenn nicht wir" zum ästhetischen Gegenstück von "Der Baader-Meinhof-Komplex" geraten. Während Uli Edel und Bernd Eichinger zehn Jahre RAF im Zeitraffer, als Ensemblefilm und actionreiche Geisterbahnfahrt durchhechelten, erzählt Veiel die Vorgeschichte des deutschen Terrorismus als sich langsam entfaltendes Kammerspiel, das sich auf seine zuerst zwei, nach dem Auftritt von Andreas Baader (Alexander Fehling) drei Hauptfiguren konzentriert. Allerdings gelangt auch Veiel über ein bloßes "Re-Enactment" nicht weit hinaus. Die Vorzüge und Schwächen des Films hat der Alt-68er und Zeitzeuge Peter Schneider recht gut im Tagesspiegel zusammengefaßt.

"Wer, wenn nicht wir" bezeichnet wie schon Eichingers Spektakel eine Wegmarke im allmählichen Wandel des Bildes der RAF im Film. Nach dem Trauma des "deutschen Herbstes" von 1977 waren die linksgerichteten deutschen Filmemacher vor allem darauf konzentriert, ihre früheren Parteinahmen und Sympathien durch Idealisierung der RAF zu rechtfertigen, vor allem wohl vor sich selbst. Immerhin waren sie von ähnlichen Erfahrungen, Stimmungslagen, Lebensgeschichten, Utopien und familiären wie sozialen Milieus geprägt wie die Meinhof, Meins, Ensslin, Vesper und Baader.

Daraus resultierte eine Art von "Rechtfertigungskino", von Teilen von "Deutschland im Herbst" (1978) über Margarethe von Trottas "Die bleierne Zeit" (1981) bis zu Reinhard Hauffs "Stammheim" (1985) und Markus Imhoofs "Die Reise" (1986). Der bis ins hohe Alter vom Dämon seines Vaters heimgesuchte Thomas Harlan engagierte für sein Experiment "Wundkanal" (1984), dem extremsten Beispiel aus diesem Quasi-Subgenre, sogar einen echten SS-Kriegsverbrecher, den er im Film von einem RAF-Kommando entführen und verhören ließ. Harlan rekapitulierte die linksradikale Vorstellung vom Staat, der nach wie vor von reuelosen NS-Eliten gesteuert werde, und frischte sogar den fatalen Mythos von der Ermordung der inhaftierten Protagonisten der "ersten Generation" durch die Staatsmacht auf.

Von der quasi-heroischen Idealisierung Gudrun Ensslins bei Margarethe von Trotta und Bernward Vespers bei Markus Imhoof bis zum relativ neutral gehaltenen, oft auf leise Distanz gehenden Porträt Veiels ist der Weg recht lange gewesen, zumindest, wenn man ihn daran bemißt, daß ganze dreißig Jahre dazwischen liegen. Die Schlüsselfiguren des Linksradikalismus der Sechziger und Siebziger Jahre werden heute zwar allgemein aus kritischer Distanz betrachtet, sie werden aber immer noch nicht - im Doppelsinne - so scharf gesehen, wie man es könnte, und wie sie ein Gerd Koenen, der einst selbst in die rote Walpurgisnacht verstrickt war, dargestellt hat.

Das hängt vor allem damit zusammen, daß die "ursprünglichen" politischen Motive der Meinhof & Co immer noch vage als teilweise gerechtfertigt oder sympathiewürdig gelten, vor allem, was ihre Axiome in Bezug auf die NS-Verstrickung der Kriegsgeneration und die wirkliche oder angebliche "Verdrängung" der NS-Zeit innerhalb der Nachkriegsgesellschaft betrifft. (Eine an die Sechziger Jahre anknüpfende Protestromantik wird leider auch im offiziellen Blog zum Film beschworen. )

Immerhin finden sich Spuren einer skeptischen Hinterfragung der "guten Absichten" in "Wer, wenn nicht wir". "Du scheinst dir den Faschismus geradezu herbeizuwünschen", sagt Gudruns Vater, der von ihrem Fanatismus erschreckt ist. "Was tust du, wenn er nicht kommt?" Die radikale Linke also als Gefangene eines "mobilisierenden Mythos", den sie bis zur self-fulfilling prophecy treibt. Als Gudrun wegen Brandstiftung im Gefängnis sitzt, sorgt eine mitleidige Gefängnisleiterin, die mit ihrem moralischen Eifer sympathisiert, dafür, daß diese bis zur Revision ihres Urteils auf freien Fuß gesetzt wird; dies nutzte sie bekanntlich zur Flucht. Ist die Gefängnisleiterin, die von ihrer guten, das System "mit kleinen Schritten" verändernden Tat überzeugt ist, nun ein "nützlicher Idiot" gewesen, ein Liberaler, der "den Mördern die Tür aufschließt" (Jünger)?

Auch Gudruns und Bernwards Beziehung zu ihren Eltern, insbesondere ihren Vätern, wird nicht durch ihre Brille gesehen, sondern läßt dem Zuschauer Raum für ein eigenes Urteil. Vespers Verhältnis zu seinem Vater Will Vesper, einem NS-treuen "Blut-und-Boden"-Dichter, ist von einer Mischung aus Furcht, Bewunderung, Selbsttäuschung, und Nicht-Wahrhaben-Wollen geprägt, das von Ensslin zu ihrem Vater von Verachtung, Nicht-verstehen-wollen und -können und moralisierender Verurteilung.  "Sie können immer ihren Vater Will Vesper verteidigen, aber niemals den Dichter", sagt Walter Jens (Benjamin Sadler) in einer Schlüsselszene zu seinem jungen Studenten Bernward.
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Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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