Sezession
21. März 2009

Über die Schwierigkeiten der Umerziehung (Normalismus 1)

Gastbeitrag

rasse-statt-masse?von Adolph Przybyszewski

Als Herr K. in sein Dorf zurückkam, bemerkte er an sich wieder einmal eine Verachtung jener Masse, die er zuvor in einer Großstadt tagelang an sich hatte vorbeiziehen lassen. Dabei fiel ihm auf, daß er mit den einzelnen Leuten daheim auf dem Land sicher gut auskommen würde, wenn er sie erst einmal kennengelernt hätte. Es sind ja ganz normale Leute, die sich hier & jetzt ausrichten an dem, was als normal gilt. Läßt sich aber mit diesen Leuten überhaupt "Staatspolitik" machen?

Ob sich mit diesen Leuten eine Revolution machen ließe, das hatte bereits Ende der 1960er Jahre die Intelligenteren unter den Neomarxisten umgetrieben:

Wenn es um die Befreiung der Menschheit geht
laufen sie zum Friseur.
Statt begeistert hinter der Vorhut herzutrippeln
sagen sie: jetzt wär ein Bier gut.
Statt um die gerechte Sache
kämpfen sie mit Krampfadern und mit Masern.
Im entscheidenden Augenblick
suchen sie einen Briefkasten oder ein Bett.
Kurz bevor das Millenium ausbricht
kochen sie Windeln.
An den Leuten scheitert eben alles.

(H. M. Enzensberger: Über die Schwierigkeiten der Umerziehung)

Der Einwand, es sei müßig, langweilig oder gar kontraproduktiv, sich mit den Überlegungen und Fragestellungen jener linken Altvorderen der heutigen bundesrepublikanischen Gesellschaft auseinanderzusetzen, ist gefährlich: Alle großen historischen Tatsachen, und zumindest für die Deutschen ist 1968 eine solche Tatsache, haben bekanntlich die Tendenz, "sich sozusagen zweimal" zu ereignen: "das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce" (MEW 8, S. 115). Eine 'neue Rechte' sollte jedenfalls nicht als Farce der "neuen Linken" enden oder in gärtnerkonservatives Lamentieren verfallen wollen.

Enzensberger schien seinerzeit Zweifel an der Revolutionswilligkeit der "normalen" Leute zu haben; daß sich mit ihnen ein Staat machen ließ, davon ging er insgeheim wohl aus. In seiner Verteidigung der Normalität wies er nämlich darauf hin, daß der National-Sozialismus mit seinen rigiden Normierungsphantasien als großangelegter Versuch verstanden werden könne, in Deutschland "reinen Tisch zu machen": Daß aber diese "Rechnung Hitlers (und Morgenthaus) dennoch nicht aufgegangen ist", daran seien eben jene normalen Leute, die "Trümmerfrauen, Heimkehrer, Ami-Fräuleins" usw., die "Bastler, Schrebergärtner und Häuslebauer" schuld gewesen, "eine schweigende Mehrheit, die darauf bestand, Deutschland wieder herzustellen."

Warnte Enzensberger damit zwar vor einer "Verachtung der Normalität", galt ihm eine "Anbetung" derselben als noch armseliger. Heute jedenfalls ist die Frage berechtigt, ob es eine solche "schweigende Mehrheit" noch gibt, die darauf besteht, "Deutschland wieder herzustellen", wenn die tabula rasa droht. Trippelt denn die "Vorhut" in eine Richtung, die für "die Leute" einmal normal sein kann, oder verläuft sie sich ins Nirwana "irgendwelcher Außenseiter"?


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