Sezession
28. April 2011

Intellektueller Verrat

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 41 / April 2011

von Karlheinz Weißmann

Wenn man die Entwicklung der Kontroverse über Recht oder Unrecht der Islamkritik auf ihren Kern prüft, findet man wenig Substanz. Der Erfolg von Patrick Bahners Buch Die Panikmacher spricht nicht dagegen, eher dafür. Was bleibt, ist der erstaunliche Sachverhalt, daß der Feuilletonchef der einflußreichsten bürgerlichen Zeitung ein ausgesprochen konventionelles Weltbild hat und sich seine politischen Urteile – abgesehen vom grundsätzlichen Wohlwollen für die Religion – im Bereich des linksliberalen mainstream bewegen.

Bahners pflegt zwar eine kritische Attitüde angesichts der »homogenisierten nationalen Öffentlichkeit« und dem Popularitätsdiktat des Fernsehens, kultiviert weiter seine Neigung zum Verqueren und Gesuchten in der Argumentation, aber trotzdem ist das, was er vorträgt, stereotyp: erwartbar, politisch-korrekt, darauf aus, zu gefallen, nicht jedermann, gerade nicht dem Abonnenten seines Blattes, aber seiner peer group. Das heißt er folgt dem Bedürfnis des Intellektuellen nach Anerkennung durch seinesgleichen.

Besonders deutlich wird das an dem Interview, das Bahners Mitte Februar der Zeit gegeben hat. Angesprochen auf seine Kontrahenten – insbesondere Thilo Sarrazin –, äußerte er da, daß es heute »tatsächlich seriöse Anschlussmöglichkeiten für einen nationalistischen Diskurs« gebe, und: »… was man in den neunziger Jahren ›Extremismus der Mitte‹ nannte, das beschreibt die bürgerliche Begeisterung für Sarrazin sehr genau. Zwar gab es damals Ausländerfeindlichkeit – mit vielen Todesopfern –, aber es fehlte die intellektuelle Anschlussfähigkeit. Das ist heute anders. Es gibt wieder ein starkes Interesse an ›Wir-hier-die-da-Unterscheidungen‹. Wir Deutschen hier, die Fremden da.«

Bahners deutet die aktuelle Auseinandersetzung über Islam und Integrationsfehlschlag als Etappe im ewigen Kampf zwischen Aufklärung und Obskurantismus, meint, daß gegen die Dunkelmänner und -frauen die Vernunft zu Gehör gebracht werden muß, Humanität gegen Vorurteil, Wohlwollen gegen Angst, Besonnenheit gegen »Panikmache«. Bemerkenswert daran ist eigentlich nur der Hinweis auf die innere Heterogenität und Geschlossenheit der Phalanx der Islamkritiker. Tatsächlich muß man die Frage stellen, was ein Arnulf Baring mit Alice Schwarzer zu tun hat, was ein Udo Ulfkotte mit Henryk M. Broder, was eine Necla Kelek mit Peter Sloterdijk?

Zwar gibt es je individuelle Motive, von später Einsicht bis zu persönlicher Betroffenheit, aber wichtiger als das ist die Tatsache, daß eine jener Generaldebatten stattfindet, die immer auch dazu führen, daß die Grenzen der Meinungslager in Auflösung geraten, alte Loyalitäten zerfallen und sich neue Allianzen bilden. Heute führt das dazu, daß linke Feministinnen mit Bürgerlichen, rechte Sozialdemokraten mit politischen Freischärlern, Christen mit säkularen Juden und Moslems eine Front bilden, weil sie einen gemeinsamen Feind sehen – in diesem Fall den Islamismus, oder eigentlich schon: den Islam, der ein politisches Mitspracherecht verlangt.
Das klassische Modell einer solchen Umgruppierung war die Dreyfus-Affäre im Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts. Dabei ging es nur oberflächlich um die Schuld eines Offiziers jüdischer Herkunft, im Grunde um die Frage, ob diejenigen siegen würden, die sich als Anti­patrioten, Universalisten und Republikaner betrachteten, oder diejenigen, die sich als Patrioten, Identitäre und Franzosen verstanden. Die Tatsache, daß in den Reihen der zweiten – vereinfacht: der rechten – Partei viele französische Intellektuelle versammelt waren, hat in der ersten – vereinfacht: der linken – für große Unruhe gesorgt. Denn solange man hoffen konnte, es nur mit einer ignoranten Masse zu tun zu haben, durfte man sich seiner Sache sicher sein. Unter den gegebenen Umständen aber stand man vor dem Dilemma, daß die Rationalität und die europäische Geistestradition, sogar die Berufung auf Revolution und Nation auch von der Gegenseite in Anspruch genommen werden konnte.
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