Gerhard Nebels Kriegstagebücher 1942–1945

pdf der Druckfassung aus Sezession 41 / April 2011

Gerhard Nebel:
Zwischen den Fronten. Kriegstagebücher 1942–1945, Wiederentdeckt, ausgewählt und mit einem Nachwort von Michael Zeller, Berlin: wjs Verlag. 282 S., 24.90 €.

In beiden Weltkriegen wurde fleißig Tagebuch geschrieben. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich Ernst Jünger, der aus seinen Tagebüchern des ersten Krieges die Stahlgewitter komponierte. In Jüngers Notizen aus dem zweiten Krieg, den

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Strah­lun­gen, kommt auch der Alt­phi­lo­lo­ge und Phi­lo­soph Ger­hard Nebel (1903–1974) vor, der seit 1938 mit Jün­ger in Kon­takt stand und die­sem ein Jahr spä­ter sei­ne ers­te grö­ße­re Publi­ka­ti­on wid­me­te. Damit hat­te Nebel, was damals noch nicht abzu­se­hen war, sein Schick­sal mit dem Jün­gers ver­knüpft, mit der Fol­ge, daß Nebel nie als eigen­stän­di­ger Den­ker wahr­ge­nom­men wur­de. Man erin­nert sich sei­ner, von weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen, als Jün­ger-Adept. Daß man jeman­den ver­eh­ren und doch eine ganz eige­ne Sicht auf die Din­ge ent­wi­ckeln kann, bele­gen dage­gen die Kriegs­ta­ge­bü­cher Nebels, die in der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit vie­le posi­ti­ve Reak­tio­nen her­vor­rie­fen. Nebel gehör­te einem der soge­nann­ten »wei­ßen Jahr­gän­ge« an, muß­te als jun­ger Mann kei­nen Wehr­dienst leis­ten und kam so erst mit Ende Drei­ßig mit dem Mili­tär in Berüh­rung. Als Dol­met­scher wur­de er nach Paris ver­setzt (wo er Jün­ger begeg­ne­te), wur­de für eini­ge regime­kri­ti­sche Äuße­run­gen denun­ziert und auf die Kanal­in­seln zu einem Bau­ba­tail­lon ver­setzt und lan­de­te schließ­lich als Dol­met­scher in Ita­li­en. Sein Tage­buch ist daher aus der Sicht eines »Etap­pen­hengs­tes« geschrie­ben, der die mili­tä­ri­schen Struk­tu­ren und ins­be­son­de­re sei­ne Vor­ge­setz­ten ver­ach­tet. Vor dem Dienst ver­sucht er sich zu drü­cken, wo sich die Gele­gen­heit bie­tet und lei­det unter dem Stumpf­sinn der täg­li­chen Rou­ti­ne. Die Situa­ti­on, in der er sich als frei­heits­lie­ben­der Deut­scher sieht, ist eine tra­gi­sche. Er kann als Deut­scher nicht in den alli­ier­ten Deut­schen­haß ein­stim­men, gleich­zei­tig aber wünscht er sich die Nie­der­la­ge, weil es kei­ne ande­re Mög­lich­keit gibt, Hit­ler los zu wer­den. Der letz­te Band, des zwi­schen 1947 und 1950 in drei Bän­den publi­zier­ten Tage­buchs, deu­tet die­se miß­li­che Lage im Titel an: Unter Par­ti­sa­nen und Kreuz­fah­rern wird Nebel Zeu­ge des Weltbürgerkriegs.

Der Her­aus­ge­ber der vor­lie­gen­den Aus­ga­be hat aus den über tau­send Druck­sei­ten der Ori­gi­nal­aus­ga­ben weni­ger als ein Drit­tel aus­ge­wählt. Das war einer­seits not­wen­dig, um Nebels Tage­bü­chern über­haupt die Chan­ce zu geben, gele­sen zu wer­den. Ande­rer­seits strahlt die Aus­wahl eine Sou­ve­rä­ni­tät und Strin­genz aus, die ursprüng­lich nicht vor­han­den war. Nebels Ver­eh­rung für Jün­ger war maß­los, und Nebels Schick­sal als ewi­ger Adept wird unver­ständ­lich, wenn man einen so bekann­ten Satz wie dem vom 24.11.1943 streicht: »Ernst Jün­gers Lie­be zu Frank­reich, viel­leicht das wich­tigs­te Ereig­nis und der eigent­li­che Sinn der deut­schen Inva­si­on in Frankreich.«

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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