Sezession
3. Mai 2011

Der sympathische Anarchist Max L. und das allseitig wirksame Entertainment

Gastbeitrag

von Martin Böcker

Wie waren die Walpurgisnacht und der 1. Mai in diesem Jahr? Friedlich wie seit langem nicht, ruhiger als erwartet. Der taz war es gar zu ruhig. Und Berlins Innensenator Ehrhart Körting ist zufrieden. Wie schön.  Ein klitzekleines bißchen Ärger gab es aber doch: Wir dürfen vermuten, daß wir das relativ ruhige Wochenende nicht nur den friedliebenden Demonstranten, sondern auch dem massiven Polizeiaufgebot zu verdanken haben.

Der 1. Mai sollte „repolitisiert“ werden, jedenfalls hatten die Veranstalter sich das gewünscht, Schwerpunktthema: Gentrifizierung. Im Gespräch mit der taz vermutet der „Bewegungsforscher“ Dieter Rucht eine Mischung aus „Mobilisierungskniff“ und „ehrlichem Anliegen“ hinter dieser „Repolitisierung“. Das kleine Fragezeichen: Warum bewaffnen die Demonstranten sich mit Knüppeln, schmeißen Scheiben ein und prügeln sich mit dem wahrscheinlich einzig greifbaren Gegner, der Polizei? Rucht vermutet ein Gemisch aus politischen Motiven und Männlichkeitsriten. Ja?! Dann stochern wir mal im Dunkeln und beginnen zu fantasieren.

Am 29. April des vergangenen Jahres fand die Bild in ihrer Druckausgabe die herrliche Wendung der bewaffneten "Chaoten-Armee": Gaspistole, Machete, Zwille, Baseball-Schläger, Pflasterstein und Eisenrohr. Auf einem Gruppenbild  posieren etwa 30 Mann, alle in schwarz, Antifa-Flaggen, einer trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Die Yuppie-Scum“. Die martialisch anmutenden Herren sind also nicht nur gegen Faschismus, sondern auch noch gegen die Gentrifizierung ihres geliebten Viertels - jedenfalls schmücken sie sich mit dieser Attitude.

Wir dürfen somit annehmen, daß die „Chaoten-Armee“ sich vornehmlich aus jungen Männern rekrutiert. Sicher sind da ein paar sensation-seeker und Mitläufer bei. Aber es müssen doch wenigstens ein paar Landser, Portepees und Generale in der „Chaoten-Armee“ dienen, die nur das Beste wollen. Ein paar Engagierte, die ihren Kampf quasi als Opfer für etwas Größeres verstehen, etwa für den Endsieg der autonomen Selbstverwaltung.

Da wäre zum Beispiel der fiktive Anarchist Max L., 22 Jahre jung. Aufgewachsen in der Kleinstadt, zog es den Gerechtigkeitsfanatiker nach Berlin. Dort ist er Studierender der Stadtsoziologie und ärgert sich über die Touristen in seinem Kiez - immerhin lebt er schon im dritten Semester hier. Nach intensiver Lektüre von Andrej Holm, Neil Smith, Herbert Marcuse und Henri Lefèbvre ist ihm „Der kommende Aufstand“ zwischen die Finger geraten. Seitdem ist er einfach nur noch wütend und voller Hoffnung, daß er tatsächlich etwas ändern kann. Außerdem ist da diese Mieze, die das Eigenlogik-Seminar wiederholen mußte, die mit dem Kapuzenpulli und dem tollen Hintern (völlig unsexistisch natürlich). Die findet es nämlich klasse, wenn er über Neoliberale motzt und Gegenwehr ankündigt.

Als ihm bewußt wird, daß nicht nur Menschen seines Schlages sein Viertel hip finden, lernt dieser gar nicht unsympathische Kerl den yuppie-scum zu verachten. Diese fertig studierten Juristen und Werbetexter treiben die Mietpreise nach oben. An denen liegt es nämlich, daß er selbst die Miete nur mit Hilfe seiner Eltern (leitende Angestellte) aufbringen kann. An denen und dem Staat natürlich. Der will mit Wohnungsbaugrogrammen die volkswirtschaftlich uninteressanten und in kaufmännischer Hinsicht störenden Armen aus dem Viertel vertreiben. Das ist subtile Gewalt! Und diese Galeristen, Yuppies und Sonstewelche machen mit. Ob freiwillig oder unfreiwillig ist egal, sie machen mit. Angesichts der Konsumgeilheit und des Lebensstils dieser Leute, hält Max L. es monatelang für kreativ, während WG-Partys oder in Blog-Artikeln witzige Anspielungen auf Bionade-Trinker, Latte Macchiato-Mütter und 1000 Euro teure Kinderwagen zu machen. Er selbst trinkt natürlich nur Astra, man gewöhnt sich an den Geschmack.

Fakt ist: Er befindet sich mit seiner Crew in der Position der Unterdrückten, Stadtteilarbeit dient letztlich nur dazu, die „allseitige und wirksame Verwaltung“ (Marcuse) noch totaler zu machen. Was bleibt? Das Naturrecht auf Widerstand. Wenn man das alles zu Ende gedacht hat, dann geht’s nur noch Zackzackzack: „Anarchie gegen Rechts Kreuzberg-Ost, Gruppe Süd e.V.“ angemeldet, zack! Schnell Accounts bei Blogsport und Twitter angelegt, zack! Yuppie-Scum-Shirt im Onlineshop bestellt, zack! Schwarze Brille, schwarze Basecap, zackzackzack! Landser Max L. meldet sich zum Dienst in der „Chaoten-Armee“. Er ist fest entschlossen, einen Polizeibeamten… Verzeihung… einen Bullen zu schubsen und eine Magnesiumfackel in den Strahl des Wasserwerfers zu halten.

Nun soll seine Empörung gar nicht so sehr ins Lächerliche gezogen werden, ebenso wenig wie das Phänomen der Gentrifizierung. Eine Einstellung à la „Irgendetwas müssen wir doch unternehmen!“ ist halt nicht die schlechteste. So ein Gutmeinender wäre lernfähig, würde zu Ende studieren und sich irgendwann mal entscheiden. Für den Staat: Willkommen im Räderwerk. Gegen den Staat: Auch ok, auf gute Feindschaft. Jedenfalls wäre er dann nicht mehr einer dieser lächerlichen Rekruten der „Chaoten-Armee“, die sich - im Glauben, etwas Mutiges zu unternehmen - an diesem Entertainment der Maikrawalle beteiligen. Wenn die RTL2-News wieder eine brennende Mülltonne zeigen, und wir uns vorm Fernseher gruseln, dann wird Max L. an die allseitig wirksame Verwaltung denken, die seinen Steinwurf provoziert hatte. Vielleicht kommt er im selben Gedankengang auch auf das allseitig wirksame Entertainment, dessen Protagonisten er und seine Kameraden mit großem Eifer waren.

Test


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