Präventivkrieg im besetzten Gelände

Es ist schon erstaunlich, wie hartnäckig sich blinde Flecken halten können, wenn nur entsprechend heftige Affekte im Spiel sind.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

An ihnen trotz aller Gege­nevi­denz fest­zu­hal­ten, führt nur noch tie­fer in intel­lek­tu­el­le Unred­lich­keit und gera­de­zu bös­ar­ti­ge Ver­lo­gen­heit.  Das zeigt sich sehr schön an dem jüngs­ten Toma­ten­wurf von Sven Kel­ler­hof in Rich­tung Ste­fan Scheil apro­pos “Prä­ven­tiv­kriegs­the­se”.

Wenn Kel­ler­hof etwa behaup­tet, Scheil benut­ze “abstru­se Argu­men­ta­ti­ons­ket­ten”, um “Hit­lers Wil­len zum Krieg klein­zu­re­den”, dann ist das gleich zwei­fach gelo­gen. Man kann sich in Scheils knap­per Dar­stel­lung  “Prä­ven­tiv­krieg Bar­ba­ros­sa” (Edi­ti­on Antai­os) davon über­zeu­gen, daß sei­ne Argu­men­ta­ti­ons­ket­ten alles ande­re als “abstrus”, son­dern von abge­wo­ge­ner Strin­genz und Schlüs­sig­keit sind. Eben­so, daß er kei­nes­wegs “Hit­lers Wil­len zum Krieg klein­re­det”, son­dern ver­sucht, das poli­ti­sche und stra­te­gi­sche Kal­kül zu ver­ste­hen, das eine kriegs­wil­li­ge Macht zu ihren Ent­schei­dun­gen bewegt.

Die Prä­ven­tiv­kriegs­the­ma­tik gehört inzwi­schen zu jener Sor­te blin­der Fle­cken, deren Bestrei­tung schon ans Für-Dumm-Ver­kau­fen grenzt.  Das wird selbst dem inter­es­sier­ten Lai­en rasch auf­fal­len.  Allein der Sta­chel­draht­ver­hau aus gestanz­ten DDR-arti­gen Phra­sen, der das The­ma umwu­chert, ist ver­däch­tig genug. Es ist immer noch allein die Prä­ven­tiv­kriegs­the­se, die als “umstrit­ten” titu­liert wird, impli­zie­rend daß die Über­falls­the­se “unum­strit­ten” sei, was ange­sichts der Fül­le an Gegen­li­te­ra­tur nicht zutrifft.  Die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung han­delt “die Stich­wor­te Bar­ba­ros­sa und Prä­ven­tiv­krieg unter der Rubrik ‘rechts­ex­tre­me Vor­ur­tei­le’ ab, ver­bun­den mit der Nen­nung eines ein­zi­gen Autors und der wahr­heits­wid­ri­gen Behaup­tung, die­se Deu­tung sei erst nach 1945 unter dem Ein­druck der Nie­der­la­ge zum Zweck der Recht­fer­ti­gung ent­stan­den” (Scheil).

Tat­säch­lich gibt es kei­ne doku­men­tier­ten inter­nen Äuße­run­gen “des Angrei­fers aus der Zeit nach dem Angriff, wonach die Prä­ven­tiv­kriegs­be­grün­dung nur ein pro­pa­gan­dis­ti­scher Vor­wand gewe­sen sei.”  Die­ser Umstand führt dann etwa auf Wiki­pe­dia zu Stil­blü­ten wie:

Die NS-Pro­pa­gan­da hielt die Prä­ven­tiv­kriegs­the­se intern wie extern bis zum Kriegs­en­de auf­recht. So notier­te Goe­b­bels am 3. Juli 1941 in sein Tage­buch: „Mos­kaus Angriffs­ab­sicht steht jetzt außer Zwei­fel. Der Füh­rer hat im letz­ten Augen­blick gehandelt.“

Goe­b­bels, Göring und Hit­ler waren Anhän­ger der “Prä­ven­tiv­kriegs­the­se”! Ver­mut­lich ist sie schon allein dadurch wider­legt… (Der umfang­rei­che WP-Arti­kel, wie bei der­glei­chen The­men üblich alles ande­re als  “neu­tral” gehal­ten, ist übri­gens in die Lis­te der “exzel­len­ten Arti­kel” auf­ge­nom­men worden.)

Daß sich das Bild vom deutsch-sowje­ti­schen Krieg als “Über­fall” durch­ge­setzt hat, hat auch damit zu tun, daß die Gegen­bil­der feh­len bzw. sys­te­ma­tisch abge­drängt wur­den, wozu eben auch die Arbeit der His­to­ri­ker zählt, die zu gegen­läu­fi­gen Ergeb­nis­sen kamen. Das berührt eine Pro­ble­ma­tik, der ich mich in mei­nem Kapla­ken-Band “Besetz­tes Gelän­de” ange­nom­men habe, in der ich die Fra­ge nach dem unter­drück­ten, unsicht­ba­ren, ver­hin­der­ten Film über den Zwei­ten Welt­krieg stel­le, vor allem sei­ne deut­sche Perspektive.

Scheil erwähnt in “Prä­ven­tiv­krieg Bar­ba­ros­sa” einen sowje­ti­schen Pro­pa­gan­da­film mit dem Titel “Der Krieg von Mor­gen”, der 1938 im Rah­men eines gro­ßen Trup­pen­ma­nö­vers der Roten Armee gedreht wur­de. Dar­in wird der gan­ze spä­te­re Ver­lauf des Krie­ges von 1941 (selbst­er­fül­lend?) pro­phe­tisch vor­weg­ge­nom­men: deut­sche Trup­pen fal­len in Ruß­land ein, plün­dern, brand­schat­zen und ver­skla­ven, und wer­den nach anfäng­li­chen Sie­gen schließ­lich zurück­ge­trie­ben. Die Rote Armee erreicht Königs­berg, und erobert Deutsch­land als Befrei­er, beju­belt vom Volk. Das Lied, das dem Film dem Titel gab, hat den Refrain: “Wenn mor­gen der Krieg kommt, laßt uns bereit für den Kreuz­zug sein.”

(Einen Aus­schnitt kann man hier sehen. Der Dia­log am Anfang ist in einem recht wag­hal­si­gen “Deutsch” gehal­ten: “Zum Teu­fel”, ruft ein “preu­ßisch” aus­se­hen­der Mili­tär ange­sichts einer gewal­ti­gen sowje­ti­schen Flie­ger­flot­te am Him­mel. “Wie vie­le wer­den da noch kom­men??” “Soviel wir brau­chen,” ant­wor­tet ein tri­um­phie­rend grin­sen­der Rot­ar­mist. “Wir haben sol­cher Tausende!”).

Als Erzähl­mus­ter ist das inso­fern auf­schluß­reich, als mit der Pro­pa­gie­rung eines nack­ten Angriffs- und Erobe­rungs­krie­ges natür­lich kei­ne Sym­pa­thien in der Mas­se der Zuschau­er zu gewin­nen sind. Unse­re gefühls­mä­ßi­gen Sym­pa­thien wer­den immer bei den Ver­tei­di­gern, den Wider­stän­di­gen und den Besetz­ten sein. Des­we­gen haben die Rus­sen mit dem “Vater­län­di­schen Krieg” ein­fach die bes­se­re “Sto­ry” und des­we­gen hat­te eine sym­pa­thi­sie­ren­de Schil­de­rung der deut­schen Per­spek­ti­ve des Zwei­ten Welt­kriegs immer schon einen schwe­ren Stand, nicht nur, was Ruß­land betrifft. Erschwe­rend kam hier die Gene­ral­klau­sel der “Allein­kriegs­chuld” hin­zu. Wer den Krieg “ange­fan­gen” hat­te, hat­te alle wei­te­ren Kon­se­quen­zen selbst zu tra­gen, womit auch alle Ver­bre­chen und Maß­nah­men der Sie­ger ent­schul­digt waren.

Nicht nur der Umstand, daß Deutsch­land in der Sowjet­uni­on die frem­de Angrei­fer- und Besat­zungs­macht war, mach­te es unmög­lich für Goe­b­bels, einen pro­pa­gan­dis­ti­schen Kriegs­film über die Ost­front zu pro­du­zie­ren.  Zu schnell hat­te sich das Geschick gewen­det, und der Groß­teil des Krie­ges gegen die Sowjet­uni­on wur­de als Rück­zugs­ge­fecht aus­ge­tra­gen. So gab es unter Goe­b­bels über­haupt nur in der Früh­pha­se des Welt­krie­ges, bis etwa 1941, eigent­li­che Kriegs­spiel­fil­me, mit Polen und der West­front als Schau­plät­zen und mit Vor­lie­be im Milieu der Luft­waf­fe oder der Mari­ne.  Ein halb­wegs rea­lis­ti­scher, dabei den Kamp­fes­mut stär­ken­der Film über die aktu­el­le, sich stän­dig zu Unguns­ten Deutsch­lands ändern­de Kriegs­la­ge wur­de zum Ding der Unmög­lich­keit. Man griff auf his­to­ri­sche Ana­lo­gien zurück, wie in Harlans “Der gro­ße König” (1942) und vor allem “Kol­berg” (1943–45).

Mit “Kol­berg” und der seit Herbst 1944 end­gül­tig ins Gegen­teil ver­kehr­ten Lage hat­te Goe­b­bels end­lich sei­nen Stoff vom gro­ßen heroi­schen Volks­auf­stand gegen einen über­mäch­ti­gen feind­li­chen Inva­sor,  die­ses Ur-Motiv natio­na­ler Mythen und “Schlach­ten­ge­mäl­de”. Es war der Stoff, aus dem die gro­ße, über ein Jahr­hun­dert wirk­sa­me Erzäh­lung von den preu­ßi­schen Befrei­ungs­krie­gen gemacht war, und auf genau die­se rekur­rier­te Goe­b­bels nun. Der Film war in sei­nem agfa­co­lor-bun­ten his­to­ri­schen Kos­tüm aller­dings viel zu weit von der Wirk­lich­keit ent­fernt, sei­ne Bot­schaft zu auto­hyp­no­tisch erzwun­gen, um über­zeu­gend und wirk­sam zu sein. Zudem hat­te “Kol­berg” einen ver­lo­re­nen Krieg zum Sujet gewählt, und die Aus­sicht auf einen Sieg, der viel­leicht eines Tages doch noch käme, konn­te er nur noch kon­junk­ti­visch formulieren.

Gänz­lich anders sah es in der Sowjet­uni­on aus.  Dort ent­warf die Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne­rie auf allen nur mög­li­chen Ebe­nen ein gewal­ti­ges, epi­sches Bild vom “Vater­län­di­schen Krieg”, das eine nicht zu unter­schät­zen­de Wir­kung hat­te, die in Ruß­land bis heu­te andau­ert. Hier ent­stand in Kunst­wer­ken, Fil­men, Lite­ra­tur und Musik genau jenes gro­ße mythi­sche Bild, von dem Goe­b­bels so sehr träum­te, und das er doch nur ansatz­wei­se hat­te ver­wirk­li­chen kön­nen. Ber­tolt Brecht schrieb davon hin­ge­ris­sen in sei­ner “Kriegs­fi­bel”, in sta­li­nis­ti­scher Blut-und-Boden-Manier und monu­men­ta­len, in Mar­mor gemei­ßel­ten Großbuchstaben:

DOCH ALS WIR VOR DAS ROTE MOSKAU KAMEN/STAND VOR UNS VOLK VON ACKER UND BETRIEB/UND ES BESIEGTE UNS IN ALLER VÖLKER NAMEN/AUCH JENES VOLKS, DAS SICH DAS DEUTSCHE SCHRIEB. 

Sobald sich der Feind auf dem Rück­zug befand, wur­de auch an der Film­front eif­rig nach­ge­legt. Was war das für umwer­fen­der Stoff! Das unter­drück­te Volk, das sich im Par­ti­sa­nen­krieg hel­den­haft gegen den faschis­ti­schen Klas­sen­feind erhebt, der sich als genau­so häß­lich und böse erwie­sen hat­te, wie ihn die Pro­pa­gan­da immer schon gezeich­net hat­te. Es ent­stan­den packen­de, gut gemach­te Fil­me über den Par­ti­sa­nen­krieg, die noch heu­te in Russ­land einen gewis­sen Klas­si­ker­sta­tus haben: “Sie ver­tei­digt die Hei­mat” (1943), “Mensch Nr. 217” (1944),  “Regen­bo­gen” (1944), “Die Unbeug­sa­men” (1945). Sie begrün­de­ten eine Tra­di­ti­on im rus­si­schen Kino, die jahr­zehn­te­lang fort­ge­schrie­ben wurde.

Die rela­tiv weni­gen, rela­tiv unspek­ta­ku­lä­ren Kriegs­fil­me (“Action”-Szenen gibt es nur wenig) , die unter Goe­b­bels ent­stan­den, sind heu­te noch durch die aus der alli­ier­ten Besat­zungs­zeit stam­men­den “Vor­be­halts”-Bestim­mun­gen den Bli­cken der Öffent­lich­keit ent­zo­gen. Zu den Ver­bots­grün­den zähl­ten unter ande­rem “Glo­ri­fi­zie­rung des Deut­schen”, “Glo­ri­fi­zie­rung des deut­schen Kämp­fers”, “anti­so­wje­ti­sche Ten­den­zen” und “ver­fälsch­te Wer­te­ver­mitt­lung bezüg­lich Vaterlandsliebe”.

Wenn heu­te bil­li­ge DVD-Edi­tio­nen mit “ver­ges­se­nen Kriegs­fil­men” auf den Markt kom­men, dann beinhal­ten die­se nicht Fil­me wie “Ope­ra­ti­on Micha­el” (1937), “Pour le Méri­te” (1938), “Stu­kas” (1941) oder “Kampf­ge­schwa­der Lüt­zow” (1941), son­dern in ers­ter Linie ame­ri­ka­ni­sche Pro­duk­tio­nen. Eine deut­sche Selbst­dar­stel­lung sowohl des ers­ten als auch des zwei­ten Welt­kriegs ist offi­zi­ell wie aus dem Gedächt­nis radiert. Mit fil­mi­scher Qua­li­tät hat das nur wenig zu tun. Es ist, als hät­ten die­se Krie­ge über­haupt nur auf einer Sei­te statt­ge­fun­den, als dür­fe nur eine Per­spek­ti­ve gel­ten, selbst zur Unter­hal­tung. Im Fal­le der Ost­front kommt nun hin­zu, daß ent­spre­chen­de Fil­me vom Drit­ten Reich gar nicht erst pro­du­ziert wurden.

Dies ist die eine Lücke in der Über­lie­fe­rung. Die ande­re Lücke ent­stand mit dem Ver­schwin­den des “Lands­er­films” der Fünf­zi­ger und frü­hen Sech­zi­ger Jah­re.  Nicht nur mit dem kom­mer­zi­el­len Ende des Sub­gen­res, son­dern auch mit sei­ner inhalt­li­chen und ästhe­ti­schen Ver­dam­mung. “08/15” (1954/55), “Hun­de, wollt ihre ewig leben” (1959) oder “Der Stern von Afri­ka” (1957) waren nun kei­ne gewiß kei­ne Meis­ter­wer­ke gewe­sen; daß sie bei der Film­kri­tik und Film­ge­schichts­schrei­bung nach Ober­hau­sen der­art in Ungna­de gefal­len sind, hat­te aller­dings vor­ran­gig ideo­lo­gi­sche Gründe.

Mir liegt der Kata­log einer Retro­spek­ti­ve der Deut­schen Kine­ma­thek aus dem Jah­re 1991 vor. “Der Krieg gegen die Sowjet­uni­on” wur­de mit weni­gen Aus­nah­men aus­schließ­lich “im Spie­gel” von Fil­men aus der Sowjet­uni­on gezeigt, und aus­schließ­lich im Rah­men ihrer Prä­mis­sen dis­ku­tiert. Der stark pro­pa­gan­dis­ti­sche Gehalt der meis­ten gezeig­ten Fil­me wird im Kata­log nur in den kras­ses­ten Fäl­len in Fra­ge gestellt und durch­weg für bare Mün­ze genom­men.  Die “Vor­re­de zum Pro­gramm” von Ger­hard Schoe­n­ber­ner (Jg. 1931) hät­te man in der DDR wohl auch nicht bes­ser for­mu­lie­ren können:

Mit dem Über­fall auf die Sowjet­uni­on begann Hit­ler den Krieg, den er von Anfang an gewollt hat­te. Nach­dem er West­eu­ro­pa über­rannt und ohne gro­ße Anstren­gung nie­der­ge­wor­fen hat­te, konn­te er sich sei­nen eigent­lich Zie­len zuwen­den: der Erobe­rung von Sied­lungs­raum im Osten, der Ver­trei­bung, Ver­skla­vung und Aus­rot­tung der sla­wi­schen Völ­ker und der kolo­nia­len Aus­beu­tung ihres Ter­ri­to­ri­ums… Von den uni­for­mier­ten Welt­erobe­rern und Brand­stif­tern, den Vieh­räu­bern und Men­schen­tö­tern, die auf Befehl ihrer Her­ren in die Sowjet­uni­on ein­fie­len, aber auch von den Über­fal­le­nen, die sich gegen sie erho­ben und sie schließ­lich besieg­ten, han­delt die­se Filmreihe.

Auf die Fra­ge, war­um mit Aus­nah­me zwei­er DEFA-Pro­duk­tio­nen kein ein­zi­ger der deut­schen Nach­kriegs­fil­me zu dem The­ma gezeigt wer­de, ant­wor­tet Schoenberner:

Es besteht kein Grund und es lohnt sich nicht, die­se Fil­me zu zei­gen, außer in einem Semi­nar, das die Defor­ma­ti­on des poli­ti­schen Bewußt­seins in der Zeit der west­deut­schen Restau­ra­ti­on unter­su­chen woll­te. Mehr noch, es wäre ein fast unfreund­li­cher Akt gegen die heu­ti­ge Bun­des­re­pu­blik, in der wäh­rend der letz­ten Jahr­zehn­te schritt­wei­se ein sicht­ba­rer Wan­del ein­ge­tre­ten ist. So beschrän­ken wir uns für die deut­sche Sei­te auf zwei Spiel­fil­me aus der DDR, die uns in der fil­mi­schen Auf­ar­bei­tung der NS-Ver­gan­gen­heit lan­ge Zeit vor­aus war…

Also eine gründ­li­che Til­gung selbst der spär­lich vor­han­de­nen Spu­ren einer Alter­na­ti­ve vom Nar­ra­tiv der Sie­ger.  Nur ein biß­chen war noch da, aber das ist nun auch weg­ge­räumt, nun kann man völ­lig in der “Per­spek­ti­ve der ande­ren Sei­te” (Schoe­n­ber­ner) ver­sin­ken, ohne noch den Rest einer eige­nen zu haben.

Zugleich ein Bekennt­nis, wie sehr sich die BRD ideo­lo­gisch all­mäh­lich in ihrem Geschichts­bild an die DDR ange­nä­hert hat. Was kein Wun­der ist: ihr stand selbst auch nur ein alter­na­ti­ves Sie­ger­n­ar­ra­tiv zur Ver­fü­gung, das jedoch nicht so gro­ße ideo­lo­gi­sche Bedeu­tung hat­te wie in der DDR, allen­falls als Vor­be­halt dien­te, unter dem man mit eini­gen Kom­pro­mis­sen die eige­ne Geschich­te zumin­dest ansatz­wei­se erzäh­len konn­te. Je mehr die­ser an Bedeu­tung ver­lor, umso mehr bil­de­te sich ein Vaku­um, das ermög­lich­te, die “anti­fa­schis­ti­sche” Deu­tung kom­plett zu übernehmen.

Die Sie­ger der Geschich­te sind heu­te auch die, die über sie Fil­me hin­ter­las­sen. Ohne die­se Fil­me gibt es nichts mehr zu zei­gen und nichts mehr zu sehen, damit auch kei­ne Erin­ne­rung und kei­ne Gefüh­le.  Die Ver­lie­rer haben oft nicht ein­mal Bil­der für ihre Niederlage.

Im Vor­wort zu dem Kata­log schrieb Ulrich Gre­gor (Jg. 1932), einer der ein­fluß­reichs­ten west­deut­schen Film­his­to­ri­ker und ‑kri­ti­ker:

Für unse­re Genera­ti­on, die nach 1945 groß wur­de, war die Erkennt­nis der wah­ren Natur des Nazi-Regimes und der deut­schen Schuld am Zwei­ten Welt­krieg ein grund­le­gen­des Erleb­nis, das auch unse­re wei­te­ren Per­spek­ti­ven und unse­ren poli­ti­schen Hori­zont bestimm­te. Aus die­sem Grun­de haben wir uns vie­le Jah­re um die Her­stel­lung nor­ma­ler Kon­tak­te zur UdSSR bemüht, und uns auf dem Gebiet, das uns durch übri­ge Arbeit beson­ders nahe lag, dem Film, nach Kräf­ten für die Ver­brei­tung von Kennt­nis­sen über die sowje­ti­sche Film­ge­schich­te eingesetzt.

Daß dabei die sowje­ti­sche Per­spek­ti­ve zum Teil stark sym­pa­thi­sie­rend über­nom­men wur­de, erklärt sich wohl auch dar­aus, daß Gre­gors Genera­ti­on vor einem Man­gel an pas­sen­den Bil­dern stand: die NS-Pro­duk­ti­on war ret­tungs­los dis­kre­di­tiert und ver­däch­tig, die west­deut­schen Ver­su­che nach dem Krieg halb­gar und unbe­frie­di­gend. Es gab hier schlicht­weg nichts, wonach man sich hät­te ori­en­tie­ren kön­nen, nichts, wofür man sich als Cine­phi­ler und Kul­tur­schaf­fen­der begeis­tern konnte.

Dar­um hat auch die künst­le­ri­sche Kraft hier wohl eine ent­schei­den­de, ver­füh­re­ri­sche Rol­le gespielt: es gab kei­nen NS-deut­schen “Alex­an­der New­ski” (1938) oder “Pan­zer­kreu­zer Potem­kin” (zum dem sich schon Goe­b­bels ein NS-Pen­dant gewünscht hat­te), kei­ne “Bal­la­de vom Sol­da­ten” (der Haupt­preis­trä­ger von Can­nes 1960) und kein eben­bür­tig raf­fi­nier­tes, anti­kom­mu­nis­ti­sches Pen­dant zu Michail Romms per­fi­dem Stück “Der gewöhn­li­che Faschis­mus” (1964). Es gab in der Fol­ge aber auch kei­nen deut­schen Andrej Tar­kow­skij (“Iwans Kind­heit”, 1962), kei­ne Laris­sa Schepit­ko (“Auf­stieg”, 1977), kei­nen Elem Kli­mow (“Komm und Sieh”, 1985), die weit über die alten Pro­pa­gan­dakli­schees hin­aus­gin­gen, und das rus­si­sche Trau­ma poe­tisch aufarbeiteten.

Immer­hin kamen Gre­gor Jahr­zehn­te spä­ter ange­sichts des pein­lich-plum­pen sta­li­nis­ti­schen Spek­ta­kels “Der Fall von Ber­lin” (1949) schließ­lich doch Zwei­fel, ob das aus dem Schuld­be­wußt­sein erwach­se­ne “mora­li­sche”, lies: anti­fa­schis­ti­sche, “Enga­ge­ment” sei­ner Genera­ti­on nicht doch ihr Urteils­ver­mö­gen getrübt hat­te.  Die­ser Film, von dem ein DDR-Rezen­sent schrieb, daß es wich­tig sei, daß der “deut­sche Betrach­ter” in ihm “die Wirk­lich­keit” über Hit­ler und Sta­lin erkennt, mach­te Gre­gor in “gewis­ser Wei­se sprach- und atem­los”.  Fast schon drol­lig sei­ne zag­haf­te Fra­ge: “Soll man hier von schlich­ter Ver­lo­gen­heit oder von mär­chen­haf­ter Aus­ma­lung sprechen?”

Galt das nicht auch für ande­re, sub­ti­le­re sowje­ti­sche Fil­me? War man viel­leicht, als Mensch einer Genera­ti­on von ent­täusch­ten Hit­ler­jun­gen, Kriegs­wai­sen, Rui­nen­kin­dern und Flak­hel­fern einer wei­te­ren Lüge oder Ein­sei­tig­keit ver­fal­len? War man wie­der auf eine Ideo­lo­gie hereingefallen?

Um auf Ste­fan Scheil und den Streit um die “Prä­ven­tiv­kriegs­the­se” zurück­zu­kom­men: die gif­ti­ge Dif­fa­mie­rung von Wis­sen­schaft­lern wie Scheil, die vor kei­ner wahr­heits­wid­ri­gen Ver­zer­rung zurück­schreckt, dient vor allem der Abwehr der Infra­ge­stel­lung eines über Genera­tio­nen hin­weg auf­ge­bau­ten, defor­mier­ten “poli­ti­schen Bewußt­seins”, des  “ideo­lo­gi­schen Über­baus” der heu­ti­gen Bundesrepublik.

Und der sieht vor, daß der Krieg gegen Deutsch­land in Form einer stän­di­gen Ankla­ge ohne Mög­lich­keit auf Gegen­wehr und Gegen­re­de wei­ter­ge­führt wird. Eine Art Nürn­berg in Per­ma­nenz. His­to­ri­ker wie Scheil sind es, die die­sen Krieg end­lich been­den wol­len, Publi­zis­ten wie Kel­ler­hof dage­gen sind Kom­bat­tan­ten, die ihn ewig wei­ter­ge­führt sehen wol­len. Und das ers­te Opfer im Krieg ist, bekannt­lich, die Wahrheit.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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