Sezession
23. Mai 2012

Gerhard Nebels Kriegstagebücher 1942-1945

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 41 / April 2011

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Gerhard Nebel:
Zwischen den Fronten. Kriegstagebücher 1942–1945, Wiederentdeckt, ausgewählt und mit einem Nachwort von Michael Zeller, Berlin: wjs Verlag. 282 S., 24.90 €.

In beiden Weltkriegen wurde fleißig Tagebuch geschrieben. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich Ernst Jünger, der aus seinen Tagebüchern des ersten Krieges die Stahlgewitter komponierte. In Jüngers Notizen aus dem zweiten Krieg, den Strahlungen, kommt auch der Altphilologe und Philosoph Gerhard Nebel (1903–1974) vor, der seit 1938 mit Jünger in Kontakt stand und diesem ein Jahr später seine erste größere Publikation widmete. Damit hatte Nebel, was damals noch nicht abzusehen war, sein Schicksal mit dem Jüngers verknüpft, mit der Folge, daß Nebel nie als eigenständiger Denker wahrgenommen wurde. Man erinnert sich seiner, von wenigen Ausnahmen abgesehen, als Jünger-Adept. Daß man jemanden verehren und doch eine ganz eigene Sicht auf die Dinge entwickeln kann, belegen dagegen die Kriegstagebücher Nebels, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit viele positive Reaktionen hervorriefen. Nebel gehörte einem der sogenannten »weißen Jahrgänge« an, mußte als junger Mann keinen Wehrdienst leisten und kam so erst mit Ende Dreißig mit dem Militär in Berührung. Als Dolmetscher wurde er nach Paris versetzt (wo er Jünger begegnete), wurde für einige regimekritische Äußerungen denunziert und auf die Kanalinseln zu einem Baubataillon versetzt und landete schließlich als Dolmetscher in Italien. Sein Tagebuch ist daher aus der Sicht eines »Etappenhengstes« geschrieben, der die militärischen Strukturen und insbesondere seine Vorgesetzten verachtet. Vor dem Dienst versucht er sich zu drücken, wo sich die Gelegenheit bietet und leidet unter dem Stumpfsinn der täglichen Routine. Die Situation, in der er sich als freiheitsliebender Deutscher sieht, ist eine tragische. Er kann als Deutscher nicht in den alliierten Deutschenhaß einstimmen, gleichzeitig aber wünscht er sich die Niederlage, weil es keine andere Möglichkeit gibt, Hitler los zu werden. Der letzte Band, des zwischen 1947 und 1950 in drei Bänden publizierten Tagebuchs, deutet diese mißliche Lage im Titel an: Unter Partisanen und Kreuzfahrern wird Nebel Zeuge des Weltbürgerkriegs.

Der Herausgeber der vorliegenden Ausgabe hat aus den über tausend Druckseiten der Originalausgaben weniger als ein Drittel ausgewählt. Das war einerseits notwendig, um Nebels Tagebüchern überhaupt die Chance zu geben, gelesen zu werden. Andererseits strahlt die Auswahl eine Souveränität und Stringenz aus, die ursprünglich nicht vorhanden war. Nebels Verehrung für Jünger war maßlos, und Nebels Schicksal als ewiger Adept wird unverständlich, wenn man einen so bekannten Satz wie dem vom 24.11.1943 streicht: »Ernst Jüngers Liebe zu Frankreich, vielleicht das wichtigste Ereignis und der eigentliche Sinn der deutschen Invasion in Frankreich.«


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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