Sezession
20. Mai 2011

Präventivkrieg im besetzten Gelände

Martin Lichtmesz

Es ist schon erstaunlich, wie hartnäckig sich blinde Flecken halten können, wenn nur entsprechend heftige Affekte im Spiel sind. An ihnen trotz aller Gegenevidenz festzuhalten, führt nur noch tiefer in intellektuelle Unredlichkeit und geradezu bösartige Verlogenheit.  Das zeigt sich sehr schön an dem jüngsten Tomatenwurf von Sven Kellerhof in Richtung Stefan Scheil apropos "Präventivkriegsthese".

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wenn Kellerhof etwa behauptet, Scheil benutze "abstruse Argumentationsketten", um "Hitlers Willen zum Krieg kleinzureden", dann ist das gleich zweifach gelogen. Man kann sich in Scheils knapper Darstellung  "Präventivkrieg Barbarossa" (Edition Antaios) davon überzeugen, daß seine Argumentationsketten alles andere als "abstrus", sondern von abgewogener Stringenz und Schlüssigkeit sind. Ebenso, daß er keineswegs "Hitlers Willen zum Krieg kleinredet", sondern versucht, das politische und strategische Kalkül zu verstehen, das eine kriegswillige Macht zu ihren Entscheidungen bewegt.

Die Präventivkriegsthematik gehört inzwischen zu jener Sorte blinder Flecken, deren Bestreitung schon ans Für-Dumm-Verkaufen grenzt.  Das wird selbst dem interessierten Laien rasch auffallen.  Allein der Stacheldrahtverhau aus gestanzten DDR-artigen Phrasen, der das Thema umwuchert, ist verdächtig genug. Es ist immer noch allein die Präventivkriegsthese, die als "umstritten" tituliert wird, implizierend daß die Überfallsthese "unumstritten" sei, was angesichts der Fülle an Gegenliteratur nicht zutrifft.  Die Bundeszentrale für politische Bildung handelt "die Stichworte Barbarossa und Präventivkrieg unter der Rubrik 'rechtsextreme Vorurteile' ab, verbunden mit der Nennung eines einzigen Autors und der wahrheitswidrigen Behauptung, diese Deutung sei erst nach 1945 unter dem Eindruck der Niederlage zum Zweck der Rechtfertigung entstanden" (Scheil).

Tatsächlich gibt es keine dokumentierten internen Äußerungen "des Angreifers aus der Zeit nach dem Angriff, wonach die Präventivkriegsbegründung nur ein propagandistischer Vorwand gewesen sei."  Dieser Umstand führt dann etwa auf Wikipedia zu Stilblüten wie:

Die NS-Propaganda hielt die Präventivkriegsthese intern wie extern bis zum Kriegsende aufrecht. So notierte Goebbels am 3. Juli 1941 in sein Tagebuch: „Moskaus Angriffsabsicht steht jetzt außer Zweifel. Der Führer hat im letzten Augenblick gehandelt.“

Goebbels, Göring und Hitler waren Anhänger der "Präventivkriegsthese"! Vermutlich ist sie schon allein dadurch widerlegt... (Der umfangreiche WP-Artikel, wie bei dergleichen Themen üblich alles andere als  "neutral" gehalten, ist übrigens in die Liste der "exzellenten Artikel" aufgenommen worden.)

Daß sich das Bild vom deutsch-sowjetischen Krieg als "Überfall" durchgesetzt hat, hat auch damit zu tun, daß die Gegenbilder fehlen bzw. systematisch abgedrängt wurden, wozu eben auch die Arbeit der Historiker zählt, die zu gegenläufigen Ergebnissen kamen. Das berührt eine Problematik, der ich mich in meinem Kaplaken-Band "Besetztes Gelände" angenommen habe, in der ich die Frage nach dem unterdrückten, unsichtbaren, verhinderten Film über den Zweiten Weltkrieg stelle, vor allem seine deutsche Perspektive.

Scheil erwähnt in "Präventivkrieg Barbarossa" einen sowjetischen Propagandafilm mit dem Titel "Der Krieg von Morgen", der 1938 im Rahmen eines großen Truppenmanövers der Roten Armee gedreht wurde. Darin wird der ganze spätere Verlauf des Krieges von 1941 (selbsterfüllend?) prophetisch vorweggenommen: deutsche Truppen fallen in Rußland ein, plündern, brandschatzen und versklaven, und werden nach anfänglichen Siegen schließlich zurückgetrieben. Die Rote Armee erreicht Königsberg, und erobert Deutschland als Befreier, bejubelt vom Volk. Das Lied, das dem Film dem Titel gab, hat den Refrain: "Wenn morgen der Krieg kommt, laßt uns bereit für den Kreuzzug sein."

(Einen Ausschnitt kann man hier sehen. Der Dialog am Anfang ist in einem recht waghalsigen "Deutsch" gehalten: "Zum Teufel", ruft ein "preußisch" aussehender Militär angesichts einer gewaltigen sowjetischen Fliegerflotte am Himmel. "Wie viele werden da noch kommen??" "Soviel wir brauchen," antwortet ein triumphierend grinsender Rotarmist. "Wir haben solcher Tausende!").

Als Erzählmuster ist das insofern aufschlußreich, als mit der Propagierung eines nackten Angriffs- und Eroberungskrieges natürlich keine Sympathien in der Masse der Zuschauer zu gewinnen sind. Unsere gefühlsmäßigen Sympathien werden immer bei den Verteidigern, den Widerständigen und den Besetzten sein. Deswegen haben die Russen mit dem "Vaterländischen Krieg" einfach die bessere "Story" und deswegen hatte eine sympathisierende Schilderung der deutschen Perspektive des Zweiten Weltkriegs immer schon einen schweren Stand, nicht nur, was Rußland betrifft. Erschwerend kam hier die Generalklausel der "Alleinkriegschuld" hinzu. Wer den Krieg "angefangen" hatte, hatte alle weiteren Konsequenzen selbst zu tragen, womit auch alle Verbrechen und Maßnahmen der Sieger entschuldigt waren.

Nicht nur der Umstand, daß Deutschland in der Sowjetunion die fremde Angreifer- und Besatzungsmacht war, machte es unmöglich für Goebbels, einen propagandistischen Kriegsfilm über die Ostfront zu produzieren.  Zu schnell hatte sich das Geschick gewendet, und der Großteil des Krieges gegen die Sowjetunion wurde als Rückzugsgefecht ausgetragen. So gab es unter Goebbels überhaupt nur in der Frühphase des Weltkrieges, bis etwa 1941, eigentliche Kriegsspielfilme, mit Polen und der Westfront als Schauplätzen und mit Vorliebe im Milieu der Luftwaffe oder der Marine.  Ein halbwegs realistischer, dabei den Kampfesmut stärkender Film über die aktuelle, sich ständig zu Ungunsten Deutschlands ändernde Kriegslage wurde zum Ding der Unmöglichkeit. Man griff auf historische Analogien zurück, wie in Harlans "Der große König" (1942) und vor allem "Kolberg" (1943-45).

Mit "Kolberg" und der seit Herbst 1944 endgültig ins Gegenteil verkehrten Lage hatte Goebbels endlich seinen Stoff vom großen heroischen Volksaufstand gegen einen übermächtigen feindlichen Invasor,  dieses Ur-Motiv nationaler Mythen und "Schlachtengemälde". Es war der Stoff, aus dem die große, über ein Jahrhundert wirksame Erzählung von den preußischen Befreiungskriegen gemacht war, und auf genau diese rekurrierte Goebbels nun. Der Film war in seinem agfacolor-bunten historischen Kostüm allerdings viel zu weit von der Wirklichkeit entfernt, seine Botschaft zu autohypnotisch erzwungen, um überzeugend und wirksam zu sein. Zudem hatte "Kolberg" einen verlorenen Krieg zum Sujet gewählt, und die Aussicht auf einen Sieg, der vielleicht eines Tages doch noch käme, konnte er nur noch konjunktivisch formulieren.

Gänzlich anders sah es in der Sowjetunion aus.  Dort entwarf die Propagandamaschinerie auf allen nur möglichen Ebenen ein gewaltiges, episches Bild vom "Vaterländischen Krieg", das eine nicht zu unterschätzende Wirkung hatte, die in Rußland bis heute andauert. Hier entstand in Kunstwerken, Filmen, Literatur und Musik genau jenes große mythische Bild, von dem Goebbels so sehr träumte, und das er doch nur ansatzweise hatte verwirklichen können. Bertolt Brecht schrieb davon hingerissen in seiner "Kriegsfibel", in stalinistischer Blut-und-Boden-Manier und monumentalen, in Marmor gemeißelten Großbuchstaben:

DOCH ALS WIR VOR DAS ROTE MOSKAU KAMEN/STAND VOR UNS VOLK VON ACKER UND BETRIEB/UND ES BESIEGTE UNS IN ALLER VÖLKER NAMEN/AUCH JENES VOLKS, DAS SICH DAS DEUTSCHE SCHRIEB.

 

Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.