Sezession
23. Mai 2011

Ende der Diskussion

Gastbeitrag / 16 Kommentare

 

von Martin Böcker

Es ist ein Gemeinplatz, daß auf Positionen und Äußerungen rechts des mainstreams schräge Blicke warten. Mindestens. Die Skala der gesellschaftlichen Sanktionierung scheint nach oben offen zu sein, müßig das an dieser Stelle wiederholt darzustellen, genug andere haben das getan. Die Sanktionierer sind keine guten Gesprächspartner.

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Wer kein guter Gesprächspartner ist, kann weder überzeugen noch überzeugt werden. Die hochgezogene Augenbraue ist das Symptom für ein durchaus berechtigtes Misstrauen, nämlich das der Gläubigen gegenüber dem Ketzer, so ist dieser doch in der Lage, den Mythos und damit die Welt zu zerstören.

Von welchen Gläubigen schreibe ich? Ernst Jünger bemerkte in seinem Essay über die Totale Mobilmachung, daß er den „Fortschritt für die große Volkskirche des 19. Jahrhunderts“ hielt. Die Volkskirche hielt durch, und spätestens nach dem zweiten Weltkrieg sind fast alle Deutschen bekehrt. Jünger verglich die Verfassung einer Demokratie mit der geweihten Oblate in der katholischen Kirche. Und tatsächlich wird die in der Verfassung postulierte Würde des Menschen wie eine Monstranz vor den Gläubigen hergetragen. Doch, ganz anders als die konsekrierte Hostie, ist der Begriff der Würde hinsichtlich seines Sinns beliebig. Er eignet sich als Argument für alles und nichts, one world, Gleichwertigkeit der Weltanschauungen, Scham für das, worin man überlegen ist. Wissen wir ja alles schon.

Die Zweifel der Fortschrittler

Der Katechismus des Fortschrittlers beinhaltet die Gewißheit, daß schon heute ausreichend Strom über alternative Energiequellen gewonnen werden kann, daß jedes Kind in seiner Zukunft jedes Amt ausführen könnte, daß Mann und Frau wenigstens theoretisch alles gleich gut können, daß die Rassen, sofern es sie denn überhaupt gibt, einander hinnehmen und friedlich koexistieren werden - nicht nur können, sondern werden! Und die Priviligierten tragen die Schuld am Leid der Schwachen, nie sind die Schwachen es selbst.

Allerdings haben sich Zweifel eingeschlichen. Das Ende der Geschichte ist nicht eingetreten, es zeichnet sich nicht einmal ab. Die multikulturelle Romantik eines Films wie Almanya, in dem Türken und Deutsche in einer Großfamilie vereint werden, wird uns in der Realität selten begegnen. Auch eifrige Gläubige können kaum noch ignorieren, daß selbst die missionierten Wilden ihre heidnischen Bräuche nicht ablegen. Sie beherrschen zwar die Formeln, und sie fordern ihre Rechte als Kirchenmitglieder ein. Aber wenn ein Missionar beim Beten heimlich zum Banknachbarn herüber schielt, so überkommt ihn hin und wieder das beklemmende Gefühl, daß der Wilde die Hände gefaltet und die Augen geschlossen haben könnte, ohne dabei den Fortschritt wirklich anzubeten. Ähnlich wie ein Katholik, der sich fragt, ob die Hostie nach der Wandlung nun wirklich zum Leib Christi geworden ist, betet der Fortschrittsgläubige weiter, bekennt sich und verteidigt - vor allem - seinen Mythos. Denn schlimmer noch als das Gebet zu einem Trugbild wäre die Aufgabe des Weltbildes oder die Konversion zum Bekämpften. Quasi die Konversion zu den Anhängern des Leibhaftigen, manchmal kommt’s einem ja wirklich so vor.

Debatten drehen sich um Letztbegründungen

Wer authentisch konservativ (sprich: ungläubig) ist, braucht nicht auf Fairneß zu hoffen, wie Carlo Clemens kürzlich in einem Interview mit der Pickelhaube festgestellt hat. Und gegen die Hydra der pluralistischen „Menschenwürde“ kommen wir ohnehin nicht an. Clemens meint, daß es konsequent wäre, inhaltlich und charakterlich unerbittlich zu bleiben, und unter anderem in Diskussionen mit gezielten, durchdachten Regelverstößen die Harmonie zu stören.

Clemens irrt, vermute ich, wenn er Diskussionen für wirksam hält. Gläubigen den „Fortschritt“ zu widerlegen, dürfte ein schwieriges Unterfangen werden. Selbst dann, wenn sie Zweifel an ihrer geweihten Hostie hegen. So sind Diskussionen mit den Fortschrittlern allenfalls ein gutes Training für Schlagfertigkeit und die Anwendung rhetorischer Taschenspielertricks. Doch wenn der andere nicht verstehen will, dann kann man noch so richtig liegen, am Ende dreht sich die Debatte im Kreis. Sie beharren auf ihren Letztbegründungen: Alle Menschen sind gleich, Menschenwürde, etc. Witzigerweise hegen sie manchmal sogar noch Aversionen gegen die anderen Religionen, Christen, Juden, Moslems und so, weil „Religionen gefährlich und der Grund für so viele Kriege sind“. Natürlich ehrlos, aber taktisch doch sehr klug.

Wir haben recht, ihr nicht

Also können wir die Diskussionen beenden. Im Blog der Jungen Freiheit habe ich wenig fein gegen Augsteins Freitag polemisiert. Daraufhin kritisierte mich ein Leserkommentator, weil ich in der Kolumne nicht über ein Schwarz-Weiß-Denken hinausgekommen sei. Das bin ich tatsächlich nicht, prinzipiell hatte dieser Leser recht. Freilich nur prinzipiell und nur gesetzt den Fall, wir würden bei der Verteilung des Diskurs-Kuchens angemessen behandelt. Wenn das nicht der Fall ist (und es ist nicht der Fall), dann muß die Diskussion dem Statement weichen: Wir haben recht, ihr liegt falsch. Right is right and left is wrong. Sollte sich dann trotzdem noch ein Gespräch entwickeln, betreiben wir höflich die Gegenaufklärung: Die eigenen Begriffe werden gebraucht, dem Gegenüber bleiben Ablehnung oder Verständnisfragen.

Ist das ein erfolgversprechendes Modell? Nein. Die Diskussionen aber auch nicht. Und wenn die Fortschrittler irgendwann ahnen, daß ihre Regentänze der Dürre kein Ende bereiten, dann werden sie sich eher an ein Statement erinnern, als an eine Diskussion, die sich im Kreis gedreht hat. Ich schreibe nicht vom Rückzug, nicht vom Ende der Präsenz, nicht vom Ende der Auseinandersetzung, nicht vom Ende sachbezogener Gespräche und erst recht nicht vom Ende der Partizipation. Nur vom Ende der Diskussion mit Andersdenkenden.

Test


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Kommentare (16)

mfh
23. Mai 2011 10:36

Volle Zustimmung! Die Erkenntnis, mit Diskussionen nichts zu erreichen, außer vielleicht mieser Laune auf Parties zu verbreiten, da es zum Ende immer hitzig wird, hat sich erst nach Jahren bei mir eingestellt. Unwissenheit mit Argumenten beizukommen ist unmöglich, wenn sie auf Verblendung - oder eben unbedingtem Glauben - beruht. Seinen Standpunkt verdeutlichen sollte man immer, sich in Diskussionen mit Schwachköpfen zu verlieren bringt leider gar nichts. Wozu auch? Die Zukunft wird zeigen, ob unsere Überzeugung ihre Berechtigung hat. Falls nicht, gehen wir mit ihr zugrunde, während die anderen ihre Zeit im selbstgewählten Verlarvungszustand verbringen. Für unsere Nachkommen können wir nur das Feuer weitergeben und hoffen, daß irgendwann ein Flächenbrand daraus wird. "Unsere Zeit kommt", sagt Weißmann. Es ist zu hoffen, denn erzwingen kann man es leider nicht.

Ewald Knülle
23. Mai 2011 11:28

Herr Böcker, einen solchen Artikel gerade von Ihnen zu lesen überrrascht mich schon etwas. Sie haben doch Ihre Diskussionsbereitschaft bei dasgespraech.de sehr fruchtbar zum Einsatz gebracht.

Es geht vielleicht gar nicht darum, die Gläubigen zu bekehren, sondern jene, die vernünftigen Argumente noch zugänglich sind, von der prinzipiellen Berechtigung konservativer Positionen zu überzeugen. Clemens' Auffassung finde ich insofern sinnvoll, als bei vollständigem Rückzug in die Rautenklause geistige Inzucht droht. Wer sich der Diskussion verweigert, wer letztendlich den Deutschen den Rücken kehrt, kann nicht hoffen, noch irgendetwas positiv beeinflussen zu können.

Was die Verfassung angeht, so steht darin, wie Michael Klonovsky bemerkte, zunächst auch etwas vom deutschen Volk und der Verantwortung vor Gott. So schlecht ist das GG gar nicht.

Daniel Michulke
23. Mai 2011 14:18

Also ich würde meinen, dass das ein wenig zu kurz gefasst ist. Ich verstehe die Ausweglosigkeit, die sich einem darbietet, wenn man vergeblich versucht, andere von einem falschen Standpunkt zu überzeugen.

Allerdings (und ich weiß nicht, ob Du, lieber Herr Böcker, das sagen wolltest) haben die anderen einen Grund, an ihrer Position festzuhalten. Die meisten Leute vertreten mit Ihrer Meinung keine faktisch begründeten Sachverhalte, sondern ein Wertesystem. Das Wertesystem "Links" wird in Deutschland ziemlich hochgehalten, weil es sozial, nett zu den Menschen und was weiß ich nicht alles ist. Für viele Menschen ist ein Sachargument "gegen Links" daher ein Angriff auf das Wertesystem, daher wird dann unterstellt, man sei Misanthrop oder gar Antihumanist.
Das ist natürlich Schwachsinn. Sätze wie "Ich kritisiere nicht das 'was', sondern das 'wie'" helfen da manchmal.

Davon abgesehen gibt es noch einen zweiten Punkt. Ich glaube, jeder der eine begründete Meinung hat, sollte irgendwann auch ohne die Kriegsfarben "links", "rechts", "konservativ", "fortschrittlich" oder sonstwas ins Feld ziehen einziehen. Denn einerseits verwenden Parteien diese Kriegsfarben und ich verabscheue (neben vielem anderen) v.a. die hohle Polemik dieser Parteien. Zweitens gibt es die Gefahr, dass einem die Positionen anderer Leute mit den gleichen Kriegsfarben unterstellt werden. Und drittens ist der Großteil der Entscheidungen, welche ein Problem langfristig lösen (und solche Entscheidungen gibt es viel zu wenige) sowieso eindeutig und bietet keinen Spielraum für "soziale", "demokratische" oder "konservative" Wege.

Martin Lichtmesz
23. Mai 2011 14:39

Wenn das nicht der Fall ist (und es ist nicht der Fall), dann muß die Diskussion dem Statement weichen: Wir haben recht, ihr liegt falsch. Right is right and left is wrong.

Solche Fälle, gibt es leider oft genug, und dann nagelt man die Kiste eben mit dem Statement zu. Es hat keinen Zweck, mit Linken herumzustreiten, ob das Gras grün ist, oder wie die Schwerkraft funktioniert. Diskussion ist auch da überflüssig, wo man darüber zu debattieren genötigt wird, ob man nun die Lecks im Schiff (lies Nationalstaat) stopfen oder es lieber untergehen lassen soll... oder wo man erstmal darüber diskutieren muß, ob es das Schiff gibt, das Leck gibt und das Meer gibt.

eo
23. Mai 2011 20:29

Recht so !
Keine Perlen vor
die Säue. Mit Alternaivlingen,
und wenn sie auch meinen, Zeitgeist
zu sein, bzw. denselben auf ihrer
Seite zu haben, ist einfach
nicht (ernsthaft) zu
diskutieren.
Es sei
denn, man
macht sich einen
Spaß draus zu provozieren
und den advocatus diaboli zu spielen.
Aber dazu muß ma dann schon
aufgelegt sein. Halte mich
ansonsten lieber an
die altehrwürdige
Devise - aquila
non captat
muscam.

juergen
24. Mai 2011 00:05

Einen Beitrag mit dem Titel "Ende der Diskussion" zur Debatte zu stellen ist -- nun ja -- seltsam? Aber gut, mit den gleichen Argumenten wird doch der Rechten jeder Beitrag zur Diskussion verweigert. Die wollen doch nur ... . Man unterstellt also bestimmten Mesnchen ein gänzlich undiferenziertes Weltbild. Gibt es so etwas (außerhalb der Politik und ihrer Vertreter)? Nö, immer schön weiter diskutieren, lüftet auch das eigene Hirn durch. Geistige Selbstbefriedigung (wir haben recht, ihr nicht, ätsch) können andere betreiben.

John Haase
24. Mai 2011 09:21

Man kann die Gespräche zwischen gebildeten Rechten (die wir ja alle sind) und irgendwelchen dahergelaufenen Liberalen sowieso nicht als Diskussionen bezeichnen. Der Begriff Diskussion impliziert zumindest einen gewissen Gedankenaustausch, dieser findet aber nicht statt, aus zwei Gründen:

1. Leute wie wir interessieren sich zwangsläufig für Themen wie Politik, Marktwirtschaft und Geschichte, daher lesen wir entsprechende Bücher und versuchen uns mit Gleichgesinnten auszutauschen. Der übliche Feld-, Wald- und Wiesenliberale hat aber gar nichts dazu gelesen sondern glaubt unausgesprochen daran, man könne die ernsthafte Beschäftigung mit diesen Themen mit der richtigen Gesinnung ersetzen und dennoch wertvolle Beiträge liefern. Man fühlt sich gegenüber solchen Leuten ein wenig wie Faust, der mit Gretchen über Religion spricht. Der Wissensstand ist einfach zu verschieden. Daraus folgt, daß...

2. ...wir alle ihre Argumente schon kennen. Wer sich gegen den Zeitgeist stellt, der muß ihn zuerst geistig überwinden. Dies haben wir getan. Auf dem Weg dahin muß man sich zwangsläufig mit den linken Dogmen auseinandersetzen, die den Menschen heute in Fleisch und Blut übergegangen sind. In fairen Diskussionen gewinnen wir also immer.

Zum Ende einer geistigen Auseinandersetzung mit einem Liberalen landet man dann zwangsläufig bei eben jenen liberalen Dogmen. So man die Axt an diese legt, schlägt zu diesem Zeitpunkt die bis dahin eher vage vorhandene Ablehnung oder manchmal auch Zustimmung in Abscheu oder sogar Haß um. Einer wünschte mir mal, ich möge niemals Kinder bekommen damit sich Leute wie ich nicht fortpflanzen, obwohl das Gespräch in durchaus freundschaftlicher Atmosphäre stattgefunden hatte. Ein seltsamer, gleichsam liberaler Vernichtungswunsch.

Man kann also nicht mit dem Feind diskutieren, aber wenn ich es doch tue oder tun muß, dann achte ich mittlerweile auf mehrere Dinge:

1. Nicht mit mehreren gleichzeitig diskutieren, man verliert immer. Im Einzelgespräch muß der andere sich ernsthaft mit dem Gesprächsinhalt auseinandersetzen, in der Gruppe wird die Minderheitsmeinung (=unsere) einfach ausgegrenzt.

2. Wie oben gesagt: nicht Hand an linke Dogmen legen, die müssen von selber fallen. Tut man es dennoch so erntet man bei Neuen immer schärfsten Widerstand. Stattdessen Zweifel sähen. Hat ein Staudamm erst ein ausreichend großes Loch so bricht er von alleine. Um den ganzen Staudamm auf einmal einzureißen fehlt uns der Sprengstoff (durchaus auch im Wortsinne).

3. Sich am besten auf Themen einschießen, bei denen die Mehrheit uns grundsätzlich zustimmt. Zum Beispiel Feminismus, Kriminalitätsbekämpfung und ganz besonders der Islam. Islamkritik ist ein hervorragender Türöffner. Niemand mag Moslems: jeder war schon mal in einem islamischen Land (und sei es für eine Woche am Strand) und jeder fühlt sich unwohl wenn ihm drei Südländer im richtigen Alter entgegenkommen. Man kann dann anhand der Trostlosigkeitkeit der islamischen Länder die grundsätzliche Überlegenheit unserer Kultur darlegen. In diesem Zusammenhang wird der Gesprächspartner uns beipflichten. Das vulgär-linke Dogma, daß alle Kulturen gleichwertig sind hilft aber dabei, andere linke Dogmen zu stützen. Wenn wir also ersteres beschädigen geraten früher oder später zwangsläufig letztere mit unter die Räder.

4. Manchmal hilft es, die größten Absurditäten einfach auszusprechen um eine günstige Reaktion beim Gegenüber auszulösen. Zum Beispiel kann es hilfreich sein darauf hinzuweisen, daß unser Staat es bis etwa 2030 geschafft haben wird das deutsche Volk in jeder, wirklich jeder einzelnen Großstadt zur Minderheit zu machen. Manche sind demgegenüber gleichgültig, die meisten aber geschockt.
Wenn man über die Grünen (finden alle toll wegen AKW) herziehen möchte so kann man dies mit der Bemerkung tun, dies sei ja die Partei, die auf der einen Seite so umweltfreundlich sei, daß man mittlerweile sieben verschiedene Mülltonnen habe, auf der anderen Seite aber kein Problem darin sehe die ganze Nordseeküste mit Windmühlen vollzupflastern. Auch wollten die Grünen den Bahnhofsbau des S21 aufhalten, weil man auf dem Baugelände den seltenen Juchtenkäfer gefunden habe, der ausschließlich im bedrohtesten aller Lebensräume gedeihe: im Zentrum deutscher Großstädte. Solcherart lassen sich viele Beispiele finden.

5. Wenn man merkt daß dem Gegenüber unwohl wird aufhören (am besten aber noch davor) und Thema wechseln. Fußball, Wetter, Musik.

Patricius
24. Mai 2011 18:06

an Juergen:

So seltsam ist das gar nicht, wenn man den Artikel aufmerksam gelesen hat. (oder glauben Sie, hier schreiben viele "Fortschrittler")
Im Weiteren vergleichen Sie Äpfel mit Birnen.

Ich für meinen Teil, kann Böcker vollends nachfühlen. Wenn die Prämissen und gedanklichen Bezugssysteme (siehe auch M. Lichtmesz - Leck, Schiff, Meer) völlig andere sind, ist keine "Diskussion" sinnvoll oder erträglich. Den individuellen, jahrelangen "dialektischen" Prozess, den - angenommen - ein jeder von uns durchlaufen hat, kann man nicht durch ein, zwei kluge Sätze wiedergeben oder durch wenige vermeintlich evidente Wahrheiten erschöpfen.
Was freilich nicht den Ausschluss bestimmter Meinungen aus dem öffentlichen Raum/Diskurs rechtfertigt.

Rudolf Schmid
24. Mai 2011 23:17

Eine Diskussion mit DIESEN Andersdenkenden hat es nie gegeben. Sie haben nie mit uns diskutiert, sie wollten nie etwas anderes als konditionieren und prägen.

Christian Lehmann
24. Mai 2011 23:28

Die Klassifikation des Zeitgeistes als Ersatzreligion ist überaus treffend; brilliant die Metapher der Regentänze.
Wichtig scheint mir jedoch die Erkenntnis (und sie gibt, um das vorwegzunehmen, Anlass zur Hoffnung und zur weiteren Diskussionsanstrengung), dass die Zeitgeistreligion den "Fortschritt", an den sie glaubt, sehr eng definiert. Technologischer Fortschritt, Globalisierung und der Siegeszug der amerkanischen Popkultur gehören nicht dazu - hier sind die (Neu-)Linken seit Jahrzehnten ein eher konservatives Korrektiv. Das ist der erste Widerspruch, den es offenzulegen gilt: Darlegen, dass etwa Umweltschutz ebenso wie der Schutz bedrohter Kulturen Werte sind, für die die links-alternative Bewegung traditionellerweise streitet. Da sind die Anliegen der Konservativen nicht allzu fern.
Der zweite große Widerspruch: Die Zeitgeistreligion glaubt an Fortschritt im Sinne von Überwindung der Menschennatur. Der Mensch gelangt zur Erlösung, indem er seine niedrige biologische Natur durch Erziehung ablegt. - Andererseits propagiert die Linke den Geist der Aufklärung, insbesondere wenn es um den (scheinbaren oder tatsächlichen) Streit mit der Kirche geht: Unter den Feindbildern der ersten Reihe rangieren bekanntlich die Kreationisten, weil sie die Evolutionstheorie nicht akzeptieren. Die evolutionäre Anthropologie jedoch auf das menschliche Verhalten (Natur der Geschlechter, Aggression, Populationsdifferenzierung etc.) zu beziehen, verweigern die Linken wiederum. Sie machen sich also das aufklärerische Denken nur selektiv zueigen und verschließen sich der naturwissenschaftlichen Sichtweise, sobald die eigenen Heiligtümer betroffen sind. Hier sollte es - jedenfalls theoretisch - möglich sein, sachliche Aufklärungsarbeit zu betreiben.
Daher plädiere ich dafür, den Regentänzen vermehrt Wetterkarten entgegenzusetzen.

Meyer
25. Mai 2011 17:33

Sehr geehrter Herr Böker,

Sie haben schlicht recht. Und Ihre Forderung auf ein Ende der (zwecklosen) Diskussionen habe ich selbst ebenfalls an anderer Stelle (https://korrektheiten.com/) erhoben.

Gläubig ist man nicht aus Verstand oder Einsicht, sondern aus Charaktergründen. Deswegen nützen alle Einwirkungen auf den Verstand und den Intellekt mittels Gespräch, wie auch immer geführt, auch nichts.

Der säkulare Glaube funktioniert hirnphysiologisch wohl genauso, wie der richtige Glaube. Und psychisch wird man wohl sagen können, daß der Glaube nicht nur ein Dafürhalten ist, sondern vor allem ein Hoffen und Wünschen. Und diese tief liegenden Wünsche basieren auf Ängsten. Und diese kann man den Menschen nicht durch Gespräche nehmen, schon gar nicht durch Argumente nehmen. Unmöglich.

Etwas konsequenter und vor allem machtpolitisch weitergedacht, kommt man zu dem Schluß, daß man diese Menschen nicht braucht. Sollen Sie bleiben, wo der Pfeffer wächst. Wenn diese Leute eines Tages auf die "unsrige" Richtung umschwenken, werde ich wissen, daß diese "unsrige" Haltung dann bereits hoffungslos falsch sein wird: Der Lage einfach nicht mehr angemessen.

Unke
26. Mai 2011 09:07

John Haase:

Einer wünschte mir mal, ich möge niemals Kinder bekommen damit sich Leute wie ich nicht fortpflanzen. Ein [...] Vernichtungswunsch.

Diesem Wunsch wird ja institutionalisiert mit größtem Nachdruck entsprochen. Mit einer fast schon bewundernswerten Rafinesse wird mittels eines materiellen und psychologischen Malus/Bonus- Systems seit Jahrzehnten der indigenen Bevölkerung das Kinderkriegen verleidet und die Gewinnung von Nachwuchs an das Ausland (Einwanderung) und die (geistig und materiell) Behinderten outgesourced. Eine der Operationalisiserungen des obersten Credos der herrschenden Zivilreligion, das da lautet: "Deutschland verrecke".

Der in der Diskussion verwendete Begriff "Liberale" irritiert mich immer wieder; allerdings habe ich auf sezession.de noch keinen Beitrag entdeckt, der sich dieses hier doch sehr speziell aufgeladenen Begriffs annimmt. Das empfinde ich als ein Mangel.

Immerhin ahne ich, was hier mit den "Liberalen" gemeint ist. Die Drahtzieher in Politik und Medien können es nicht sein, denn das sind Bolschewisten. "Liberale" sind die Mitläufer, die, ohne an der Macht teilzuhaben die Zivilreligion vertreten. "Liberal" bezieht sich in diesem Zusammenhang auf eine durch eigene Denkleistung wenig geformte, am (staatlich dominierten) Mainstream orientierte Meinung; immer jedoch in einer "soften" Verpackung.
Naja. Das als "liberal" zu bezeichnen halte ich nicht für glücklich --aber, wie erwähnt, das wäre separat zu thematisieren.

c.schulz
28. Mai 2011 23:18

bei "werten" und nur bei "werten" gewinnt man immer...
auch wenn der gegner auf die barrikaden geht...

Flash
6. Juni 2011 15:22

Rechte und Konservative(*) können ganz allgemein auf diese Erfahrung verweisen. Ich sehe es genau wie der Autor: es gibt keine Diskussion, weil es immer um Letztbegründungen geht und diese für die verschiedenen Gruppen/Weltanschauungen sowohl völlig verschieden als auch völlig unvereinbar sind.

Näheres noch unter "Keine Diskussionsbasis"

*) zugegebenermaßen sieht das die Gegenseite natürlich genauso

Flash
6. Juni 2011 15:23

@c. schulz:

Nein, leider nicht - dann wäre es ja einfach. Es ist aber leider so, daß gerade die Werte des Gegners fundamental andere sind. Man redet also von völlig verschiedenen Grundlagen, die unvereinbar sind.

Dornröschen
20. August 2011 15:46

Für Intellektuelle ist es eine Zumutung, wenn irgendwer abgestraft wird mit Blick auf Wirkungen. In Deutschland ist es der reaktionär linke Mainstream, der political correctness Terror der Medien, bei der Bundeswehr das Unverständnis gegenüber den Grünen, in den USA die FOX-Hetze. Es ist das Bedürfnis nach Denunziation, das mir so negativ aufstößt, und der Mangel an Haltung.

Dieses Winner-takes-all-hafte ärgert mich. Die Sanktionierung einer anderen Meinung sobald die Mehrheit erlangt ist. Das Rumprügeln auf den schwächeren Teilnehmern am politischen Prozess.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.