Sezession
8. Mai 2011

Philosophie schlägt Politik – Über den mißachteten Spengler

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 41 / April 2011 - Druckausgabe hier bestellen.

von Frank Lisson

Oft ist es die Komplexität eines Dichters oder Philosophen, seine Unentschiedenheit, die verhindert, daß er und sein Werk als Ganzes wahrgenommen werden. Denn der Leser sucht in einem Dichter oder Philosophen naturgemäß das, was ihm selber ähnelt. Das gilt besonders für den politischen Leser: dieser scannt einen Text zumeist mehr, als daß er ihn wirklich liest.

Doch gerade Dichter und Philosophen wollen – vielleicht dringender als alle anderen Autoren – nicht bloß auf eine bestimmte Weltanschauung hin abgesucht, sondern gründlich und gut gelesen werden, »das heißt langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen lesen«, wie Nietzsche in der Morgenröte sagt.

Gewöhnlich sind es die gemeinsamen Gegner, die den politischen und den philosophischen Menschen zusammenbringen. Dabei übersieht aber gerade der politische Mensch gern die Komplexität des Denkens eines Dichters oder Philosophen, um ihn leichter kategorisieren und somit leichter vereinnahmen oder verurteilen zu können. So ordnet die politische Rechte Spengler und sogar Nietzsche oder George dem eigenen Spektrum zu, etwa dem der »Konservativen Revolution«, während die politische Linke in diesen Dichtern und Philosophen lange »geistige Vorbereiter des Nationalsozialismus« sehen wollte und, im Fall Spenglers, bis heute immer noch sehen will. Doch hätte keiner der drei sich selbst je einem Lager zugerechnet oder sich gar von irgendeiner politischen Richtung oder Partei verpflichten lassen. Als Spengler 1934 hörte, es solle in seinem Namen eine Vereinigung gegründet werden, reagierte er äußerst ablehnend: »Ich würde es nicht ertragen, in dieser Weise der Mittelpunkt einer Gesellschaft zu sein. … Alle diese halbdemokratischen Organisationen kompromittieren nur den Namen, mit dem sie sich verzieren.« Und als er bemerkte, daß die Philosophie Nietzsches für politische Zwecke verfälscht und umgedeutet wurde, schied er im Oktober 1935 aus dem Vorstand des Nietzschearchivs aus: »Entweder man pflegt die Philosophie Nietzsches, oder die des Nietzschearchivs, und wenn beide sich in dem Grade widersprechen, wie es der Fall ist, muß man sich entscheiden.«

Die Komplexität eines Dichters oder Philosophen zeigt sich in seiner Fragestellung und in der Weite der Themen, die er bearbeitet. Nicht selten führt das zu inneren Widersprüchen. Denn die philosophische, wie überhaupt alle Kreativität, ergibt sich erst aus dem Umstand, gegensätzliche Leidenschaften und Neigungen in sich zu vereinen. Manfred Schröter, neben Anton Mirko Koktanek der beste Kenner Spenglers, weist in seinem Buch Metaphysik des Untergangs auf die »vier verschiedenen Seiten« im Werk und in der Begabung Spenglers hin, die zum Teil miteinander unvereinbar scheinen und dadurch den Zugang zum Werk erschweren: »Seine Metaphysik, d. h. sein Suchen nach einem letzten metaphysischen Erklärungsgrund des rätselhaften Kulturphänomens an sich, das als das Urgeheimnis hinter seinem ganzen Denken stand – seine Kulturmorphologie, d. h. seine Anordnung und Erscheinungslehre dieser unermesslichen Gestaltenfülle der verschiedenen Kulturen unserer Erde, die sein Geist mit unvergleichlicher Anschauungskraft umspannte – seine Geschichtsphilosophie, d. h. seine Deutung und Vorausschau auf Gegenwart und Zukunft des ablaufenden Prozesses … – und zuletzt sein politisches Schrifttum, d. h. sein Versuch, auf diese Gegenwart unmittelbar, warnend und mahnend, einzuwirken.« – Nicht zufällig rangiert das Politische erst an letzter Stelle. Tatsächlich fühlte sich Spengler zu politischen Stellungnahmen mehr gedrängt als hingezogen, während er Metaphysik, Kulturmorphologie und Geschichtsphilosophie wirklich aus Leidenschaft betrieb. Im Juli 1933 gestand er seiner Schwester: »Alle meine politischen Sachen haben mir keinen Spaß gemacht. Das Philosophische, das ist mein Feld.«


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