Interessiert das in vier Tagen noch jemanden?

Zu den merkwürdigen Schulfachkürzeln unserer Töchter (Heimatkunde hieß erst Sachunterricht und nun schlicht „SaU") gesellte sich vor zwei Jahren ein weiteres.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es nennt sich „MMW”, bedeu­tet „Moder­ne Medi­en­wel­ten” und hat sei­nen Nut­zen uns Eltern – trotz Nach­fra­ge beim Lehr­kör­per (um im tech­ni­zis­ti­schen Slang zu blei­ben) – bis­lang nicht wirk­lich erschlos­sen. Den Kin­dern wird hier, soviel ist klar, bei­gebracht, wie man auf dem Bild­schirm Zei­chen und Zei­len mar­kiert, wie man einen Hin­ter­grund farb­lich gestal­tet und einen Absatz einführt.

Sie kön­nen nun theo­re­tisch Ein­la­dun­gen auf Faschings­ver­ein-Niveau gestal­ten, mit unter­schied­li­chen Schrift­ar­ten und klei­nen Bild­chen. Wie haben wir Eltern uns ohne ent­spre­chen­de schu­li­sche Unter­wei­sung sol­che Fer­tig­kei­ten (und mehr) eigent­lich angeeignet?

Eine zwei­te Anek­do­te aus dem Schul­le­ben: Im Eng­lisch­un­ter­richt soll­ten die Kin­der Sät­ze bil­den, in denen beschrie­ben wird, was die Fami­li­en­mit­glie­der „just now” tun. Die Toch­ter berich­te­te, daß bezüg­lich der elter­li­chen Tätig­keit von ihren Klas­sen­ka­me­ra­den häu­fig „Com­pu­ter­spie­len” genannt wurde.

Und, zum Drit­ten: In diver­sen Fächern (wir reden von der gym­na­sia­len Unter­stu­fe) wie Deutsch, Geo­gra­phie oder Geschich­te wer­den Refe­ra­te oder die Erstel­lung soge­nann­ter „Wand­zei­tun­gen” gefor­dert. Auf die Eltern­fra­ge, wel­che Quel­len denn zur Ver­fü­gung gestellt oder emp­foh­len wur­den, folgt stets ein Schul­ter­zu­cken: „Ja, nichts. Wie wir wol­len. Die dru­cken halt alle was aus dem Inter­net aus.”

Beim Eltern­abend konn­te man eini­ge Ergeb­nis­se besich­ti­gen: Eine Arbeit zu den Gebrü­dern Grimm etwa fuß­te auf dem ent­spre­chen­den Wiki­pe­dia-Arti­kel und einer sti­lis­tisch kru­den Netz­sei­te eines Hob­by-Mär­chen­for­schers: eine glat­te Eins!

Wir haben mehr­fach (lang­sam füh­len wir uns als Que­ru­lan­ten …) nach­ge­fragt, wel­che Kri­te­ri­en den Schü­lern denn zur Inter­net-Reche­re­che an die Hand gege­ben wer­den: „Wir arbei­ten dar­an”, heißt es, ver­bun­den mit einem Lächeln und der Stan­dard-Beschwich­ti­gung: „Bei ihrer Toch­ter müs­sen Sie sich doch wirk­lich kei­ne Sor­gen machen!” Kriegt wahr­schein­lich fast jeder zu hören.

Das aktu­el­le Buch der bezüg­lich sol­cher Bil­dungs­phä­no­me­ne wirk­lich beru­fe­nen Zeit-Autorin Susan­ne Gasch­ke trifft da genau ins Schwar­ze. Mag auch der Titel (Klick! Stra­te­gien gegen die digi­ta­le Ver­dum­mung) beschei­den wir­ken: Gasch­kes wohl­ab­ge­wo­ge­ne Über­le­gun­gen zur ver­netz­ten Welt und dem, was unter die­sem Stich­wort an Euphe­mis­men sich anhäuft, hat es in sich. Aus­ge­rech­net den gym­na­sia­len Unter­richt spart sie aus – aber das läßt sich leicht ergänzen.

Was sie schreibt über unser Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ter, das unser Wis­sen vom Kin­der­gar­ten an aus dem Kopf ins Netz ver­la­gern will und unse­re Kon­zen­tra­ti­on „tak­tet”; wie das Netz kurz­at­mi­ge Lese­ge­wohn­hei­ten för­dert, wie der Erwerb von Maß­stä­ben und Urteils­ver­mö­gen ins Hin­ter­tref­fen gerät und was von den viel­ge­rühm­ten „fla­chen Hier­ar­chien” im world­wi­de­web zu hal­ten ist: Das macht ihr Buch gera­de­zu zur Pflicht­lek­tü­re. Und zwar kei­nes­wegs nur für Eltern, die anders als ihre Kin­der nicht zu den digi­tal nati­ves gehö­ren. Der zuneh­men­den Abwen­dung vom real life hin zu sozia­len Netz­wer­ken und ande­ren web-Gemein­den steht sie eben­so skep­tisch gegen­über wie dem oft gerühm­ten Lern- und Bil­dungs­po­ten­ti­al der digi­ta­len Angebote:

Her­aus kom­men pan­ca­ke peop­le, Pfann­ku­chen-Per­sön­lich­kei­ten, weit und flach aus­ge­stri­chen über ein rie­si­ges Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz, das von nie­man­dem Tie­fe verlangt.

Als Rele­vanz-Test­fra­ge für Blog­ger emp­fiehlt Gasch­ke übri­gens: „Inter­es­siert das in vier Tagen noch jemanden?”

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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