Sezession
8. Mai 2011

Philosophie schlägt Politik – Über den mißachteten Spengler

Gastbeitrag

Als Geistesaristokrat verabscheute Spengler natürlich sämtliche Nivellierungsbestrebungen; echte Tagespolitik aber lag ihm fern. Denn er interessierte sich kaum für seine Mitmenschen. Auch wenn Spengler die Politik genauer wahrnahm als die Kunst, Philosophie oder Literatur, blieb ihm die Gegenwart doch fremd. »Meine Zeit ist das Rokoko; da bin ich zuhause.« Er schätze ein paar Gelehrte, vor allem Althistoriker wie Hans Erich Stier oder Franz Altheim, bewunderte aber nur einen einzigen Zeitgenossen wirklich: Eduard Meyer. Als dieser 1930 starb, fühlte sich Spengler mehr denn je allein unter lauter »Larven«.

Daher überrascht es nicht, daß Spengler nie Kontakt zu den großen politischen Denkern oder Staatsrechtlern seiner Zeit, wie etwa zu Carl Schmitt, oder auch nur zu irgendeiner anderen Persönlichkeit aus dem Umfeld der »Konservativen Revolution« suchte. Zwar traf er in Berlin einmal auf Moeller van den Bruck, mit dem es zu einer längeren Diskussion gekommen sein soll, auch Edgar Julius Jung suchte Kontakt, aber so gut wie nie ging der Impuls von Spengler aus. Allein Ernst Jünger gegenüber wurde er selber initiativ, wünschte bei Gelegenheit ein Gespräch. Doch die vereinzelten, kurzen Briefe zeigen, wie verschieden man dachte.

Dennoch überlagert bis heute der politische Schriftsteller den Philosophen, da sogar der Untergang des Abendlandes zum politischen Schlagwort wurde. Das hatte zur Folge, daß der umfangreiche Nachlaß Spenglers, aus dem vor allem der Psychologe, Metaphysiker, Paläontologe und Anthropologe spricht, fast gänzlich unbeachtet blieb. Dabei enthalten die beiden von Koktanek 1965/1966 sorgfältig herausgegebenen Werke Urfragen und Frühzeit der Weltgeschichte das philosophische Vermächtnis Spenglers und die Grundlagen zu seinem eigentlichen Haupt- und Lebenswerk, das nicht mehr zustande kam. Spengler allein nach seinen politischen Schriften (oder den darin enthaltenen Apercus bzw. polemischen Kraftausdrücken) und dem bis heute notorisch mißverstandenen Schlagwort vom Untergang des Abendlandes zu beurteilen, heißt, ihn auf Unfertiges, Unreifes, ja sogar auf Nebensächliches zu reduzieren. Denn der sich entwickelnde, an sich wachsende, noch einmal deutlich tiefer schürfende Kulturphilosoph von erstaunlicher Originalität und geistiger Eigenständigkeit zeigt sich in den Nachlaßbänden, in denen manche frühere Aussagen revidiert werden. So nahm Spengler bereits Ende der 1920er Jahre Abstand von den Begriffen und den damit einhergehenden Auffassungen der »Kulturmorphologie« und »Kulturkreislehre«, denen er einstmals in Übereinstimmung mit Leo Frobenius anhing. Am 5. April 1936 schrieb er an Spranger: »Ich habe mein Buch eine Morphologie der Weltgeschichte genannt, weil es mir auf lebendige Abläufe und nicht auf Schichten zufällig erhaltener Dinge ankommt. Kultur ist für mich eine innere Form geschichtlichen Werdens und nicht eine Summe von ähnlichen Gegenständen. Wenn man das biologisch nennt, so gilt das doch auch von der Anschauung Goethes. Es ist aber nicht die materialistische Biologie des Zeitalters Darwins, von der die Kulturkreislehre ursprünglich ausgegangen ist, sondern eine Metaphysik des Lebens, die der materiellen Außenseite sehr skeptisch gegenübersteht.«

Konsequenterweise läßt er auch seine Theorie von den Kulturen als »fensterlose Monaden« fallen und betont stattdessen den Prozeß des Werdens im Zufälligen, das »Seelische« geschichtlicher Vorgänge. Koktanek: »Innerhalb der Wissenschaft wirkt Spengler aber nicht nur als poetischer Gegentyp herausfordernd. Er liebt es zu widersprechen. Bewundernswert ist seine Kraft, nachdenklich zu machen. Er fordert auf, scheinbar Festes, weil Überliefertes zu überprüfen, Augen und Ohren zu gebrauchen.«


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