Philosophie schlägt Politik – Über den mißachteten Spengler

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von Frank Lisson

Oft ist es die Komplexität eines Dichters oder Philosophen, seine Unentschiedenheit, die verhindert, daß er und sein Werk als Ganzes wahrgenommen werden. Denn der Leser sucht in einem Dichter oder Philosophen naturgemäß das, was ihm selber ähnelt. Das gilt besonders für den politischen Leser: dieser scannt einen Text zumeist mehr, als daß er ihn wirklich liest.

 Gastbeitrag

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Doch gera­de Dich­ter und Phi­lo­so­phen wol­len – viel­leicht drin­gen­der als alle ande­ren Autoren – nicht bloß auf eine bestimm­te Welt­an­schau­ung hin abge­sucht, son­dern gründ­lich und gut gele­sen wer­den, »das heißt lang­sam, tief, rück- und vor­sich­tig, mit Hin­ter­ge­dan­ken, mit offen gelas­se­nen Türen, mit zar­ten Fin­gern und Augen lesen«, wie Nietz­sche in der Mor­gen­rö­te sagt.

Gewöhn­lich sind es die gemein­sa­men Geg­ner, die den poli­ti­schen und den phi­lo­so­phi­schen Men­schen zusam­men­brin­gen. Dabei über­sieht aber gera­de der poli­ti­sche Mensch gern die Kom­ple­xi­tät des Den­kens eines Dich­ters oder Phi­lo­so­phen, um ihn leich­ter kate­go­ri­sie­ren und somit leich­ter ver­ein­nah­men oder ver­ur­tei­len zu kön­nen. So ord­net die poli­ti­sche Rech­te Speng­ler und sogar Nietz­sche oder Geor­ge dem eige­nen Spek­trum zu, etwa dem der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on«, wäh­rend die poli­ti­sche Lin­ke in die­sen Dich­tern und Phi­lo­so­phen lan­ge »geis­ti­ge Vor­be­rei­ter des Natio­nal­so­zia­lis­mus« sehen woll­te und, im Fall Speng­lers, bis heu­te immer noch sehen will. Doch hät­te kei­ner der drei sich selbst je einem Lager zuge­rech­net oder sich gar von irgend­ei­ner poli­ti­schen Rich­tung oder Par­tei ver­pflich­ten las­sen. Als Speng­ler 1934 hör­te, es sol­le in sei­nem Namen eine Ver­ei­ni­gung gegrün­det wer­den, reagier­te er äußerst ableh­nend: »Ich wür­de es nicht ertra­gen, in die­ser Wei­se der Mit­tel­punkt einer Gesell­schaft zu sein. … Alle die­se halb­de­mo­kra­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen kom­pro­mit­tie­ren nur den Namen, mit dem sie sich ver­zie­ren.« Und als er bemerk­te, daß die Phi­lo­so­phie Nietz­sches für poli­ti­sche Zwe­cke ver­fälscht und umge­deu­tet wur­de, schied er im Okto­ber 1935 aus dem Vor­stand des Nietz­sche­ar­chivs aus: »Ent­we­der man pflegt die Phi­lo­so­phie Nietz­sches, oder die des Nietz­sche­ar­chivs, und wenn bei­de sich in dem Gra­de wider­spre­chen, wie es der Fall ist, muß man sich entscheiden.«

Die Kom­ple­xi­tät eines Dich­ters oder Phi­lo­so­phen zeigt sich in sei­ner Fra­ge­stel­lung und in der Wei­te der The­men, die er bear­bei­tet. Nicht sel­ten führt das zu inne­ren Wider­sprü­chen. Denn die phi­lo­so­phi­sche, wie über­haupt alle Krea­ti­vi­tät, ergibt sich erst aus dem Umstand, gegen­sätz­li­che Lei­den­schaf­ten und Nei­gun­gen in sich zu ver­ei­nen. Man­fred Schrö­ter, neben Anton Mir­ko Kok­t­anek der bes­te Ken­ner Speng­lers, weist in sei­nem Buch Meta­phy­sik des Unter­gangs auf die »vier ver­schie­de­nen Sei­ten« im Werk und in der Bega­bung Speng­lers hin, die zum Teil mit­ein­an­der unver­ein­bar schei­nen und dadurch den Zugang zum Werk erschwe­ren: »Sei­ne Meta­phy­sik, d. h. sein Suchen nach einem letz­ten meta­phy­si­schen Erklä­rungs­grund des rät­sel­haf­ten Kul­tur­phä­no­mens an sich, das als das Urge­heim­nis hin­ter sei­nem gan­zen Den­ken stand – sei­ne Kul­tur­mor­pho­lo­gie, d. h. sei­ne Anord­nung und Erschei­nungs­leh­re die­ser uner­mess­li­chen Gestal­ten­fül­le der ver­schie­de­nen Kul­tu­ren unse­rer Erde, die sein Geist mit unver­gleich­li­cher Anschau­ungs­kraft umspann­te – sei­ne Geschichts­phi­lo­so­phie, d. h. sei­ne Deu­tung und Vor­aus­schau auf Gegen­wart und Zukunft des ablau­fen­den Pro­zes­ses … – und zuletzt sein poli­ti­sches Schrift­tum, d. h. sein Ver­such, auf die­se Gegen­wart unmit­tel­bar, war­nend und mah­nend, ein­zu­wir­ken.« – Nicht zufäl­lig ran­giert das Poli­ti­sche erst an letz­ter Stel­le. Tat­säch­lich fühl­te sich Speng­ler zu poli­ti­schen Stel­lung­nah­men mehr gedrängt als hin­ge­zo­gen, wäh­rend er Meta­phy­sik, Kul­tur­mor­pho­lo­gie und Geschichts­phi­lo­so­phie wirk­lich aus Lei­den­schaft betrieb. Im Juli 1933 gestand er sei­ner Schwes­ter: »Alle mei­ne poli­ti­schen Sachen haben mir kei­nen Spaß gemacht. Das Phi­lo­so­phi­sche, das ist mein Feld.«

Des­halb äußer­te sich Speng­ler nur dann poli­tisch, wenn es ihm aus geschichts­phi­lo­so­phi­scher Sicht not­wen­dig erschien, also in den Augen­bli­cken natio­na­ler Umbrü­che und Kri­sen: 1918/1919 (Preu­ßen­tum und Sozia­lis­mus), als die »Novem­ber­re­vo­lu­ti­on« den Aris­to­kra­ten und poli­ti­schen Ästhe­ten scho­ckier­te; 1923/1924 (Poli­ti­sche Pflich­ten der deut­schen Jugend, Neu­bau des Deut­schen Rei­ches), als Infla­ti­on, Ruhr­kampf und Hit­lers Putsch­ver­such in Mün­chen den an Wirt­schafts­fra­gen sehr inter­es­sier­ten Geg­ner der Wei­ma­rer Repu­blik zur Stel­lung­nah­me zwan­gen; 1932/1933 (Jah­re der Ent­schei­dung), als sich das Ende der Repu­blik abzeich­ne­te. Und obwohl Speng­ler nach­drück­lich dazu auf­for­der­te, nüch­tern und rea­lis­tisch in die Welt zu sehen, sind alle sei­ne poli­ti­schen Schrif­ten von einem unter­drück­ten roman­ti­schen Idea­lis­mus durch­zo­gen und geprägt, der die­se mit viel Ver­ve ver­faß­ten Bücher zwar kraft­voll schil­lern läßt, sie aber bei genaue­rer Betrach­tung für die poli­ti­sche Pra­xis unbrauch­bar macht.

Denn ins­ge­samt waren Speng­lers poli­ti­sche Ansich­ten erstaun­lich naiv, und sei­ne Plä­ne, auf die Wirt­schaft oder auf das Zei­tungs­we­sen ein­zu­wir­ken, schlech­ter­dings welt­fremd. Es sind die Ansich­ten eines kalt-ver­schwärm­ten Theo­re­ti­kers, eines ver­hin­der­ten Tat­men­schen und Stu­ben­ge­lehr­ten, den es an allen mög­li­chen Erfah­run­gen fehl­te, um zu einem rea­len poli­ti­schen und sozia­len Ver­ständ­nis zu gelan­gen: weder war Speng­ler län­ger berufs­tä­tig, noch jemals ver­hei­ra­tet, noch Kriegs­teil­neh­mer oder sonst wie vom Leben in die Pflicht genom­men, kurz: er stand nicht im Leben, son­dern dar­über. Das zeigt sich auch in sei­ner Ver­klä­rung des ita­lie­ni­schen Faschis­mus und der Per­son Mus­so­li­nis, wenn er sich in der für ihn gera­de­zu typi­schen Mischung aus Über­le­gen­heit und Nai­vi­tät in einem Brief vom 27. Okto­ber 1935 zum Abes­si­ni­en­krieg äußert: »Mir scheint, daß Mus­so­li­ni die ruhi­ge staats­män­ni­sche Über­le­gen­heit sei­ner ers­ten Jah­re ver­lo­ren hat, sonst wäre er nicht in ein so übles und für Ita­li­en unter allen Umstän­den ver­häng­nis­vol­les Aben­teu­er hin­ein­ge­ra­ten.« Fer­ner bewies Speng­ler wenig Sinn für das Tat­säch­li­che des Welt­ge­sche­hens, als er, wie man­cher sei­ner ver­träum­ten Zeit­ge­nos­sen, sich von Ruß­land her eine »Kul­tur­er­neue­rung« erhoff­te, und zugleich die Bedeu­tung der auf­stei­gen­den Welt­macht USA völ­lig unter­schätz­te. Ent­spre­chend kühl kam Georg Esche­rich, Forstrat, Poli­ti­ker und guter Bekann­ter Speng­lers, bereits 1922 zu dem Urteil: »Oswald Speng­ler glaubt gut ori­en­tiert zu sein, ist es aber nicht.«
Wo Speng­ler poli­tisch wur­de, dach­te er immer mehr meta­po­li­tisch als kon­kret. Er war kein Tak­tie­rer. Viel­mehr woll­te er die gro­ßen Zusam­men­hän­ge, das Wesen der Geschich­te erschau­en. Poli­tik bedeu­te­te für ihn letzt­lich prak­ti­sche Anthro­po­lo­gie, was am deut­lichs­ten in sei­ner bio­po­li­tisch schlich­ten Aus­gangs­po­si­ti­on erkenn­bar wird, wonach der Umstand, »daß er ein Raub­tier« sei,»dem Typus Mensch einen hohen Rang« gebe.

Tref­fend hat Det­lev Fel­ken beschrie­ben, wor­auf es Speng­ler in sei­nem poli­ti­schen Den­ken eigent­lich ankam, näm­lich auf die Des­il­lu­sio­nie­rung der Zeit­ge­nos­sen, die in der unauf­halt­sa­men Demo­kra­ti­sie­rung der Welt einen ech­ten Fort­schritt für die Frei­heit des Men­schen erken­nen woll­ten: »Speng­lers sehr moder­ne Kri­tik an einer pseu­dop­lu­ra­lis­ti­schen Mei­nungs­frei­heit, die selbst Ador­nos Bei­fall fand, basier­te wie so vie­le sei­ner poli­ti­schen Argu­men­te auf der grund­le­gen­den Über­zeu­gung, daß die Demo­kra­tie unfä­hig sei, sich vor dem Miß­brauch ihrer Frei­hei­ten zu schüt­zen. Das par­la­men­ta­ri­sche Sys­tem dege­ne­rie­re zu einer nütz­li­chen Fas­sa­de, hin­ter deren Rücken sich in Wahr­heit dik­ta­to­ri­sche Macht­kämp­fe abspielten.«

Als Geis­tesa­ris­to­krat ver­ab­scheu­te Speng­ler natür­lich sämt­li­che Nivel­lie­rungs­be­stre­bun­gen; ech­te Tages­po­li­tik aber lag ihm fern. Denn er inter­es­sier­te sich kaum für sei­ne Mit­men­schen. Auch wenn Speng­ler die Poli­tik genau­er wahr­nahm als die Kunst, Phi­lo­so­phie oder Lite­ra­tur, blieb ihm die Gegen­wart doch fremd. »Mei­ne Zeit ist das Roko­ko; da bin ich zuhau­se.« Er schät­ze ein paar Gelehr­te, vor allem Alt­his­to­ri­ker wie Hans Erich Stier oder Franz Alt­heim, bewun­der­te aber nur einen ein­zi­gen Zeit­ge­nos­sen wirk­lich: Edu­ard Mey­er. Als die­ser 1930 starb, fühl­te sich Speng­ler mehr denn je allein unter lau­ter »Lar­ven«.

Daher über­rascht es nicht, daß Speng­ler nie Kon­takt zu den gro­ßen poli­ti­schen Den­kern oder Staats­recht­lern sei­ner Zeit, wie etwa zu Carl Schmitt, oder auch nur zu irgend­ei­ner ande­ren Per­sön­lich­keit aus dem Umfeld der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« such­te. Zwar traf er in Ber­lin ein­mal auf Moel­ler van den Bruck, mit dem es zu einer län­ge­ren Dis­kus­si­on gekom­men sein soll, auch Edgar Juli­us Jung such­te Kon­takt, aber so gut wie nie ging der Impuls von Speng­ler aus. Allein Ernst Jün­ger gegen­über wur­de er sel­ber initia­tiv, wünsch­te bei Gele­gen­heit ein Gespräch. Doch die ver­ein­zel­ten, kur­zen Brie­fe zei­gen, wie ver­schie­den man dachte.

Den­noch über­la­gert bis heu­te der poli­ti­sche Schrift­stel­ler den Phi­lo­so­phen, da sogar der Unter­gang des Abend­lan­des zum poli­ti­schen Schlag­wort wur­de. Das hat­te zur Fol­ge, daß der umfang­rei­che Nach­laß Speng­lers, aus dem vor allem der Psy­cho­lo­ge, Meta­phy­si­ker, Palä­on­to­lo­ge und Anthro­po­lo­ge spricht, fast gänz­lich unbe­ach­tet blieb. Dabei ent­hal­ten die bei­den von Kok­t­anek 1965/1966 sorg­fäl­tig her­aus­ge­ge­be­nen Wer­ke Urfra­gen und Früh­zeit der Welt­ge­schich­te das phi­lo­so­phi­sche Ver­mächt­nis Speng­lers und die Grund­la­gen zu sei­nem eigent­li­chen Haupt- und Lebens­werk, das nicht mehr zustan­de kam. Speng­ler allein nach sei­nen poli­ti­schen Schrif­ten (oder den dar­in ent­hal­te­nen Aper­cus bzw. pole­mi­schen Kraft­aus­drü­cken) und dem bis heu­te noto­risch miß­ver­stan­de­nen Schlag­wort vom Unter­gang des Abend­lan­des zu beur­tei­len, heißt, ihn auf Unfer­ti­ges, Unrei­fes, ja sogar auf Neben­säch­li­ches zu redu­zie­ren. Denn der sich ent­wi­ckeln­de, an sich wach­sen­de, noch ein­mal deut­lich tie­fer schür­fen­de Kul­tur­phi­lo­soph von erstaun­li­cher Ori­gi­na­li­tät und geis­ti­ger Eigen­stän­dig­keit zeigt sich in den Nach­laß­bän­den, in denen man­che frü­he­re Aus­sa­gen revi­diert wer­den. So nahm Speng­ler bereits Ende der 1920er Jah­re Abstand von den Begrif­fen und den damit ein­her­ge­hen­den Auf­fas­sun­gen der »Kul­tur­mor­pho­lo­gie« und »Kul­tur­kreis­leh­re«, denen er einst­mals in Über­ein­stim­mung mit Leo Fro­be­ni­us anhing. Am 5. April 1936 schrieb er an Spran­ger: »Ich habe mein Buch eine Mor­pho­lo­gie der Welt­ge­schich­te genannt, weil es mir auf leben­di­ge Abläu­fe und nicht auf Schich­ten zufäl­lig erhal­te­ner Din­ge ankommt. Kul­tur ist für mich eine inne­re Form geschicht­li­chen Wer­dens und nicht eine Sum­me von ähn­li­chen Gegen­stän­den. Wenn man das bio­lo­gisch nennt, so gilt das doch auch von der Anschau­ung Goe­thes. Es ist aber nicht die mate­ria­lis­ti­sche Bio­lo­gie des Zeit­al­ters Dar­wins, von der die Kul­tur­kreis­leh­re ursprüng­lich aus­ge­gan­gen ist, son­dern eine Meta­phy­sik des Lebens, die der mate­ri­el­len Außen­sei­te sehr skep­tisch gegenübersteht.«

Kon­se­quen­ter­wei­se läßt er auch sei­ne Theo­rie von den Kul­tu­ren als »fens­ter­lo­se Mona­den« fal­len und betont statt­des­sen den Pro­zeß des Wer­dens im Zufäl­li­gen, das »See­li­sche« geschicht­li­cher Vor­gän­ge. Kok­t­anek: »Inner­halb der Wis­sen­schaft wirkt Speng­ler aber nicht nur als poe­ti­scher Gegen­typ her­aus­for­dernd. Er liebt es zu wider­spre­chen. Bewun­derns­wert ist sei­ne Kraft, nach­denk­lich zu machen. Er for­dert auf, schein­bar Fes­tes, weil Über­lie­fer­tes zu über­prü­fen, Augen und Ohren zu gebrauchen.«

Tat­säch­lich läßt sich Speng­ler mehr von sei­ner Intui­ti­on lei­ten als von den gän­gi­gen Über­zeu­gun­gen: »Was und wie ein Den­ker denkt – das ist die eine Fra­ge. Aber war­um gera­de er so denkt, ist wich­ti­ger.« Oder: »Reli­gi­on ist ursprüng­lich Hand­lung, nicht Glau­be. Erst aus der Tech­nik ent­wi­ckelt sich die Theo­rie.« Oder: »Ein Volk ist immer die Ein­heit einer Idee.«

Die Eigen­schaft des »Wachseins«, die nun ins Zen­trum sei­nes Den­kens rückt, öff­net weit­rei­chen­de phi­lo­so­phi­sche Per­spek­ti­ven inner­halb sei­ner Uni­ver­sal­poe­sie geschicht­li­cher Vor­gän­ge. Dem Logos, dem logi­schen Den­ken, ging das Sym­bol, das ana­lo­gi­sche Den­ken vor­aus. Die Welt wird bild­haft erdacht und also erschaut. Das »Auge« ist das Zen­tral­or­gan des Den­kens, auch für Speng­ler selbst: »Ich sehe wei­ter als ande­re«, betont er. Und: »Ich habe als Mit­gift für das Leben den Blick bekom­men. Das – wenn ich das Wort gebrau­chen darf – genia­le Schau­en, Zuschau­en; Tätig­keit ver­engt den Blick. Auch Napo­le­on war zuletzt Fach­mann gewor­den. Die­ser Blick ist die eigent­lich phi­lo­so­phi­sche Gabe. Phi­lo­so­phi­sche Fach­wis­sen­schaft ist phi­lo­so­phi­scher Unsinn.«

Die gro­ße Geschichts­wis­sen­schaft sei über­haupt kei­ne Wis­sen­schaft, »son­dern eine Kunst, schöp­fe­ri­sche Dich­tung, Ver­schmel­zung der See­le des Schau­en­den mit der See­le der Welt«, wie es in dem Frag­ment Zur Welt­ge­schich­te des zwei­ten vor­christ­li­chen Jahr­tau­sends von 1935 heißt.
Die Sta­tik des alten Modells – für die noch heu­te sein Name steht – gilt nicht mehr, alles gerät in Bewe­gung, wird in viel grö­ße­ren, offe­ne­ren Zusam­men­hän­gen gese­hen. Die meta­phy­si­sche Anthro­po­lo­gie, die Speng­ler in Urfra­gen und Früh­zeit der Welt­ge­schich­te ent­wirft, geht weit über das starr kon­stru­ier­te Geschichts­bild des frü­hen Haupt­werks hin­aus. Die acht »Kul­tu­ren« ver­lie­ren ihre Exklu­si­vi­tät und wer­den nun als Hoch­kul­tu­ren den Vor- und Früh­kul­tu­ren gegen­über­ge­stellt. Folg­lich konn­te, wie Kok­t­anek bemerkt, »Speng­ler in der Kon­se­quenz die­ses Den­kens die im »Unter­gang« so schroff behaup­te­te Dis­kon­ti­nui­tät der Kul­tu­ren, die Vor­aus­set­zung ihrer mor­pho­lo­gi­schen Ver­gleich­bar­keit und der Pro­gnos­tik, nicht auf­recht­erhal­ten: Renais­san­cen, Rezep­tio­nen, Ein­flüs­sen, Zusam­men­hän­ge zwi­schen den Hoch­kul­tu­ren wie zwi­schen den frü­he­ren und spä­te­ren Sta­di­en wer­den zuge­ge­ben.« – Damit hat Speng­ler die zen­tra­le The­se sei­nes frü­hen Haupt­werks selbst wider­legt, fand aber kei­ne Gele­gen­heit mehr, sei­ne ver­än­der­te Sicht auf die Din­ge zu ver­brei­ten. Wäre er nur zehn Jah­re älter gewor­den und viel­leicht doch noch ins Exil gegan­gen, womög­lich lie­ße er sich heu­te nicht so leicht kate­go­ri­sie­ren und auf weni­ge Begrif­fe brin­gen. Zwar besteht immer die Mög­lich­keit, genau­er hin­zu­se­hen und auch Den­ker wie Oswald Speng­ler jen­seits der ihn umfan­gen­den Kli­schees zu ent­de­cken – aber wel­cher – zumal poli­ti­sche – Mensch ist schon dazu bereit, ein­mal gefaß­te, all­zu beque­me und das eige­ne Welt­bild sta­bi­li­sie­ren­de Urtei­le zu über­prü­fen und gege­be­nen­falls zu revidieren?

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